9

 

 

Simon klappte sein Tagebuch zu, schob es unters Kopfkissen und schaltete die Nachttischlampe aus. Das war das Zeichen für Guinevere und sie fing sofort an. Sie hatte die Stunden als Gefangene von Mr Peng Peng Jones nicht vergessen und schien entschlossen sie auch Simon nie vergessen zu lassen. Ihr nächtlicher Vortrag war ihm so vertraut geworden wie das Schlagen der Kirchenuhr auf der anderen Straßenseite.

»...Schokopudding im Hirn!... Ich habe Sandwiches dabei, Sandwiches, danke, Miss! ... Beweise, Beweise. Beweise für die Entlassung von Guinevere Gilhoolie...«

Simon griff unters Kopfkissen, um sich zu überzeugen, dass sein Tagebuch noch da war. Auch nachdem er so viele Abende zu Guineveres Erinnerungen eingeschlafen war, fand er den Vorgang immer noch ziemlich zermürbend.

»...Harte Arbeit und Naturwissenschaften!... Forschungsmaterial und sie behandelt sie wie Schmusetiere... Stille um jeden Preis!...«

»Oh sei still, Guinevere!«, stöhnte Simon, aber leise, weil er wusste, dass sie nicht anders konnte.

»...Elektrische Schläge und blaue Funken! Dieser idiotische Hausmeister hat ihn an die Hauptleitung angeschlossen!«

Diesen Teil hörte Simon immer recht gern, ihn und den über die kandierten Apfel, der an diesem Abend gleich als Nächstes kam.

»...Hat mir einen kandierten Apfel angeboten, frech wie Oskar!... Wie ich mir wünsche in mein altes Leben zurückzukehren!«

»Vielleicht können Sie das bald«, sagte Simon schläfrig.

 

»Noch einen Tag Arbeit«, hatte Madeline an diesem Nachmittag angekündigt. »Es muss nur noch etwas gestrichen werden. Das mache ich morgen und am Mittwoch zeige ich Mr Jones seine Rakete. Die Antriebssysteme sind im Nu montiert, man braucht sie lediglich in die Mülltonnen zu schieben. Wenn er sie sofort bestellt und sie wirklich in achtundvierzig Stunden geliefert werden... Achtundvierzig Stunden... Das sind zwei Tage... Am Freitag könnte er abheben«, rechnete Madeline aus.

»Freitag«, hatte Dougal McDougal spöttisch wiederholt. »Und heute ist erst Montag! Das bringt nichts! Das bedeutet, dass er noch eine ganze Woche hat, um seine Beweise zu sammeln. Das ist vielleicht eine Lösung, den alten Peng Peng in den Weltraum zu schießen, wenn er es zuvor geschafft hat, Miss Gilhoolie zu entlassen! Wir wollen ihn viel früher als Freitag loswerden, Madeline Brown.«

»Das will ich auch«, hatte Madeline zugegeben. »Aber ich kann es nicht. Niemand kann das. Und sag bloß nicht, du könntest es, du kannst es nämlich auch nicht!«

»Ach, wirklich nicht?«, hatte Dougal sofort entgegnet, einfach weil er das letzte Wort haben wollte, und dann hatte er nachdenklicher gesagt: »Wirklich nicht?«

An diesem Nachmittag brachte Mr Bedwig Madeline ein großes Paket.

»Was ist das?«, hatte Dougal wissen wollen.

»Das geht dich nichts an«, sagte Mr Bedwig. »Es soll nicht öfter aus- und eingepackt werden als nötig. Es ist eine Notfallvorkehrung für Unerwartetes. Ich habe es ganz zufällig gefunden und ich dachte sofort an Madeline! Und du behältst es bei dir, Madeline. Vorsicht ist besser als Nachsicht, wenn es um Raketen geht!«

»Ganz herzlichen Dank!« Madeline schien fast sofort zu erraten, was in Mr Bedwigs Paket war.

»Ich hoffe, du brauchst es nicht«, sagte Mr Bedwig bedeutungsvoll.

