Aquillus breitete die Flügel aus. Ein warmer Luftstrom hob ihn höher in den Himmel empor.
Er segelte über einen Berghang und große Müdigkeit erfüllte ihn. Er war bereits stundenlang auf der Jagd und trotzdem hatte er immer noch nichts zu fressen gefunden. Er dachte an seine Jungen und ihre hungrig geöffneten Schnäbel. Sie würden sterben, wenn er sie nicht bald füttern würde. Aquillus war erschöpft. Er brauchte eine Pause.
Der Adler entdeckte einen Baum, der am Berghang wuchs. Seine Blätter waren von der Sonne ausgebleicht. Dort konnte er sich ausruhen. Er flog hinab.
Aquillus landete auf dem höchsten Ast und faltete seine Flügel zusammen. Die Berge von Tavania erhoben sich stolz und mächtig vor ihm. Die schmalen Rinnsale, die normalerweise zwischen den weißen Felsen plätscherten, waren ausgetrocknet.
Der starke Wind plusterte das Gefieder des Adlers auf. Aquillus hielt den Ast fest mit seinen gelben Krallen umklammert, dann breitete er seine Schwingen aus und erhob sich wieder in die Luft. Er hatte keine Zeit, sich auszuruhen! Wasser hatte er bisher nicht finden können, aber vielleicht entdeckte er bald etwas zu fressen. Vielleicht ein unvorsichtiges Nagetier, das ebenfalls auf der Suche nach Wasser war.
Mit seinen scharfen Augen suchte er die Berge ab, aber er sah kein einziges Lebewesen zwischen den Felsen umherflitzen.
Aquillus konnte beinahe das sehnsüchtige Piepsen seiner Jungen hören. Er hatte sie schon viel zu lange allein gelassen. Die Sorge um sie lastete schwer auf ihm und er beschloss, zurück zu seinem Nest zu fliegen, auch ohne Beute, mit der er die Mäuler seiner Jungen stopfen konnte.
Da sah er aus dem Augenwinkel plötzlich ein Schimmern zwischen den Steinen. Eine kleine Wasserpfütze! Neue Kraft erfüllte den Adler und er steuerte direkt darauf zu. Aquilla landete geschickt auf den Felsen und steckte gierig den Schnabel in das Wasser.
Plötzlich durchzuckte ihn ein stechender Schmerz. Feuer schoss durch seinen Schnabel und brannte in seinem Hals. Der Adler verdrehte die Augen. Das war kein Wasser – es war Säure!
Der Adler breitete die Flügel aus, um wegzufliegen, aber vor Panik war er ganz verwirrt und orientierungslos. Aquillus’ Krallen rutschten über den Boden und er taumelte zur Seite. Eine Flügelspitze tauchte in die Pfütze und die tödliche Flüssigkeit verbrannte seine Federn. Aquillus wich erschrocken zurück, aber er traute sich nicht, seinen Flügel zu betrachten. Er wusste, was er sehen würde – ein verkohltes, blutiges Etwas aus Federn und Knochen. Würde er jemals wieder fliegen können? Der Schmerz war unerträglich.
Dem Adler wurde schwarz vor Augen, aber trotzdem konnte er noch eine Gestalt ausmachen, die sich langsam auf ihn zubewegte – wie ein Jäger auf seine Beute. Aquillus blinzelte. Ein riesiges Monster kroch zwischen den Felsen hervor. Sein breiter Rücken war mit spitzen Stacheln bedeckt, die im schwachen Licht glänzten. Sein Hals war lang wie der einer Schlange und aus seinem Maul schnellte eine gespaltene Zunge hervor.
Das Biest war ein Meeresungeheuer! Doch wie kam es hier hoch in die Berge? Es fixierte Aquillus mit seinen bösen Augen und machte sich für den Angriff bereit.
Verzweifelt schlug Aquillus mit seinem gesunden Flügel, aber er hatte nicht genug Kraft, um sich in die Lüfte zu erheben. Das Biest kam trotz der Schwimmhäute zwischen seinen Füßen rasend schnell auf ihn zu.
Aus der Nähe konnte der Adler die stechenden roten Augen, die gewaltige Schnauze und das riesige Maul gut erkennen. Das Biest stieß ein Knurren aus und offenbarte eine lange Reihe spitzer Zähne, von denen Speichel heruntertropfte.
Aquillus gelang es gerade noch auszuweichen, als die Kiefer des Biests hinter ihm zuschnappten.
Der Boden unter Aquillus’ Krallen erbebte. Er sah, dass das Biest seinen Kopf wie eine Keule benutzte. Immer wieder hieb es mit seinem kräftigen Unterkiefer auf den harten Fels, sodass überall kleine Risse entstanden.
Der Adler taumelte und versuchte verzweifelt, das Gleichgewicht zu halten. Das Biest streckte sich und wickelte dann seinen langen Körper um ihn. Panisch schlug Aquillus mit seinen scharfen Krallen und dem kräftigen Schnabel um sich und hieb sie in die dicke, schuppige Haut seines Gegners. Das Biest schrie vor Schmerz auf und sein Griff lockerte sich etwas. Seine Zunge schnellte wütend hervor.
Der Adler ergriff die Gelegenheit und befreite sich. Doch zu spät bemerkte er, dass er direkt am Rand eines Felsabhangs gelandet war. Seine Krallen schlitterten Funken schlagend über den Rand. Er konnte nicht fliegen! Tief unter ihm lag der ausgetrocknete Boden. Aquillus kippte nach vorn und stürzte in die Schlucht.
„Meine Jungen, wer wird meine Jungen füttern?“, dachte er, während er auf den Abgrund zuraste.