»Silas, mein Freund«, sagte Jared, »es war mir ein Vergnügen, dich kennenzulernen. Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen.«
Silas lächelte und schlug mit Jared ein. »Das kann ich dir versprechen, Herr Zauberer. Ich vermute stark, du wirst schon bald von mehr Zwergen und Elfen hören, als du unterzubringen weißt.« Er schaute zu Throll auf. »Bereitet schon mal besser eure Schänken vor. Wir Zwerge haben einen gesunden Appetit auf gutes Bier.«
Throll lachte. »Dann weiß ich genau, wohin ich euch führen muss. Der Dicke Bussard ist eine wunderbare Schänke, und das Essen ist auch nicht allzu übel. Ich werde die Leute dort vorwarnen, dass sie ihren Bestand aufstocken sollen.«
Dann trennten sich die beiden Gruppen. Die Zwerge brachen durch die Höhlen ins Gebirge auf, die drei Männer folgten dem kürzeren Pfad durch die Höhle, der in den Wald abzweigte.
Dass sie den Teil des Walds erreicht hatten, in dem es angeblich spukte, zeigte sich deutlich. Die Pferde scheuten und weigerten sich, weiterzugehen, ganz gleich, wie angestrengt Throll versuchte, sie vorwärtszubewegen.
Zornig stieg er ab und band sein Ross an einem Ast fest. »Dann laufen wir von hier an wohl.«
»Vielleicht machen es die Pferde schon richtig«, murmelte Ryan. Der Wald wirkte wirklich unheimlich.
»Wie sieht unsere Strategie aus?«, fragte Jared, als sie losmarschierten. »Da ist zwar ein Pfad, aber seht euch diesen Nebel an. Es wäre nur zu leicht, sich darin zu verlaufen.«
»Wir folgen der Karte«, erwiderte Throll zuversichtlich. »Im schlimmsten Fall landen wir am falschen Ort. Dann müssen wir eben zum Ausgangspunkt zurück.«
Ryan reichte Throll die Karte. »Vielleicht solltest lieber du vorausgehen.« Er wurde zunehmend nervöser.
»Soll mir recht sein.«
Bevor der Waldhüter weiterging, riss er einen Ast von einem Baum. Unterwegs zog er ihn über den Boden und hinterließ damit eine deutliche Spur. Ein kluger Einfall. Er kennzeichnet unseren Weg.
Sie folgten der Karte etwa eine Stunde lang. In der Zeit sahen sie praktisch nur Nebel. Die Schwaden schienen sich hinter ihnen zu verdichten, fast so, als würde der Nebel sie ihrem Ziel entgegendrängen. Erst, als sie sich dem Ende des auf der Karte verzeichneten Wegs näherten, lichtete er sich, zunächst allmählich, dann abrupt.
Sie standen am Rand einer weitläufigen Lichtung zwischen den Bäumen. In der Mitte befand sich ein großes Holzhaus, das hübsch gewesen wäre, hätte die Fenster nicht der Dreck etlicher Jahre verkrustet. Das Haus war eindeutig alt, schien aber solide gebaut und intakt zu sein. Dennoch fühlte sich irgendetwas daran falsch an. Es schien Bösartigkeit auszustrahlen. Beinah so, als würde das Haus stinkenden Hass und Tod in ihre Richtung ausatmen.
»Spürt ihr das?«, fragte Ryan und bemühte sich, nicht so verängstigt zu klingen, wie er sich fühlte.
»Ja«, bestätigte sein Vater. »Wachsam bleiben, Sohn. Und sei kampfbereit. Irgendwas Übles liegt vor uns.«
Throll führte sie in Richtung des Gebäudes. Aber statt sich der Vordertür zu nähern, ging er zur Rückseite. Und als sie um die Ecke bogen, ließ Ryan der Anblick erstarren, der ihn erwartete.
Vor ihnen lag ausgestreckt Azazel auf dem Boden.
Ein eiskalter Schauder lief Ryan über den Rücken, als er zu sehen vermeinte, wie etwas direkt unter der Haut des Zauberers kroch. Da bemerkte er eine dunkle, fast wie ein Mückenschwarm über dem Gefallenen schwebende Aura.
Der Brustkorb des Zauberers hob und senkte sich, aber er schien angestrengt zu atmen, und röchelnde Laute drangen von seinen Lippen.
