Jared zog das riesige Schwert aus dem Wasserfass. Es hatte den Löschvorgang überstanden und schimmerte im Sonnenlicht, das durch die Fenster einfiel. Die Klinge war so groß, dass Jared sie kaum halten konnte, aber für Ohaobbok würde sie sich tadellos eignen.
Er schleppte das Schwert zum Tisch neben der Schleifscheibe, setzte sich und brachte das Rad mit dem Fußpedal auf die richtige Geschwindigkeit. Dann hielt er die Klinge an die Scheibe. Funken flogen. Nachdem er die Schneide rasiermesserscharf geschärft hatte, wickelte er das Schwert in zwei Schürzen, um sich nicht versehentlich zu verletzen.
Ohaobbok würde begeistert sein. Aber das Schwert stellte nur den ersten Schritt dar. Als Nächstes: eine Rüstung. Nicht nur für Ohaobbok, sondern auch für seine Söhne. Durch den Anschlagsversuch des Attentäters war das vordringlich geworden. Die Vision war eine Warnung gewesen, hatte sich aber auf einen Jahre in der Zukunft liegenden Zeitpunkt bezogen. Nun jedoch ...
Nun heulten die Wölfe direkt vor ihrer Tür.
* * *
Ryan schmökerte gerade in seinem Zauberbuch, als Dad nach ihm rief. Er ging nach unten und stellte fest, dass Dad durch die Hintertür hereingekommen war – mit dem größten Schwert, das Ryan je gesehen hatte.
»Wow. Das Ding ist ja riesig .«
Dad strahlte, sichtlich stolz auf sein Werk. »Kannst du es mit Energie durchwirken, bevor ich es Ohaobbok zeige?«
»Kein Problem.«
Ryan konzentrierte sich auf das Schwert und übertrug Energiewellen in die Klinge. Zuerst spürte er, wie die Schichten des Schwerts Widerstand leisteten, der jedoch plötzlich nachgab. Er hielt den Strom aufrecht, bis das Metall nichts mehr aufnehmen konnte, dann trat er zurück.
Das Schwert strahlte einen bläulich-weißen Schimmer ab.
Dad wickelte es wieder ein, dann gingen er und Ryan in den Vorhof, wo Aaron und Ohaobbok unter Throlls Anleitung ihre Schwertformen übten.
»Zeigt mir eure Schlenz-, Schlitz-, Schnapp- und Stechbewegungen«, rief Throll. »Los!«
Aaron und Ohaobbok führten die vier Formen einwandfrei aus, bevor sie in Bereitschaftshaltung zurückkehrten. Ryan war beeindruckt. Die beiden waren richtig gut geworden.
»Jetzt will ich Schrammen, Schnappen, Schlagen und abschließend Hacken sehen. Los!«
Wieder spulten Aaron und Ohaobbok die Bewegungen ab. Diesmal jedoch startete Throll mittendrin einen Überraschungsangriff auf Aaron. Aaron parierte den Streich geschickt und konterte mit einem Gegenangriff. Der Waldläufer taumelte, und Aaron und Ohaobbok nahmen wieder Bereitschaftshaltung ein.
Throll richtete sich auf und lächelte. »Das scheint mir ein guter Zeitpunkt für eine Pause zu sein.« Er nickte Ryan und Dad zu. »Sieht so aus, als hätten die beiden etwas für uns. Oder eher für Ohaobbok, der Größe nach zu urteilen.«
Dad trat mit dem Bündel vor und überreichte es dem Oger. Grinsend wickelte Ohaobbok es aus. Dann wich das Grinsen einem Ausdruck von Ehrfurcht.
»Es ist wunderschön.« Der Oger ergriff die Klinge und schwenkte sie herum, um ihr Gewicht und ihre Ausgewogenheit zu prüfen. »Es ... es ist perfekt.«
»Wow, Dad!«, stieß Aaron mit großen Augen hervor. »Sieh sich einer das Ding an. Das muss deine bisher beste Arbeit sein!« Er ging zu Ohaobbok hinüber, der ihm die Klinge reichte. »Das ist echt was Besonderes. Hey, kannst du mein Schwert auch so hübsch zum Schimmern bringen?«
Dad lachte. »Das dient nicht der optischen Wirkung, sondern der Widerstandsfähigkeit. Und für das ›Schimmern‹ hat dein Bruder gesorgt.«
Aaron sank auf ein Knie und reichte sein Schwert dramatisch mit beiden Händen dar. »Holder Bruder ... wahrlich, ich bitte dich, bringest du mein Schwert gleichwohl so zum Funkeln?«
Ryan verdrehte die Augen. »Wenn du mir ein bisschen Käse holst. Ich muss meine Batterie aufladen.«
»Einmal Käse zur Stärkung, kommt sofort.« Aaron rannte ins Haus.
