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Gesucht!

„Wir tun dir nichts“, sagte Tom und hob beschwichtigend die Hände. „Wir wollen nur wissen, was mit dieser Burg geschehen ist.“

Der Junge sah sie unsicher an. Seine Hände ließen den Stab etwas lockerer. „Ihr wollt meine Kühe also nicht stehlen?“, fragte er misstrauisch. „Wenn ihr das nämlich vorhabt, müsst ihr zuerst mit mir kämpfen.“

Elenna trat neben Tom. „Wir sind nicht hier, um so etwas zu tun, versprochen.”

Sie ging auf ihn zu und streckte die Hand aus. „Mein Name ist Elenna und das ist mein Freund Tom.“

Der Junge wischte seine Hand an der Hose ab und streckte sie aus. „Ich heiße Finn.“

„Schön, dich kennenzulernen, Finn“, sagte Tom und schüttelte ihm die Hand. „Kannst du uns erzählen, was passiert ist?“

Finn schüttelte den Kopf und zeigte auf ein Steinhaus, das ein Stück entfernt lag. „Ich war mit meinem Großvater im Haus, als es passiert ist. Ich habe nichts gesehen. Ich konnte nur die Schreie der Leute dort hören.“

Tom runzelte die Stirn. Nun wussten sie immer noch nicht, ob es Raptox oder Malvel gewesen war, der die Burg beinahe vollständig zerstört hatte. Tom starrte das Tor an. Elenna nickte ihm zu und er wusste, dass sie den gleichen Gedanken hatte wie er.

„Würdest du auf unsere Tiere aufpassen, solange wir in die Burg gehen?“, fragte Tom.

„Dann könnten wir uns besser umschauen“, fügte Elenna hinzu.

Finn machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ich muss mich um meine Herde kümmern. Ihr seid keine Räuber, aber andere könnten vorbeikommen.“

„Wir werden dich auch gut dafür entlohnen“, sagte Tom. Er griff in sein Wams und zog ein Goldstück heraus, das er beim Kampf gegen Toxodera, die Raubschrecke, erbeutet hatte, und gab sie dem Jungen.

Finn nahm das Goldstück und biss prüfend darauf. „Wir sind im Geschäft.“ Er kniete sich hin und kraulte Silver hinter den Ohren. „Ich passe auf eure Tiere auf.“ Er sah zu Storm hinüber. „Ich habe etwas Heu für meine Kühe, davon kann auch euer Hengst etwas abbekommen.“

Tom klopfte Storms Flanke und war froh, dass sein Hengst nun in guten Händen war. Storm wandte den Kopf um und rieb seine Nase an Toms Schulter. Tom streichelte über den Kopf seines Pferdes und Elenna umarmte ihren Wolf.

„Bis gleich, Finn. Und vielen Dank für deine Hilfe“, sagte Tom.

Dann gingen Elenna und er durch das kaputte Tor in die Burg hinein.

Sie kamen in einen Burghof. Marktstände lagen zertrümmert auf dem Boden. Männer und Frauen waren damit beschäftigt, aufzuräumen und Trümmer zur Seite zu schaffen.

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„Hier drinnen sieht es ja noch schlimmer aus“, wisperte Elenna.

„Sch …“ Tom legte einen Finger auf die Lippen. Ein unheimliches Heulen erfüllte die Luft. „Hörst du das?“

Elenna legte den Kopf schief und lauschte. Sie wurde blass. „Das klingt wie Schmerzensschreie“, murmelte sie. „Wir müssen helfen.“

Sie folgten dem Geräusch bis zu einem länglichen Gebäude. Durch ein zerbrochenes Fenster entdeckten sie ein Krankenlager. Auf vielen Reihen notdürftig gezimmerter Betten lagen verwundete Männer.

Der Geruch ungewaschener Körper lag in der Luft und Elenna zog sich ihr Hemd über die Nase. Manche Männer stöhnten vor Schmerz und krümmten sich. Andere lagen still – zu still. Ihre Gesichter waren bleich wie Kerzenwachs.

Tom und Elenna gingen zum Eingang, aber eine alte Frau versperrte ihnen den Weg.

„Wir können euch hier nicht gebrauchen“, sagte sie. „Ihr macht nur Ärger. Ich will nichts mit euch zu tun haben. Ist mir egal, wie viel Gold ihr mir anbietet!“ Ihre Augen zuckten kurz über Toms Schultern zu etwas hinter ihnen, dann schloss sie krachend die Tür.

Tom und Elenna wirbelten herum, um zu sehen, was die Frau hinter ihnen gesehen hatte. Sie entdeckten ein Plakat, das an der gegenüberliegenden Hauswand hing. Auf ihm waren ein Junge und ein Mädchen, ein Wolf und ein Pferd zu sehen.

„Das sind wir!“, staunte Tom. „Das sind unsere Gesichter!“

Unter dem Bild stand etwas geschrieben:

Gesucht!

Belohnung 1000 Goldstücke
Dies ist ein Befehl Malvels

„Er hat ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt“, stöhnte Elenna. „Schon wieder! Das hat er doch auch damals getan, als wir gegen Narga, das Seemonster, gekämpft haben. Ihm könnte wirklich mal etwas Neues einfallen!“

Tom legte Elenna die Hand auf den Arm. Aus dem Augenwinkel hatte er eine Bewegung bemerkt. „Wir haben Gesellschaft“, murmelte er und drehte sich zu den stämmigen Männern um, die sie plötzlich umringten. Einer von ihnen, ein kräftiger Mann mit tiefen Narben auf dem Arm, trat vor. Er sah sie feindselig an. Sein Blick wanderte zu dem Plakat und dann wieder zu Tom und Elenna.

„Dieses Plakat haben die Soldaten aufgehängt, die die Burg angegriffen haben“, sagte der Mann. „Malvel schickt sie herum und lässt sie auf der Suche nach euch Burgen und Häuser überfallen.“

Der Mann bohrte einen Finger in Toms Brust. „Es ist eure Schuld, dass die Burg angegriffen wurde.“

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„Dann haben also Malvels Soldaten diese Männer verwundet“, dachte Tom.

Ein weiterer Mann trat nach vorn. „Wir sollten die beiden ausliefern“, sagte er zu dem Mann mit den Narben. „Dann bekommen wir wenigstens die Belohnung.“

„Malvel ist euer Feind und nicht wir“, sagte Tom. „Wir kämpfen gegen den bösen Magier und wollen ihn besiegen, damit er die Menschen von Tavania nicht mehr bedrohen kann.“

Der Mann mit den Narben knurrte und packte Toms Arm. Der andere Mann packte Toms zweiten Arm.

„Lasst ihn los!“, rief Elenna. „Er will euch doch nur helfen. Könnt ihr das nicht sehen?“ Sie griff nach ihrer Armbrust, aber ein dritter Mann verhinderte, dass sie ihre Waffe hob. Elenna schüttelte verzweifelt den Kopf. „Malvel wird euch keine Belohnung geben. Er ist ein Lügner.“

Einer der Männer lachte böse. „Stimmt, Malvel ist nicht zu trauen. Vielleicht sollten wir euch lieber gleich töten.“ Er zog ein Messer aus seinem Gürtel. „Euer Tod wird genug Bezahlung sein für all die Leben, die wir verloren haben.“