»Ich hoffe es auch.«

 

»Was es wohl gewesen ist?«, murmelte Simon schläfrig. »Ich wollte, es wäre schon Freitag und Mr Jones wäre aus dem Weg.«

»Beweise«, murmelte Guinevere mit dem Kopf unter dem Flügel. »Bewei... Bewei... Bewei...«, und sie schnalzte müde und schwieg.

Dougal McDougal brauchte lange, bis er wusste, wie er Madeline Brown beweisen sollte, dass sie nicht die Einzige auf der Welt war, die sich etwas ausdenken konnte. Es war sehr schwierig, weil Madeline sich eine Rakete ausgedacht hatte. Das bedeutete, dass Dougal auf etwas Sensationelleres als eine Rakete kommen musste. Dougal war vom Spielplatz der Schule weggegangen, stapfte durch den Schokopuddingweg und zerbrach sich den Kopf, aber es fiel ihm nichts Aufregendes ein. Beim Bonbonladen blieb er stehen, las wieder einmal das Plakat und probierte die Türklinke. Neuerdings glänzte sie von den ständigen Versuchen der 4b, hineinzugehen und etwas absolut Nötiges zu kaufen, aber was das sein sollte, konnten sie nie entscheiden.

Bis jetzt war der Bonbonladen allerdings hartnäckig geschlossen geblieben. Die Tür öffnete sich auch nicht für Dougal, aber als er die Klinke berührte, hatte er einen Einfall. Madelines Rakete hatte einen großen Fehler. Sie hatte keine Antriebssysteme. Sie konnte nicht in den Weltraum starten, wenn die NASA und Mr Peng Peng Jones nicht mithalfen.

»Oder ich!«, jubelte Dougal McDougal, weil er jetzt einen Plan hatte. Einen Jux. Eine riesige Überraschung für die 4b und besonders Madeline Brown. Etwas, das Madeline ausrufen lassen würde: »Ich wollte, ich hätte diese fantastische Idee gehabt! Ich wollte, mir wäre eingefallen es so zu machen!«

Wenn Madeline das sagte, entschied Dougal, würde alles anders. Sofort würde er ihr sagen, wie gut ihre Rakete war, und er würde sich bei Simon entschuldigen, weil er das Tagebuch verloren hatte. Er würde wieder der bescheidene, bezaubernde, wunderbare Junge werden wie zuvor.

»Aber zuerst muss Madeline es sagen«, bestimmte Dougal. Es war pechschwarz. Es war mitten in der Nacht und der Mond schien nicht.

»Beweise! Beweise! Beweise!«

Zum Kuckuck mit Guinevere!, dachte Simon im Schlaf.

»Stille um jeden Preis!«

Simon stöhnte und zog sich die Bettdecke über die Ohren.

»Verflixter Papagei!«

Immer noch im Traum, vergrub sich Simon völlig unter dem Bettzeug.

»Beweise! Beweise! Beweise!«, kreischte Guinevere und jede ihrer Federn zitterte.

Die dunkle Gestalt, die sich übers Bett beugte, drehte sich um und schaute sie gereizt an.

»...Schokopudding im Hirn!«

Lange weiße Finger tasteten hastig auf dem Boden herum, über den Nachttisch, unter dem Kopfkissen. Griffen zu.

Der eilige Griff weckte Simon endlich. Er setzte sich auf und ein eiskalter Luftzug schlug ihm ins Gesicht. Unten auf der Straße klapperte etwas. Das Fenster stand weit offen und die Vorhänge wehten im kalten Nachtwind ins Zimmer. Guinevere war in panischer Aufregung. Sein Tagebuch war verschwunden.

 

In dieser Nacht lag Dougal wach und dachte über Mittel und Wege nach und am nächsten Morgen ging er an die Arbeit.

Als Erstes brauchte er einen freien Tag, damit er alles vorbereiten konnte. Das war überhaupt kein Problem. Seine Eltern gingen früh zur Arbeit und überließen ihn den sieben liebevollen Schwestern. Er brauchte nur ein bisschen zu seufzen, ein- oder zweimal zu stöhnen und eine kleine Vorstellung zu geben, wie sehr er mit dem riesigen Frühstück kämpfte, das sie ihm aufgetischt hatten, und schon schauten alle sieben einander an und entschieden, dass der arme süße Dougal zu hart gearbeitet hatte.

