Malphas atmete den Geruch von verbranntem Fleisch und Schwefel ein, während er auf Anweisungen von Sammael wartete, dem Herrn der dunklen Heerscharen. Dämonen waren nicht für ihr nachsichtiges Wesen bekannt, dennoch war Malphas zuversichtlich, dass sein Herr trotz der Misserfolge in der Vergangenheit für ihn eine Rolle beim bevorstehenden Angriff haben würde. Immerhin war er beim letzten dem Sieg so nah gekommen.
Obwohl es über fünf Jahrhunderte zurücklag, konnte sich Malphas noch deutlich an den Moment erinnern, als er durch den Eingang in die Welt oben vorgedrungen war. Der Geschmack der Luft, das Gefühl der Sonne, der Geruch von brennenden Städten und die vereinte Macht der Armeen von Menschen, Elfen und Zwergen, die unter den Klingen seiner Streitkräfte fielen ... Allein der Gedanke daran brachte sein Herz immer noch zum Rasen. Doch trotz der frühen Siege hatte Malphas letztlich eine Niederlage erlitten. Und das nur wegen des Zorns eines einzelnen Menschen – eines Erzmagiers von verheerender Macht.
Vor dem Eingreifen des Erzmagiers war der Krieg so verlaufen, wie Fürst Sammael es vorausgesehen hatte. Städte wurden geplündert, Felder verwüstet, Leichen auf großen Scheiterhaufen verbrannt. Dann errichtete der Erzmagier seine Barriere, einen magischen Wall. Innerhalb eines Wimpernschlags löschte sie die Hälfte von Malphas’ Armee aus, den Rest seiner Streitkräfte schickte sie zersprengt zurück in die Niederwelt, aus der sie gekommen waren.
Und so war es geblieben ... bis jetzt.
Fürst Sammael hatte unlängst begonnen, Truppen für einen neuen Angriff zu scharen. Nachdem Sammael fünf Jahrhunderte lang versucht hatte, einen Weg durch die Barriere zu finden – und daran gescheitert war –, hatte seine Frustration den Siedepunkt erreicht.
Nun kauerte Malphas vor seinem Herrn. Die schwarzen Schuppen seiner Knie ruhten auf dem Steinboden. Mit einer Größe von zwanzig Fuß überragte General Malphas normalerweise seine Untergebenen. Hier jedoch, vor dem hohen, gewaltigen Thron aus schwärzestem Stein, fühlte er sich völlig unbedeutend.
Der Dämonenfürst nahm seine Anwesenheit nicht mal zur Kenntnis, starrte nur in die Ferne. In dieser Gegend der Niederwelt herrschten immer Temperaturen um den Gefrierpunkt, aber Sammaels Haut strahlte in Wellen sengende Hitze ab.
Nach einer sehr langen Weile richtete Sammael schließlich die Aufmerksamkeit auf seinen General. »Ich habe erfahren, dass ein neuer Zauberer Trimoria betreten hat.« Er übermittelte die Worte, ohne laut zu sprechen. Stattdessen ertönte seine düstere, raue Stimme mitten in Malphas’ Kopf. »Du wirst herausfinden, wie so etwas möglich war. Wenn es einer kann, dann können es auch andere.«
»Aber Herr«, sagte Malphas mit seiner Reibeisenstimme, »wie kann das sein? Ich dachte, Ihr hättet in die Wege geleitet, dass alle, die Seder folgen, beseitigt werden.«
Die Wut des Dämonenfürsten brodelte an die Oberfläche. »Erwähne nie wieder den Namen meines Bruders. Ich will ihn nicht von deinesgleichen ausgesprochen hören.«
Malphas verneigte sich so tief, dass seine Stirn den Steinboden berührte, bevor er wieder in die entsetzliche Hitze seines Meisters aufblickte.
Sammael beruhigte sich so schnell, wie seine Wut aufgeflammt war. Als er die Augen schloss, verwandelte sich die von ihm abgestrahlte Hitze in Licht, und seine Haut warf eine Reihe von Bildern in die Luft zwischen ihnen.
Die erste zeigte einen menschlichen Zauberer, der am Fuß des imposanten Sockels eines Throns stand. Malphas hatte das Bild dieses Menschen schon einmal gesehen. Es handelte sich um den Zauberer, den Sammael beherrschte. Die Bilder veränderten sich, und der Zauberer stand vor einer Gruppe von Menschen und verneigte sich leicht.
»Seid gegrüßt«, sagte der Zauberer. »Mein Name ist Azazel. Es widerstrebt mir, euer glückliches Heim zu behelligen, also will ich eure Zeit nicht lange beanspruchen. Ich habe nur ein paar einfache Fragen.«
Ein großer Soldat trat vor. »Ich bin Throll Lancaster«, antwortete er. »Generalprotektor von Trimoria. Wie kann ich Euch helfen, Fürst Azazel?«
Die falschen Höflichkeiten setzten sich fort, allerdings nicht lange. Bald artete die Begegnung in einen Kampf aus. Sammaels Zauberer entfesselte Energiestöße auf seine Feinde, sprengte sie auseinander wie Blätter in einem Sturm. Malphas sah, dass sie den Kräften des Zauberers nicht gewachsen waren.
