Kapitel 12

 

Gracen

 

Mein Handy gibt einen Piepton von sich, und ich nehme es von meiner Kommode, um einen kurzen Blick auf das Display zu werfen. Sofort dreht sich mir der Magen um und meine Hände beginnen zu schwitzen. Eine weitere Nachricht von Owen.

Ruf mich an. Wir müssen reden.

Im Gegensatz zu den anderen ist diese Nachricht noch harmlos. Seit ich vor zwei Tagen die Hochzeit abgesagt habe, habe ich mehrere Nachrichten von ihm erhalten, in denen er mich entweder angefleht oder mir regelrecht gedroht hat. Ich weiß, dass es feige ist, ihm nicht zu antworten, aber ich kann mich nicht dazu durchringen, mit ihm zu sprechen. Vielleicht gibt er irgendwann einfach auf und lässt mich in Ruhe. Was die Hypothek angeht, so habe ich dem Filialleiter der Bank eine E-Mail geschickt und mich erkundigt, ob ich die Schulden in monatlichen Raten abbezahlen kann. Da Owen nicht direkt für die Darlehensabteilung zuständig ist, hoffe ich, dass ich dieses Chaos ohne sein Wissen aus der Welt schaffen kann.

Die Türklingel ertönt, und ich breche erneut in Schweiß aus. Das müssen Mareks Eltern Gale und Joan sein. Sie haben darauf bestanden, sich am Flughafen einen Wagen zu mieten, da sie während ihres Besuchs mobil sein wollen. Vor einer Weile ist Marek mit Lilly losgezogen, um Bagels zu kaufen, doch sie sind noch nicht zurück. Mir ist klar, dass er sich absichtlich fernhält, damit ich mich in Ruhe mit seinen Eltern unterhalten kann, bevor sie Lilly kennenlernen. Ich fürchte mich zwar vor dem Treffen, aber ich habe es verdient, wenn sie mich hassen.

Ich stecke mein Handy in die Gesäßtasche und eile die Treppe hinunter. Wie vor zwei Wochen, als ich Marek nach Jahren zum ersten Mal wiedergesehen habe, schnürt sich mir jetzt die Kehle zu. Ich habe seine Eltern von ganzem Herzen geliebt und sie mich auch. Aber nachdem Marek sich von mir getrennt hatte, brachte ich es einfach nicht über mich, ihnen gegenüberzutreten. Also brach ich den Kontakt zu ihnen ab. Die Stadt, in der wir lebten, war groß genug, um sich nicht über den Weg laufen zu müssen.

Am Fuß der Treppe biege ich nach links ab und mir stockt der Atem. Durch die Glasscheiben in der dunkel gebeizten Holztür kann ich die beiden auf der anderen Seite stehen sehen. Gale hat dieselbe große und muskulöse Statur wie Marek, und Joan besticht durch ihr lockiges, dunkles Haar und ihre kristallblauen Augen. Durch die Scheibe begegnen sie meinem Blick. Ich atme tief durch und öffne die Tür

Für einen Augenblick starren wir einander nur an. Dann tritt Joan durch die Tür und schließt mich in ihre Arme. Ich bin so überrascht, dass ich im ersten Moment wie erstarrt dastehe. Mein Blick fällt auf Gale, der mich mit verständiger Miene betrachtet, als er ins Haus kommt.

Schließlich erwidere ich Joans Umarmung und drücke sie fest an mich. „Es tut mir so leid“, murmle ich.

„Nicht doch“, erwidert sie. Sie zieht den Kopf zurück und umfasst mein Gesicht mit beiden Händen. „Du musst dich nicht entschuldigen.“

Ich schüttle den Kopf. „Aber es war falsch von mir. Ich habe euch beiden und Marek so viel vorenthalten.“

„Hast du es aus Bosheit getan?“, fragt Joan, während ihre warmen Handflächen an meinen Wangen mir ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

„Nein.“

„Bereust du es?“

„Mehr, als du dir vorstellen kannst“, versichere ich ihr mit zitternder Stimme.

