Gracen
Hitze.
Mein ganzer Körper wird von Hitze durchflutet, als Mareks Mund auf meinen trifft.
Ich habe diesen Mann schon tausendmal geküsst. Man sollte meinen, dass seine Liebkosung vertraute Gefühle in mir auslöst.
Aber dieser Kuss ist anders und mit nichts zu vergleichen, was ich mit Marek je erlebt habe.
Lust und Verlangen durchströmen mich. Auch ein Anflug von Angst schwingt darin mit, denn ich kann deutlich spüren, dass er nach wie vor wütend auf mich ist.
Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, dass sein Kuss von Hass erfüllt ist, doch er verschlingt mich auf so brutale Art, dass er meine Lippen verletzt.
Ich kenne diesen Mann nur allzu gut und weiß, dass er sich auch über sich selbst ärgert, weil er diesem Verlangen nachgegeben hat. Gute und schlechte Emotionen vermengen sich miteinander, und ich lasse sie alle auf mich einprasseln.
Zögerlich lege ich meine Hände auf seine Schultern und neige den Kopf zur Seite, damit er den Kuss vertiefen kann. Er stöhnt und akzeptiert meine Kapitulation. Es ist ein animalischer, dominanter Laut, dem er Nachdruck verleiht, indem er besitzergreifend meine Hüften packt und mich rückwärts gegen die Wohnzimmerwand schiebt.
Ich denke nicht eine Sekunde lang daran, ihm Einhalt zu gebieten. Für Marek mag der Kuss Mittel zum Zweck sein, um seinem Ärger Luft zu machen, doch ich küsse ihn aus einem ganz anderen Grund.
Ich habe nie aufgehört, ihn zu lieben. Selbst als er mir das Herz gebrochen und mich am Boden zerstört und völlig allein zurückgelassen hat, habe ich zu keiner Zeit vergessen, was wir einst hatten. Das wäre gar nicht möglich gewesen, vor allem nicht nach Lillys Geburt. Damals wurde mir klar, dass dieses wundervolle Geschöpf zur Hälfte Mareks Verdienst ist. Und obwohl er sich für ein Leben ohne mich entschieden hat, habe ich mein Herz nie vor ihm abgeschottet. Denn abgesehen von der Tatsache, dass er eine selbstsüchtige Entscheidung getroffen hat, war er das Beste, was mir je widerfahren ist. Er war die große Liebe, die einem nur ein Mal im Leben begegnet.
Irgendwann habe ich mich damit abgefunden, dass Liebe vergänglich ist und mir vielleicht lediglich zuteilwurde, um mir Lilly zu schenken. Aber sie war echt und so ganz und gar mein, dass ich nicht von ihr ablassen konnte, selbst dann nicht, als er mir den Rücken zukehrte.
„Mein Gott, das ist verrückt“, presst Marek an meinen Lippen hervor, doch sofort schiebt er mir wieder seine Zunge in den Mund. Er presst seine Hüften an mich und ich kann seine Erektion an meinem Bauch spüren.
Ein pochender Schmerz wallt in meinem Unterleib auf und ich packe mit beiden Händen seinen Hintern, um ihn näher an mich zu ziehen. Offenbar findet er Gefallen daran, denn er beugt leicht die Knie und reibt seinen Schwanz an meinem Venushügel.
Ich habe Sterne vor Augen und stöhne vor Verlangen. Dieser Mann hat mich verlassen und sollte mir nichts bedeuten, doch plötzlich scheint der Kummer vergessen. Denn sein Kuss ist magisch und erinnert mich an all die wunderbaren Dinge, die er damals mit mir angestellt hat. Ich bin beschämt, weil ich ihn viel zu sehr will, um ihn von mir zu stoßen.
„Gott, du schmeckst gut“, murmelt Marek an meinen Lippen und presst seine Stirn an meine. Seine Worte lassen mein Herz höherschlagen, doch dann zieht er sich zurück und durchbohrt mich mit einem eindringlichen Blick. „Trotzdem kann ich den Betrug noch auf deiner Zunge schmecken.“
„Marek … tu das nicht“, beschwöre ich ihn. Ich hebe meine Hände, um seine Wangen zu umfassen, doch er zuckt zusammen und weicht zurück.
„Es tut mir leid, Gracen“, sagt er mit gedämpfter Stimme, in der Verwirrung mitschwingt. „Ich will dir vergeben, ich bemühe mich wirklich. Aber ich bin nach wie vor so verdammt wütend, und ich …“
In diesem Moment bricht etwas in meinem Inneren. Ja, ich liebe diesen Mann immer noch und werde es bis in alle Ewigkeit tun, schon allein, weil er Lillys Vater ist. Doch ich habe genug.
„Ich werde es dir nur noch ein Mal sagen, Marek“, beginne ich mit sanfter Stimme, in die ich mein Mitgefühl einfließen lasse. Ich hoffe, er kann hören, dass ich nach wie vor verstehe, wie verletzt er ist. „Es tut mir leid. Ich habe einen Fehler gemacht, als ich dir Lilly vorenthalten habe.“
Marek presst die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen. Ein eisiger Ausdruck tritt in seine Augen, und ein Muskel in seinem Kiefer beginnt, zu zucken.
