T ibors Handy klingelte und riss ihn aus dem Tiefschlaf. Er hatte sich die ganze Nacht über im Bett herumgewälzt; als er das letzte Mal auf die Uhr gesehen hatte, war es kurz vor fünf gewesen.
Die Augen noch halb geschlossen, tastete er nach dem Smartphone auf dem Nachttisch. Bekam es zu fassen und warf einen Blick auf das Display. Halb neun Uhr morgens. Kein Name, sondern eine Nummer, die er nicht kannte.
»Hallo?«
»Hier Fina Plank, LKA Wien. Herr Glaser?«
»Ja.«
»Guten Morgen. Habe ich Sie aufgeweckt?«
»Ja. Nein. Nicht wirklich.«
Sie gab ein amüsiertes Geräusch von sich. »Herr Glaser, können Sie heute zu uns in die Berggasse kommen? Wir bräuchten einen DNA -Abstrich von Ihnen, als Vergleichsprobe. Weil Sie ja in Frau Justs Garderobe waren.«
Er antwortete nicht sofort, musste die Information erst in seinem Kopf sortieren. Plank interpretierte das offenbar als Widerwillen. »Das ist natürlich freiwillig. Sie stehen nicht unter Verdacht, also kann niemand Sie zwingen. Aber Sie würden uns die Ermittlungsarbeit sehr erleichtern.«
Er räusperte sich, trotzdem klang seine Stimme heiser. »Ja. Natürlich, kein Problem. Wohin soll ich kommen? Und wann?«
»Wir sind im neunten Bezirk, in der Berggasse einundvierzig. Können Sie gegen halb elf da sein?«
Er nickte, begriff erst nach Sekunden, dass sie das nicht sehen konnte, und räusperte sich erneut. »Ja. Halb elf.«
Unter der Dusche drehte er das kalte Wasser auf, bis seine Haut taub und sein Gehirn wieder denkfähig war. Auch wenn das mit der Probe aufs Erste bedrohlich klang – danach würde er Ruhe haben. Leider nicht vor den Internettrollen, wie er fürchtete, aber vor der Polizei.
Er ließ sich einen doppelten Espresso aus dem Vollautomaten und lehnte sich gegen die Kücheninsel. Nach dem Polizeitermin sollte er in die Agentur fahren, denn offenbar legte Bernie keinen großen Wert darauf, ihn auf dem Laufenden zu halten. Dann konnte er auch gleich mit ein paar der Kolleginnen reden – und herausfinden, ob Nadine außer Mira noch jemand anderem gedroht hatte.
Das LKA erwies sich als Altbau mit überraschend großen und hohen Büroräumen. Fina Plank erwartete ihn in einem der kleineren Zimmer, hinter einem Schreibtisch, auf dem sich Aktenordner stapelten. »Danke, dass Sie so schnell gekommen sind«, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. »Es dauert auch nicht lange.«
Tibor setzte sich auf den ihm angebotenen Stuhl. Aus einem der Nebenräume hörte er Lachen und stellte erstaunt fest, dass ihn das beruhigte. Niemand würde ihn gleich festnehmen – der Gedanke war ihm beim Betreten des Hauses und der Kontrolle durch die Beamten am Eingang durch den Kopf gegangen. Dort war der Ton kühl gewesen, und Tibor hatte sich gefragt, ob Plank ihn womöglich in eine Falle gelockt hatte.
Was natürlich Blödsinn war, im Fall des Falles hätten zwei Polizisten mit einem Haftbefehl vor der Tür gestanden. Es gab Gesetze, und auch wenn Tibor die nicht wirklich kannte, so wusste er, dass das Legen von Hinterhalten nicht zum üblichen Vorgehen gehörte.
Plank zog ein überlanges Wattestäbchen aus seiner Verpackung. »Würden Sie den Mund öffnen, bitte?«
Er tat, worum sie ihn gebeten hatte, und wartete mit zur Decke gerichtetem Blick, bis sie mit dem Stäbchen über die Innenseite seiner Wangen gestrichen hatte.
»Das war’s schon, vielen Dank. Jetzt bräuchte ich nur noch eine Unterschrift von Ihnen.«
Sie reichte ihm einen Kugelschreiber, in dem keine Tinte mehr zu sein schien, und suchte dann hektisch unter den Papieren auf dem Schreibtisch nach einem anderen.