Sie durchbohrt mich förmlich mit ihren blauen Augen, in denen sich ein so sanfter Ausdruck spiegelt, dass ich mich ein wenig entspanne. „Ich bin sicher, du hattest deine Gründe, Gracen, und wir werden nicht so tun, als könnten wir sie verstehen. Aber ich kenne dich, mein liebes Mädchen. Du würdest Marek, Gale oder mich niemals absichtlich verletzen. Und auf keinen Fall würdest du deiner Tochter wehtun wollen. Daher schlage ich vor, dass wir einen Neuanfang wagen und die Vergangenheit ruhen lassen. Wie wäre das?“

Das wäre wunderbar. Ich habe jedoch einen Kloß im Hals und bringe keinen Ton heraus, also nicke ich nur.

„Sehr gut“, sagt sie fröhlich und tritt einen Schritt zurück.

Ich wende mich Gale zu, der sofort die Arme ausbreitet. Gerade von ihm habe ich erwartet, dass er wütend auf mich sein würde. Marek hat zwar das Aussehen seiner Mutter, aber das feurige litauische Temperament seines Vaters geerbt.

Stattdessen schließt Gale mich in seine Arme und murmelt mit rauer Stimme: „Schön, dich zu sehen, Gracen.“

Ich kann nur beifällig nicken, denn mir hat es erneut die Sprache verschlagen.

Er zieht sich zurück und blickt sich erwartungsvoll um. „Wo sind Marek und Lilly?“

„Marek wollte uns wohl etwas Zeit geben, damit wir uns in Ruhe unterhalten können. Er ist mit ihr losgezogen, um Bagels zu holen.“

„Das ist sehr aufmerksam von ihm“, bemerkt Joan beschwingt, als Gale die Tür hinter ihnen schließt. „Aber es wäre nicht nötig gewesen, da wir dieses Thema nun abhaken können, nicht wahr?“

„Richtig“, stimme ich zu und verziehe die Lippen zu einem Lächeln. Trotz dieses emotionalen und etwas unangenehmen Wiedersehens vermag Joan es, mir mit ihrer unbeschwerten Art die Befangenheit zu nehmen. Dafür liebe ich sie noch ein wenig mehr.

„Ich koche uns einen Kaffee.“ Mit diesen Worten gehe ich in die Küche, und Gale und Joan folgen mir. „Marek wird sicher bald zurück sein.“

Kaum haben wir die Küche betreten, kommen Marek und Lilly den Flur entlang, der zur Garage führt. Er hat eine große Tüte mit Bagels in der Hand, während Lilly eine Packung Apfelsaft trägt.

Gestern Abend haben wir Lilly erklärt, dass Joan und Gale uns heute besuchen würden. Sie weiß, dass die beiden Mareks Eltern sind, und scheint zu verstehen, dass es außer den Großeltern, die sie seit ihrer Geburt kennt, noch weitere gibt. Ich verspürte einen Stich in meinem bereits schmerzenden Herzen, als sie fragte, ob meine Eltern ebenfalls kommen würden. Sobald ich verneinte, stiegen ihr Tränen in die Augen. Ich zog sie auf meinen Schoß und hielt sie fest, während sie mir erzählte, dass sie ihre Mimi und ihren G-Pa vermisse.

Ich kann hören, wie Joan hinter mir nach Luft schnappt. Zweifellos hat sie gerade Lilly erblickt und festgestellt, wie sehr sie Marek und ihr selbst ähnelt. Ich trete zur Seite, um Joan und Gale Platz zu machen, während Marek seine Hände auf Lillys Schultern legt und sie beruhigend drückt.

„Lilly, Schatz“, sage ich, als sie Joan und Gale ein verlegenes Lächeln schenkt. „Das sind Mareks Eltern, von denen wir dir erzählt haben. Sie sind deine Großmutter Joan und dein Großvater Gale.“

Sie sieht mich fragend an. „Sie heißen nicht Mimi und G-Pa?“

Marek lacht leise und geht neben Lilly in die Hocke, woraufhin sie sich ihm zuwendet. „Du kannst sie nennen, wie du willst. Vielleicht haben sie sogar einen Vorschlag.“

Wie in Trance stakst Joan auf Lilly zu. Ihr erstes Enkelkind. Möglicherweise das einzige, das sie je haben wird, wer weiß? Sie geht ebenfalls in die Hocke, greift in ihre Handtasche und zieht einen winzigen Plüschbären heraus. „Hallo, Lilly. Ich bin deine Großmutter Joan und freue mich sehr, dich kennenzulernen.“

Lilly nimmt den Bären entgegen und lächelt etwas breiter.

