Zwischen dem 6. und 8. Lebensmonat reagieren Kinder meist sehr zurückhaltend und mitunter ängstlich auf fremde Personen. Sogar wenn diese schon akzeptiert waren, wie Oma und Opa, ernten alle, manchmal sogar Papa und Geschwister, Tränen und Rückzug. Die Kinder fremdeln. Aber keine Sorge. Fremdeln ist ein Zeichen der Reifung und Entwicklung und gehört zum ganz normalen Großwerden dazu. Erst durch das Fremdeln lernen Kinder, zwischen vertrauten und fremden Personen zu unterscheiden, und verschieben so den Vertrauensregler. Immer mehr Personen werden in das vertraute Umfeld hineingelassen und akzeptiert, aber am Anfang darf da in den allermeisten Fällen nur Mama rein. Vor allem, wenn das Kind gestillt wird.
Zu Beginn des Lebens und in den ersten Monaten ist das Verhalten noch ein ganz anderes. Die Tante, das große Geschwisterchen oder der zukünftige Patenonkel können das Baby mit verliebten Blicken auf dem Arm durch die Gegend tragen, es schläft dort sogar zufrieden ein und lässt sich bei Kummer von diesen unterschiedlich nahestehenden Personen beruhigen. In dieser Zeit baut häufig auch der Vater (oder eine andere Bezugsperson, die nicht stillt) eine engere Beziehung zum Kind auf, da er in Alltagssituationen fast ebenbürtig ist. Tragen, füttern, beruhigen, in den Schlaf schaukeln – all das darf der ansonsten nicht so im Vordergrund stehende Elternteil nun auch. Diese Gelegenheit und Offenheit des Kindes sollten unbedingt genutzt werden. Denn wenn der andere Elternteil in dieser Phase nicht präsent ist und sich nicht an der Versorgung des Kindes beteiligt, kann es passieren, dass die Person in der Zeit, in der das Baby zu fremdeln beginnt, nur noch bedingt zum Kreis der vertrautesten Menschen gehört. Und dann ist ein ganzes Stück Vertrauens- und Beziehungsarbeit notwendig, um darin wieder aufgenommen zu werden. Dies kann vor allem durch behutsames Vorgehen in bindungsrelevanten Situationen gelingen. Das Begleiten beim Einschlafen, aber auch beim Aufwachen zählen dazu sowie alle Situationen, in denen Sie merken, dass Ihr Kind Angst, Trauer oder Wut verspürt. Seien Sie hier ganz besonders verständnisvoll und zeigen Sie, dass diese Gefühle »normal« und alltäglich sind.
Wenn es nun um die Eingewöhnung in der Kita oder bei der Tagesmutter geht, darf zunächst nicht außer Acht gelassen werden, auf welchem Stand der Kommunikation sich das Kind befindet. Gerade wenn es noch sehr klein ist, erfolgt diese ausschließlich nonverbal. Wenn das Kind weint, bringt es damit seinen aktuellen Gefühlszustand zum Ausdruck, kann aber nicht weiter spezifizieren, was gerade nicht stimmt.
Im Rahmen der Eingewöhnung gibt es kein allgemeingültiges und immer in gleicher Weise zum Erfolg führendes Generalrezept – leider. Vielmehr muss berücksichtigt werden, dass Kinder verschieden sind und unterschiedliche Gemüter haben. Die einen sind ruhiger und eher mit sich selbst beschäftigt, die anderen fegen über den Spielplatz, und alle Umstehenden staunen mit offenem Mund über dieses temperamentvolle Auftreten. Außerdem hat jedes Kind in seinem jungen Leben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die zu seinem aktuellen Bindungsverhalten beitragen.
Was Kinder aber alle gemeinsam haben, ist, dass es bei der Eingewöhnung zu einem der wohl einschneidendsten Erlebnisse bis dato kommt. Nämlich zur Trennung von den wichtigsten Bezugspersonen. Und umso wichtiger ist ein empathischer und besonnener Umgang mit dieser bindungsrelevanten Situation, ganz ähnlich wie der weiter oben beschriebenen Verzweiflung beim Einschlafen.
