20 .

E in kleines Mädchen?« Siegharts Gesicht war eine Maske des Zweifels. »Beyer hat keine Kinder, oder?«

Sie hatten sich um Ahmeds Schreibtisch versammelt, weil der gleich neben der Kaffeemaschine stand, und es war ein mehr zufälliges als geplantes morgendliches Meeting entstanden.

»Nein.« Oliver kam Fina mit der Antwort zuvor. »Keine Frau, keine Kinder, nur zwei Schwestern, die aber auch noch kinderlos sind.«

»Frau Kaltenbrunner hat gesagt, sie hätte kurz die Tür geöffnet und ein paar Gesprächsfetzen aus dem Stiegenhaus mitgehört. Das Mädchen soll sehr aufgeregt gewesen sein und etwas von einer Katze gesagt haben. Auf dem Balkon.«

»Einer Katze?«

»Ja. Was genau Beyer darauf geantwortet hat, konnte sie nicht richtig verstehen, nur, dass er unfreundlich geklungen und sich über die späte Uhrzeit beschwert hat.«

»Klingt eigenartig«, gab Sieghart zurück. »Wie alt ist diese Zeugin?« Die Frage war unmissverständlich an Fina gerichtet.

»Dreiundachtzig. Aber sehr agil, braucht nur zum Lesen eine Brille. Ich habe selbst noch ein paarmal nachgefragt, aber sie war sicher, dass es ein Kind war. Ein blondes Mädchen, etwa zehn Jahre alt, mit Zopf bis zum halben Rücken. Um circa halb elf Uhr abends hat dieses Mädchen das Haus betreten, ist die Treppen hochgelaufen und fünf Minuten später zurückgekommen. Unmittelbar danach hat auch Beyer das Haus verlassen. Das Kind hat Jeans und ein rosa Shirt getragen.«

Siegharts Mund hatte sich zu einem blassen Strich verfestigt. »Von der Sorte finden wir in jeder Schulklasse zehn Stück. Sie hat das Mädchen vorher nie gesehen?«

»Nein. Und glaube mir, sie würde sich erinnern.«

Oliver schüttete Zucker in seinen Kaffee. »Wir sollten die Zeugin vorladen. Wer weiß, was sie sich zusammengesponnen hat. Ich habe sie nämlich eine Stunde vorher ebenfalls befragt, und da war keine Rede von blonden Mädchen.«

»Ja«, sagte Fina müde. »Weil sie sich ihren Trumpf bis zum Schluss aufheben wollte. Und eigentlich vorhatte, ihn gegen einen kurzen Rundgang in Beyers Wohnung einzutauschen.« Sie sah Oliver nicht an, während sie sprach. Seit dem gestrigen Wortwechsel hatten sie nicht mehr miteinander geredet, und Fina wartete nur darauf, dass er zum nächsten Schlag ausholen würde.

»Also vorladen.« Sieghart nickte ihr zu. »Manfred, kümmere du dich darum, okay?«

Der Kollege machte sich eine Notiz, dann stand er auf, griff nach seiner Jacke und ging ohne ein weiteres Wort nach draußen.

»Was gibt es sonst Neues?« Sieghart warf einen schnellen Blick auf die Uhr.

»Wir warten auf die Spurenauswertung«, sagte Oliver. »Habt ihr schon die Schlagzeile heute gesehen? Senderchef Eferling klagt gegen das Schmierblatt der Konkurrenz wegen dieser Headline.« Er räusperte sich und fuhr mit theatralisch tiefer Stimme fort: »Musste sie für ihre Karriere sterben? Ihr erinnert euch an das Titelfoto, auf dem er die Hand an Justs Arsch hatte?«

Ja, Fina erinnerte sich gut, sie war dem erbosten Mann im Sendegebäude begegnet. Was glauben Sie, was bei mir zu Hause los ist?, hatte er gezischt. »Wir sollten vielleicht noch einmal mit ihm sprechen«, schlug sie vor. »Und vor allem auch mit seiner Frau.«

Sieghart stellte seine Tasse neben die Kaffeemaschine. »Ich dachte, von ihm hätten wir alles Nötige? Überlegt euch bitte gut, ob das wirklich nötig ist, das Letzte, was wir brauchen können, ist miese Presse, weil wir ineffizient arbeiten.«

»Finde ich auch.« Oliver, natürlich. »Außerdem fällt mir nichts ein, was ihn mit dem zweiten Opfer verbinden würde. Oder mit Julius Beyer, falls der auch eines sein sollte. Ist jemand anderer Meinung?«

Die Frage galt garantiert Fina, aber er richtete sie nicht direkt an sie. Blickte durch sie hindurch, als wäre sie Luft, was aber keinem aufzufallen schien.