»Sind Sie eigentlich die einzige Frau hier?«, fragte Tibor, in dem Bemühen, Konversation zu machen. »Außer Ihnen habe ich hier nur Männer gesehen.«
»Hm. Ja, das ist … ja, da ist was dran.« Sie zog eine der Schubladen auf und drückte sie wieder zu. »Es gibt nicht so viele Frauen, die gerne … ah, da ist noch einer.« Sie hielt ihm einen Stift entgegen, mit dem er die Einverständniserklärung unterschrieb.
Im gleichen Moment platzte ein Mann ins Büro, dem Tibor bisher noch nicht begegnet war. Groß gewachsen, dunkles Haar, dunkle Augen. »Fina, wir haben eine Vermisstenmeldung, da könnte es eine Überschneidung zu deinen Recherchen geben.« Er warf Tibor einen schnellen Blick zu. »Und eine passende Anzeige haben wir auch, da geht’s allerdings eher um Sachbeschädigung. Brauchst du noch lange?«
»Nein. Ist Oliver da?«
»Nein, der hat einen Termin zusammen mit Sieghart. Komm dann zu mir rüber, okay?«
»Sicher.« Sie beschriftete den Plastikbeutel; hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen. Konzentriert oder nervös, das war schwer zu sagen.
»Denken Sie, es gibt schon wieder ein Opfer?«, erkundigte sich Tibor.
Sie blickte auf, als hätte sie seine Anwesenheit völlig vergessen. »Sie sind hier fertig«, sagte sie, ohne auf seine Frage einzugehen. »Ich begleite Sie noch zum Ausgang.«
Er folgte ihr die Treppen nach unten ins Erdgeschoss, erleichtert, dass er nun alles hinter sich hatte. Ein wenig bedauerte er, dass es ihm nicht gelungen war, sich mit der Polizistin zu verbrüdern. Sie begegnete ihm so sachlich, dass es beinahe feindselig wirkte, so ganz anders als an dem Abend, als er Nadine gefunden hatte.
Vielleicht hielt sie ihn immer noch für verdächtig, oder sie stand so unter Stress, dass sie ihn nur als einen abzuhakenden Punkt auf ihrer To-do-Liste wahrnahm.
Am Ausgang wandte er sich ihr noch einmal zu und strahlte sie so herzlich an, wie er konnte. »Auf Wiedersehen. Und danke für Ihre hervorragende Arbeit.«
Sie musterte ihn irritiert. Ohne das winzigste Lächeln. »Gern geschehen. Sie halten sich zu unserer Verfügung, ja?« Damit wandte sie sich um und ging.
Tibor gab es nur ungern zu, aber sein Ego war angekratzt. Wenn er seinen Charme spielen ließ, blieb das normalerweise nicht ohne Reaktion, sowohl bei Frauen wie bei Männern, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Dass Plank überhaupt nicht darauf reagierte, brachte ihn aus dem Konzept. War er ihr so unsympathisch? Oder dachte sie, er legte sich bloß ins Zeug, um unverdächtig zu erscheinen?
Tibor startete den Wagen und zwängte sich aus der engen Parklücke. Es war an der Zeit, dass er sein Leben wieder aufnahm. Und in der Agentur nachfragte, wer noch alles unerfreuliche Erfahrungen mit seiner toten Ex gemacht hatte, für die er sich entschuldigen sollte.