Dabei sollten Sie das Verhalten des Kindes die ganze Zeit beobachten, das ist elementar, um die Dauer der Eingewöhnung zu bestimmen. Und diese muss jeden Tag anhand des Verhaltens des Kindes neu überprüft werden.
Gerade jüngeren Geschwisterkindern wird häufig mehr zugetraut, weil der Kontakt mit der Einrichtung bereits alltäglich ist. So auch bei Florians Kindern. Täglich hat seine Tochter ihre ältere Schwester und den Bruder in die Kita begleitet, stapfte frühmorgens und nachmittags völlig selbstverständlich in den Spielraum und kannte bereits alle Erzieher*innen. Gerade diese Selbstverständlichkeit und Unaufgeregtheit verleitete die Erwachsenen zu dem Gedanken, dass bei solchen Geschwisterkindern gar keine Eingewöhnung mehr nötig ist. Dabei wird vergessen, dass sich das Kind genauso wie jedes andere an die Einrichtung und dort tätigen Personen gewöhnen muss, auch wenn das nach monatelanger Bekanntschaft möglicherweise etwas leichter fällt. Der Knackpunkt ist auch in diesem Fall das Getrenntsein von den Bezugspersonen. Das wäre sogar in den eigenen vier Wänden (ein-)gewöhnungsbedürftig, geschweige denn in einer Kindertagesstätte. Deshalb war es für Florian, seine Frau und auch für die Erzieher*innen in der Kita selbstverständlich, dass die kleine Tochter ganz normal eingewöhnt wird und ihr somit alle Möglichkeiten eingeräumt wurden, Vertrauen zu fassen. Und das war auch gut so, denn obwohl die Kleine schon unzählige Male zu Gast in der Kita war, war es noch nicht ihr zweites Zuhause, zu dem es aber mittlerweile geworden ist.
Bis zu einem gewissen Maß benötigt also jedes Kind die Hilfe und Unterstützung einer Bezugsperson in dieser aufregenden Zeit. In einer 2006 veröffentlichten Studie konnte gezeigt werden, welche umfangreichen Folgen, sogar gesundheitlich (!), eine unbegleitete Eingewöhnung hat. Die Kinder, die ohne ihre Eltern eingewöhnt wurden, waren nicht nur ängstlicher und zurückhaltender im weiteren Kita-Alltag. Sie waren über das erste halbe Jahr hinaus sogar viermal länger krank als begleitete Kinder.
Sicher gebundene Kinder erobern und erkunden ihre Umgebung nur dann sorglos, wenn sie ihre Bezugsperson in der Nähe wissen. In dem Moment, da Sie den Raum verlassen oder außer Sichtweite sind, wird das Bindungsverhalten auf den Plan gerufen und lautstark durch Weinen, Rufen und Suchen zum Ausdruck gebracht.
Ganz anders ein unsicher gebundenes Kind. Dieses akzeptiert sogar Fremde als Ersatz bei einer Trennung von der Bezugsperson und zeigt zumindest äußerlich kein Anzeichen des Vermissens. Während das sicher gebundene Kind die Wiederkehr der Bezugsperson mit großer Freude und der Suche nach körperlichem Kontakt geradezu feiert, reagiert das unsicher gebundene Kind mit Ablehnung. Letzteres geschieht vor allem, um weiteren Enttäuschungen und Abweisungen zu entgehen.