Gale beugt sich vor, bis er auf Augenhöhe mit seiner Enkelin ist. „Hallo, Lilly. Du bist aber ein süßes Mädchen.“

Lilly kichert, und ich schlage mir eine Hand vor den Mund, um ein verzücktes Lachen zu unterdrücken. Es ist bezaubernd, zu sehen, wie sehr Mareks Eltern sich freuen.

„Ich habe eine Idee für einen Namen“, fährt er fort. „Was hältst du davon, uns Grammie und Pop-Pop zu nennen?“

Lilly betrachtet ihn unsicher.

Gale deutet auf Joan. „Sie ist Grammie.“

„Und er ist Pop-Pop“, wirft Joan ein und zeigt mit dem Daumen auf ihren Mann.

„In Ordnung“, stimmt Lilly mit einem schüchternen Lächeln zu. Offenbar ist sie sich noch nicht ganz sicher, was das alles zu bedeuten hat. Wahrscheinlich wird sie die Kosenamen wieder vergessen und muss anfangs häufiger daran erinnert werden, aber ich denke, dass dies der Beginn einer wundervollen Beziehung ist.

Marek steht auf, woraufhin ich ihm die Tüte aus der Hand nehme und um die Kücheninsel herumgehe, um ihnen etwas Zeit mit Lilly zu geben. Marek führt sie alle ins Wohnzimmer, während ich die Bagels schneide und Kaffee koche. Ich lächle in mich hinein, als Lilly eines ihrer Puzzles hervorholt und sich mit ihren Großeltern an den Couchtisch setzt.

Marek macht es sich auf dem Sofa bequem und betrachtet die drei. Ich bemerke seinen glücklichen Gesichtsausdruck und mir zieht sich der Magen zusammen, weil ich daran denke, wie viel sie alle verpasst haben.

Zumindest habe ich es wiedergutgemacht. Ich hoffe, dass Marek eines Tages die Vergangenheit hinter sich lassen kann, so wie es Joan und Gale zu tun scheinen.

Ich schneide gerade einen Bagel auf, als Mareks Blick von Lilly zu mir wandert. Er schenkt mir ein aufrichtiges Lächeln und zwinkert mir zu.

Vor Schreck schneide ich durch den Bagel hindurch direkt in meinen Zeigefinger.

„Scheiße“, rufe ich viel zu laut. Ein Blutstropfen fällt auf den Bagel und ich lasse das Messer auf die Theke fallen.

„Mommy, das ist ein böses Wort“, tadelt Lilly mich.

Verdammt, das tut weh. Ich gehe zum Spülbecken und höre, wie Marek zu Lilly sagt: „Nein, das ist ein Wort für Erwachsene, schon vergessen, Lilly?“

Ich verziehe das Gesicht, als das Blut in die Spüle tropft, während ich zugleich amüsiert in mich hineinlächle. Offenbar hat sie das Wort aus seinem Mund vernommen, doch er hat ihr erklärt, dass es nur Erwachsenen erlaubt ist, es auszusprechen. Meiner Meinung nach ist das ziemlich schlau, denn sie wird es zweifellos nicht das letzte Mal von uns gehört haben. Ich bemühe mich stets, nicht in Lillys Gegenwart zu fluchen, aber hin und wieder machen Emotionen, Schmerz und Blut auch die besten Absichten zunichte.

Ich drehe das kalte Wasser auf, halte meinen Finger unter den Strahl und versuche, festzustellen, wie tief der Schnitt ist.

„Lass mich mal sehen“, höre ich Marek hinter mir sagen.

Ich zucke zusammen, als ich bemerke, wie nahe er mir ist. Vor allem erstaunt mich jedoch sein besorgter Tonfall.

Er sorgt sich um mich.

Oder zumindest um meine Schnittwunde.

