Kapitel 1

 

Marek

 

„Du musst wieder einen klaren Kopf bekommen und Ordnung in deinem Haus schaffen.“

Das hat mir Reed gestern am Telefon gesagt. Und was habe ich ihm geantwortet?

„Lass mich verdammt noch mal in Ruhe.“

Leider muss ich mir eingestehen, dass er recht hat, aber das würde ich ihm gegenüber nie zugeben. Ich weiß, dass ich aufhören muss, die Wahrheit zu ignorieren, und dass ich mich damit abfinden muss, dass mein Leben heute ganz anders ist, als ich es mir je hätte vorstellen können.

Verdammte Gracen. Ich bin immer noch fassungslos, dass sie so etwas vor mir verheimlicht hat.

Eine Tochter.

Lilly.

Ich habe eine Heidenangst.

Ich sitze im Dunkeln in meiner Garage, während der Motor meines Wagens noch läuft und gleichmäßig vor sich hin brummt. Ganz im Gegensatz zu meinem Herzen, das in einem unregelmäßigen Rhythmus in meiner Brust hämmert. Drei Tage lang war ich mit Holt am Meer und habe mich die meiste Zeit über betrunken, um das Chaos hier in Raleigh für eine Weile hinter mir zu lassen. Ich wäre immer noch dort, wenn Reed mich nicht gestern angerufen hätte, um mir die Hölle heißzumachen, weil ich Gracen und Lilly ignoriert hatte.

In Bezug auf Gracen habe ich eine einfache Ausrede. Ich bin so wütend auf sie, dass ich es nicht ertragen kann, in ihrer Nähe zu sein. Bisher haben wir nicht mehr als ein paar Worte miteinander gewechselt. Ich habe ihr erklärt, wie das Alarmsystem und der Fernseher funktionieren, und ihr eine Kreditkarte gegeben, damit sie sich alles kaufen kann, was sie braucht. Das war alles. Lilly spürt meine Wut und kann damit nicht umgehen. Selbst wenn wir uns nur für kurze Zeit im selben Raum aufhalten, würdigt sie mich kaum eines Blickes.

Was Lilly angeht, so habe ich mir eingeredet, es wäre zu ihrem Besten, wenn ich ein paar Tage das Haus verließe. Zweifellos spürt sie die Spannungen, die zwischen mir und Gracen in der Luft liegen, und die Nervosität der Mutter hat sicher Auswirkungen auf das Kind. Aber das ist nicht mein Problem.

Ich hatte mein Vorhaben in die Tat umgesetzt und Gracen davon abgehalten, Owen Waller zu heiraten. Doch nun habe ich eine Ex-Freundin am Hals, die ich schon vor langer Zeit verlassen habe, sowie eine neue Tochter, die ich offen gesagt nicht wollte.

Mein Leben ist im Eimer.

Seufzend steige ich aus dem Wagen und stecke den Schlüssel in meine Tasche. Mit schweren Schritten gehe ich die drei Stufen zum Hintereingang hinauf. In Erwartung einer möglichen Konfrontation mit Gracen bin ich ganz angespannt. Und bei dem Gedanken, mich mit einem Kind auseinandersetzen zu müssen, das zwar genauso aussieht wie ich, mit dem ich aber nichts gemein habe, dreht sich mir der Magen um.

Herrgott, ich weiß nichts über Kinder.

Rein gar nichts.

Ich öffne leise die Tür und schleiche mich ins Haus und einen kurzen Flur entlang. Statt nach rechts in die Waschküche abzubiegen, wende ich mich nach links und betrete die Küche, die sich zum Wohnbereich hin öffnet. Als ich höre, dass der Fernseher läuft, versteife ich mich noch mehr, denn das bedeutet, dass zumindest Gracen in unmittelbarer Nähe ist und ich ein Gespräch mit ihr kaum vermeiden kann. 

Es ist kurz vor einundzwanzig Uhr, und ich weiß nicht, ob Lilly noch wach ist. Ich habe keine Ahnung, wann Kleinkinder ins Bett gehen. Während der vergangenen Woche bin ich immer erst spät nach Hause gekommen, und die Kleine hat zu der Zeit bereits geschlafen, sodass ich mich nicht mit ihr beschäftigen musste.

Wohlgemerkt soll das nicht heißen, dass ich sie nicht kennenlernen will. Aber ich weiß einfach nicht, wie ich diese ganze verdammte Sache handhaben soll.

In der Küche ist es dunkel, doch der Schein des Fernsehers im Wohnzimmer spendet gerade genügend Licht, dass ich mich an der Anrichte entlangtasten kann. Schon glaube ich, ich könnte es unbemerkt an der Couch vorbei schaffen, da setzt Gracen sich auf. Offenbar hat sie geschlafen, denn ihre Lider sind noch immer halb geschlossen.