In diesem Zusammenhang ist es für Kinder bereits in sehr jungem Alter elementar zu erfahren, dass auch sie mitbestimmen können. Kaum etwas bringt Kleinkinder derart zur Verzweiflung und in Opposition wie Situationen, in denen sie sich nicht mehr selbst regulieren können und ein Gefühl der Machtlosigkeit verspüren. Es kommt zu einem Schlüsselmoment: Sind Eltern dann präsent und einfühlsam, können sie dem Kind helfen, sich selbst zu regulieren. Eine Mama oder ein Papa, die dem Kind Nähe und verständnisvoll Hilfe anbieten, schaffen einen Anknüpfungspunkt, durch den es wieder zu sich findet. Dem gegenüber stehen Eltern, die mit sich selbst und ihrer eigenen Umgebung beschäftigt sind und ungeduldig oder gereizt reagieren. Ein »Stell dich nicht so an« signalisiert dem Kind, weiterhin mit seiner Verzweiflung alleingelassen zu werden. Natürlich ist für Erwachsene keineswegs immer alles nachvollziehbar, was für ein Kleinkind zum Problem wird. Aber gerade Situationen, die aus dem Geborgenen in das Ungewohnte führen, wie der Aufbruch von zu Hause in den Kindergarten oder das Abholen, lösen Verzweiflung über oft banale Dinge aus. Dann kann die zu dicke Herbstjacke oder der nicht sitzende Fahrradhelm zum unüberwindbaren Hindernis werden. Eltern sollten also so oft wie möglich versuchen, sich in das Kind hineinzuversetzen. Sich – bildlich gesprochen – die kleinen Kinderschuhe anzuziehen, kann dabei helfen, gemeinsam eine Lösung für Konflikte und Probleme zu finden.
Und da jedes Kind anders ist (und die Eltern erst recht), sollten Eingewöhnungen in die Kita nicht willkürlich und an jedem Ort und in jedem Jahrgang anders stattfinden. Hierzu gibt es etablierte Modelle, die vorgeben, wie die Familien begleitet werden und wie den Kindern ermöglicht werden soll, sich einzugewöhnen. Eines ist das unten dargestellte so genannte Berliner Modell, anhand dessen wir schematisch und beispielhaft wichtige Meilensteine und Eckpunkte dieser Phase zeigen möchten.
Auch für Eltern sind diese ersten Abschiede in der Tageseinrichtung nicht einfach. Das Vertrauen, das dem Fachpersonal entgegengebracht werden muss, ist enorm. Wahrscheinlich gab es außer Verwandten oder engen Freunden in den vergangenen Monaten und Jahren kaum jemanden, mit dem das Kind längere Zeit allein sein durfte. Weder Kind noch Eltern hätten so etwas ohne Protest toleriert. Und jetzt sollen Sie Ihr »Baby« plötzlich in den Armen einer beinahe fremden Person zurücklassen? Was, wenn das Kind Sie nach nur wenigen Minuten ganz stark vermisst und niemand Sie benachrichtigt? Was, wenn es sich verletzt, vielleicht sogar ins Krankenhaus muss, und niemand da ist, um es zu trösten?
DIE EINGEWÖHNUNG NACH DEM BERLINER MODELL ERKLÄRT
Das Berliner Modell versteht sich als Leitfaden für eine sanfte Eingewöhnung in die Kita. Mittlerweile arbeiten viele Tagesmütter und -väter sowie Kindertagesstätten nach diesem Konzept. Es besteht aus sechs Kernthemen bzw. Phasen, die für eine gut begleitete Eingewöhnung als nötig erachtet wurden.
Phase 1: Sie sind gut informiert. Wir raten, dass sich Eltern schon frühzeitig über den Ablauf der Eingewöhnung informieren und sich ihrer Rolle bewusst werden. Hier passiert gerade etwas Entscheidendes in der Entwicklung Ihres Kindes, nehmen Sie sich nicht zu viel vor, der Fokus sollte hier wirklich auf der Eingewöhnung liegen.
Phase 2: Sie bleiben in Reichweite. Zu Beginn stehen dem Kind, Ihnen als vertrauter Bezugsperson, Ihrem*r Partner*in und der neuen Bezugsperson (Fachkraft der Einrichtung) drei Tage als Grundphase zur Verfügung, in der Bezugsperson und Kind die Einrichtung kennenlernen und sich darin gemeinsam aufhalten. Dabei sollten Sie eine passive, aber aufmerksame Rolle einnehmen und für das Kind jederzeit erreichbar sein. Wenn das Kind den Raum verlässt, gehen Sie aber nicht hinterher oder fordern es zum Spielen auf. Ebenso sollten Sie nicht mit anderen Kindern spielen oder abwesend auf Handy oder Tablet konzentriert in der Ecke sitzen. Die Fachkraft der Einrichtung versucht indes vorsichtig und angemessen, Kontakt zum Kind aufzubauen.