Als er Throll erblickte, hob er die Hand. Er schien einen Zauber gegen ihn wirken zu wollen, doch die dunkle Aura um ihn herum brach in seine Brust zusammen.
Azazel krümmte sich unter offensichtlichen Schmerzen, als die Schwärze aus seinen Nasenlöchern drang und ihn mit einer wallenden Wolke umhüllte, die durchdringend nach Schwefel roch. Langsam hob die Wolke den Zauberer in die Luft. Als er aufstieg, fing die Wolke zu knistern an. Sie sprühte Funken und bildete eine Masse, die einem Strudel aus Flammen und kleinen Blitzen glich. Ein misstönender Chor aus Stöhnen und unnatürlichen Schreien drang daraus hervor, wurde lauter und lauter.
Alle wichen einen Schritt zurück, während die Wolke vor Bösartigkeit pulsierte.
Aus dem Lärm hörte Ryan alle möglichen sowohl menschlichen als auch unmenschlichen Schreie heraus. Das Feuer und die Blitze knisterten laut, bevor sie sich mit einem Schlag auflösten, verdrängt von einer Vision, die unmittelbar über Azazel ablief. Während Ryan hinsah, fühlte er sich in die Wirklichkeit gesogen, die ihnen die Vision zeigte.
Ein sehr viel jüngerer Azazel wandert über einen nebligen Pfad im Wald. Sein Gesichtsausdruck lässt deutlich erkennen, dass er etwas sucht. Oder vielleicht jemanden.
Allmählich beginnt der Nebel, sich zu lichten. Azazel folgt dem Pfad – und trifft auf eine Frau von unvergleichlicher Schönheit. Ihr Haar ist platinblond, ihre Lippen sind voll und bilden ein sinnliches Lächeln. Ihre Ohren kennzeichnen sie als Elfin. Sie trägt eine Krone und hält eine Kugel, die beinah der des ersten Protektors bei der Verbannung der Dämonen gleicht. Doch statt gleißend weiß zu leuchten, weist diese Kugel Schlieren tiefer Schwärze auf.
Die Aufmerksamkeit der schönen Elfin gilt der Kugel, als sich Azazel nähert. Und als sie die Anwesenheit des jungen Zauberers bemerkt, schenkt sie ihm ein verruchtes, raubtierhaftes Lächeln. Sie streicht mit den Händen über die Kugel, wodurch sie einen Strom schwarzen Nebels aus der Oberfläche entfesselt. Der Nebel umhüllt Azazel, und er atmet die Dunkelheit ein.
Die Vision zersplitterte, und die schwarze Aura, die das Fenster in Azazels Erinnerung umgab, funkelte, erzitterte und drohte, zu explodieren. Die Bilder endeten mit dem Aufblitzen des Tods Tausender Säuglinge, gefolgt vom Tod vieler Protektoren im Verlauf der Jahre. Dann verschwand die Vision innerhalb eines Wimpernschlags, als wäre sie nie da gewesen.
Ein gequälter Aufschrei gellte über die Lichtung, als sich die dunkle Wolke auflöste und nur Azazels schwelender Körper zurückblieb. Der Zauberer sah mausetot aus. Seine Überreste zersetzten sich rasant vor Ryans Augen. Dennoch blieb diese drückende Atmosphäre von Bösartigkeit in der Luft.
»Von wo geht dieses Gefühl aus, wenn nicht von Azazel?«, fragte Ryan.
Ein Windstoß fegte über die Lichtung und verstreute die Asche der tragischen Gestalt, die Trimoria über fünf Jahrhunderte lang ihre Schreckensherrschaft aufgezwungen hatte.
Dad zeigte auf einen entfernten Winkel der Lichtung in der Nähe der Rückseite des Hauses. »Ich spüre etwas, das von dort kommt ...«
Sie folgten dem Gefühl zum Rand der Lichtung, wo ein schlichter Altar aus Stein stand. Er erinnerte Ryan an Fotos, die er von Orten wie Stonehenge gesehen hatte. Es handelte sich um ein einfaches Gebilde aus Steinplatten. Aber so unscheinbar der Altar wirken mochte, etwas daran richtete ihm die Nackenhaare auf.
