Tom hielt sein kaputtes Schwert hoch, um Raptox’ Angriff abzuwehren. Plötzlich sauste etwas Dunkles vom Himmel herab. Ein Adler! Der große Vogel landete auf dem Kopf des Biests und hackte auf seinen Schädel ein. Mit seinem gebogenen Schnabel zerrte er an Raptox’ grüner Haut. Raptox versuchte, ihn zu schnappen, aber der Adler flog blitzschnell hin und her und wich den spitzen Zähnen des Biests aus.
Tom ergriff die Gelegenheit, um von dem engen Vorsprung zu verschwinden. Er rannte zu der Mauer, die ihn von Elenna trennte, und sprang hoch. Er bekam einen großen Stein zu fassen und zog sich daran nach oben. Tom spähte über den Rand der Mauer und sah Elenna, Silver und Storm, die auf der anderen Seite standen. Elenna hatte den Hengst inzwischen also geholt. Seine Freundin bückte sich gerade nach dem letzten Pfeil.
„Hey, ich bin hier oben!“, rief Tom seiner Freundin zu. Elenna blickte auf und lächelte erleichtert, als sie ihn sah. Silver heulte froh und Storm wieherte zur Begrüßung. Doch der Kampf war noch nicht vorbei.
Tom sah zu dem Adler hoch. Die Federn auf der einen Körperseite waren verbrannt, sein Gesicht war vernarbt und sein Schnabel beschädigt.
Trotzdem entwischte der Adler immer wieder Raptox’ zuschnappenden Kiefern und hieb sogar noch mit seinen Klauen nach dem Biest. Doch Tom bemerkte, dass der Adler langsam müde wurde. „Ich darf nicht zulassen, dass er noch mehr verwundet wird“, dachte er. „Ich muss ihm helfen!“
„Worauf wartest du?“, rief Elenna zu ihm hoch. „Komm runter!“
„Ich komme“, antwortete Tom. „Aber vorher muss ich noch etwas erledigen.“ Er nahm sein Schwert und ließ es über die Steine gleiten, sodass ein kreischendes Quietschen entstand. Raptox’ Kopf schwang in Toms Richtung und der Adler nutzte die Gelegenheit, um weiter nach oben zu fliegen, wo er vor Raptox’ Angriffen und seinem peitschenden Schwanz in Sicherheit war.
Die Stacheln des Biests zitterten und feuerten Sekunden später Säure gegen die Mauer, auf der Tom stand. Er spürte, wie die Felsen unter ihm knirschten und nachgaben. Die Mauer würde jeden Moment zusammenbrechen. Schnell sprang Tom mit einem mächtigen Satz durch die Luft und landete sicher neben Silver, Elenna und Storm.
„Du hast Glück gehabt“, sagte Elenna. „Du hättest unter den Steinen begraben werden können.“
„Mir geht es gut“, beruhigte Tom seine Freundin. Elennas Worte hallten durch seinen Kopf. „… unter den Steinen begraben werden …“
„Das ist es!“, rief er laut. „Schwerter und Pfeile können dem Biest nichts anhaben. Wir müssen Raptox mit seinen eigenen Waffen schlagen.“ Er grinste. „Wir werden ihn unter den Felsen einklemmen!“
Sie hörten ein wütendes Brüllen. Tom sah, wie sich das Biest mit seinem riesigen Körper einen Weg durch die zerstörte Mauer bahnte.
Raptox kam, um sie zu holen! „Schnell, wir müssen uns beeilen!“, sagte Tom.
Sie kletterten eilig den Berghang hoch. Das Biest kam auf dem Fels nur langsam voran. Auf diese Weise bekamen Tom und Elenna einen Vorsprung. Tom führte sie im Zickzack den Berg hoch, um Raptox’ Säureattacken auszuweichen, die durch die Luft schossen.
Sie stiegen weiter nach oben und führten Storm und Silver hinter eine Felsgruppe. Hier konnten sie sich vor dem Biest verstecken.
„Bereit für den Plan?“, fragte Tom.
„Absolut“, antwortete Elenna. „Lassen wir Raptox sein eigenes Gift schmecken!“
Tom grinste. „Folge mir.“
Sie rannten zu einem Felsvorsprung, der sich über dem Kopf des Biests erhob. Tom schlug mit dem kaputten Schwert gegen den Fels, um Raptox’ Aufmerksamkeit zu erregen.
„Komm“, rief Tom dem Biest zu. „Komm und hole mich!“
„Und mich!“, rief Elenna. Es war egal, ob das Biest verstand, was sie sagten. Hauptsache, es spürte die Herausforderung.
Raptox richtete sich auf die Hinterbeine auf und brüllte vor Wut. Tom sah Zorn in den Augen des Biests lodern. So weit von seinem Zuhause entfernt zu sein, hatte Raptox verrückt vor Wut gemacht. Die Stacheln des Biests zitterten und ein Säurestrahl schoss zu Tom und Elenna hoch. „Spring!“, schrie Tom.
Elenna und er hechteten zur Seite und die Säure traf genau auf den Fels, wo sie eben noch gestanden hatten. Es zischte, dann rumpelte es. Felsbrocken regneten auf Raptox hinunter und drückten ihn gegen den Berghang. Er wand sich heftig und sein Maul schäumte vor Zorn.
Das Biest schleuderte noch mehr Säure und richtete den Strahl auf die Felsen, die es einklemmten.
„Oh, nein!“, sagte Elenna. „Die Säure wird die Steine zerstören. Er wird entkommen!“
Tom schüttelte den Kopf. „Das wird schon, Elenna.“ Er sah zu, wie die tödliche Flüssigkeit sich durch die Steine fraß, die auf Raptox lagen. Das Biest versuchte, die Steine von sich wegzuschieben, denn die Säure kam blubbernd und zischend immer näher. An einigen Stellen begann Raptox’ Haut Blasen zu werfen und sich rot zu verfärben, als die Säure seinen Körper berührte. Raptox brüllte vor Schmerz und warf seinen riesigen Kopf hin und her. Dann wurde sein Körper ganz schlaff und er sank in sich zusammen.
Elenna und Tom stiegen zu dem Biest hinunter und umkreisten es vorsichtig. Raptox bewegte sich leicht, doch der Kampfgeist hatte ihn verlassen. Seine Augen schlossen sich. Die Brandwunden auf seiner Haut wurden immer dunkler.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Elenna.
Tom betrachtete Raptox. Er wusste, dass er das Biest besiegt hatte.
„Das Biest ist unserer Gnade ausgeliefert“, sagte er. „Es wird Zeit, es nach Hause zu schicken.“
Tom kniete sich neben Raptox und das große Biest legte seine spitze Schnauze in Toms Hand. Der ganze Zorn war aus seinem Blick verschwunden. Stattdessen konnte Tom Dankbarkeit in Raptox’ Augen sehen.
Ein Blitz zuckte auf und Raptox wurde in die Luft gehoben. Sein gewaltiger Körper flog hinauf zu dem rot leuchtenden Portal, das den Himmel teilte.
Tom und Elenna hielten schützend die Hände vor die Augen. Sie waren froh, dass Raptox zurück in seine Heimat geschickt wurde. Mit einem letzten Aufleuchten schloss sich das Portal wie eine Falltür.
„Er ist weg“, sagte Tom und steckte sein Schwert ein. „Die Berge von Tavania sind wieder sicher.“