Phase 3: Sie wagen sich in einen anderen Raum. Am 4. Tag kommt es zum ersten Trennungsversuch und der Trennungsphase. Dieser sollte nicht abrupt und vor allem nicht ohne vorherige Ankündigung sein, sondern nach einiger gemeinsamer Zeit und auf eine Verabschiedung folgend geschehen. Wie lange dieser erste Trennungsversuch dauert, hängt von der Reaktion des Kindes darauf ab. Wenn das Kind das gut toleriert, sollten 30 Minuten aber nicht überschritten werden. Sollte das Kind jedoch mit Verzweiflung, Weinen oder Untröstlichkeit reagieren, kommen Sie nach wenigen Minuten wieder zurück.
Phase 4: Ihr Kind gewinnt an Sicherheit. In den darauffolgenden Tagen beginnt die Stabilisierungsphase, in der die Bezugsperson immer mehr von der Fachkraft abgelöst wird. Das betrifft das Füttern, das Wickeln, das Spielen und die Reaktion auf kindliche Signale. Die Fachkraft entwickelt sich also langsam zu einer neuen Bezugsperson. In diesem Abschnitt werden auch die Trennungsphasen immer weiter verlängert.
Phase 5: Ihr Kind fasst Fuß. Was dann folgt, ist die Schlussphase, in der die Eingewöhnung grundsätzlich abgeschlossen ist. Sie sind nicht mehr anwesend, aber jederzeit erreichbar. Dafür gibt es jetzt die neue Bezugsperson, die Fachkraft, die jetzt ebenso einen sicheren Hafen für das Kind darstellt.
Phase 6: Ihr Kind ist eingewöhnt. Glückwunsch!
Die Vorteile dieses Konzeptes erzeugen zugleich die größten Hindernisse bei der Durchführung. Das Kind wird sehr sorgsam und behutsam an die Einrichtung und Bezugsperson gewöhnt, was aber mit einem großen Zeitaufwand verbunden ist und wofür das notwendige Personal der Einrichtung ab- und zur Verfügung gestellt werden muss. Und während Kindern eine individuelle Zeitachse sehr zugutekommen kann, so stellt das vor allem größere Einrichtungen und deren zeitliche Rahmenbedingungen und -vorgaben vor erhebliche organisatorische Herausforderungen.
Diese Fantasien begleiten Eltern regelmäßig durch die ersten Wochen und Monate der Eingewöhnung und darüber hinaus.
Einmal suchte eine befreundete Mutter bei Florian kinderärztlichen Rat. Sie wollte wissen, ob es möglich sei, bei Kindern im Blut Beruhigungsmittel nachzuweisen. Der Grund war, dass das Mädchen nach dem Besuch der neuen Kita immer wieder ungewöhnlich müde, fast schon schläfrig war und mittags ein deutlich größeres Schlafbedürfnis hatte als sonst. Bald stellte sich jedoch heraus, dass der Grund für die Erschöpfung der ungewohnte Alltag in der Kita mit all den neuen Eindrücken und Beschäftigungen war. Wenn das Kind dann abgeholt wurde, legte sich der Trubel und die Umgebung war wieder vertrauter. Dies führte zur ganzkörperlichen Entspannung und das Kind brauchte einfach Schlaf, um genug Energie für den übrigen Tag aufzubringen. Eine ganz natürliche und richtige Reaktion auf herausfordernde Ereignisse. Die Mutter jedoch, deren innere Stimme ihr ununterbrochen Katastrophenfantasien einflüsterte, rechnete mit dem Schlimmsten.