»Nimm dir einen Tag frei, Dougal!«, drängten sie, während sie in einem Chaos von Föhnen, Lippenstiften und Diätrezepten durchs Haus wirbelten, bevor sie zur Arbeit gingen. Und Dougal gehorchte.

»Nimm, was du willst, Dougal, Süßer!«, sagten sie und händigten ihm Geldscheine und Münzen und Kreditkarten aus, während er breitbeinig wie ein Straßenräuber die Tür versperrte. »Nimm, was du willst, ABER GEH AUS DEM WEG!«

Bis Mittag waren nur Dougal und seine jüngste ältere Schwester Kate im Haus. Kate arbeitete nicht. Sie ging angeblich zur Uni, aber dort war sie selten. Sie blieb lieber zu Hause und vertraute darauf, dass etwas geschehen würde, das sie davor verschonte, sich ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Kate war ungewöhnlich hübsch und ungewöhnlich gutmütig und Dougals Lieblingsschwester. Außerdem war sie über achtzehn (was sehr wichtig war), ging gern einkaufen und hatte ihren Führerschein gemacht. Sie war ohne weiteres bereit Dougal im Kleinbus der Familie zum Schokopuddingweg zu fahren.

»Aber du musst draußen bleiben und auf ihn aufpassen, Dougal«, sagte sie.

»Warum?«, fragte Dougal empört.

»Weil er das letzte Mal, als ich ihn geliehen habe, gestohlen wurde«, sagte Kate. »Und angefahren wurde er auch schon zweimal. Und ein paar Mal habe ich aus Versehen die Schlüssel darin eingeschlossen. Also sag, dass du’s macht, Dougal, Süßer, sonst fahre ich dich nirgendwohin.«

»Okay, ich mach’s«, versprach Dougal und er fand, dass es das Schwierigste an seinem ganzen Plan sein würde, draußen im Kleinbus zu warten, während seine Schwester Kate die Türklinke des Bonbonladens drückte und hineinging.

 

Während Dougal und Kate einkauften, war die Schokopuddingschule in Aufruhr. Die Geschichte vom Einbruch bei Simon breitete sich aus wie ein Lauffeuer und alle leisen Zweifel, wer der Einbrecher gewesen sein mochte, lösten sich auf, als die Bekanntmachungen erschienen.

 

AUSSERORDENTLICHE UND DRINGENDE

SITZUNG DES SCHULAUSSCHUSSES

HEUTE!

 

Thema: Fristlose Entlassung eines

gefährlichen und unfähigen

Mitglieds des Lehrkörpers

 

»Es ist sehr traurig«, sagte Miss Gilhoolie zu Samantha, die sie vor einer dieser Bekanntmachungen in Tränen antraf. »Aber Mr Jones hat ganz Recht. Gefährliche und unfähige Mitglieder des Lehrkörpers sollten entlassen werden.«

»Aber Miss Gilhoolie«, schluchzte Samantha, »wissen Sie nicht, wen er meint?«

»Nein«, sagte Miss Gilhoolie und fügte entschieden hinzu: »Und müßige Spekulationen wären nicht sehr freundlich! Jetzt Hefte weg! Schlechte Neuigkeiten, fürchte ich! Ein Rechtschreibtest! Alle Wörter, die ihr dieses Jahr gelernt habt!«

Das waren sehr düstere Aussichten, weil Miss Gilhoolie in diesem Jahr zehn Wörter pro Tag an fünf Tagen in der Woche und dreißig freitags ausgeteilt hatte, Entschuldigungen wurden nicht angenommen und das ergab eine sehr lange Liste. Sie waren etwa halb durch, als die Tür aufgerissen wurde.

»Nummer einhundertneunundzwanzig«, sagte Miss Gilhoolie. »Mephisto. Guten Morgen, Mr Jones!«

Mr Jones gab keine Antwort. Stattdessen stand er da und schrie vor Lachen. Er heulte. Er bog sich vor Schadenfreude, krümmte sich. Er zeigte mit zitterndem Finger auf Miss Gilhoolie und legte die Arme um die Brust und kreischte.

Es war eine schreckliche Vorstellung.

