Gracen
Ich komme mir vor wie ein Zombie, während ich benommen die Treppe hinunterstapfe. Letzte Nacht konnte ich schwer einschlafen, weil mir der Streit mit Marek immer wieder durch den Kopf gegangen ist. Ich will ihn nicht verlassen, doch ich habe ihm damit gedroht, weil ich gestern keinen anderen Ausweg sah. Die Wunden, die wir uns gegenseitig zugefügt haben, sitzen so tief, dass wir gar nicht anders können, als unser Gift zu verspritzen. Diese Erkenntnis lastete schwer auf mir, und ich habe mich die ganze Nacht unruhig hin und her gewälzt. Und wenn ich zwischendurch doch einnickte, dann schreckte ich jedes Mal aus einem Albtraum auf, an den ich mich jedoch nicht erinnern konnte.
Als ich den Fuß der Treppe erreiche und mich der Küche zuwende, erstarre ich. Marek sitzt an der Kücheninsel und starrt mich an. Vor ihm steht eine Tasse Kaffee, und ich bemerke, dass es im Haus unheimlich still ist.
„Wo ist Lilly?“, frage ich und lasse den Blick durch das leere Wohnzimmer schweifen.
„Ich habe sie heute Morgen zu meinen Eltern gebracht, damit wir in Ruhe miteinander reden können.“ Er lässt seine Worte in der Luft hängen, und mein Magen verkrampft sich.
Ich sollte mich darüber ärgern, dass er eigenmächtig gehandelt hat, aber ich weiß, dass wir uns unterhalten müssen, um herauszufinden, wie es nun weitergehen soll.
Ich gehe an Marek vorbei und bemerke den stumpfen Ausdruck in seinen Augen. Er ist ziemlich blass um die Nase. Gestern Abend habe ich mir das Spiel angesehen und beobachtet, wie miserabel er gespielt hat. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich keinen Zweifel daran hatte, dass unser Streit für seine mangelnde Leistung verantwortlich war. Es war ein weiterer Beweis dafür, dass wir nicht füreinander geschaffen sind.
Marek sagt kein Wort, während ich mir eine Tasse Kaffee zubereite. Ich fürchte mich so sehr vor der Konfrontation mit ihm, dass mir das Herz bis zum Hals schlägt.
„Es tut mir leid, dass Lilly verletzt wurde“, bricht er das Schweigen. Überrascht drehe ich mich zu ihm um. „Ich hätte dich vorher um Erlaubnis bitten sollen. In meinen Augen war nichts Falsches daran, weil ich in ihrem Alter bereits auf dem Eis stand.“
Ich hebe eine Hand, um ihm Einhalt zu gebieten. Gestern Abend habe ich viel über dieses Thema nachgedacht. Und nachdem ich etwas Abstand gewonnen und mich ein wenig beruhigt hatte, wurde mir klar, dass ich überreagiert hatte.
„Ja, ich wünschte, du hättest mich zuerst gefragt, aber um ehrlich zu sein … ist sie nicht zu jung. Ich weiß, dass niemand Schuld hatte außer diese leichtsinnigen Kinder.“
Seine Miene erhellt sich, aus Erleichterung, wie ich annehme. Es ist nicht zu übersehen, wie schuldig er sich gefühlt hat.
Marek starrt mich an und scheint nicht zu wissen, was er als Nächstes sagen soll. Die Stille ist unangenehm, also wende ich mich wieder der Kaffeemaschine zu.
Ich spüre seine Nähe, als er hinter mich tritt, noch bevor er seine Hände auf meine Schultern legt. Er dreht mich zu sich um, und ich muss schlucken, als ich die Angst in seinem Gesicht erkenne. „Ich will nicht, dass du nach New York zurückziehst.“
Ich will genauso wenig nicht dorthin zurückgehen. Aber ich sehe keinen anderen Ausweg.
„Marek“, erwidere ich sanft. „Ich will dir Lilly nicht wegnehmen. Doch ich muss auch an mich denken. Meine Eltern sind mein Rückhalt. Ich vermisse sie, und sie vermissen Lilly. Hier hält mich nichts. Das ist nicht mein Zuhause und wird es nie sein.“
„Es könnte dein Zuhause sein“, bemerkt er.