Sie steht auf und reibt sich mit den Händen übers Gesicht, bevor sie mich ansieht. „Wir müssen reden.“

„Ich bin müde“, sage ich und gehe weiter in Richtung meines Schlafzimmers. Gracen und Lilly habe ich im ersten Stock in den Gästezimmern untergebracht.

„Nein, sofort“, erwidert sie beharrlich, geht um die Couch herum und kommt auf mich zu. Sie schaltet eine Stehlampe ein und blinzelt, als das Licht sie blendet.

„Morgen“, murmele ich und setze mich wieder in Bewegung.

„Wir reisen morgen ab“, verkündet Gracen in einem unnachgiebigen Ton. „Wenn du also hören willst, was ich zu sagen habe, dann solltest du hierbleiben. Morgen ist es zu spät.“

Augenblicklich halte ich inne und drehe mich langsam zu ihr um. „Ihr reist auf keinen Fall ab.“

„Doch, das werden wir“, entgegnet sie wütend. „Lilly und ich sind hier im Grunde Gefangene. Du hast von uns verlangt, mit dir hierherzukommen, und gedroht, sie mir wegzunehmen. Und dann ignorierst du uns eine Woche lang. Wir kennen hier niemanden, und ich habe keine Ahnung, ob ich mir einen Job suchen soll oder nicht. Viel wichtiger ist jedoch, dass Lilly überhaupt nicht weiß, wer du bist und welche Rolle du in ihrem Leben spielst. Daher ist es besser, wir gehen, auch wenn ich dadurch riskiere, deinen Zorn auf mich zu ziehen.“

Ihre Worte verpassen meiner Wut sofort einen Dämpfer. „Was hast du ihr über mich erzählt?“

„Nichts“, antwortet sie müde und steckt die Hände in die Hosentaschen. Gracen sah schon immer umwerfend in Jeans aus, und das hat sich im Laufe der Jahre nicht geändert. Auch heute ist sie noch die schönste Frau, der ich je begegnet bin, und zum Teil mag das daran liegen, dass sie mein Kind zur Welt gebracht hat.

Verdammt, das ist verwirrend.

„Sie denkt, dass du nur ein Freund ihrer Mama bist“, fügt sie leise hinzu. Ihre Worte versetzen mir einen schmerzhaften Stich im Herzen. Es ist mir ein Rätsel, warum ich geglaubt habe, Gracen würde Lilly darüber aufklären, dass sie einen Vater hat, der jedoch vor ihr verheimlicht wurde. Aber ich habe wohl erwartet, dass sie das alles regelt. Ich weiß einfach nicht, was ich einem Kleinkind, das ich kaum kenne, sagen soll.

„Sie muss es erfahren“, erkläre ich mit emotionsgeladener Stimme.

„Das ist richtig“, murmelt Gracen. „Aber wir müssen die Sache mit Bedacht angehen und es ihr gemeinsam sagen. Außerdem werde ich es ihr nur erzählen, wenn du aufhörst, ihr aus dem Weg zu gehen, und an ihrem Leben teilhaben willst. Sie wäre am Boden zerstört, falls du nicht an ihr interessiert wärst, und ich will ihr nicht das Herz brechen. Du bist ein Arschloch, Marek. Das warst du schon, als du mich vor vier Jahren verlassen hast, weil du Angst hattest, ich könnte deiner tollen Profikarriere im Wege stehen. Aber mit deiner Tochter kannst du so nicht umgehen. Das werde ich auf keinen Fall zulassen. Ich werde alles tun, um sie zu beschützen.“

„Herrgott“, murmele ich und fahre mir frustriert mit einer Hand durchs Haar. „Ich brauche ein Bier. Willst du auch eins?“

Gracen schüttelt den Kopf, folgt mir aber in die Küche. Ich schalte das Deckenlicht ein und hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Gracen setzt sich auf einen der Hocker am anderen Ende der L-förmigen Kücheninsel. Sie sieht erschöpft und mitgenommen aus, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen.

Ich bin wirklich ein Mistkerl, denn bei dem Anblick empfinde ich eine gewisse Genugtuung. Tatsächlich genieße ich ihr Unbehagen, seit ich herausgefunden habe, dass Gracen mir meine Tochter vorenthalten hat.

Nein, das stimmt nicht ganz.

Um ehrlich zu sein fühle ich so, seit ich von Gracens Hochzeit erfahren habe. Die Nachricht traf mich hart, und ich fühlte mich, als hätte mich jemand so heftig gecheckt, dass ich mit dem Gesicht voran auf dem Eis landete. Nachdem ich Gracen verlassen hatte, dachte ich mitunter wochenlang nicht an sie, zumindest nicht häufig. Es gelang mir, die Erinnerung an sie zu verdrängen, wenn ich mich mit anderen Frauen vergnügte.

