Aubrey balancierte ein einjähriges Mädchen auf der Hüfte, während sie den Bau einer Schule beobachtete – einer Schule, in der sie bald unterrichten würde.
Jared legte ihr die Hand auf die Schulter. »Was halten Rebecca und du von der neuen Schule?«
Aubrey reichte ihre Tochter an ihren Mann weiter. »Sie wird viel größer, als ich es mir vorgestellt hatte. Nenn mich naiv, aber als du mir vorgeschlagen hast, an einer Schule für Magie zu unterrichten, dachte ich an ein Haus mit einem Klassenzimmer. Ich meine, noch vor gar nicht langer Zeit konnte ich alle bekannten Leute mit magischen Fähigkeiten an einer Hand abzählen.«
Jared lachte. »Ja, das hat sich eindeutig geändert. Wie stellt sich unser Erzmagier mit seiner Klasse an?«
Aubreys Brust schwoll vor Stolz an. »Ryan wird so schnell erwachsen. Und er ist ein wirklich guter Lehrer.«
Auf dem offenen Hof der Schule stand ihr ältester Sohn vor einer Gruppe von 20 jungen Leuten, die im Schneidersitz im Gras saßen. Arabelle befand sich unter ihnen und sah umwerfend schön aus, trotz des schiefen Blicks, den sie auf ein Stück Erz in ihrer Hand warf. Ryan versuchte gerade, seinen Schülern beizubringen, wie man einem unbelebten Gegenstand Energie zuführte. Allerdings ließ sich nicht übersehen, dass Arabelle bei dieser Lektion ihre liebe Not hatte.
Hinter ihr saß Ohaobbok. Selbst im Schneidersitz überragte er die anderen deutlich. Auch er hatte ein Problem mit dem Erz in seiner Hand – er hatte es versehentlich zu Krümeln zerdrückt.
Aubrey lachte leise über den verlegenen Gesichtsausdruck des Ogers.
Ryan ging mit einem Stück Metall zu Ohaobbok hinüber. »Nimm stattdessen das hier«, sagte er. »Und drück es nicht.«
Er wandte sich an den Rest seiner Schüler und klang bemerkenswert professionell, als er den Unterricht fortsetzte.
»Okay, probieren wir jetzt etwas anderes. Bitte legt das Erz vor euch auf den Boden. Schließlich sollt ihr euch ja nicht verbrennen, indem ihr einen rotglühenden Stein haltet. Jetzt stellt euch vor, ihr würde Energiewellen auf das Erz übertragen. Einigen von euch wird es ansatzweise gelingen. Anderen gar nicht.«
Aubrey schnappte nach Luft, als Funken aus dem Stein vor den Füßen eines kleinen Kinds stoben. Sichtlich erschrocken kippte der Junge zurück und fing zu weinen an. Ryan eilte zu ihm und beugte sich über einen Haufen geschmolzener Schlacke. Er jubelte, als er das Kleinkind aufhob.
»Zenethar, mein Junge«, sagte er. »Ich glaube, du hast den armen Erzbrocken überfordert. Jetzt wissen wir, dass du kein Heiler bist.« Er stellte den Jungen wieder auf die Füße. »Komm schon, lächle für mich. Du wirst ein Kampfzauberer, genau wie mein Vater.«
Der pummelige kleine Junge lächelte und umklammerte Ryans Bein.
Leider wurde bald deutlich, dass einige von Ryans Schülern nie in der Lage sein würden, vernichtende Energie auf ihre Erzproben zu entfesseln. Unter anderem Arabelle. Sie wirkte am Boden zerstört und den Tränen nah.
Aubrey trat vor und kniete sich neben sie.
»Nicht verzagen, Liebes«, sagte sie. »Du könntest eine Heilerin wie ich sein. Wir Heiler sind sehr selten.«
»Ma.« Ryan beugte sich zu seiner Mutter und zeigte auf einige Schüler, die in der letzten Testrunde nichts zustande gebracht hatten. »Kannst du helfen, sie auf Heiler zu testen?«
»Natürlich.« Aubrey lächelte. Sie stand auf und erhob ein wenig die Stimme. »Alle, die das Erz nicht erhitzen konnten, kommen bitte her. Wir testen, ob wir Heiler in unserer Mitte haben.«
Aubrey ging zu einem Tisch und reichte jedem Schüler einen Becher mit Wasser und einen Tontopf mit einer ziemlich kränklich aussehenden Pflanze.
»Dieser Versuch läuft ähnlich ab wie der mit dem Erz. Ihr macht das Gleiche mit dem Wasser – bemüht euch einfach, Energie in das Wasser zu übertragen. Wenn ihre starke Heiler seid, spürt ihr vielleicht sogar Schwingungen, die zu euch zurückkehren. Das bedeutet dann, dass der Gegenstand nicht mehr von eurer Heilenergie aufnehmen kann.«
Alle starrten auf ihr Wasser. Es dauerte nicht lange, da schnappten zwei nach Luft. Arabelle und ein junger Knabe.
»Ich spüre, wie die Schwingungen zu mir zurückprallen!«, rief Arabelle erfreut.
Aubrey klatschte in die Hände. »Das ist großartig! Jetzt gieß das Wasser auf deine Pflanze. Wenn es heilende Energie enthält, sollten wir sehen, wie die Pflanze darauf reagiert.«
Arabelle goss das Wasser auf die verschrumpelte braune Pflanze. Fast sofort färbte sie sich leuchtend grün, und eine Blume erblühte.