Throll betrachtete das Schwert des Ogers mit einem Stirnrunzeln. »Jared«, sagte er. »Mir ist schon klar, dass Ryan die Waffen mit seiner Energie verstärkt. Aber ich fürchte, das ›Funkeln‹, wie Aaron es nennt, wird unerwünschte Aufmerksamkeit erregen.«
Dad zuckte mit den Schultern. »Ich verstehe deine Bedenken, und genau deshalb habe ich es nicht schon früher gemacht. Aber nach dem Anschlag auf deinen Sohn müssen wir wohl davon ausgehen, dass uns der Feind bereits identifiziert hat. Es bringt nichts mehr, weiterhin zu versuchen, anonym zu bleiben. Wir sollten alles Augenmerk darauf richten, uns auf jede erdenkliche Weise zu schützen.«
Throll nickte. »Klingt einleuchtend. Und wenn das so ist, könnte auch mein Schwert ein bisschen Glanz vertragen.« Er zog es aus der Scheide und streckte es Ryan mit dem Griff voraus entgegen. »Muss ich dir auch stärkenden Käse holen, junger Zauberer?«
Ryan lachte, als er Throlls Schwert entgegennahm. »Darum soll sich mein kleiner Bruder kümmern.«
Bald kehrte Aaron mit einem Korb zurück, der mehrere große Laibe Käse enthielt.
»Das ist eine Menge Käse«, meinte Ryan.
»Als ich drin war, dachte ich mir, du würdest dich zuerst um Throlls Schwert kümmern. Sieht so aus, als hätte ich recht gehabt.«
Ryan schlug sich den Bauch voll, dann setzte er sich und legte sich Throlls Schwert auf den Schoß. Wie immer spürte er die Schichten des gefältelten Metalls im Inneren der Klinge, als er seine Energie darauf übertrug. Als die Klinge vor Hitze und Licht vibrierte, beendete er den Vorgang und gab Throll die Waffe zurück.
Der Waldläufer wich tänzelnd damit zurück und schwang das frisch gestärkte Schwert mit geübter Präzision. »Er ist genauso schwer und ausgewogen, aber die Bewegungen sind einfacher auszuführen.« Er schüttelte den Kopf. »Fühlt sich an, als würde es effizienter als davor durch die Luft schneiden.«
»Probier es doch an dem Holzklotz aus«, schlug Dad vor.
Throll betrachtete den Baumstamm, auf den Dad zeigte, dann nahm er aufrechte Haltung an. Knurrend hieb er mit einem mächtigen Streich seitwärts durch den gesamten Klotz.
Ryan staunte. Der Klotz hatte sich nicht bewegt. Die Klinge war dermaßen scharf, dass sie durch das Holz wie durch Luft gefahren war.
»Du hast ihn verfehlt!«, rief Aaron und lachte schallend.
»Tatsächlich?«, gab Throll zurück. Er trat vor und versetzte dem Holzklotz mit dem Fuß einen leichten Schubs. Der obere Teil fiel vom unteren ab und offenbarte, wie präzise der Waldläufer getroffen hatte.
Aarons Gelächter verstummte abrupt. »Oha.«
Throll begutachtete die Klinge, nickte zufrieden und steckte sie zurück in die Scheide. Dann überraschte er Ryan, indem er auf ihn zukam, vor ihm auf ein Knie sank und ihm einen Schmatz auf beide Wangen drückte.
»Danke, mein Junge«, sagte er. »Du hast soeben alle Zweifel zerstreut, die ich darüber hatte, ein solches Schwert zu tragen. Jetzt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, ein anderes zu führen.«
Stolz schwoll in Ryan an, als er nickte.
* * *
Während Ryan damit beschäftigt war, jede Waffe im Haus mit seiner Energie zu laden, vermaß Dad alle für eine Rüstung.
»Wie viele Teile von mir musst du denn noch messen?«, grummelte Aaron, als ihm sein Vater das Maßband um den Hals wickelte.
Die Antwort kam von Throll. »Glaub mir, wenn die Rüstung nicht richtig sitzt, wirst du es bereuen.«
»Warte nur, bis ich an der Reihe bin«, meinte Ohaobbok und lachte leise. »Ich will gar nicht wissen, wie viel Erz du für meine Rüstung brauchst.«
»Um das Erz mache ich mir keine Sorgen«, gab Jared zurück, als er damit fertig wurde, Aaron abzumessen. »Mir bereitet eher Kopfzerbrechen, dass du noch nicht ausgewachsen sein könntest. Wenn du wirklich zwölf Fuß erreichst, wie Throll vermutet, wirst du mich ganz schön auf Trab halten.«
»Gehe ich recht in der Annahme, dass unsere neuen Rüstungen auch mit Ryans Energie durchwirkt werden?«, fragte Throll.
Dad nickte. »Auf jeden Fall. Unseren Versuchen nach wird mit Energie durchwirktes Metall nahezu unzerstörbar. Allerdings scheint jeder Treffer, den das Metall abbekommt, die Ladung leicht zu verringern.«
»Wie lange hält eine Ladung?«, fragte Throll.