Er gibt mir nicht einmal Gelegenheit, etwas zu erwidern, sondern packt einfach mein Handgelenk und zieht meine Hand zu sich. Dann beugt er sich vor und inspiziert die Wunde. Für den Moment habe ich die Blutung gestoppt, aber sobald ich darauf drücke, wird es wieder anfangen, zu bluten. Der Schnitt ist nicht sonderlich groß, doch ohne ihn zu untersuchen, kann ich nicht sagen, wie tief er ist.

„Das muss genäht werden“, sagt Marek voller Überzeugung. In seiner Stimme schwingt immer noch aufrichtige Besorgnis mit.

Ich werfe einen Blick auf Lilly, doch sie ist ganz in ihr Puzzle mit ihren Großeltern vertieft. Da ich diejenige mit der medizinischen Ausbildung bin, ziehe ich mit der anderen Hand die Wunde auseinander und spähe hinein. Sofort quillt Blut hervor und rinnt über meinen Finger.

Marek lässt mein Handgelenk los und tritt einen Schritt zurück. Ich betrachte sein blasses Gesicht und bemühe mich, meine Belustigung zu verbergen.

„Ich hatte ganz vergessen, dass du kein Blut sehen kannst“, murmele ich und halte meinen Finger wieder unter den Wasserstrahl.

„Seit ein paar Jahren ist es etwas besser“, murmelt er.

Ich lache leise und drehe den Hahn ab, bevor ich mir ein Papiertuch schnappe, um meinen Zeigefinger zu verbinden. „Ich muss nicht genäht werden, aber es wäre hilfreich, wenn du mir ein Pflaster geben könntest.“

„Schon unterwegs“, sagt er und geht in sein Schlafzimmer.

Ich werfe den blutigen Bagel in den Müll und übe Druck auf die Wunde aus, während ich Gale und Joan beobachte, wie sie mit Lilly puzzeln. Als Großeltern sind die beiden wahre Naturtalente. Sie hören ihren Geschichten aufmerksam zu, wobei Gale hin und wieder eine alberne Grimasse zieht, um sie zum Kichern zu bringen.

„Okay, gib mir deinen Finger“, fordert Marek mich auf und kommt mit einem Pflaster in der Hand auf mich zu.

Ich ziehe das Papiertuch von meinem Finger und strecke ihn Marek entgegen. Er nimmt meine Hand und streckt die Zunge heraus. Mir fällt ein, dass er diese Angewohnheit schon früher hatte. Ein warmes Gefühl durchströmt mich, als mir klar wird, dass Lilly diese Eigenart von ihrem Vater geerbt hat. Tatsächlich lugt ihre Zunge in diesem Moment zwischen ihren Lippen hervor, während sie versucht, ein Puzzleteil einzupassen.

„Lilly streckt auch die Zunge heraus, wenn sie sich konzentriert, genau wie du“, sage ich leise, als er das Pflaster vorsichtig um meine Fingerkuppe wickelt.

Er begegnet flüchtig meinem Blick. „Ich weiß. Ich habe sie neulich dabei beobachtet.“

„Sie kaut außerdem an ihren Nägeln, so wie du es früher immer getan hast“, füge ich hinzu.

Marek lacht leise. „Diese Marotte habe ich schon vor einer ganzen Weile abgelegt, Gracie.“

„Dann bin ich sicher, dass sie es ebenfalls irgendwann lassen wird“, erwidere ich mit einem leisen Lachen.

Marek starrt mir in die Augen. Für einen Moment sind die Schnittwunde, die schlechten Erinnerungen und die verletzten Gefühle vergessen. Wir sind nur zwei Eltern, die sich mit einem Lächeln über ihr Kind unterhalten.

Marek streichelt mit dem Daumen über meinen Handrücken und mir stockt der Atem. Seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, als er sagt: „Siehst du … schon besser.“

„Danke“, hauche ich. Mehr bringe ich nicht heraus.

Er starrt mich nur an, und ich wage kaum, zu atmen. Schließlich drückt er sanft meine Hand und lässt sie dann los.

Er wendet sich den Bagels zu und sagt: „Ich schneide den Rest auf, wenn du den Kaffee aufsetzt.“

Und einfach so ist der innige Moment vorbei.