»Wir haben noch nicht mit seiner Frau geredet«, beharrte sie. »Ernsthaft, wenn Eferling wirklich eine Affäre mit Just hatte, können wir die Ehefrau da einfach ignorieren? Eifersucht ist eines der häufigsten Motive. Zugang zum Sender hätte sie auch gehabt.« Sie blickte hoch, Sieghart direkt ins Gesicht. »Wir wollen den Fall doch lösen, nicht?«

Wider Erwarten lächelte er. »Und ob wir das wollen. Viel Spaß, Plank, ich überlasse das dir und deinem Fingerspitzengefühl. Oliver, mach bitte den Bericht von gestern fertig, und Ahmed, du kümmerst dich um Beyers Kontakte. Hoffentlich finden wir dann raus, wer das Mädchen ist.« Er nickte einmal in die Runde, verschwand in seinem Büro und schloss die Tür hinter sich.

Sekunden später war auch Oliver gegangen, wortlos, aber unverkennbar wütend darüber, dass ihm der Papierkram aufgeladen worden war.

Ahmed griff nach Finas Kaffeetasse. »Noch einen?«

»Ja. Danke. Wo ist eigentlich Manfred?«

»Zahnarzt. Kommt später wieder.«

»Ich hätte ihn ganz gern dabei, wenn ich mit Eferlings Frau rede. Er wirkt so …«

»Beruhigend?« Ahmed gab Schnarchgeräusche von sich. »Ja, keine schlechte Idee. Wäre vielleicht auch gut, die Frau nicht herzubestellen, sondern zu ihr zu fahren. Den Ball flach halten, du weißt, was ich meine.«

Doch wie es aussah, würde aus der Vernehmung noch am gleichen Tag ohnehin nichts werden. Fina bekam nur die Haushälterin ans Telefon, die erklärte, sie dürfe die Handynummer ihrer Chefin nicht weitergeben. Rückruf? Ja, eventuell. Aber Fina solle besser nicht vor morgen damit rechnen, denn heute würde Frau Eferling erst spät wieder zu Hause erwartet.

Oliver war noch nicht zurück an seinem Schreibtisch, aber als Fina auflegte, hörte sie seine aufgebrachte Stimme aus einem der anderen Büros. »Mich lässt er Berichte schreiben! Mich. Ist ja auch völlig klar, warum. Frauen müssen gefördert werden, egal, ob sie unfähig sind oder nicht.« Etwas fiel zu Boden. »Entschuldige, das war keine Absicht«, hörte Fina ihn sagen. »Aber findest du nicht auch, dass es hier viel besser gelaufen ist, bevor sie sich ins Team gedrängt hat? Und ich bin die arme Sau, die ständig mit ihr zusammenarbeiten muss. Du hast ja keine Ahnung. Katastrophe.«

Fina fühlte, dass sie rot geworden war. Mit wem redete Oliver da? Mit jemandem, der zu jedem seiner Worte mitfühlend nickte? Ja, wahrscheinlich.

Sie ging ihre Mails durch, fixierte den Bildschirm, gab sich Mühe, wütend zu sein und nicht verletzt. Offenbar hatte auch Ahmed den Ausbruch mitgehört, denn als er kurz darauf hereinkam, um etwas auf Olivers Schreibtisch zu legen, warf er Fina einen besorgten Blick zu.

Sie sah schnell weg, überlegte es sich dann aber anders und lächelte ihm zu. »Ist schon okay, ich halte das aus.«

»Nein. So sollte das nicht laufen.« Er warf einen Blick in die Richtung, aus der Olivers Stimme gekommen war. »Soll ich mit ihm reden?«

»Auf keinen Fall!«

Er nickte. »Ich finde das nicht, übrigens«, sagte er nach einer kurzen Pause. »Also, dass es besser war, bevor du zu uns gekommen bist.«

»Hm. Danke.«

»Es war schon anders, das stimmt. Da hat Oliver immer versucht, mir die Berichte anzuhängen.« Er zwinkerte verschmitzt. »Für mich hat die Lage sich also echt verbessert. Nein, im Ernst: Du passt wunderbar ins Team. Lass dich nicht verunsichern.«

Sie nickte nur, obwohl sie ihm wirklich dankbar war. Betrachtete Oliver kühl, als er zu seinem Platz zurückkehrte; er sollte kapieren, dass sie alles gehört hatte. Was er wohl auch so beabsichtigt hatte.

Er sagte kein Wort, sondern begann zu tippen, hackte wütend auf die Tasten ein. Fina dachte nicht daran, einen Teil der Berichte zu übernehmen, auch wenn sie bei Eferlings Frau heute nicht mehr weiterkommen würde. Stattdessen suchte sie nach neuen Postings unter #inkürzetot, so lange, bis kurz nach Mittag die erste Auswertung der Spurensicherung eintraf und alles auf den Kopf stellte.

»Ihr habt sie in Marziks Schrebergartenhaus sichergestellt?« Sieghart beugte sich über die Daten, die Georg selbst vorbeigebracht hatte, um potenzielle Fragen zu beantworten, wie er sagte. Wahrscheinlich aber auch, um die Reaktion der Gruppe mit eigenen Augen zu sehen.