Dad übernahm die Führung und näherte sich dem Altar vorsichtig. Dabei nahm auf der anderen Seite des Steins eine Gestalt nach und nach Form an, bis sie als wunderschöne Frau erkennbar wurde. Ryan schnappte nach Luft, als die Frau direkt durch den Altar schritt und auf sie zukam.
»Sie ist nicht echt«, sagte Throll. »Sie ist durch den Stein gegangen.«
Der Blick der fesselnden Augen der Frau wanderte von Mann zu Mann, bis er sich schließlich auf Ryan heftete. »Ich habe dein Kommen vorausgesehen, Junge«, sagte sie mit einem melodischen Akzent. »Azazel war schwach. Ich brauche jemanden, der stärker ist, will ich mein Ziel erreichen. Diese Stärke spüre ich in dir, Junge. Zusammen könnten du und ich die Welt beherrschen. Wir müssen nur die restlichen Zauberer beseitigen und den ersten Protektor vernichten.«
Ryan kam der Gedanke, dass es sich um dieselbe Elfenkönigin handelte, die Azazel in der Vision so mühelos verführt hatte – die Frau, die für den Tod so vieler Kinder und für die Anschläge auf Ryans Freunde verantwortlich zeichnete. Obwohl sich sein Verstand dagegen wehrte, spürte er die Wirkung ihrer Worte – sie glich wandelnder Verführung. Und ihre Schönheit überstieg jede Vorstellungskraft. Verlangen, Triumph, Euphorie und Gier spülten in Wellen über Ryan hinweg. Einen Moment lang stand er kurz davor, der Verlockung nachzugeben.
Aber er stemmte sich verbissen dagegen, und der Moment verflog.
Ryan grinste. »Ellisandrea, du scheinst nicht zu verstehen. Ich verabscheue alles, wofür du stehst. Tatsächlich habe ich vor, in Ordnung zu bringen, was du angerichtet hast, auch wenn ich dich dafür vernichten muss.«
Der Gesichtsausdruck der Elfenkönigin veränderte sich, als sie feststellte, dass ihr Beeinflussungsversuch fehlgeschlagen war. Mit schrecklichem Gebrüll entfesselte sie lähmende Wellen reiner Verzweiflung und Schmerzen auf alle drei. Ryan fühlte sich, als würde er von innen heraus zerrissen. Sein Vater krümmte sich vor Schmerz. Throll brach auf den Boden zusammen.
Während sich Verzweiflung in ihm ausbreitete, fasste Ryan mühsam in die Tasche. Als er spürte, wie das Metallstück seine Finger streifte, bündelte er seine gesamte Kraft darauf, ihren Angriff in das Stück des Kerzenhalters zu leiten, den sie in Azazels Turm gefunden hatten. Ryans Verstand fühlte sich wie taub an, als er seine Macht anzapfte. Es erwies sich als harter Kampf, lang genug konzentriert zu bleiben, um eine Verbindung herzustellen. Dann jedoch veränderte sich schlagartig etwas. Die Wellen der Verzweiflung und des Schmerzes zogen sich zurück, und die Magie verpuffte – umgeleitet in das Metall, das er in der Hand hielt.
Die drei richteten sich wieder auf und starrten der Königin trotzig entgegen. Die Erscheinung zuckte zusammen. Dann bäumte sie sich auf und entfesselte einen weiteren Angriff, noch viel stärker als der erste. Ryan spürte, wie der gewaltige Energiestoß in das Metall schoss, das unaufhörlich Funken sprühte. Trotzdem setzte sich der Ansturm fort. Doch während der Kerzenhalter ihm weiter standhielt, konnte Ryan beobachten, wie die Elfenkönigin zu verblassen begann. Statt einer beinah stofflichen Erscheinung war sie mittlerweile fast völlig durchsichtig. So sehr, dass Ryan zum ersten Mal erkennen konnte, was sich hinter ihr befand. Und dort lag am Fuß des Altars etwas, das seiner Ansicht nach wie eine schimmernde, vor Macht pulsierende Kugel aussah. Er kämpfte sich in der Hoffnung vorwärts, in die Finger zu bekommen, was immer sie mit Energie versorgte.