Je intensiver Sie sich als Eltern mit der Einrichtung im Vorfeld auseinandergesetzt haben, mit den Erzieher*innen gesprochen haben und die Räumlichkeiten auf sich wirken lassen konnten, desto besser werden auch Sie diese nicht ganz einfachen Wochen aushalten. Wenn das Vertrauen über das Misstrauen siegt, werden Sie eher ihrer neuen Aufgabe gerecht werden können und gemeinsam mit Ihrem Kind diesen Meilenstein der Entwicklung und der Autonomie gelungen meistern können.
Ein viel diskutiertes Thema ist auch das vermeintliche »Verwöhnen« von Kindern. Gerade wenn Kinder verzweifelt sind, agieren sie manchmal nicht ihrem Alter entsprechend. Zumindest sehen wir Erwachsene das so. Ein Kind, das schreiend signalisiert, dass es heute nicht allein einschlafen kann, eine Zehnjährige, die verzweifelt ist, weil sie ihr Kuscheltier nicht findet, oder ein Siebenjähriger, der morgens kein passendes Kleidungsstück für die Schule findet – diese kleinen Menschen kommunizieren ihre Bedürfnisse. Dennoch kommt es gerade in diesen Situationen häufig vor, dass Eltern, Großeltern oder andere Bezugspersonen dem Kind nicht weiterhelfen und es nicht trösten. Der Grund: Die Erwachsenen haben Sorge, dass sie das Kind zu sehr »verwöhnen« würden und es somit schlecht auf das echte Leben vorbereitet wird, wo es immer wieder mit Schwierigkeiten konfrontiert werden wird. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Geben wir dem Protest nach und erfüllen diese Bedürfnisse, werden Kinder nicht »verwöhnt«. Eltern, die immer gegen die Sorge anarbeiten, dass sie das Kind »verwöhnen« würden, reagieren in solchen Situationen nicht selten mit einem ungeduldigen »Dafür bist du doch alt genug« oder anderen Vorwürfen, mit Kopfschütteln und Unverständnis.
Wir dürfen dann aber nicht außer Acht lassen, dass ein Kind autonom sein will. Es möchte Bilder allein malen, sich die Schuhe selbst anziehen können oder bei einem befreundeten Kind übernachten. Dafür braucht es aber eine gewisse Sicherheit, aus der heraus es Selbstständigkeit entwickeln kann. Wenn das Kind erfährt, dass es bei manchen Dingen eine Unterstützung bekommt, die es vielleicht in dem Maß sonst gar nicht mehr benötigt, kann es sich unterbewusst darauf besinnen, wozu es schon allein und selbstständig in der Lage ist. So kommt es zu lautstarken Protesten. Wenn das Kind aber Unterstützung einfordert und diese als notwendig erachtet, sollte dieses Grundbedürfnis von seinen Eltern verständnisvoll beantwortet werden. Die liebevolle Reaktion auf das eigene Kind ist eine grundlegende elterliche Aufgabe und hat nichts mit Verwöhnen zu tun.
Ein einfaches Gesetz, das uns ein befreundeter Papa beigebracht hat: Die Umarmung eines Kindes sollte nie durch den Erwachsenen beendet werden. Kinder, die sich der Nähe und Liebe ihrer Eltern sicher sind, umarmen und kuscheln gerne, aber in normalem Maße. Lediglich fehlende Bindung und Sicherheit führt hier im wahrsten Sinn des Wortes zum Klammern. Wenn Ihr Kind Sie zum Schlafengehen umarmt, warten Sie also, bis es die Umarmung löst. Sagen Sie nicht: »So! Und jetzt lass mich los und geh schlafen.« Drücken Sie, was das Zeug hält, und genießen Sie diesen innigen und vertrauten Moment.