»Er erstickt«, sagte Miss Gilhoolie plötzlich. »Mr Jones, ich klopfe Ihnen auf den Rücken. Madeline, Liebes, hol Mr Jones ein Glas Wasser...«

Doch Mr Jones war so plötzlich gegangen, wie er gekommen war.

»Oh«, sagte Miss Gilhoolie, als die Tür hinter ihm zugefallen war. »Na schön. Setz dich, Madeline, wir machen weiter. Nummer einhundertdreißig. Philosophie. Was hat jemand an den letzten zehn Wörtern bemerkt?«

»Man schreibt alle mit PH, Miss Gilhoolie«, sagte Madeline Brown.

»Ganz recht, Madeline. Jetzt weiter mit den Dinosauriern! Nummer einhunderteinunddreißig: Diplodokus.«

 

Simon und Madeline hatten sich daran erinnert, wie Mr Bedwig das Tagebuch gerettet hatte, als es zum ersten Mal verschwunden war. In der Mittagspause machten sie einen eiligen Besuch im Keller.

»Kopf hoch, Simon«, sagte Madeline hoffnungsvoll. »Er hat es schon einmal zurückbekommen.«

Aber diesmal war Mr Bedwig überhaupt keine Hilfe. Der Boiler funktionierte nicht und der Keller war voller Rauch und Mr Bedwig war deprimiert und schicksalsergeben.

»Wenn ihr wegen dieser Bekanntmachungen gekommen seid, könnt ihr es vergessen«, sagte er mürrisch. »Ich habe genug eigene Probleme. Er ist veraltet, dieser Boiler, aus der Arche hätten sie ihn rausgeschmissen. Ich werde ordentliche Solarkollektoren aufstellen, wenn ich mal fünf Minuten Ruhe habe. Aber das wird nie sein. Und ich dachte, ich hätte dir gesagt, du sollst dieses Tagebuch nicht mit in die Schule nehmen, Sir Lancelot.«

»Bei mir ist eingebrochen worden«, sagte Simon.

»Also diesmal kann ich nichts tun. Ich habe mich heute Morgen als Erstes in seinem Büro umgeschaut, aber dort war es nicht. Ich glaube, er trägt es diesmal mit sich herum. Wie ich die Dinge sehe, kann man da nichts tun. Was sein wird, wird sein und die Natur nimmt ihren Lauf.«

»Oh Mr Bedwig!«, jammerten Simon und Madeline.

»Hört mir auf mit ›Oh Mr Bedwig!‹« Er stöberte düster in einer Kiste mit zerbrochenen Tischtennisschlägern herum. »Schaut euch das an! Da haben nicht zwei die gleiche Größe! Was man nicht ändern kann, muss man ertragen. Jetzt geht und streicht den letzten Tropfen Farbe auf eure Rakete, bevor es läutet.«

»Was hat das noch für einen Sinn?«, fragte Madeline. »Mr Jones wird die arme Miss Gilhoolie längst entlassen haben, bevor die Rakete starten kann. Dougal McDougal hatte ganz Recht. Das sagen jetzt alle.«

»Mag sein, wie es will«, sagte Mr Bedwig. »Ihr müsst auf alle Möglichkeiten vorbereitet sein. Noah baute seine Arche während einer Rekorddürre. Hast du diese Notfallvorkehrung dabei?«

Madeline nickte und deutete auf den Schulranzen auf ihrem Rücken.

»Dann fort mit euch«, sagte Mr Bedwig und gab ihr den Farbtopf.

 

»Ich hätte nichts dagegen dort zu arbeiten.« Kate sprang auf den Fahrersitz, ließ den Motor an und scherte vor einem Doppeldeckerbus aus ohne in den Rückspiegel zu schauen.

»He!«, rief Dougal. »Gib Acht, Kate! Und warum fahren wir? Laden wir sie nicht ein? Hast du nichts gekauft?«

»So ein netter Junge«, sagte Kate. »Sie werden geliefert.«

»Geliefert?«

»Mhm.«

»Was meinst du mit geliefert? Kate! Die Ampel ist rot!«

Kate machte eine perfekte Notbremsung, holte eine Haarbürste heraus und fing an ihre langen blonden Haare zu bürsten.