Die Wellen der Verzweiflung hielten an. Immer noch stoben Funken von dem Metall in Ryans Hand. Und dann, mit einem letzten, ohrenbetäubenden Kreischen, endeten abrupt die Energieimpulse, und die Erscheinung der Elfenkönigin verschwand. Der Nachhall des gellenden Schreis verklang auf der Lichtung.
Was auch immer Ryan gesehen hatte, verpuffte zusammen mit dem geisterhaften Bild der Elfenkönigin.
»Ich habe noch nie solche Schmerzen erlebt«, stieß Throll mit zittriger, matter Stimme hervor. »Mir wurden Visionen von Gwens Tod gezeigt, von Sloane, wie sie in Stücke gerissen wurde, und von Zenethar, auf einem Spieß bratend. Alle Freunde, die ich je gekannt habe, wurden in eine Grube voll Flammen gestoßen. Das war schlimmer als jede körperliche Folter, die ich mir vorstellen kann. Diese Bilder werden mich für immer heimsuchen.«
Schweigend schritt Jared zum Altar. Der schlichte Stein wies keinerlei Schriftzeichen oder Symbole auf. »Ich spüre nichts mehr. Ich glaube, wir haben sie erledigt.«
Ryan näherte sich dem Altar und stellte sich neben seinen Vater. Er bückte sich zum Fuß des Altars und streckte die Hand aus, um nach der Energiequelle zu suchen, die er vor Ellisandreas Verschwinden dort gesehen hatte. Er tastete mit den Fingerspitzen danach. Was immer es sein mochte, es musste irgendwo vor ihm liegen. Aber obwohl er es fühlen konnte, gelang es ihm nicht, es zu berühren. Irgendwo unmittelbar vor ihm befand sich ein Quell einer unvorstellbaren und intelligenten Macht, die von dem ausging, was er gesehen hatte. Und dennoch vermittelte diese Macht irgendwie den Eindruck, eingesperrt oder gedämpft zu sein. Als hätte sich eine Falle um sie geschlossen.
Stirnrunzelnd richtete er sich auf und drehte sich zu den anderen um. »Ich habe eine Theorie. Aber sehen wir erst im Haus nach, ob wir dort etwas Aufschlussreiches finden. Ich glaube nicht, dass die Elfenkönigin tot ist. Tatsächlich glaube ich, dass sie irgendwo unter dem Altar ist. Ich kann sie nur nicht sehen. Es fühlt sich fast so an, als wäre sie in irgendetwas eingesperrt und könnte ihren Einfluss nur träge oder indirekt ausüben. Vielleicht hat sie beim Versuch, uns zu vernichten, alle Kraft verbraucht und muss sich erholen.«
»Na schön.« Throll nickte müde. »Mal sehen, was wir herausfinden können.« Er ging auf das Gebäude zu, öffnete vorsichtig die Tür und spähte durch den Spalt. Dann fasste er hinein und holte zwei nicht angezündete Lampen und einen Feuerstein heraus. Nachdem er die Lampen entfacht hatte, bedeutete er Ryan und Jared, ihm zu folgen.
* * *
Staub und Spinnweben beherrschten das Innere des Hauses. Hier hatte sich eindeutig seit Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten niemand mehr aufgehalten. Vor ihnen verbarg sich unter einer Dreckschicht ein wunderschön eingerichteter Wohnbereich. Bestimmt hatte er früher jeden, der ihn gesehen hatte, vor Neid erblassen lassen. Prunkvolle, wenngleich hoffnungslos verschmutzte Wandteppiche zeigten farbenfrohe Szenen aus dem Leben in der Heimat der Elfen. Die Gemälde dazwischen waren zum Opfer von Trockenfäule geworden.
Plötzlich nahm Ryan das Erwachen der Präsenz unter dem Altar draußen wahr. »Spürt ihr das auch?«
»Ich fühle nichts«, sagte Dad. »Aber wisst ihr, was seltsam ist? Ich kann zwar eure Stimmen hören, aber sonst nicht das Geringste. Es ist, als gäbe es in diesem Haus keine Geräusche.«
Throll runzelte die Stirn. »Jetzt, da du es erwähnst – auf der Lichtung waren auch keine gewöhnlichen Geräusche zu hören. Ich kann mich nicht erinnern, je irgendwo eine solche Stille angetroffen zu haben. Keine Insekten, Vögel oder sonstigen Tiere. Fast so, als würde das Böse hier alles verschlingen, was in seine Reichweite gerät.«
»Ich spreche vom Altar«, sagte Ryan. »Könnt ihr diese Präsenz dort noch spüren?«
Throll und Dad schüttelten den Kopf.
