image

Eine unerwartete Entdeckung

Die Nachmittagssonne brannte heiß auf Toms Nacken, während Elenna und er den Bergpfad hinaufritten. Die Berggipfel hoben sich schwarz vor dem blauen Himmel ab. Staubbedeckte Felsbrocken umzingelten sie.

Sie hatten Storm und Silver bei Finn abgeholt und dem Hirtenjungen zum Abschied gewunken. „Viel Glück“, hatte er ihnen lächelnd gewünscht. „Was immer ihr auch vorhabt.“

„Oh, wir versuchen nur, das Königreich zu retten“, hatte Elenna gescherzt. Finn hatte kurz die Augen aufgerissen, dann hatte er ungläubig den Kopf geschüttelt und sich wieder seinen Kühen zugewandt. Tom fragte sich, ob sie ihn jemals wiedersehen würden.

„Findest du es nicht auch komisch, dass Malvel seine Soldaten ausschickt, um uns zu suchen?“, unterbrach Elenna seine Gedanken. „Er ist ein Zauberer. Warum benutzt er nicht seine dunkle Magie, um uns zu finden?“

Tom lächelte grimmig. „Der Überfall der Soldaten auf die Burg hatte nicht den Zweck, uns zu finden“, erwiderte er. „Das diente nur dazu, die Bewohner von Tavania zu unseren Feinden zu machen.“

„Beinahe hätte es funktioniert“, sagte Elenna bedrückt.

Trotz des Sonnenscheins fröstelte Tom plötzlich. Er sah sich um, irgendetwas stimmte nicht. Es war totenstill. Weder das Plätschern eines Bergbachs war zu hören noch die Geräusche von wilden Tieren.

Silver jaulte kurz auf, als er auf dem felsigen Untergrund ausrutschte. Winselnd blieb er sitzen und schleckte über seine verletzte Pfote.

Tom brachte Storm zum Stehen. „Schau dir den ausgedörrten Boden an“, sagte er. „Es sieht so aus, als hätte es hier seit Wochen nicht geregnet.“

„Glaubst du, dass das etwas mit den Portalen zu tun haben könnte?“, fragte Elenna. Sie stieg ab und sah nach Silvers Pfote.

„Könnte sein“, erwiderte Tom und stieg ebenfalls ab. Er sah zu dem Portal hoch, das in der Luft über ihren Köpfen schwebte. Durch dieses Portal war das Biest gefallen. Womöglich beobachtete Raptox sie gerade.

Der staubige Pfad machte nun enge Kurven. Vertrocknete Pflanzen säumten den Rand und in der Erde hatten sich überall Risse gebildet, weil sie so trocken war.

„Ich glaube, ab hier müssen wir laufen. Der Weg wird immer steiler. Storm könnte leicht den Halt verlieren.“

Elenna wuschelte durch Silvers Fell. Tom nahm Storms Zaumzeug und sie gingen weiter. Der Pfad wurde schmaler und schon bald waren sie sehr weit oben und konnten nur noch keuchend Luft holen. Die Wolken hingen so tief, dass Tom das Gefühl hatte, er könnte sie berühren. Das Portal schwebte bedrohlich über ihnen.

„Arghhh!“

Tom wirbelte herum und sah Elenna am Rand des Pfades taumeln. Sie musste ausgerutscht sein. Die Erde war so trocken und staubig, dass sie am Rand wegbröckelte.

image

Tom hechtete zu ihr und packte sie am Kragen. Mit aller Kraft zog er sie zu sich. Elenna prallte gegen ihn und beide stürzten zu Boden.

„Alles in Ordnung?“, fragte Tom außer Atem, als sie wieder aufstanden.

Elenna sah über ihre Schulter. Sie zitterte am ganzen Körper. „Der Pfad ist einfach unter mir weggebrochen.“ Sie schluckte. „Ich dachte, ich würde abstürzen. Danke, Tom.“

Tom sah den Weg hoch und entdeckte ein Skelett und einen Schädel mit zwei gedrehten Hörnern.

„Das muss ein Bergschaf gewesen sein. Die Dürre tötet die Tiere“, sagte Tom. Er sah wieder zu dem Portal hoch. „Ob das Biest schuld daran ist? Je schneller wir es nach Hause schicken, umso besser.“

Sie stiegen den Bergpfad weiter nach oben und hielten Ausschau nach dem Biest. Storm wieherte, als kleine Steine neben ihnen vom Hang herunterregneten. Unter den weggebrochenen Steinen tröpfelte ein winziges Rinnsal den Fels herab. Storm machte einen Schritt nach vorn und wollte durstig davon trinken, aber Tom zog ihn zur Seite.

Eine feine Rauchsäule stieg von dem Fels auf. Tom beobachtete, wie sich die Flüssigkeit durch den Stein fraß. Er zischte und schmolz vor ihren Augen weg.

„Das ist Säure“, stellte Tom fest.