»Werde du bloß kein Besserwisser, Dougal, Süßer«, sagte sie anklagend.

»Aber was soll das heißen, sie werden geliefert?«

»Es heißt, dass sie gebracht werden«, sagte Kate geduldig, kramte unter ihrem Sitz, fand einen fallen gelassenen Lippenstift und zog damit sehr sorgfältig die Lippen nach. »Zum Teufel mit dieser Ampel! Nie hat man Zeit, etwas zu tun.«

»Alle hupen schon«, sagte Dougal gequält. »Bitte fahr weiter und sag mir, was geschehen ist.«

»Warte einen Moment.« Kate beugte sich aus dem Fenster, winkte fröhlich der Schlange aufgeregter Fahrer hinter ihr, rief: »Entschuldigung! Lippen!«, und deutete auf ihren Mund.

»Jetzt ist sowieso wieder rot«, sagte sie dann. »Pass mal auf. Gleich wird es grün. Siehst du!«

»Fahr doch!«, stöhnte Dougal. »Warum fährst du denn nicht?«

»Ich habe es dir doch schon einmal gezeigt«, erklärte Kate über den Lärm der Hupen hinter ihr. »Nächstes Mal fahre ich. So.«

»Bitte sag mir, was im Bonbonladen passiert ist«, bat Dougal, während sie in eine Busspur bog und vergnügt vor sich hin summte.

»Also gut. Er sagte: ›Wie wär’s mit dem Zoo am Sonntag?‹, und ich sagte: ›Oh, ich liebe die Tiere, aber die Käfige bringen mich zum Weinen‹, und er sagte: ›Ich mache gerade eine Liste von allem, was getan werden muss. Sie könnten hier immer helfen...‹«

»WER?«

»Peter vom Bonbonladen. Immer dieser Kreisverkehr! Wie oft bin ich denn schon hier herumgefahren?«

»Ich weiß nicht.«

»Also, ich hab’s satt. Halt dich fest!«

Dougal biss die Zähne zusammen und machte die Augen zu.

»Geschafft«, sagte Kate. »Nur glaube ich, dass ich nicht weiß, wo wir sind. Macht nichts, wir fahren einfach weiter. Ja, also ich ging hinein und da war Peter und ich sagte: ›Verkaufen Sie Feuerwerkskörper, bitte?‹, und Peter sagte: ›Natürlich Lieb... Gnädigste, irgendeine bestimmte Sorte?‹ Und ich sagte: ›Raketen.‹ Die wolltest du doch, oder?«

Dougal nickte.

»›Raketen‹, sagte er. ›Und wie viele dürfen es sein?‹ OH DOUGAL! DAS ARME KLEINE EICHHÖRNCHEN! OH, DAS ARME KLEINE EICHHÖRNCHEN! Oh, schon gut. Ich werde irgendwo halten. Noch durch diese Lücke.«

»Das ist der St-James-Park.«

»Ich weiß. Ist er nicht herrlich? Und das bedeutet, dass wir wissen, wo wir sind. ›Vier Mülltonnen voll will mein Bruder haben‹, sagte ich zu Peter. ›Für sein Schulprojekt. Er geht in die Schokopuddingschule, der arme kleine Kerl!‹ ›Ah ja‹, sagte Peter. ›Dann sind sie also so weit? Wir dachten, sie machen es über die NASA...‹ Was hat er damit wohl gemeint?«

»Nichts. Erzähl weiter.«

»Also, ich hatte keine Wahl, weil Peter sagte, nur eine Marke würde dafür taugen. Die intergalaktischen Spezialsolardingsbums. ›Klingt super‹, sagte ich und er sagte: ›Geliefert und verpackt?‹ Ich sagte: ›Verpackt und geliefert meinen Sie wohl!‹, und er sagte: ›Nein, geliefert und verpackt. Wir können sie in die Mülltonnen packen, wenn Sie wollen‹, und ich sagte, das klingt viel sicherer, als wenn mein kleiner Bruder es macht, und er sagte: ›Okay! Ich kümmere mich sofort darum! ‹, und er wollte mich nichts bezahlen lassen. Er sagte: ›Unterschreiben Sie einfach hier und ich setze es auf die Rechnung.‹ Das habe ich gemacht.«

Fabelhafte, wunderbare Kate, dachte Dougal stolz und stieß einen langen Seufzer der Erleichterung aus.