»Dann frage ich mich, warum ich es kann«, sagte Ryan. »Fühlt sich wie ein Kupfergeschmack auf der Zunge an, beinah wie Blut. Je länger wir hier sind, desto überzeugter bin ich, dass sich unter dem Altar eine intelligente Präsenz befindet. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber sie fühlt sich bösartig an.«
»Dann lasst uns schnell machen«, schlug Throll vor.
Ryans Ring vibrierte mit einer Nachricht.
Aaron. Älteste der Elfen in Eluanethra getroffen. Wir sind jetzt Freunde der Elfen. Ma und Gwen sagen, alles ist gut.
Ryans Vater tippte eine Antwort.
Jared. Hast du etwas über eine Elfenkönigin erfahren?
Aaron. Ja. Seit langer Zeit verschwunden. Elfen schämen sich für sie. Wurde von der Kugel des Protektors beeinflusst. Ist bösartig geworden. Letzte bekannte Heimat ist Ellisanethra.
»Damit wäre das wohl geklärt.« Ryan zog die Augenbrauen hoch. »Wir haben das Haus der Elfenkönigin gefunden. Wir müssen in Erfahrung bringen, welche Geschichte sich hinter dem verbirgt, was unter dem Altar ist. Es scheint mir zu gefährlich zu sein, es einfach auf sich beruhen zu lassen. Irgendwo hier drin muss ein Hinweis sein.«
Die nächsten zwei Stunden lang durchsuchten sie die Bücher in der Bibliothek. Schließlich kehrte Ryan frustriert zu dem Schreibtisch in der Nähe der Eingangstür zurück. Es handelte sich um ein schlichtes, von einer dicken Staubschicht bedecktes Möbelstück. Trotzdem wirkte es irgendwie fehl am Platz. Es stach aus dem Prunk der restlichen Einrichtung heraus. Bei näherer Betrachtung stellte Ryan fest, dass die Bauweise merkwürdig anmutete. Der Tisch nahm eine Menge Platz neben der Tür ein und war viel tiefer als nötig. Als er darunter nachsah, entdeckte er einen Riegel. Kaum hatte Ryan daran gezogen, drehte sich die Tischplatte und offenbarte eine neue, wesentlich prunkvollere Fläche.
»Dad, ich glaub, ich hab hier etwas gefunden!«, rief er. Er stöberte auf der neuen Oberfläche des Schreibtischs und entdeckte ein Bündel Dokumente und alte Tagebücher, verfasst in unfassbar ordentlicher Handschrift. Als er den Text eines der Bücher überflog, erkannte er, dass es sich um die Aufzeichnungen einer Frau handelte, die den ersten Protektor persönlich gekannt und über den Keim von Trimoria Bescheid gewusst hatte.
Als sein Vater sich näherte, begann Ryan, laut vorzulesen.
Zenethar verhält sich sehr seltsam. Seine Stimmung schwankt ungemein sprunghaft. Ich mache mir Sorgen um meinen Schüler.
* * *
Als ich Zenethar nach dem Keim gefragt habe, wurde er so wütend, dass es schien, als wollte er mich angreifen. Seine Besessenheit vom Keim ist unnatürlich, und ich fürchte auch ungesund. Ich hoffe aufrichtig, er erholt sich davon, aber ich weiß nicht, wie ich ihm helfen kann.
* * *
Zenethar scheint wieder er selbst zu sein. Ein bisschen launisch, aber sonst recht unbeschwert. Ich habe ihn gefragt, was sich verändert hat. Er hat geantwortet, die Versammlung der Zauberer hätte recht gehabt. Der Keim hätte nie das Licht der Welt erblicken dürfen. Er hat behauptet, er hätte die Kugel weggesperrt, damit sie nicht wieder benutzt werden kann. Wahrscheinlich ist es so am besten.
* * *
Seit Zenethar den Keim weggesperrt hat, suchen mich Albträume darüber heim. Ich habe das Gefühl, dass es ein Fehler war, aber ich kann nicht ergründen, warum.