Ich schüttle den Kopf. „Ich spreche nicht von einem Ort, an dem ich wohnen kann. Ich spreche von einem Heim, in dem ich mich geborgen fühle.“
„Und ich habe nicht unbedingt dieses Haus gemeint, Gracie.“ Er löst seine Hände von meinen Schultern, wendet sich ab und kratzt sich über die Bartstoppeln an seinem Kinn. Dann wendet er sich wieder mir zu, atmet tief durch und sagt: „Ich habe dir gestern Abend ein paar schreckliche Dinge an den Kopf geworfen. Obwohl ich dir versichert habe, dass ich die Vergangenheit hinter mir lassen will, habe ich versucht, dir Schuldgefühle einzureden. Das war falsch, und ich versichere dir, dass ich es nicht so gemeint habe. Ich habe das alles nur gesagt, um dich zu verletzen.“
„Weil ich dich verletzt habe“, beende ich den Gedankengang für ihn und schäme mich, weil ich mich ebenfalls von meiner Wut habe blenden lassen. „Du bist ein wirklich guter Vater, und ich habe es auch nicht so gemeint. Es tut mir leid.“
Marek ist sichtlich erleichtert und zieht mich in seine Arme. „Meine Güte, bin ich froh, dass wir das aus dem Weg geräumt haben. Wir werden es schon schaffen, Gracie. Versprochen.“
Völlig perplex stehe ich nur da und versteife mich. Doch dann stoße ich ihn von mir und schüttle den Kopf. „Aber ich werde trotzdem zurück nach New York ziehen.“
„Wie bitte?“, flüstert er entsetzt.
„Es mag uns leidtun, dass wir uns gegenseitig beschimpft haben, doch das bedeutet nicht, dass dies mein Zuhause werden könnte. Ich … hier hält mich einfach nichts.“
Marek runzelt die Stirn und starrt mich mit einer Mischung aus Wut und Verwirrung an. „Ich bin hier.“
Aber nicht als der Mann, den ich brauche.
„Gracie“, krächzt Marek fast. „Ich liebe dich. Bitte geh nicht.“
Meine Knie werden weich, und seine Worte hallen mir in den Ohren wider. Sie sind zu schön, um wahr zu sein, und ich weigere mich, daran zu glauben. Ich schüttle energisch den Kopf. Er will, dass Lilly hierbleibt, und um das zu erreichen, würde er alles sagen. „Nein. Das meinst du nicht ernst.“
„Doch“, beharrt er und tritt einen Schritt auf mich zu. Ich weiche zurück, bis ich mit dem Rücken an die Anrichte pralle. Noch ein Schritt, und er steht mir direkt gegenüber. Mit beiden Händen umfasst er mein Gesicht und streichelt mit den Daumen über meine Wangen. „Ich liebe dich. Natürlich will ich Lilly nicht verlieren. Aber im Moment geht es um dich und mich. Ich will dich genauso wenig verlieren.“
Ich bin seiner Liebe nicht würdig. „Das ist nicht möglich. Nicht nach allem, was ich dir angetan habe. Es war der ultimative Verrat.“
„Doch, es ist möglich“, knurrt er frustriert. „Es war falsch von mir, dir das gestern Abend vorzuhalten. Ich schwöre dir, Gracie, ich werde mir den Arsch aufreißen, um es nie wieder zu tun. Ich liebe dich und will dich nicht verletzen."
Ich schüttle den Kopf. Ich weigere mich, seinen Worten Glauben zu schenken. „Wir können all die negativen Gefühle zwischen uns nicht einfach überwinden.“
„Du hast deinen Schmerz überwunden, nachdem ich dich verlassen habe“, erwidert er. „Du liebst mich immer noch, obwohl ich dir das Herz gebrochen habe. Warum kann ich dich nicht lieben, obwohl du Lilly vor mir verheimlicht hast?“
Und dann sage ich ihm die ganze Wahrheit. Wenngleich ich behauptet habe, ich wäre es leid, für meine Sünden zu büßen, scheint mich die Schuld bis heute zu belasten. „Was du mir angetan hast, war bei Weitem nicht so schlimm wie das, was ich dir angetan habe. Du hast mich verlassen und mir das Herz gebrochen. Na und? Ich habe deine Tochter von dir ferngehalten. Ich habe sie dir absichtlich vorenthalten, und Gott steh mir bei, Marek, vielleicht habe ich es getan, um dich zu bestrafen. Das ist mehr als verwerflich, und es ist unmöglich, dass du mir das vergeben kannst. Du kannst mich nicht lieben, solange das zwischen uns steht.“
„Blödsinn“, schreit er, lässt seine Hände sinken und tritt einen Schritt zurück. Vor Wut läuft er hochrot an, während sich unzählige Emotionen in seinen Augen widerspiegeln. „Erzähl mir verdammt noch mal nicht, was ich fühlen kann und was nicht. Du bist alles für mich, Gracie. Meine erste Liebe. Meine einzige Liebe. Die Mutter meines Kindes. Vielleicht habe ich etwas länger gebraucht als du, um zu erkennen, was uns verbindet, aber … Ich liebe dich, und ich will, dass du hierbleibst und dir mit mir ein Leben aufbaust.“
Wieder einmal schüttle ich den Kopf. Ich weigere mich, zu glauben, dass es wahr sein könnte. „Ich kann nicht.“
„Verdammt, Gracie“, blafft er mich frustriert an. Dann erweicht sich seine Miene, und er breitet in einer flehenden Geste die Hände aus. „Ich dachte immer, dass ich alles Gute in meinem Leben dem Eishockey zu verdanken habe. Ich bin Manns genug, zuzugeben, dass ich dich deshalb verlassen habe. Weil ich es weder erkennen konnte noch wollte. Ich war damals einfach noch nicht trocken hinter den Ohren. Weil ich gegangen bin, habe ich so viel verpasst, und das werde ich für den Rest meines Lebens bereuen. Aber ich will verdammt sein, wenn ich dich ein zweites Mal gehen lasse.“
Seine Worte hängen zwischen uns in der Luft, und mir stockt der Atem.