»Nein, ich kann überhaupt nichts Schlechtes über Nadine sagen.« Sabina rührte mit einem zarten Löffelchen in ihrer Kaffeetasse. »Zu mir war sie immer sehr nett, ich habe ihr ja auch den Job in der Agentur zu verdanken, weißt du nicht mehr? Außerdem waren wir öfter gemeinsam abends fort, aber das hat sie dir wahrscheinlich erzählt.«
Er nickte. »Ihr wart richtig eng miteinander, nicht wahr?«
»Na ja, so würde ich es nicht ausdrücken. Aber wir mochten uns, sie war genauso eine begeisterte Surferin wie ich.«
»Und sie hat nie von dir verlangt, dass du dich von mir fernhalten sollst? Hat dich nicht verdächtigt, dich an mich ranmachen zu wollen?«
Es klang eingebildet und lächerlich, wenn er es aussprach. Wahrscheinlich war das der Grund für den Blick, mit dem Sabina ihn jetzt bedachte. Schlecht kaschierte Verachtung. »Wie kommst du auf die Idee? Natürlich nicht. Denkst du, dann hätte sie dich gebeten, mich einzustellen? Es war auch überhaupt keine Eifersucht nötig, denn ich wusste ja, dass ihr zusammen seid. Und außerdem – tut mir leid, Tibor, du bist überhaupt nicht mein Typ.«
Der zweite Hieb gegen sein Ego innerhalb einer knappen Stunde, aber diesmal konnte er darüber lachen. »Dann gratuliere ich dir zu deinem guten Geschmack. Ernsthaft.«
Sie lächelte ebenfalls. Blickte zu Boden. »Ich weiß aber, dass Nadine ein Eifersuchtsproblem hatte. Und fast krankhaft stolz war. Ich weiß auch, dass sie andere Frauen mies behandelt hat, das hat sie mir selbst erzählt.«
Tibor betrachtete sie, während sie sprach, und fand sie plötzlich anziehend. Zum ersten Mal, seit sie hier zu arbeiten begonnen hatte. War das die Attraktion der Ablehnung, der Reiz des schwer Erreichbaren? So simpel war er doch hoffentlich nicht gestrickt.
»Hast du jemals mit Mira über Nadine gesprochen?«
»Mira?«
»Ja, kennst du sie nicht mehr? Sie war eine Zeit lang Juniortexterin hier. Dunkle Haare, meistens von Kopf bis Fuß in Rot gekleidet, das war gewissermaßen ihr Markenzeichen.«
Sabina überlegte kurz, dann schüttelte sie den Kopf. »An sie kann ich mich nicht erinnern, aber ich bin ja auch erst etwas über ein Jahr hier. Wahrscheinlich war sie da schon nicht mehr in der Agentur beschäftigt.«
Klar, natürlich. Mira zu vergraulen war ja eine von Nadines ersten Taten zu Beginn ihrer Beziehung gewesen.
»Aber Nadine hat mir ein paar Dinge über dich erzählt«, fügte Sabina leise an. »Nachdem ihr euch getrennt habt. Keine Ahnung, ob sie die Wahrheit gesagt hat, aber du solltest besser wissen, dass deine Wutanfälle kein Geheimnis mehr sind.«
»Meine was?«
Es war Sabina sichtlich unangenehm. »Ich hätte das nicht erwähnen sollen. Sorry, vergiss, was ich gesagt habe, ich möchte das Arbeitsklima zwischen uns nicht vergiften.«
Tibor atmete tief durch, er fühlte tatsächlich Wut in sich aufsteigen, weil es so unfair war, dass er sich gegen die Lügen einer Toten nicht mehr verteidigen konnte. »Mach dir bitte keine Sorgen, ich werde dir bestimmt nicht übel nehmen, wenn du mir sagst, welche Geschichten Nadine über mich erzählt hat.«
Sabina sah ihn an und wieder weg. »Ich weiß nicht.«
Er hätte gern ihre Hand genommen oder ihr seine auf die Schulter gelegt, in einer beruhigenden, vertrauenerweckenden Geste. Aber wahrscheinlich würde sie nur zusammenzucken und er das Gegenteil dessen erreichen, was er eigentlich wollte. »Ich schwöre dir, es wird keine beruflichen Nachteile für dich geben. Ich schwöre dir außerdem, dass ich Nadine nichts angetan habe, zu keinem Zeitpunkt, nie.«
Sie wirkte beruhigt, wenn auch nicht überzeugt. »Na gut.« Sie strich sich das Haar zurück, sichtlich verlegen. »Nachdem ihr getrennt wart, hat Nadine mir erzählt, dass du sie ein paarmal unsanft angefasst hast. Dass du Geschirr gegen die Wand geworfen hast, wenn du wütend warst. Und dass du ihr gedroht hast – nicht mit Umbringen, aber mit Ohrfeigen.«
Sabina vermied es, ihn anzusehen, ihr Blick wanderte immer wieder in Richtung Tür. Es war offensichtlich, wie peinlich die Situation ihr war. Wie gern sie zu ihrem Platz am Empfang zurückkehren wollte.