* * *
Es ist fünf Jahre her, dass Zenethar den Keim verborgen hat. Ich habe Visionen darüber, wo er sich befindet. Ich glaube, er ruft nach mir. Ich muss ihn holen. Ich kann nicht mehr schlafen. Und ich weiß, dass mich alle in Eluanethra für verrückt halten.
* * *
Ich habe ihn gefunden. Es ist drei Jahre her, dass ich Eluanethra verlassen habe. Meine gesamte Dienerschaft hat mich verlassen, aber erst, nachdem es mir gelungen war, ein Haus in der Nähe der Stelle zu bauen, wo ich den Keim aufgespürt habe. Ich kann ihn zwar nicht erreichen, aber er spricht zu mir. Er hat einen Namen. Sammael.
* * *
Ich kann die neugierige Anwesenheit dieser schrumpeligen alten Männer nicht ertragen. Der Ältestenrat hat eine Gruppe von Elfen geschickt, die mich gewaltsam nach Eluanethra zurückzuholen sollen. Ist das zu fassen? Sammael hat mir Kräfte verliehen, die ich nie für möglich gehalten hätte. Mittlerweile kann ich sogar ein Bild des Keims im Kopf heraufbeschwören. Der Anblick beruhigt mich. Die Narren, die eingetroffen sind, dachten wohl, sie könnten mir den Keim wegnehmen. Sammael und ich haben sie ohne große Mühe vernichtet.
* * *
Sammael und ich haben dem Gossenkind Azazel befohlen, alle Zauberer in den Überresten von Trimoria zu beseitigen. Sammael hat ihm ein längeres Leben gewährt, damit er seine Aufgabe ordentlich ausführen kann. Unvorstellbar, dass dieser Bauerntölpel dachte, er könnte mich umwerben. Was sollte ich mit ihm wollen, wenn ich doch Sammael habe? Hätte ich mich nicht Sammael verschrieben, ich hätte ihn allein für einen solchen Gedanken ausgelöscht.
* * *
Sammael hat mir noch größere Macht versprochen, wenn es mir gelingt, ihn hierher zu holen. Zuerst muss ich herausfinden, wie ich rückgängig machen kann, was dieser Schuft Zenethar getan hat. Mittlerweile habe ich sein Tagebuch. Ich kann nicht glauben, dass mir je etwas an einem so erbärmlichen Mehlwurm gelegen hat. Seine Notizen deuten darauf hin, dass ein umgekehrtes Behältnis den Keim beherbergt. Er musste seine Kräfte mit jenen seines nichtsnutzigen Sohns vereinen, um den Keim wegzusperren. Ich muss mich mit Sammael beraten, wie sich so etwas rückgängig machen lässt. Aber es freut mich zu hören, dass Azazel kein völliger Fehlgriff war. Zenethar ist bedauerlicherweise verschwunden. Wahrscheinlich versteckt er sich. Aber sein Sohn wurde getötet. Das hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.
* * *
Sammael hat mir geholfen, das Behältnis zu sehen, in dem sich der Keim befindet. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob es so geht, aber ich glaube zu wissen, wie ich eine der Nähte des Behältnisses aufbrechen kann.
* * *
Dad wirkte überwältigt. »Wow. So also hat es geendet? Sie muss in dem Behältnis festsitzen. Mit Sammael – oder dem Keim oder der Kugel. Oder wie man es auch nennen will. Also hat sie bekommen, was sie wollte. Das sagt uns viel darüber, womit wir es zu tun haben. Hinter dem Ding am Altar steckt tatsächlich eine Intelligenz .«
»Das konnte ich auf Anhieb spüren«, warf Ryan ein.
»Sie hat erwähnt, dass sie das Tagebuch des ersten Protektors gefunden hat«, sagte Dad. »Ist es in dem Stapel?«
Ryan sah die Bücher durch und achtete auf eines in einer anderen Handschrift. Nach einer Weile fand er ein leicht zerfleddertes Buch mit Brandspuren an den Rändern. Die Handschrift war wesentlich schlampiger und schwieriger zu lesen. Aber Ryan entdeckte einige Passagen, die sich auf den Keim bezogen. Wieder las er laut vor.