„Es tut mir von ganzem Herzen leid. Obwohl du mich verlassen hast, hätte ich es dir sagen sollen. Es war grausam und egoistisch von mir, und ich kann dir die Jahre, die du verloren hast, niemals zurückgeben. Es tut mir leid.“
Seine Miene bleibt hart, doch zumindest hört er mir immer noch zu.
„Aber ich habe genug von deinem Verhalten“, fahre ich fort und straffe die Schultern. „Ich will mich nicht ständig bei dir entschuldigen müssen, also habe ich es gerade eben zum letzten Mal getan. Irgendwie musst du darüber hinwegkommen, damit wir Lilly in Zukunft gute Eltern sein können. Das ist das Wichtigste.“
Er starrt mich einen Moment lang an, dann nickt er mir kurz zu. Ich erwidere die Geste und wende mich der Treppe zu. Doch bevor ich gehe, habe ich ihm noch etwas zu sagen.
„Ich hatte heute Morgen ein Vorstellungsgespräch im Krankenhaus“, bemerke ich leise. „Sie waren mit meinen Referenzen zufrieden und haben mich heute Nachmittag angerufen, um mir die Stelle anzubieten. Ich weiß, dass ich das wahrscheinlich Josie zu verdanken habe, weil sie ein gutes Wort für mich eingelegt hat, aber … Wie dem auch sei, ich fange in zwei Tagen an.“
„Herzlichen Glückwunsch“, sagt er ausdruckslos.
„Ich werde auf Wohnungssuche gehen.“ Noch hatte ich mich nicht entschieden, ob ich hierbleiben soll oder nicht. Bis er sich gerade eben von mir zurückgezogen hat, um mir zu erklären, wie wütend er immer noch ist.
Es ist besser, wenn ich ausziehe.
Josies Idee, mietfrei bei Marek zu wohnen, hat durchaus etwas für sich, weil ich dann die Hypothek meiner Eltern abbezahlen könnte. Aber ich bringe es nicht über mich. Ich könnte es nicht ertragen, Marek jeden Tag zu sehen, solange mein Herz so sehr an ihm hängt. Ich habe lange gebraucht, um über unsere Trennung hinwegzukommen, und ich möchte nicht noch einmal verletzt werden. Finanziell gesehen ist es nicht die beste Entscheidung, doch ich habe etwas Geld zurückgelegt. Genug, um die Kaution und die erste Monatsmiete für eine Wohnung bezahlen zu können.
Als ich den Job im Krankenhaus angenommen habe, schloss ich Owen aus meinem Leben aus, denn so konnte ich sicher sein, dass ich nicht zu ihm zurückkehren muss. Ich werde zwar immer noch einen Weg finden müssen, um meinen Eltern zu helfen, aber mir wird etwas einfallen.
Und indem ich dieses Haus verlasse, ziehe ich auch für Marek eine klare Grenze.
„Du musst nicht nach einer Wohnung suchen“, sagt er, und seine Stimme klingt schon ein wenig sanfter. Vielleicht will er mich damit zum Bleiben bewegen.
Ich schüttle den Kopf. „Doch, das muss ich. Aber du kannst Lilly sehen, wann immer du willst. Ihr habt eine Menge nachzuholen.“
Ich gehe zur Treppe und wappne mich für die Worte, die er mir noch nachschleudern könnte. Viel zu oft habe ich mich von seinen Bemerkungen niederdrücken lassen. Aber er schweigt, während ich die Treppe hinaufeile, kurz nach Lilly sehe und mich dann in meinem Schlafzimmer einschließe.
Als Marek mich geküsst hat, hat mir das Herz bis zum Hals geschlagen, doch mittlerweile hat sich mein Puls wieder normalisiert.
Für das, was ich als Nächstes tun muss, ist das nur von Vorteil.
Ich lege mich aufs Bett, lehne mich an die Kissen und stelle die Füße auf der Matratze auf. Während ich die Kontakte in meinem Handy aufrufe, atme ich tief durch. Dann wähle ich Owens Nummer und warte.
Am liebsten würde ich ihm einfach eine Nachricht schreiben, um seine Wut nicht spüren zu müssen. Doch das würde nur eine langwierige Angelegenheit werden. Ich habe mich endgültig entschieden und bin unendlich erleichtert, dass ich endlich den Mut habe, die größte Dummheit meines Lebens hinter mir zu lassen. Niemals hätte ich seinen Antrag annehmen dürfen. Möglicherweise bringe ich nun die nötige Kraft auf, weil uns achthundert Kilometer voneinander trennen, aber ich werde mich dem Problem meiner Eltern stellen und es auf andere Weise lösen. Ich hoffe, dass ich eine Wohnung finden kann, die einigermaßen erschwinglich ist, und dass die Bank ein Einsehen hat und mich die Hypothek nach und nach abbezahlen lässt.