»Wir haben gerade eine weitere Heilerin gefunden!«, verkündete Aubrey.
* * *
Sloane beobachtete Aaron beim Üben mit zwei Kämpfern aus der örtlichen Garnison und zwei Elfen aus Eluanethra. Sie hatte einen großen Imbiss für ihn vorbereitet, da ihn solche Übungen immer auslaugten. Und sie fühlte sich dafür verantwortlich, ihn gut zu umsorgen.
Es hatte viel Betteln ihrerseits und viel Begründen von Aaron gekostet, bis ihre Väter endlich in die Verlobung eingewilligt hatten. Mittlerweile wusste sie, dass es die Mühe wert gewesen war.
Aaron war in den letzten zwei Jahren deutlich gewachsen. Seine Kraft und seine Schnelligkeit hatten sich verdoppelt. Er kämpfte gerade mit nacktem Oberkörper und beschwerten Holzschwertern. Wie ein Wirbelwind bewegter er sich, als er dem Hieb eines der Gardisten der Garnison auswich und dem Mann das Bein wegfegte, bevor er herumwirbelte, um den Überkopfschlag eines anderen Kämpfers abzuwehren, den er aus dem Ring stieß. Als die beiden verbliebenen Kämpfer Aaron umkreisten, ließ Sloanes Vater die Übung anhalten.
»Aaron«, sagte Throll, »die Riposte war gut, aber an der Schnittbewegung musst du noch arbeiten. Außerdem hat mir gefallen, wie du den Gegner von den Füßen geholt hast, nachdem du seinem Angriff ausgewichen bist.« Dann wandte er sich an den Elfen, der neben ihm stand. »Hast du ihm das beigebracht?«
Der strenge Schwertmeister setzte ein Lächeln auf. »Wirkungsvoll, nicht wahr? Schnell wie eine Katze, aber verschlagen wie ein Wiesel ist er. Dabei hast du dich wirklich gut angestellt, Aaron. Aber du musst aufhören, dich auf deine Stärke zu verlassen, um deine Faulheit beim Gegenangriff auszugleichen. Der Stoß war zwar wirkungsvoll, nur hätte er bei jemand Größerem als einem Elfen versagt. Manche Dämonen sind so groß wie Ohaobbok. Und ich weiß, dass du nicht so dumm bist, so etwas gegen ihn zu versuchen.«
»Aber es hat doch geklappt, oder?«, beschwerte sich Aaron.
»Darum geht es nicht!«, stießen Throll und der Elf gleichzeitig hervor.
Sloane kicherte, als ihr Vater dem Schwertmeister auf die Schulter klopfte. »Wir haben einen sehr sturen Schüler«, stellte der Waldhüter fest.
* * *
Dominic wanderte ziellos im Nebel umher. Er fühlte sich völlig verloren, von allen Seiten umgeben von einer undurchdringlichen grauen Wand. Er befand sich auf der Suche nach etwas. Nur vermochte er nicht zu sagen, wonach.
Als er auf einen etwas deutlicheren Weg stieß, hatte er das Gefühl, keine andere Wahl zu haben, als ihm zu folgen. Nach einer langen Weile führte er ihn zu einer Lichtung, in deren Mitte ein altes Holzhaus stand.
Eine liebliche Stimme erklang in seinem Kopf. »Der Altar steht dahinter.«
Dominic sah sich um und versuchte, die Quelle der Stimme zu finden. »Wer bift du? Waf mache ich hier?«
Er spürte jemanden hinter sich und wirbelte herum. Eine atemberaubende Frau beobachtete ihn. Ihre fein geschnittenen Gesichtszüge wirkten geradezu zerbrechlich. Allerdings bewegte sie sich mit der sinnlichen Anmut einer Tänzerin. Seidiges blondes Haar ergoss sich über ihre Schultern bis hinunter zur Taille. Dominic fühlte sich unwürdig, sich in der Gegenwart solcher Schönheit aufzuhalten.
Die Frau zeigte in Richtung des Gebäudes. »Dort findest du den Steinaltar. All die Antworten auf deine Fragen.«
Widerwillig wandte sich Dominic von der wunderschönen Frau ab. Er konnte nur daran denken, wie sehr er sie erfreuen wollte.
Am Altar wurden seine Gedanken an die Frau von einer dröhnenden Stimme zerschmettert.
»Auf die Knie!«, befahl die Stimme. Ihre Macht jagte Dominic einen Schauder über den Rücken.
Er kniete nieder, und ein Anflug von etwas, das sich durch und durch falsch anfühlte, erschütterte ihn bis ins Mark. Unwillkürlich spannte er den Körper an, um die Flucht zu ergreifen und um sein Leben zu rennen. Doch bevor er sich auch nur umdrehen konnte, brach ein schwarzer Nebel aus dem Altar hervor und umhüllte ihn. Die faulige Wolke schlängelte sich in seine Nase, brannte in seinen Augen und füllte seinen Mund, als er ihn zum Schreien öffnete. Wenige Herzschläge danach öffneten sich abrupt Dominics Lider, und seine Augen glichen glimmender Glut. Ein Lächeln breitete sich in seinem Gesicht aus, als er zum ersten Mal im Leben deutlich sprach.
»Ja, Meister. Ich verstehe.«