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Die Vereinbarung

Schweißtropfen rannen Toms Rücken hinunter. Die Augen des Mannes blitzten vor Wut, aber Tom senkte den Blick nicht, sondern sah dem Mann mutig entgegen.

„Warte, Arket, lass uns nichts überstürzen“, sagte der andere Mann, der Tom festhielt. „Bringen wir die beiden zu Lord Osric. Er soll entscheiden.“

Tom und Elenna wanden sich im Griff der Männer, aber es hielten sie zu viele von ihnen fest und sie konnten sich nicht befreien. Sie wurden in das Burgherrenhaus geschleppt und in einen großen Raum gebracht. An den Wänden hingen große Wandteppiche, auf denen Schlachten abgebildet waren. Tom entdeckte Löcher in den Teppichen. Sie mussten beim Überfall von Malvels Soldaten beschädigt worden sein.

Tom wurde vor einem Thron so heftig zu Boden gestoßen, dass ihm die Luft wegblieb. Elenna landete neben ihm. Schwertklingen wurden ihnen an die Kehle gelegt.

Tom sah auf und erblickte hinter dem goldenen Stuhl ein Bett. Darin lag ein junger Mann, der vor Schmerzen stöhnte. Neben ihm kniete ein alter Mann und hielt seine Hand umklammert.

„Lord Osric“, sagte der Mann mit den Narben. „Wir bringen euch die beiden, die für die Zerstörung unserer Burg verantwortlich sind.“

Der alte Mann drehte sich um. Seine Augen waren vom Weinen rot und geschwollen, sein Blick leer und kraftlos. Sein langes graues Haar war strähnig und seine Schultern vornübergebeugt. Er stand auf und kam mit wehendem Umhang zu ihnen.

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Tom und Elenna warfen sich einen Blick zu. Toms Hand wanderte zu seinem Schwertgriff.

Der kalte Stahl drückte sich noch fester gegen seinen Hals. „Denk nicht mal dran“, knurrte eine Stimme.

Angewidert blickte Lord Osric Tom an. „Noch mehr Gewalt willst du in mein Haus bringen? Obwohl mein Sohn sterbend in seinem Bett liegt?“ Lord Osrics Nasenflügel bebten vor Zorn. „Nur weil Malvel euch unbedingt finden will, wurde mein Sohn Alric im Kampf gegen die Soldaten verwundet. Der Verlust muss beglichen werden.“

„Nein, Vater!“ Alrics schwache Stimme ertönte leise und kaum hörbar aus dem Bett. „Keine Toten mehr.“

„Lord Osric“, sagte der Mann mit den Narben und übertönte Alric. „Sollen wir sie gleich töten oder lieber an Malvel ausliefern?“

Der Lord dachte einen Moment nach und schüttelte dann müde den Kopf. „Mein Sohn hat recht. Kein Blut soll an meinen Händen kleben. Ich werde sie nicht töten lassen. Gebt die Gefangenen Malvel und lasst uns hoffen, dass der dunkle Zauberer uns dann in Frieden lässt.“ Lord Osric wandte sich von ihnen ab. „Geht jetzt, mir bleibt nicht mehr viel Zeit mit meinem Sohn.“

Tom und Elenna wurden vom Boden hochgerissen.

„Wartet!“, rief Elenna. „Ich kann eurem Sohn helfen.“

Lord Osric wirbelte herum und sah sie an. „Viele haben versucht, ihm zu helfen“, sagte er mit brüchiger Stimme. „Nichts hat gewirkt.“

„Lasst es mich versuchen“, bat Elenna. „Und wenn ich Alric heilen kann, dann lasst uns frei.“

„Gute Idee, Elenna“, dachte Tom.

Osric betrachtete seinen Sohn. Tom konnte sehen, wie traurig er war. „In Ordnung. Wir haben eine Vereinbarung. Wenn du meinen Sohn rettest, lasse ich euch frei.“

Der Mann, der sein Schwert an Toms Kehle hielt, bewegte sich nicht, aber Elenna durfte an Alrics Bett treten. Sie schlug die Decke zurück und Tom erkannte sofort den Grund für den schlechten Zustand von Osrics Sohn. Er hatte eine tiefe Fleischwunde am Bein. Die Ränder waren schwarz und rochen faulig.