»Und dann?«, fragte er.

»Nun, ich habe unterschrieben und er las die Unterschrift und sagte: ›Kate ist ein schöner Name! Kate passt zu Ihnen.‹ Und dann redeten wir über den Zoo. Schau nur, Dougal! Vier Polizisten auf einmal! Man sieht selten vier Polizisten auf einmal! Ich hoffe, den Enten fehlt nichts...«

Dann wurde Kate festgenommen.

»Sag es Peter!«, schrie sie über die Schulter, als sie abgeführt wurde.

 

Irgendwie ging der Nachmittag in der Schokopuddingschule vorbei. Endlich war es vier, die 4b wurde mit ihrer üblichen Liste entlassen und hatte das schreckliche Gefühl, dass es nach der außerordentlichen und dringenden Sitzung des Schulausschusses niemanden mehr interessieren würde, ob sie die Wörter konnten oder nicht.

»Wir werden Sie immer lieben, Miss Gilhoolie«, schluchzte Samantha, als sie sich aufstellten, um nach Hause zu gehen.

»Das hoffe ich auch«, sagte Miss Gilhoolie.

Madeline und Simon stellten fest, dass sie nicht weggehen konnten. Sie drückten sich bei den Nebengebäuden herum und warteten auf den Moment, in dem der Schulausschuss eintreffen und der letzte Akt beginnen würde. Die Schülerlotsin war gegangen und die Putzfrauen kamen. Lichter und Staubsauger wurden angeschaltet. Auf dem Spielplatz wurde es dämmrig und ein Licht nach dem andern erlosch. Die Putzfrauen gingen gemeinsam schwatzend weg und die Schule stand dunkel und still da bis auf den Haupteingang und Mr Jones’ Büro. Dort konnten Madeline und Simon den alten Peng Peng sehen, wie er die Stühle für die verhängnisvolle Sitzung aufstellte. Hin und wieder unterbrach er seine Arbeit und bog sich vor Lachen.

»Da ist dein Tagebuch!«, sagte Madeline plötzlich. Und da war es, übel zugerichtet und unverwechselbar auf Mr Jones’ Schreibtisch.

»Wo er es wohl den ganzen Tag gehabt hat?«

»Jetzt nimmt er es mit.«

Mr Jones verschwand, kam aber ein paar Minuten später zum offenen Haupteingang, wo er als dunkle Gestalt vor hellem Hintergrund auf den Fersen wippte. In den Fäusten hielt er Simons Tagebuch. Die Mitglieder des Schulausschusses würden jede Minute eintreffen und sein Sieg war endlich in Sicht. Seine Schadenfreude war schrecklich anzusehen, aber sie dauerte nicht lange.

Der Anblick seines gestohlenen Tagebuchs in den Händen des Diebs war zu viel für Simon Percy. Er stürzte aus dem Schatten, lief hinüber zu Mr Jones, packte sein Tagebuch und floh. Er raste über den Spielplatz und blieb erst in einer dunklen Ecke des Fahrradschuppens stehen, wo er versuchte nachzudenken.

Das Problem war, dass er nirgendwo hinlaufen und sich verstecken konnte. Zu Hause war unmöglich, er musste an Gran und Guinevere denken. Außerdem wusste Mr Jones, wo es war, und würde ihn sicher finden. Der Schokopuddingweg war dunkel und wenig verlockend. Der Spielplatz lag wie eine leere Wüste da.

Dann näherten sich rasche Schritte und Madeline war neben ihm. »Schnell, Simon, er kommt!«, konnte sie gerade noch keuchen, da polterte Mr Jones um die Ecke und die Hetze begann.

Es war wie eine schreckliche Jagd. Simon rannte und rannte, raste über den Spielplatz hin und her, bog um Ecken, sprintete über Stellen, auf die Licht aus den Fenstern fiel, drückte sein Tagebuch an sich, schlug Haken und sprang und immer war Mr Jones nur einen Atemzug hinter ihm.

