Silver sprang durch die Luft. Seine Zähne schnappten nach Storms Zaumzeug. Er half Tom, den Hengst festzuhalten.
Tom spürte, wie neue Kraft durch seine Arme strömte. „Solange Blut durch meine Adern fließt, werde ich Storm nicht aufgeben“, schwor er sich selbst. „Ich werde Malvel nicht gewinnen lassen.“ Er bohrte die Fersen in den Boden und lehnte sich weit nach hinten. Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Mit letzter Kraft zogen er und Silver den Hengst aus dem Abgrund.
Einen Augenblick lang öffnete sich die Spalte noch etwas weiter. Dann, genau vor ihren Augen, schnappte sie zu und Staubwolken stoben auf. Unter ihren Füßen bebte und rumpelte es, dann war alles wieder still.
„Ist es vorbei?“, fragte Elenna zitternd.
Tom nickte. „Sieht so aus, als ob Malvels Zauber nicht länger wirkt.“
Elenna schlang die Arme um Storms Hals und drückte sich an ihn. „Es tut mir so leid, dass ich dich losgelassen habe“, murmelte sie in sein glänzendes Fell.
Tom legte seiner Freundin eine Hand auf die Schulter. „Was redest du da? Du hast ihm geholfen.“ Er kniete sich hin und streichelte Silver. „Das habt ihr beide.“
Elenna und Tom untersuchten den Hengst vorsichtig auf Verletzungen. Langsam strich Tom mit der Hand über Storms Hinterbein. Der Hengst schnaubte plötzlich vor Schmerz. Tom sah genauer hin und entdeckte, dass Storms Knöchel geschwollen war. Storm vermied es, das verletzte Bein zu belasten.
„Ich werde ihm einen Verband machen“, sagte Elenna. „Dadurch sollte die Schwellung verschwinden.“ Sie holte einen Kochtopf aus der Satteltasche und gab einige Kräuter hinein. Dann noch etwas Wasser aus der Trinkflasche. Anschließend verrührte sie alles gut. Tom riss ein Leintuch in Streifen und tauchte es in die Flüssigkeit.
Behutsam wickelte Elenna die Stoffstreifen um Storms Knöchel und machte den Verband fest.
„So ist es gut“, murmelte sie dem Hengst zu. Storm beugte den Kopf und schnaubte ihr dankbar ins Haar. Elenna lachte. „Lass das, Storm! Das kitzelt!“
Tom sah zum dunklen Himmel hoch. Die Glaskuppel, die Tavania umgab, reflektierte das Sternenlicht. In der Ferne konnte er das Portal über den Bergen schimmern sehen. Unheimliche Lichtfetzen flackerten rund um die Öffnung und erinnerten ihn an Aduros magisches Feuerwerk. Plötzlich hatte er Heimweh, aber er riss sich sofort wieder zusammen. „Dort hinten wartet ein Biest auf mich“, sagte er zu sich selbst. „Ich muss meine Mission erfüllen.“
„Wir sollten bis morgen früh hierbleiben und dann erst weiterreisen“, sagte Tom. „Wir müssen schlafen.“
Elenna nickte. „Eine Rast wird Storm guttun. Vielleicht heilt sein Bein sogar über Nacht.“
Schnell richteten sie ihr Lager her. Sie gaben Storm und Silver zu essen und zu trinken und legten sich dann neben das Lagerfeuer.
Bald hörte Tom Elennas regelmäßige Atemzüge. Er selbst konnte nicht so schnell einschlafen. Er musste an die Biester denken, gegen die er in Tavania schon gekämpft hatte. Sie waren alle furchtbar wütend gewesen, weil die Portale sie aus ihrer Heimat gerissen und irgendwo in der Ferne wieder ausgesetzt hatten. Tom hatte das Gefühl, dass der Kampf mit Raptox der gefährlichste werden würde. „Aber ich werde mich ihm stellen. Und ich werde siegen.“ Schließlich wurden seine Augenlider immer schwerer. Das Letzte, was er vor dem Einschlafen sah, war eine Sternschnuppe, die über den Himmel zischte.
Bei Anbruch der Dämmerung entfachte Elenna das Feuer neu und kochte etwas Dörrfleisch, das sie in Storms Satteltasche aufbewahrte. Tom sog den Duft gierig in die Nase ein.
„Ich habe riesigen Hunger“, sagte er, nahm sich ein Stück Fleisch und grub die Zähne hinein. Sie aßen schweigend, bis das letzte Stück verputzt war.
Tom stand auf und führte Storm in einem weiten Kreis herum. Elenna löschte derweil das Feuer. Tom lächelte, denn Storm belastete sein Bein wieder. „Der Verband hat gewirkt!“
Während die Sonne höher stieg, ritten Tom und Elenna in Richtung der Burg mit Silver an ihrer Seite. Erst als sie vor den riesigen Mauern standen, sahen sie, dass auch diese Burg zerstört war. Mauerstücke waren eingestürzt und bildeten riesige Steinhaufen, einer der Türme war eingefallen und das Eisentor hing schief in den Angeln.
„Was ist wohl geschehen?“, überlegte Elenna. „Glaubst du, das Biest ist aus den Bergen gekommen und hat die Burg angegriffen?“
Tom runzelte die Stirn. „Könnte sein, es könnte aber auch Malvel gewesen sein.“ Er richtete sich im Sattel auf. „Wir sollten reingehen und uns umhören.“ Er nahm die Zügel kürzer und sie ritten weiter die Straße entlang, die zum Burgtor führte.
Plötzlich brachte er Storm zum Stehen, denn er hatte einen Jungen entdeckt, der vor den Burgtoren auf eine Rinderherde aufpasste.
„Wir könnten ihn fragen, was passiert ist“, dachte Tom.
Er sprang aus dem Sattel und ging auf den Jungen zu.
„Halt, bleib stehen!“, rief der Junge. Er hob drohend seinen Hirtenstab. „Noch einen Schritt weiter und ich schlage dir den Schädel ein.“