»Nichts davon stimmt«, sagte Tibor, betont ruhig. »Oder doch, einmal ist mir ein Teller aus der Hand gerutscht, allerdings ist er am Boden zersprungen, nicht an der Wand. Aber das war aus Ungeschicklichkeit, nicht aus Wut. Tatsache ist, Nadine hat überhaupt nicht vernünftig darauf reagiert, dass ich mich von ihr trennen wollte. Sie hat mir mehrfach gesagt, dass ich das bereuen werde, und ich kann mir gut vorstellen, dass sie mich bei jeder Gelegenheit im denkbar schlechtesten Licht dargestellt hat.«
»Das kann natürlich sein.« Sabina warf einen Blick auf die Uhr. »Ich glaube, ich sollte wieder an meinen Platz zurück.«
Sie glaubte ihm nicht, das war nicht zu übersehen. Klar, sie war es auch gewesen, die das Foto auf Facebook entdeckt hatte. Das, auf dem er so bedrohlich wirkte, und dieser Eindruck passte bestens zu Nadines Erzählungen.
Nun erhob sie sich und ging zur Tür, blieb dort noch einmal stehen und drehte sich um. »Es geht mich alles überhaupt nichts an. Aber ich habe mich oft gefragt, was euch zueinander gebracht hat. Denn von außen betrachtet wart ihr nie ein harmonisches Paar. Du hast so oft genervt gewirkt und Nadine fast immer unzufrieden.«
Stimmte das? Ja, in den letzten Monaten war es sicher so gewesen. Und ein Teil von ihm hatte schon zu Beginn gewusst, dass er vermutlich einen Fehler beging. Ein Teil, den er umgehend zum Schweigen gebracht hatte, weil …
»Ich wollte unbedingt mit ihr zusammen sein«, gab er zu. »Dabei war ich nicht einmal besonders verliebt in sie.« War es klug, so ehrlich zu sein? Einer Mitarbeiterin gegenüber, die er nicht wirklich gut kannte? Aber sie war nun mal gerade hier, er hatte das Gefühl, sich erklären zu müssen, und es tat ihm gut, die Dinge beim Namen zu nennen.
»Sie war eine solche Herausforderung. Sie für mich zu gewinnen, war wie einen Achttausender zu bezwingen. Ein wochenlanger Kampf, dann ein Sieg, und dann …«
Er brachte den Satz nicht zu Ende.
»Und dann ein langer, kalter Weg abwärts?«, sagte Sabina leise.
Er biss die Zähne zusammen. Nickte. Konnte geradezu hören, wie sie Arschloch dachte. »Aber ich habe sie nie misshandelt, nicht einmal angeschrien. Und das Foto, das du gefunden hast – da bin ich bloß aufgestanden, weil ich gehen wollte.«
Sie sah ihn an. Zweifelnd? Misstrauisch? Dann lächelte sie und schüttelte leicht den Kopf. »Nicht einmal verliebt«, sagte sie und ging.
Kaum war sie draußen, verfluchte Tibor sich für diesen Moment der Schwäche, der völlig unnötigen Ehrlichkeit. Denn natürlich würde sie genau das der Polizei erzählen, falls man sie befragte: Glaser war an dem Opfer eigentlich nicht interessiert gewesen, hatte nur den Kick der Eroberung gesucht, war ein oberflächlicher Mistkerl.
Leider nicht ganz falsch. Unwillkürlich fragte er sich, was Fina Plank gesagt hätte, wenn er ihr die Geschichte anvertraut hätte. Tja, gut möglich, dass sie sie nun von anderer Seite hören würde.
Er hatte vorgehabt, auch noch mit Hanna von der Grafik und vor allem mit Celine zu sprechen, mit der er seit Jahren am engsten zusammenarbeitete. Aber er fühlte sich dem nicht mehr gewachsen. Wenn er heute noch einmal hören musste, dass ihn jemand für einen potenziellen Gewalttäter hielt, würde er zu schreien beginnen.
Sich durch die angefallenen Mails zu arbeiten würde zwar nur wenig erfreulicher sein, aber besser, als nach Hause zu fahren und dort zwanghaft Quick-TV zu schauen, wo vermutlich immer noch das Nadine-Just-Gedenkprogramm lief.
Er hatte gerade das Mailprogramm geöffnet, als die Tür zu seinem Büro aufsprang und Bernie hereinpolterte, die Froschaugen noch größer als sonst. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er im Ton eines Arztes, der wirklich schlechte Nachrichten überbringen muss. »Ich habe es eben erst gesehen. Aber wir stehen alle zu dir.«