»Lass es fallen! Lass es fallen!«, brüllte Mr Jones.

Simon bekam Seitenstechen und konnte kaum mehr atmen. Er hörte, wie Madeline ihm etwas zuschrie, aber er verstand ihre Worte nicht. Es war wie ein Traum und er rannte im Schlaf. Er hörte auf sich zu fürchten, dann bekam er entsetzliche Angst und dann stolperte er.

»Ha!«, stieß Mr Jones siegesgewiss hervor und im nächsten Moment wurde Simon das Tagebuch aus den Händen gerissen.

Gerade noch rechtzeitig hatte Madeline es gepackt und sie lief damit an die Stelle, die seit Tagen ihre Gedanken beherrschte. Geradewegs zum Feuerplatz und zu Mr Jones’ Rakete und Mr Jones lief direkt hinter ihr.

 

Dougal brauchte sehr lange vom St-James-Park bis zum Bonbonladen im Schokopuddingweg. Es war fast schon dunkel, als er ankam. Er warf sich gegen die Tür und sie öffnete sich, bevor er sie berührte, so dass er an der Brust eines großen jungen Mannes landete.

»Ich schließe gerade«, sagte der junge Mann, befreite sich von Dougal und schob ihn auf die Straße, bevor er die Tür hinter sich abschloss. »Es ist nicht unbedingt nötig, oder?«

»›Sag es Peter‹, hat Kate gesagt!«, keuchte Dougal. »Meine Schwester Kate! Sie ist festgenommen worden!«

»Kate mit den Feuerwerkskörpern?«

»Ja, ja! Im St-James-Park.«

»Ich bin gleich dort.«

»Dann sind Sie Peter? Haben Sie sie geliefert?«

»Geh mir aus dem Weg!«

»Ich wollte doch nur...«, sagte Dougal, aber es war zu spät. Peter spurtete schon durch den Schokopuddingweg, mit wehender Jacke eilte er zu Kates Rettung. Als er um die Ecke bog, fiel ihm etwas aus der Tasche. Dougal, der ihm nachgegangen war, hob es auf. Es war eine Schachtel Streichhölzer.

Bis Dougal sich wieder aufgerichtet hatte, war Peter verschwunden. Dougal stand allein auf dem düsteren Weg und zum ersten Mal dämmerte ihm, dass er es geschafft hatte. Er hatte sich eine Methode ausgedacht, um den alten Peng Peng Jones vor Freitag in den Weltraum zu schießen. Jetzt musste man nicht mehr auf die Antriebssysteme der NASA warten, die Rakete war komplett und startbereit. Er hatte Madeline Brown geschlagen.

Ich geh nur mal hin und schau sie mir an, dachte Dougal.

 

Madeline war ohne klaren Plan bei der Rakete angekommen. Vielleicht, überlegte sie, würde sie sich mit Simons Tagebuch hier einschließen und bleiben, wenn es sein musste, bis zum Morgen. Dann würde wenigstens die Sitzung des Schulausschusses nicht weitergehen und in der Nacht könnte sie sich etwas anderes ausdenken. Es schien das Beste, was sie tun konnte.

Bei der Rakete fing alles an schief zu laufen. Die Tür ließ sich schwerer öffnen, als sie angenommen hatte. Im Dunkeln fand sie sich nicht zurecht, sie war außer Atem und Mr Jones’ Schritte hatte das Gras gedämpft. Er war viel näher, als sie wusste. Bevor sie die Tür schließen konnte, hatte er sie eingeholt.

Dougal McDougal hörte nichts von der Verfolgungsjagd. Er kam zum Feuerplatz und sah gerade noch, wie Mr Jones in die Rakete kletterte, bevor die Tür zuknallte.

Da hatte Dougal eine umwerfende und schreckliche Idee.

Da war Mr Jones’ Rakete, endlich fertig. Und Mr Jones war darin. Der Holzhaufen war aufgeschichtet, die Antriebssysteme waren montiert. In Dougals Tasche war eine Schachtel Streichhölzer.

Die Versuchung war zu groß. Dougal rannte über das schattige, zertretene Gras, zog die Streichhölzer hervor und zündete das Feuer an.