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Die nächste Aufgabe

Ein länglicher Gegenstand flog vom Himmel, während das Portal schrumpfte, bis es nur noch so groß wie ein Geldstück war und dann schließlich ganz verschwand.

Tom streckte den Arm zum Himmel hoch und fing den Gegenstand aus der Luft. Es war ein langer Zauberstab aus Holz. Er stellte ihn auf den Boden und betrachtete ihn ausgiebig. Der Stab reichte ihm bis zur Schulter. In das Holz war eine Schlange und ein Paar ausgebreiteter Falkenflügel geschnitzt.

„Das ist ein magischer Gegenstand von Zauberer Oradu“, sagte Elenna aufgeregt. „Zwei andere haben wir ja schon.“ Während sie noch sprach, flogen der Umhang und der Hut des guten Zauberers aus Storms Satteltasche, als hätten sie Elennas Worte verstanden. Sie wuchsen zu voller Größe und schwebten in der Luft vor ihnen.

Silver schnüffelte misstrauisch an den magischen Gegenständen.

Tom spürte, wie sich der Stab aus seiner Hand löste und zu den anderen Gegenständen flog. Die Luft begann zu flirren und der gute Zauberer Oradu erschien vor ihnen. Seine geisterhafte Gestalt trug Hut und Umhang und in der Hand hielt er den Zauberstab. „Glückwunsch, Tom und Elenna. Ihr habt großen Mut bewiesen und eine weitere Aufgabe erfolgreich erfüllt.“

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Tom musste an all die Aufgaben denken, die er und Elenna schon gemeistert hatten, und Stolz erfüllte ihn. Er dachte an Raptox. Es war ein harter Kampf gewesen. Sein Arm schmerzte immer noch von der Säure, die ihn getroffen hatte, aber er gab Raptox keine Schuld. Das Biest war wütend gewesen, weil es weit weg von zu Hause war. Tom wusste, wie sich Heimweh anfühlte.

Die Wunde an seinem Arm wurde plötzlich kühl.

„Heile.“ Die Worte kamen von Oradu. Der Zauberer deutete mit seinem Stab auf die Wunde. Eine kleine Rauchfahne trat aus der Spitze und wickelte sich um Toms Arm. Nach einem Augenblick verschwand der Rauch und die Wunde war vollständig geheilt.

Tom berührte erstaunt seinen Arm. „Vielen Dank.“

Der Zauberer neigte den Kopf. „Das ist das Mindeste, was ich tun kann.“

„Oradu, du siehst kräftiger aus als beim letzten Mal“, sagte Elenna. „Um Tom auf diese Art zu heilen, ist ein starker Zauber nötig.“

Oradu nickte. Sein Umhang wehte sanft im Wind. „Mit jedem Biest, das ihr besiegt, und jedem Gegenstand, der aus dem Portal zurückkommt, werde ich stärker und Malvel schwächer.“ Der Zauberer zwinkerte. „Und ich kenne noch jemanden, der stärker wird.“ Er malte mit seinem Stab einen Kreis in die Luft und dieser füllte sich mit Farben und Bewegungen.

Tom wusste, dass es ein Zauberbild war. Toms Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, denn er sah Freya, seine Mutter, darin. Mit wehenden Haaren kämpfte sie mit einem Soldaten.

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„Sie übt mit Dalaton“, wisperte Tom. Er musste grinsen. Schweiß tropfte von Dalatons Schläfe und seine Wangen waren gerötet. Es war eindeutig zu erkennen, dass Freya hart mit ihm trainierte, um einen echten Kämpfer aus ihm zu machen und ihn auf seine Aufgabe vorzubereiten.

„Ja, durch Freyas Unterricht wird Dalaton eines Tages vielleicht wirklich der Herr der Biester in diesem Königreich werden“, sagte Oradu.

Das Bild verschwand wieder und plötzlich wurde Oradus Gesicht sehr ernst. „Es gibt noch mehr Aufgaben, die auf euch warten. Das nächste Biest ist Madara, die Höllenkatze. Seid vorsichtig, denn sie ist ein furchtbarer Gegner. Viel Glück euch beiden, Tom und Elenna. Tavania zählt auf euch.“ Die letzten Worte hallten durch die Luft, während der gute Zauberer verschwand.

Tom steckte sein kaputtes Schwert in den Gürtel und drehte sich mit entschlossenem Blick zu Elenna um.

„Zeit, weiterzugehen?“, fragte sie grinsend.

Tom nickte.

„Gut, ich bin nicht traurig darüber, diesen Bergen den Rücken zu kehren.“ Elenna pfiff nach Silver und begann den Bergpfad hinunterzulaufen. Silver folgte ihr und wedelte mit dem Schwanz.

Tom lächelte. Die Pflanzen entlang des Pfads sahen schon wieder viel besser aus. In den ausgetrockneten Bachläufen und Wasserfurchen plätscherte wieder kristallklares Wasser.

Tom nahm Storm am Zügel und folgte seiner Freundin. Sie mussten ein neues Biest finden und eine weitere Aufgabe erledigen. Sie durften keine Zeit verschwenden. Malvel musste besiegt und so schnell wie möglich von Tavanias Thron verjagt werden. Die Menschen im Land hatten schon genug gelitten.

„Tom!“, rief Elenna plötzlich. „Sieh dir das an.“

Zusammen mit Storm holte Tom seine Freundin ein. Sie stand in der Nähe des Nests, das sie vorhin entdeckt hatten. Die Küken piepsten aufgeregt und wurden von dem Adler gefüttert, der Tom geholfen hatte.

Der große Vogel riss Fleischstreifen von einem kleinen Nagetier, das er zwischen den Krallen hielt, und fütterte seine Küken damit.

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Aus der Nähe konnte Tom erkennen, dass neue Federn an seinen Flügeln wuchsen, dort, wo die alten verbrannt waren.

Tom lächelte Elenna an. „Das Königreich heilt sich selbst“, sagte er. „Und solange Blut in meinen Adern fließt, werde ich nicht aufgeben und Malvel ein für alle Mal verbannen.“