Marek atmet tief durch und sagt mit entschlossener Miene: „Du willst zurück nach New York? Also schön.“
Mir rutscht das Herz in die Hose. Ich hätte mich nicht so sehr sträuben sollen.
Marek tritt einen Schritt auf mich zu, bis er ganz dicht vor mir steht. Er berührt mich nicht, doch das muss er auch nicht, denn mit seinen Worten haut er mich fast um. „Du kannst zurück nach New York ziehen, aber ich werde mitkommen.“
Ein protestierender Laut entweicht meiner Kehle, und ich reiße die Augen so weit auf, dass ich schon glaube, sie könnten mir aus den Augenhöhlen treten.
Er nickt, als wollte er sich selbst bestätigen. Wenn er mit mir gehen muss, um mich zu halten, wird er es tun. „Ich spiele diese Saison noch zu Ende, aber dann höre ich auf. Ich ziehe mit dir und Lilly nach New York.“
„Das ist lächerlich“, stammle ich.
„Nein, ist es nicht“, erwidert er standhaft und hebt das Kinn. „Du bist wichtiger als Eishockey. Für mich gibt es nichts Wichtigeres, als mit dir und Lilly zusammen zu sein. Ich gebe meine Familie nicht auf. Es ist beschlossene Sache … wir ziehen nach New York.“
Mir klappt die Kinnlade herunter und ich bringe stotternd hervor: „A-a-aber du kannst nicht einfach deine Leidenschaft aufgeben. Eishockey ist dein Leben.“
„Nein, es ist mein Job. Du und Lilly, ihr seid mein Leben.“
Mir schießen die Tränen in die Augen, und ich dränge mich an Marek vorbei, um etwas Abstand zu gewinnen. Ruckartig drehe ich mich zu ihm um. „Du bist verrückt.“
„Verrückt nach dir“, erwidert er mit einem Lächeln. „Ich mache keine Witze, Gracie. Entweder du bleibst hier oder ich folge dir.“
„Absolut verrückt“, murmele ich ungläubig. Für mich ist es unfassbar, dass er etwas aufgeben würde, was einst das Wichtigste in seinem Leben war.
„Triff eine Entscheidung, Gracie.“ Er verzieht die Lippen zu einem übermütigen Lächeln, denn er weiß, dass er mich in der Hand hat. Aber ich muss zugeben, dass mir das nichts ausmacht.
„Hier“, flüstere ich. „Lass uns hierbleiben.“
Ich erwarte, dass Marek vor Erleichterung und Dankbarkeit zusammensackt, doch er mustert mich nur kritisch. „Bist du sicher? Denn ich möchte, dass du die Entscheidung triffst, die für dich am besten ist.“
Mein Herz schwillt so sehr an, dass es fast wehtut.
„Ich bin mir sicher“, antworte ich leise und gehe zwei Schritte auf ihn zu. Ich schmiege meinen Kopf an seine Brust, und er schlingt seine Arme um mich. „Ich liebe dich, und ich bin mir sicher.“
Schließlich lässt Marek erkennen, wie erleichtert er ist; ich spüre, wie er sich entspannt. Er festigt seinen Griff um mich und presst seine Wange an meinen Kopf. „Danke. Dass du mir eine zweite Chance gibst.“
„Nein, danke, dass du mir eine zweite Chance gibst“, murmele ich.
Ich spüre, wie er zustimmend nickt.
Dann zieht er sich ein Stück zurück und presst seine Lippen auf meine. Mit dem Kuss bringt er seine Dankbarkeit zum Ausdruck und besiegelt sein Liebesgeständnis. Er erinnert mich daran, dass wir nun eine gemeinsame Zukunft vor uns haben.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Tag je erleben würde. In meinen kühnsten Träumen hätte ich es mir nicht vorstellen können, und ich bin mir nicht ganz sicher, womit ich das verdient habe“, sage ich, als er sich schließlich von mir löst.
„Du hast nur das Beste verdient, Gracie“, sagt Marek und streichelt über meine Wange. „Und ich werde es dir geben. Ich werde dir und Lilly die Welt zu Füßen legen.“
Endlich kann ich seine Worte annehmen. Ich beschließe, die Schuldgefühle loszulassen, und entscheide mich, an die Kraft unserer Liebe zu glauben, die alle Hindernisse überwinden wird.
„Und ich werde dir die Welt zu Füßen legen“, verspreche ich.
„Das hast du bereits“, antwortet er leise und küsst mich erneut.