Auch ein kleines Geschwisterkind, bei dem die Bedürftigkeit noch offensichtlicher, aber die Unterstützung der Eltern auch noch selbstverständlicher ist, kann Phasen hervorrufen oder auch verstärken, in denen das Kind die körperliche Nähe zu Eltern vermehrt sucht. Genauso, wenn bereits vertraut gewordene Institutionen plötzlich wieder neu und unbekannt werden, beispielsweise bei einem Wechsel der Betreuungsstätte, einem Schulwechsel oder einem Umzug. Sollte es in der Familie »krachen«, die Eltern sich häufig streiten, sich auseinanderleben und sich vielleicht sogar trennen, kann auch das zu Rückschritten in puncto Selbstständigkeit führen. »Mama, Papa, seht mich an, beschäftigt euch mit mir und gebt mir Sicherheit! Ich weiß im Moment nicht, was ich brauche, weil mir euer Schutz und eure Geborgenheit fehlen.« Noch schwieriger wird es, wenn Eltern diese vom Kind ausgesandten Signale und Hilfeschreie nicht wahrnehmen können.
»Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.« So steht es seit November 2000 in Paragraf 1631, Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches.
Aber laut einer repräsentativen Studie des United Nations Children’s Fund (UNICEF) und des Kinderschutzbundes sind mehr als die Hälfte der deutschen Staatsbürger*innen noch immer der Auffassung, dass ein »Klaps auf den Po« und ähnliche Züchtigungen noch keinem Kind geschadet hätten. Mehr als 20 Prozent halten sogar eine Ohrfeige für gerechtfertigt. Aber auch diese vermeintlich sanften »Erziehungsmaßnahmen« sind eindeutige Gewalthandlungen gegen wehrlose und schutzbedürftige Kinder.
Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass Gewalt gegen Kinder schon viel früher beginnt. Meist in Form von psychischer Gewalt, die aber genauso schwerwiegende Folgen für das Kind haben kann. Bereits ein Liebesentzug gehört dazu, ebenso wie Ablehnung, Angstmachen und Demütigen. Aggressive und laute Kommunikation, aber auch angedeutete Gesten schüchtern Kinder gewaltsam ein. Die weiteren Eskalationen münden dann in körperliche Gewalt. Es beginnt vielleicht mit der Ohrfeige, einem Klaps auf den Po oder Schütteln. Vielen Kindern werden auch Strafen zuteil, die keine äußeren Verletzungen hinterlassen, wie z. B. kaltes Abduschen oder Ziehen an den Haaren.
Häufig haben die Täter*innen kein Schuldbewusstsein und halten ihre Handlungen nicht für gewalttätig. Denn nur zu oft waren die Täter*innen selbst einmal Opfer und mussten in der eigenen Kindheit das Gleiche oder noch Schlimmeres über sich ergehen lassen. Dies trifft im Übrigen auch für sexuelle Gewalt zu. Eine derartige Vergangenheit ist zwar schrecklich, darf jedoch auf keinen Fall als Rechtfertigung dienen oder gar als vermeintliche Berechtigung zur Fortsetzung dieser Taten gelten.
Die Folgen von Gewalt sind für Kinder nicht absehbar. Die Schwere und Tragweite hängen von einer Vielzahl von Faktoren ab. Dazu zählen das Alter und das Geschlecht des Kindes, die Zeit, die seit der Gewalterfahrung vergangen ist, das Verhältnis zu den Erwachsenen und auch die Art und das Ausmaß der Gewalt. Die generelle Belastungsfähigkeit des Kindes und der Grad an sozialer Unterstützung des Kindes durch andere Personen wirken sich ebenfalls darauf aus, welche Spuren die Gewalt hinterlässt. Hierzu noch mehr im nächsten Abschnitt.
Das Ausmaß der Schädigung ist also variabel und abhängig von mehreren Faktoren, aber dass ein Kind weder körperliche noch psychische und schon gar keine sexuelle Gewalt schadlos übersteht, ist klar.