Ich warte, während es klingelt. Mit jedem Ton rückt eine Auseinandersetzung mit Owen näher und meine Handflächen schwitzen etwas mehr.
Beim vierten Klingeln springt seine Mailbox an, und ich atme erleichtert auf. Offenbar war ich nicht ganz so mutig, wie ich geglaubt habe.
„Owen Waller. Hinterlassen Sie eine Nachricht und ich rufe so bald wie möglich zurück“, höre ich seine arrogante Stimme.
Als der Piepton ertönt, zucke ich vor Schreck zusammen. Für einen kurzen Moment bekomme ich keinen Ton heraus. Dann atme ich tief durch und hinterlasse eine Nachricht: „Ich bin es. Ich hatte gehofft, mit dir sprechen zu können, aber nun muss ich es leider auf diesem Wege tun. Ich kann dich nicht heiraten, Owen, und habe beschlossen, hierzubleiben. Es tut mir leid, wenn ich dir wehgetan habe.“
Die letzten Worte presse ich nur mit Mühe hervor und lege schnell auf, ohne mich zu verabschieden.
Es tut mir leid, dass ich dir wehgetan habe.
Ich habe ihm sicher nicht wehgetan. Wahrscheinlich wird er eher in Rage geraten, und ich habe nicht einmal vier Wochen Zeit, bis die nächste Zahlung für die Hypothek fällig wird.
Ohne nachzudenken wähle ich die Nummer meiner Mutter. Ich sehne mich danach, ihre Stimme zu hören. Gerade erst heute Nachmittag habe ich mit ihr telefoniert, um ihr von dem Jobangebot zu erzählen. Während ich noch mit mir haderte, war sie sich ihrer Sache absolut sicher.
„Nimm den Job an“, sagte sie mit eindringlichem Tonfall, obwohl meine Eltern Lilly und mich schmerzlich vermissen. „Du solltest dort ein neues Leben für euch aufbauen.“
„Aber du und Dad“, krächzte ich in den Hörer, weil meine Kehle sich sowohl vor Rührung als auch vor Sorge zuschnürte.
„Wir kommen euch bald besuchen, versprochen.“
Wir verloren kein Wort über die Hypothek, denn wir reden nie darüber. Meine Eltern haben keine Ahnung, dass ich das ganze Ausmaß ihrer finanziellen Probleme kenne. Ich habe alles von Owen erfahren. Da sie liebende Eltern sind und mich beschützen wollen, verheimlichen sie ihre Notlage vor mir.
Aus diesem Grund habe ich keine Skrupel, hinter ihrem Rücken zur Bank zu gehen, um einen Zahlungsplan auszuarbeiten. Ich kann ihnen später noch davon erzählen.
Meine Mutter meldet sich mit gedämpfter Stimme. Offenbar schläft mein Vater bereits. „Hallo, Schatz, was ist los?“
Ich komme gleich zur Sache. „Ich habe Owen gerade auf die Mailbox gesprochen und ihm mitgeteilt, dass ich ihn nicht heiraten kann. Ich werde das Jobangebot annehmen.“
Eigentlich erhebt sie ihre Stimme nie, doch nun ist sie kraftvoll und voller Dankbarkeit. Mehr als alles andere hat sie sich gewünscht, dass ich mich von Owen trenne. Sie hat nicht verstanden, warum ich zugestimmt habe, ihn zu heiraten – denn ich habe ihr nie erzählt, dass ich sie dadurch aus ihrer finanziellen Not befreien wollte. Aber sie weiß, dass ich ihn nicht aus Liebe geheiratet hätte. „Ich bin froh, Gracen. Das ist auf jeden Fall die richtige Entscheidung für dich und Lilly.“
„Wann kommt ihr uns besuchen?“, frage ich fast verzweifelt. Ich bin tatsächlich einsam.
„Bald“, verspricht sie. „Dein Vater hat nächste Woche ein Vorstellungsgespräch, danach werden wir uns überlegen, wann wir uns auf den Weg machen.“
„Ich habe etwas Geld, ich zahle für den Flug“, sage ich, wohl wissend, dass das meine Ersparnisse stark schmälern wird. „Lilly vermisst euch so sehr.“
Meine Mutter lacht leise. „Du wirst nichts dergleichen tun. Dein Vater und ich sind durchaus in der Lage, uns zwei Flugtickets zu kaufen. Vielleicht lassen wir uns Zeit und fahren mit dem Wagen.“
Mir war gar nicht aufgefallen, wie eng meine Brust zugeschnürt war. Aber als meine Mutter verspricht, uns zu besuchen, atme ich plötzlich wieder etwas leichter und kann diesen emotionalen Abend endlich ausklingen lassen.
„Hast du dir schon überlegt, was du mit Lilly machst, wenn du arbeiten gehst?“, fragt meine Mutter. Ich stelle mir vor, wie sie sich tiefer in die Kissen kuschelt, während wir noch eine Weile plaudern.
Nach einer Stunde beenden wir das Gespräch, und ich bin tatsächlich mal zufrieden damit, wie mein Leben momentan verläuft.