Zur Antwort holte Dad den Hammer hervor, den Ryan damals noch versehentlich mit Energie aufgeladen hatte. Das Werkzeug schimmerte immer noch mit einem seltsamen, weißlichen Farbton. »Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Ich benutze den Hammer in der Schmiede seit dem Tag, an dem er aufgeladen wurde – also sehr oft. Trotzdem würde ich schätzen, dass sich die Ladung darin höchstens um etwa ein Viertel verringert hat.«
»Und was bedeutet das für eine Rüstung?«, fragte Throll.
In Jareds Augen trat ein Funkeln. »Vielleicht müssen wir ein paar Versuche durchführen. Bis dahin können wir Rüstungen ja sicherheitshalber immer wieder aufladen. Nach jedem Kampfeinsatz, falls es dazu kommt. Aber wir greifen vor. Zuerst muss ich mal etwas schmieden.«
* * *
Als Ryan am nächsten Morgen das Haus verließ, stand Throll draußen und winkte einem Pferdewagen, der sich auf der Straße näherte. Ryans Vater fuhr den Wagen. Dem Lächeln in seinem Gesicht nach war die Herstellung der Rüstungen erfolgreich verlaufen. Er musste die ganze Nacht daran gearbeitet haben.
Dad hielt an und hopste vom Sitz. »Ryan, könntest du loslaufen und Ohaobbok holen? Ich muss mich vergewissern, dass die Rüstung passt, bevor du sie auflädst.«
Die nächsten zwei Stunden lang wurde die Rüstung anprobiert und angepasst. Erst, nachdem sich Dad davon überzeugt hatte, dass alles so saß, wie es sollte, durfte Ryan mit dem Aufladen beginnen. Was sogar noch länger dauerte. Jede Rüstung bestand aus mehreren Teilen, einige davon ziemlich groß. Ryan verlor den Überblick, wie viel Essen er während der Arbeit in sich hineinstopfte, aber es musste eine ganze Menge gewesen sein.
Er war gerade mit der letzten Rüstung beschäftigt, der von Aaron, als Sloane mit einem Tablett voll Getränken aus dem Haus kam. Silver folgte hinter ihr. Sogar der riesige Kater trug mittlerweile einen Harnisch mit einer Art Satteltaschen links und rechts. In jede Tasche hatte Sloane einen großen Laib Käse gestopft.
Der Kater wirkte nicht glücklich darüber, als Lasttier benutzt zu werden.
»Er sieht aus wie ein pelziger Maulesel«, meinte Dad schmunzelnd.
Sloane lächelte. »Ich glaube, er mag das Spritzen der Funken und den Lärm des Hämmerns hier draußen nicht, er folgt mir nämlich schon die ganze Zeit überall hin. Da hab ich mir gedacht, wenn er schon ständig um mich rumscharwenzelt, kann er sich auch gleich nützlich machen.«
Als sie das Tablett abstellte und begann, den Käse aufzuschneiden, schlichen sich Throll und Ohaobbok in voller Rüstung von hinten an sie an. Als sie die beiden bemerkte, zuckte sie erschrocken zusammen, und Ryan konnte es ihr nicht verdenken. Mit den Helmen über den Augen boten sie einen ziemlich einschüchternden Anblick.
»Ihr habt mich erschreckt!«, klagte Sloane, und alle lachten. »Aber ihr seht toll aus! Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand bei eurem Anblick auf dem Schlachtfeld nicht den Schwanz einzieht und die Flucht ergreift.« Sie zog ihren Vater um seine Rüstung in eine Umarmung. »Oha. Das Metall summt. Macht dich das nicht verrückt?«
Throll nahm den Helm ab. »Ich höre nichts. Du, Ohaobbok?«
Der Oger nahm den Helm ebenfalls ab. »Nicht das Geringste.«
»Du hast tolle Arbeit geleistet, Jared«, lobte Throll. »Ich habe nur einmal als viel jüngerer Soldat eine vollständige Plattenrüstung getragen, und das alte Ding damals hat mir nicht annähernd so gut gepasst wie das hier. Das Gewicht ist so verteilt, dass es sich einfach tragen lässt. Du kannst wirklich stolz auf dein Werk sein.«
Dad zuckte bescheiden mit den Schultern. »Um ehrlich zu sein, bin ich überrascht, wie gut es gelaufen ist. Immerhin habe ich zum ersten Mal Rüstungen angefertigt.« Er trat einen Schritt zurück, um sein Werk zu bewundern. »Aber Sloane hat recht: Ihr seht wirklich einschüchternd aus. Vor allem durch den bläulich-weißen Schimmer, den Ryan hinzugefügt hat.«
»Das war im Vergleich zu deiner Arbeit einfach, Dad«, sagte Ryan. Er ertappte seinen Vater bei einem Gähnen und fügte hinzu: »Ich denke, du brauchst mehr als Käse. Du brauchst Schlaf.«
Dad lächelte müde. »Du hast recht. Ich denke, vorerst ist meine Arbeit getan. Von hier an übernimmst du. Und alles Gute mit der neuen Ausrüstung.«
Als er den Weg ins Haus antrat, überraschten ihn die Männer, indem sie ihren Meisterschmied mit herzlichem Beifall bedachten.