»Ja. Die Haare stammen aus dem Badezimmer. Der DNA -Abgleich lässt keine Zweifel offen, sie gehören Tibor Glaser.«

»Das heißt, sie haben sich doch gekannt«, stellte Oliver fest. »Wie sieht es mit dem Haar aus, das ihr an der Leiche gefunden habt?«

»Wildschwein. Definitiv nicht menschlichen Ursprungs.«

Fina hatte sich eine Kopie der Auswertungsdaten herangezogen und las sie Zeile für Zeile durch. »Aber am Tatort im Sender habt ihr keine Spuren von ihm gefunden? Kein einziges Haar?«

»Nein. Die, die wir sichergestellt haben, stammen vom Opfer selbst. Die meisten Fingerabdrücke auch, in der Garderobe gab es noch paar der Maskenbildnerin und einen der Chefin vom Dienst.«

»Radnitzky?«

»Genau.«

Fina versuchte, die neuen Fakten in ihrem Kopf zu ordnen und mit den alten zu einem logisch brauchbaren Bild zusammenzufügen. Und dann ihre Gedanken so zu formulieren, dass sie nicht wieder eine Angriffsfläche für Oliver bot.

Ach was. Drauf gepfiffen. »Sind wir uns alle einig, dass Glaser Nadine Just nicht getötet haben kann? Es gibt ein klar abgegrenztes Zeitfenster, in dem die Tat passiert ist. Für das er ein Alibi hat.«

»Vom Restaurant, dem Portier des Senders und Radnitzky?« Sieghart lehnte sich gegen die Wand. »Das müssen wir uns noch einmal ganz genau ansehen. Wie lange er in dem Lokal war. Dann die Fahrtzeit von dort zum Sender. Er könnte irgendwie durch einen Lieferanteneingang ins Gebäude gelangt sein, dort seine Ex getötet haben und anschließend gemütlich ums Haus spaziert sein, um sich beim Portier anzumelden.«

Fina schüttelte den Kopf. »Das haben wir schon gemacht. Wir wissen auch, wann er versucht hat, Just über ihr Handy zu kontaktieren. Und damit ist eigentlich klar, dass er nicht …«

»Ich sage nicht, dass er es war«, unterbrach Sieghart sie. »Nur, dass wir uns angesichts der neuen Informationen alles noch einmal genau ansehen müssen.«

»Natürlich«, pflichtete Oliver ihm bei. »Ich kümmere mich gleich darum.«

Wieder fühlte Fina, wie die Röte ihr ins Gesicht stieg. Ohne wirklichen Grund diesmal. Das musste aufhören, verdammt, sie durfte sich nicht bei jedem Widerspruch fühlen wie ein gemaßregeltes Kind. Die anderen im Team fassten einander auch nicht mit Samthandschuhen an, und das Letzte, was sie sich wünschte, war eine Sonderbehandlung.

»Zu Beyers Wohnung gibt es noch keine Spurenauswertung?« Sie wandte sich an Georg. Ihre Stimme schwankte nicht, das war immerhin etwas.

»Nein, leider. Aber wir beeilen uns. Vielleicht willst du noch einen Blick auf die Liste werfen? Der Kollege Homburg hat die gewünschten Spuren schon markiert, aber er war eher … sparsam.«

Der Hauch von Verachtung, den Georg in seinen letzten Satz gelegt hatte, entging niemandem im Raum, am wenigsten vermutlich Oliver.

»Na sicher«, sagte er. »Lass Serafina noch ein paar Kreuzchen auf dem Wunschzettel machen, sie weiß es sicher besser als ich. Und sie hat auch gar keine Schwäche für unseren neuen Hauptverdächtigen, oder?«

»Was?« Sieghart blickte zwischen ihm und Fina hin und her. »Was soll der Quatsch? Homburg, reiß dich zusammen und lass diese Sticheleien, ich will, dass ihr vernünftig arbeitet, zum Teufel.« Damit verließ er den Raum. Fina griff nach der Liste, in dem Bewusstsein, dass alle Anwesenden sie beobachteten.

»Die Computertastatur«, sagte sie. »Die steht nicht mit dabei. Ist das okay?«

»Sicher ist das okay.« Georg unterstrich den Posten doppelt und ignorierte das schnaubende Geräusch, das Oliver von sich gab. »Ich sehe zu, dass wir das flott bearbeiten. Ihr hört von mir.«

Er ging, und nur Sekunden später kam Manfred zur Tür herein, die rechte Seite des Gesichts deutlich dicker als die linke. »Weisheitszahn. Ist raus. Was gibt es sonst Neues?«

Oliver, der sich gerade ein Glas Wasser einschenkte, füllte noch ein zweites und reichte es seinem Kollegen. »Dass nicht alles Störende so leicht loszuwerden ist wie dein Zahn.«