„Hoffentlich kommt unsere Hilfe nicht zu spät“, dachte Tom. „Sonst werden die Männer glauben, dass wir sie reinlegen wollten, und uns ohne zu zögern an Malvel übergeben. Elenna muss es gelingen, Alric zu heilen, oder unsere Mission wird scheitern.“

„Das Schwert, das ihn verletzt hat, war vergiftet“, erklärte Elenna. Sie berührte Alrics Schläfe. „Das Gift breitet sich in seinem Blut aus, aber es kann noch aufgehalten werden. Ich brauche einen Topf mit heißem Wasser, den Beutel mit Kräutern aus meinem Pfeilköcher und einige Wacholderbeeren.“

Ein Kessel mit Wasser wurde im Kamin erhitzt und ein Diener brachte die Beeren aus der Küche.

„Ich weiß, dass du es kannst, Elenna“, dachte Tom. Die Männer hatten ihm erlaubt, sich auf die Knie zu setzen und er reckte den Kopf, um zu sehen, was seine Freundin als Nächstes tat. Lord Osric sah ihr über die Schulter, doch der Mann mit den Narben schüttelte mürrisch den Kopf.

„Das ist nur Zeitverschwendung“, hörte Tom ihn murmeln.

„Da kennst du meine Freundin nicht“, dachte Tom.

Aus den Zutaten bereitete Elenna einen Trank und gab Alric mit einem Löffel vorsichtig davon zu trinken. Auch auf die Wunde tröpfelte sie etwas von der Flüssigkeit. Dann wischte sie Alric den Schweiß von der Stirn und deckte ihn wieder sorgfältig zu. Nach einer Weile klang das schwere Atmen des jungen Mannes ruhiger. Als Elenna die Decke ein Stückchen zur Seite zog, konnte sogar Tom erkennen, dass die Wunde an seinem Bein nicht mehr so schwarz war.

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Alric lächelte Elenna an. „Vielen Dank“, flüsterte er heiser. „Du hast mir das Leben gerettet.“

„Lasst den Jungen frei!“, rief Lord Osric und wandte sich zu seinen Männern um. Sein Gesicht leuchtete vor Freude. „Er und seine Freundin sind Helden!“

Der Mann, der Tom bewachte, trat zurück. Tom stand auf, seine Beine taten ihm weh. Seine Hand wanderte zu seinem Schwert und diesmal hinderte ihn niemand daran. Doch zu einem Kampf würde es hier nicht mehr kommen. Elenna rannte zu ihm.

Lord Osric schüttelte ihr die Hand. „Wie kann ich euch danken?“, fragte er und sah von Elenna zu Tom.

„Ganz einfach. Haltet Euer Versprechen und lasst uns frei“, sagte Tom.

„Natürlich. Gibt es noch etwas, womit ich euch dienen kann? Ich werde ewig in eurer Schuld stehen!“, sagte Lord Osric.

„Vielleicht könnt Ihr uns einen Hinweis geben“, sagte Tom. „Wir suchen nach einem Biest. Habt Ihr von einem gehört? Oder habt Ihr irgendetwas Seltsames hier in der Gegend bemerkt?“

Osric schüttelte den Kopf.

„Wartet, ich habe etwas gehört.“ Alric setzte sich im Bett auf. „Ich habe Gerüchte gehört, dass in den Bergen etwas Unheimliches lauern soll.“

„Warum sucht ihr nach dem Biest?“, fragte Lord Osric.

„Ich habe eine Mission“, erklärte Tom.

In seinem Heimatland hatte er nie jemandem von seinen Missionen erzählt. Aber hier war es etwas anderes. Vielleicht waren die Portale durch Toms Ankunft in Tavania geöffnet worden und es war seine Schuld, dass die Menschen leiden mussten. Deshalb musste er auch dafür sorgen, dass alles wieder in Ordnung kam. Und hatten die Menschen hier nicht ein Recht darauf zu erfahren, dass wütende Biester durch das Land tobten?

„Dann musst du beenden, was du begonnen hast“, murmelte Lord Osric. Er sah zu seinen Männern. „Diese beiden haben freies Geleit. Sorgt dafür, dass alle Untertanen davon erfahren.“ Die Männer nickten. „Viel Glück, junge Kämpfer.“

„Vielen Dank“, sagte Tom. Aber er wusste, dass er mehr brauchte als Glück. In den Bergen wartete ein gefährliches Biest auf ihn. Es war aus seiner Heimat gerissen worden. Raptox war eine tödliche Bedrohung.