Dann jedoch trat zur Überraschung des Generals ein halbwüchsiger Mensch vor. Sein Gewand raschelte im Wind, als er Azazels Angriff mit einem eigenen, mächtigen Sturm von Magie begegnete.
Malphas rutschte ein verblüfftes Grunzen heraus. Ein gefährlicher Zauberer im Tal von Trimoria? Wie war das möglich?
Schon bald ließ Azazel erkennen, dass er dem jungen Zauberer deutlich überlegen war. Aber als er dazu ansetzte, ihm den Todesstoß zu versetzen, erschien ein zweiter Zauberer in grauer Robe aus der Ferne und traf Azazel mit einem mächtigen Energiestoß in die Brust.
Aber der Zauberer des Meisters wirkte beinah erfreut. »Zwei Zauberer«, sagte er mit einem Lächeln. »Oh, daran werde ich mich über Jahre weiden.«
Ein wilder Kampf aus Licht und Hitze entbrannte. Pulsierende Ströme knisternder Energie flossen zwischen den sich bekriegenden Zauberern, ein gewaltiger Zusammenstoß schier unvorstellbarer Kräfte.
Schließlich geriet der grau gewandete Zauberer ins Straucheln, und nur noch der menschliche Jüngling stand Azazel gegenüber. Malphas spürte, wie sich seine Aufregung steigerte. Die dämonischen Kräfte würden obsiegen.
Und dann schleuderte der Halbwüchsige den dunklen Zauberer mit einem einzigen, mächtigen Stoß rückwärts, wo ihn der Holzgriff eines Handkarrens pfählte. Einen Moment lang hustete Sammaels Zauberer Blut ... dann verschwand er in einer knisternden Kugel aus schwarzem und rotem Plasma.
Malphas konnte nicht glauben, was er sah.
Azazel hatte verloren.
Besiegt von einem Kind .
Die Bilder veränderten sich. Azazel lag hilflos auf dem Waldboden, schnappte nach Luft, kämpfte gegen den Tod und hatte Mühe, die Augen offen zu halten. Drei Menschen näherten sich – der hünenhafte Soldat aus der ersten Vision in Begleitung der beiden Zauberer, die es in Trimoria gar nicht geben sollte. Azazel hob die Hand, und die Aura um ihn herum verfestigte sich zu einer dichten schwarzen Wolke.
Und damit endete die Vision.
Malphas’ bedrohlicher Unterkiefer klappte auf. Rasch schloss er ihn wieder und richtete den Blick auf den grauen Steinboden, als sich sein Meister erhob und von seinem Podest herabstieg. Er sah nur die langen schwarzen Schatten, die Sammael warf, während dessen raue Stimme weiter durch Malphas’ Kopf hallte.
»Nicht nur diese beiden abtrünnigen Zauberer wandeln in Trimoria, sondern auch ein weiterer Erzmagier. Anscheinend hat Ellisandreas Plan versagt, jegliche Zauberer zu töten, um die Prophezeiung zu verhindern. Die Zeit der Prophezeiung naht.«
Nach wie vor auf den Knien wagte Malphas einen Blick hinauf zum Dämonenfürsten. »Ich habe den Träumen dieser Elfenhexe nie getraut. Was können wir tun? Die Barriere um das Tal herum besteht nach wie vor. Wir können es nicht betreten.«
Sammael lächelte. »Ich kann immer noch Einfluss auf jeden ausüben, der in der Nähe des Keims steht. Mein Bruder ahnt nichts von meinen Fähigkeiten. Dasselbe gilt für seine Marionette, diesen Erzmagier. Sie achten nicht auf den Keim.«
Dann schwenkte der Dämonenfürst die Hand über den gehörnten Kopf des Generals, und Nebel bildete sich um ihn herum. Beunruhigt atmete Malphas ihn ein. Und dann fiel seine Anspannung von ihm ab. Das ... das war seine Macht . Die Macht, die er seit Jahrhunderten vermisst hatte. Sein Meister stellte wieder her, was ihm vor langer Zeit entrissen worden war.
Ich bin wieder vollständig.
»Ja, Malphas. Ich gebe dir deine Kräfte zurück. Du konntest sein Scheitern vor 563 Jahren nicht vorhersehen. Der erste Erzmagier war eine unbekannte Größe, die ich nicht berücksichtigt hatte. Aber du hast deine Buße abgeleistet, mein lieber Jünger, und ich habe Pläne für dich.«
Der General lächelte. Danke, Herr, übermittelte er in Gedanken. Im Vollbesitz seiner Kräfte konnte er sich wieder über Gedanken verständigen, ohne die Stimme benutzen zu müssen. Ich freue mich schon darauf, Euren Plan zu hören.
Sammaels Gestalt veränderte sich, und er nahm wieder seine wahre, amorphe Gestalt an. »Und das wirst du. Vorerst sollst du wissen, dass du deinen Krieg bekommst ... und für uns den Sieg erringen wirst. Denn ich habe die Herrschaft über einen neuen menschlichen Verfechter innerhalb der Barriere übernommen.«