Die akuten Folgen für die Heranwachsenden können zunächst unspezifisch sein. Schlafstörungen, Schwierigkeiten in der Schule, Entwicklungsverzögerungen, Aggressivität und Ängstlichkeit sind womöglich erste Anzeichen. Hinzu kommen äußere und innere Verletzungen. Mittel- und langfristig können sich bei betroffenen Kindern emotionale und psychische Störungen einstellen, wie z. B. Depressionen, Angst- oder Essstörungen und auch ein herabgesetztes Selbstwertgefühl. Die Tatsache, dass Täter*innen häufig selbst einmal Opfer von Gewalt waren, kommt nicht von ungefähr. Denn die Wahrscheinlichkeit, selbst häusliche oder sexuelle Gewalt auszuüben, ist bei den Opfern höher. Das liegt auch daran, dass misshandelte Kinder eine Akzeptanz für den Gebrauch von Gewalt als Konfliktlösungsmuster entwickeln können und dadurch wiederum eigene Gewalttaten rechtfertigen.
Mehr und mehr Institutionen setzen sich jedoch mit dem Thema Kinderschutz auseinander. Seit 2012 existiert ein Bundeskinderschutzgesetz, das den Kinderschutz in Deutschland regelt. In Krankenhäusern stellen sogenannte Kinderschutzteams ein wichtiges Bindeglied zwischen medizinischer Versorgung und öffentlichen Organen wie dem Jugendamt dar. Durch eine verbesserte und unkompliziertere Zusammenarbeit werden Bearbeitungszeiten und Handlungsprozesse verkürzt, was wiederum zur Folge hat, dass Kinder Aggressor*innen womöglich nicht so lange ausgesetzt sind. Dadurch soll dem Kind weitere Gewalt erspart bleiben.
Bei bereits erlittener Gewalt ist, neben dem Kontaktverbot der Täter*innen, die psychologische Betreuung des Kindes mit all seinen kurz- und langfristigen Bedürfnissen die wichtigste Intervention. Auch hier stehen in den Kinderschutzgruppen speziell ausgebildete Psycholog*innen und Therapeut*innen zur Verfügung, die die Kinder begleiten.
Unsere vollumfängliche Aufmerksamkeit gehört dem Kind, und das ohne Zweifel. Aber wir müssen uns auch die Frage stellen, was Eltern oder Angehörige tun können, wenn sie bemerken, dass sie in letzter Zeit immer ungeduldiger werden und ihren eigenen Stress, ihre Sorgen und ihre eigenen Probleme immer schwerer verbergen können. Wie kann Gewalt verhindert werden, wenn immer weniger Puffer zwischen dem auslösenden Moment (z. B. dem quengelnden Kind) und einer Reaktion (die Stimme erheben, drohen oder Ähnliches) aufgebracht werden kann.
Ein solcher Puffer kann womöglich wertvolle Zeit verschaffen und die psychische oder körperliche Gewalttat gerade noch verhindern. Wenn klar wird, dass der Geduldsfaden zu reißen droht und dass für nichts mehr garantiert werden kann, dann sollte die Person versuchen, Raum oder Zeit zwischen die Situation und die eigene Reaktion zu bringen. Sie sollte das Zimmer verlassen, sich im Badezimmer vor den Spiegel stellen und mit sich selbst wieder in Kontakt kommen. Ein paar Schritte spazieren gehen, wenn es die Situation erlaubt, oder bis zehn zählen und tief durchatmen. Je öfter es gelingt, die Situation zu erkennen und die Reaktion hinauszuzögern, desto besser kann man zur Ruhe kommen.
Menschen, die reflektiert genug sind und erkennen, dass sie Gewalt gegen Kinder ausüben, können und sollten sich außerdem professionelle Hilfe suchen. Die Hotline des Präventionsprojekts Keine Gewalt- und Sexualstraftat begehen der Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW, mehr Informationen unter www.bios-bw.com) richtet sich an Täter*innen sowie Personen, die befürchten, gewalttätig zu werden.
Was wir aber auf jeden Fall nie aus den Augen verlieren dürfen, ist die Perspektive der Kinder. Den schutzbedürftigsten Menschen wird furchtbares Leid angetan, das keines der Kinder irgendwie verdient hätte. Ihr Recht auf gewaltfreie Erziehung wird im wahrsten Sinn des Wortes mit Füßen getreten.