Silver schnupperte und winselte unruhig. Elenna kniete sich neben ihn und legte ihm die Hand in den Nacken. Sie wollte nicht, dass er der tödlichen Flüssigkeit näher kam. Aber der Wolf heulte auf und zuckte zurück.

Auf einmal floss viel mehr Säure über die Steine. Es krachte und der Fels brach in sich zusammen. Tom und Elenna sprangen zur Seite, als die Steinbrocken herabstürzten. Das Rinnsal hatte sich in einen Sturzbach verwandelt und rauschte den Hang hinunter.

„Wo kommt die Säure her?“, wisperte Elenna ängstlich.

Tom runzelte die Stirn. „Raptox muss ganz in der Nähe sein.“

Silver hob plötzlich den Kopf und schnupperte in die Luft. Er löste sich von Elenna und sprang über ein paar große Felsbrocken.

„Vielleicht hat er Raptox gerochen“, sagte Tom und zog sein Schwert hervor. Es war nicht sein eigenes Schwert, denn das befand sich im Verlies des Palastes. Malvel hatte es ihm abgenommen. Aber mit diesem Schwert musste es auch funktionieren. „Bleib hier bei Storm, Elenna“, sagte Tom.

Seine Freundin nickte und nahm Storm am Halfter. Tom eilte Silver nach. Das Herz pochte ihm bis zum Hals, als er über einen Felsbrocken kletterte und auf einen kleinen Vorsprung im Hang stieß. „Werde ich gleich dem schrecklichen Biest begegnen?“, fragte er sich.

Beim Anblick, der sich ihm bot, blieb Tom wie erstarrt stehen. Silver hatte etwas gefunden, aber es war nicht das Biest.

Der Wolf stand neben einem großen Nest, das aus Zweigen und Blättern in eine Felsnische gebaut war. Tom trat näher und entdeckte drei Adlerküken darin. Ihre flauschigen Federn bewegten sich in der leichten Brise. Sie fiepten hungrig.

Tom ging zum Fels zurück und rief Elenna zu sich. Sie band Storm an einen Baum und kletterte zu Tom.

Elenna keuchte mitleidig, als sie die drei Küken sah. „Sie sind noch so jung“, murmelte sie. „Wo wohl ihre Eltern sind?“

image

„Vielleicht sind sie verdurstet“, erwiderte Tom. „Oder die ätzende Säure hat sie umgebracht.“

Elenna schluckte traurig. „Wir müssen uns um sie kümmern“, sagte sie. „Aber wir dürfen sie nicht berühren, falls ihre Eltern doch noch leben. Wenn wir sie oder das Nest anfassen, könnten die Eltern ihre Küken verstoßen.“

„Wie sollen wir uns denn um sie kümmern?“, fragte Tom. „Es gibt hier nirgendwo etwas zu fressen.“

Elenna dachte nach, dann leuchteten ihre Augen auf. „Wir können ihnen etwas vom Dörrfleisch geben.“

„Gute Idee.“ Tom kletterte zu Storm zurück und holte das getrocknete Fleisch und eine Wasserflasche aus der Satteltasche. Zusammen weichten sie das Fleisch auf und ließen dann kleine Stücke davon ins Nest fallen. Gierig verschlangen die Küken das Fleisch. Sie rangen miteinander und kämpften um jeden Bissen. Sobald sie das letzte Stück heruntergeschluckt hatten, öffneten sie wieder bettelnd ihre kleinen Schnäbel. Das Fiepen war ohrenbetäubend.

Elenna sah Tom an. „Sie haben immer noch Hunger und wir haben nichts mehr, was wir ihnen geben könnten.“

„Wir haben noch Wasser“, sagte Tom und hielt die Flasche hoch.

Er füllte Wasser in den leeren Fleischbeutel. Elenna legte ihn an den Rand des Nests und beschwerte ihn mit ein paar Steinen.

„Das sollte erst mal reichen“, sagte sie. „Vielleicht können wir später noch mal nach ihnen sehen. Vielleicht kommen die Eltern doch noch zurück.“

Tom wollte gerade antworten, als die Küken verstummten und sich ängstlich zusammenkauerten. Die Haare auf Toms Arm stellten sich auf. „Die Küken haben etwas gewittert“, sagte er zu Elenna.

Tom drehte sich um und erwartete, das Biest zu sehen. Doch da war nichts außer einem riesigen Felsen, der mit grünem Moos bedeckt war. Er kletterte auf den Felsen hoch. Breitbeinig stellte er sich hin und sah sich um. Vielleicht war irgendwo eine Spur von Raptox zu sehen.

„Nichts“, sagte Tom und drehte sich zu Elenna um. „Da ist überhaupt …“ Als er Elennas Gesicht sah, verstummte er.

Sie deutete auf den Felsen. „Raptox ist hier“, flüsterte sie. „Er ist direkt unter deinen Füßen!“