* * *
Was ich geschaffen habe, ist nur eine vorübergehende Lösung, dessen bin ich mir bewusst. Die Dämonen werden einen Weg durch die von mir errichtete Barriere finden. Ich habe mich bemüht, gründlich vorzugehen und das gesamte Tal und die umliegenden Berge zu erfassen. Dennoch fürchte ich, es wird nicht reichen.
* * *
Seit ich unseren Teil Trimorias gegen die Dämonen abgeschottet habe, fällt mir auf, dass sich der Keim seltsam verhält. Gelegentlich verpasst er mir lästige Energiestöße.
* * *
Der Keim fängt allmählich an, in meine Träume einzudringen. Ich kann es nicht ertragen, von ihm getrennt zu sein. Es erscheint mir widernatürlich, dass ich mich dabei ertappe, an ihn zu denken, wenn ich ihn nicht in der Hand halte. Wahrscheinlich sollte ich ihn irgendwo außer Sichtweite vergraben.
* * *
Ich hätte Ellisandrea beinah den Kopf abgerissen, als sie nach dem Keim gefragt hat. Ich weiß nicht, was in letzter Zeit mit mir los ist. Ich glaube, sie will mir den Keim stehlen. Das lasse ich nicht zu.
* * *
Ellisandrea denkt, sie wäre die Einzige mit der Gabe der Hellsicht. Aber auch ich habe Bilder der Zukunft gesehen, und sie sagen voraus, dass der Keim einer unvorstellbar bösartigen Kreatur in die Hände fallen wird. Ich verstehe nicht, was das bedeutet.
* * *
Ich habe versucht, ihn zu zerstören, aber es scheint mir nicht möglich zu sein. Also muss ich einen Weg finden, dieses Artefakt des Bösen von dieser Welt abzukapseln.
* * *
Wie sich herausgestellt hat, ist mein jüngster Sohn ein Erzmagier. Mit seiner Hilfe ist es mir gelungen, einen Kieselstein erfolgreich in ein umgekehrtes magisches Behältnis zu hüllen. Der Kieselstein ist dabei einfach verschwunden. Ich glaube, damit habe ich gefunden, was ich mit dem verfluchten Keim machen soll.
* * *
Ich wäre dabei fast gestorben, aber der Keim befindet sich nun in einem magischen Behältnis, das für jeden unsichtbar sein sollte, der versucht, sich ihm zu nähern. Der Keim besitzt einen Verstand. Er hat erkannt, was ich vorhatte. Ich wurde angegriffen, als wir ihn in das Behältnis gesperrt haben, aber der Keim ist nun darin gefangen. Mehr kann ich nicht tun.
* * *
Ryan überflog das Tagebuch weiter. »Der Rest handelt von anderen Dingen, abgesehen vom letzten Eintrag«, sagte er.
* * *
Mein Jüngster und sein Sohn sind beide tot. Neugeborene sterben in nie dagewesener Zahl. Die meisten davon sind jene, die sich als künftige Zauberer herausgestellt haben. Ich muss herausfinden, wer dahintersteckt, aber ich muss vorsichtig sein.
* * *
Ryan schloss das Tagebuch. »Das ist alles.«
»Nehmen wir die Tagebücher und kehren wir nach Hause zurück«, meinte Throll. »Wir haben viel zu tun. Wie es aussieht, werden sich tatsächlich bald drei Völker hinter einem gemeinsamen Bestreben vereinen.«
Dad nickte. »Wir sollten damit anfangen, Zauberer zu rekrutieren. Wir müssen jeden in Trimoria noch einmal an den Brunnen in jeder Ortschaft testen. Sobald wir die Zauberer herausgefiltert haben, können wir anfangen, sie in ihrer Gabe zu schulen.«
»Ich rede persönlich mit den Protektoren, wenn es nötig ist«, sagte Throll. »Ich vermute, unter den Flüchtlingen, die sich weigern, in den Städten zu leben, könnten unentdeckte Zauberer sein. Diese Leute wurden vermutlich nie getestet. Durchaus möglich, dass wir unter ihnen erwachsene, nicht ausgebildete Zauberer finden.«
Plötzlich vibrierten die Ringe mit einer Nachricht und unterbrachen die Planung.
Aaron. Dad, ich hab eine sehr wichtige Frage, und ich muss sie dir sofort stellen. Es geht um Sloane und mich ...