Aber ich hätte niemals zugelassen, dass sie Owen heiratet. Der Kerl hätte ihren Geist zermürbt. Allein der Gedanke war unerträglich. Ich hatte sie zwar verlassen, doch ich wusste immer, dass ich wahrscheinlich nie wieder eine so wunderbare Frau finden würde. Damals musste ich gehen und habe meine Entscheidung nicht wirklich bereut. Natürlich bedauerte ich den Verlust, doch ich habe mir selbst nicht erlaubt, Reue zu empfinden.

Gracen ist drei Jahre jünger als ich und machte zu jener Zeit gerade ihren Abschluss am College, um Krankenschwester zu werden. Ich wusste, dass sie die Ausbildung abgebrochen hätte, wenn sie mich begleitet hätte.

Heute weiß ich, dass sie das College und dann die Schwesternschule abgeschlossen hat, während sie schwanger war und völlig auf sich allein gestellt ein Kind großgezogen hat. Kein Wunder, dass sie sich an Owen geklammert hat. Er hätte ihr sicher einen angenehmen Lebensstil geboten.

Gracen bleibt in einiger Entfernung am anderen Ende der Kücheninsel sitzen, faltet die Hände vor sich und beobachtet mich argwöhnisch. Seit ich sie hierhergebracht habe, ist dies die erste längere Unterhaltung zwischen uns.

Ich nehme einen Schluck aus meiner Flasche und lehne mich gegen den Kühlschrank, während in mir ein Krieg tobt. Einerseits bin ich wütend auf Gracen, aber andererseits will ich meine Tochter kennenlernen.

„Sie muss wissen, dass ich ihr Vater bin“, sage ich schließlich.

„Wirst du ihr denn ein Vater sein?“, fragt Gracen.

Die Frage ist berechtigt, aber sie ärgert mich dennoch. „Ich wäre ihr schon nach ihrer Geburt vor drei Jahren ein Vater gewesen, wenn du mir verdammt noch mal von ihr erzählt hättest“, entgegne ich.

Gracen stößt einen Seufzer aus und erhebt sich von ihrem Hocker. „Ich kann das nicht, Marek. Du bist derjenige, der mich zurückgelassen hat. Du hast mich verlassen, weil dir die Verantwortung für eine Beziehung zu groß war, während du dich auf deine Karriere konzentrieren wolltest.“

„Verdammt noch mal, Gracen“, knurre ich, stürme zur Kücheninsel und knalle meine Flasche so heftig auf die Arbeitsplatte, dass Schaum herausschießt. „Ich wollte nichts weiter als ein wenig Freiheit. Ich war jung und konnte es kaum erwarten, Profispieler zu werden. Aber ich hätte mich nie von dir abgewandt, wenn ich gewusst hätte, dass du schwanger bist.“

„Ach wirklich?“, blafft sie und schlägt mit den Händen einen halben Meter vor mir auf die Arbeitsplatte. „Und woher hätte ich das wissen sollen? Ich war vor Angst wie erstarrt, weil ich schwanger und völlig allein war, denn der Mann, den ich liebte und dem ich vertraute, hatte mich abserviert, weil ihm seine Karriere wichtiger war.“

„Es spielt keine Rolle, was ich getan habe“, sage ich leise, während ich vor Wut bebe. „Ich hatte ein Recht darauf, zu wissen, dass ich ein Kind habe. Du hast mir drei Jahre mit meiner Tochter genommen, und nichts, was ich dir angetan habe, kann das rechtfertigen. Das kannst du nie wiedergutmachen.“

Gracen sackt sichtlich in sich zusammen und starrt mich ausdruckslos an. So egoistisch sie in meinen Augen auch gewesen sein mag, weil sie mir Lilly vorenthalten hat, mir wird plötzlich klar, dass meine Wut im Vergleich zu ihren Schuldgefühlen verblasst.

Sie hebt eine zitternde Hand und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihr Blick fällt auf meine Bierflasche, als sie mit angespannter Stimme sagt: „Äh … ich bin … ziemlich müde. Ich habe letzte Nacht nicht gut geschlafen und werde mich jetzt aufs Ohr hauen. Wir können morgen früh darüber reden.“

Schuldgefühle und Bestürzung durchströmen mich, aber ich schiebe die Emotionen beiseite. „Ihr dürft nicht gehen, Gracen. Was auch immer du vorhattest, lass es. Ich möchte Zeit mit Lilly verbringen, und das bedeutet, dass sie hierbleibt.“

Gracen blickt mit einem emotionslosen Ausdruck in den Augen zu mir auf. Schließlich nickt sie kaum merklich und wendet sich ab. Mit hängenden Schultern und schweren Schritten geht sie die hintere Treppe in den ersten Stock hinauf.

Als sie außer Sichtweite ist, nehme ich meine Bierflasche und schütte den Rest in den Abfluss. Ich bin erschöpft und kann es kaum erwarten, die Augen zu schließen und die Welt für eine Weile auszublenden.

Und morgen werde ich Vater.