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S ie standen im zweiten Stock des Altbaus und klingelten zum wiederholten Mal an der Tür. Fina hatte am vorigen Abend mehrmals versucht, Lothar Hesselmann zu erreichen, ohne Erfolg. Gleichzeitig waren noch drei andere Leute mit #inkürzetot-Markierungen im Netz aufgetaucht, und eine weinende Mutter hatte sie telefonisch angefleht, nach ihrem Sohn zu sehen. Der ein Porträtfoto mit dem gleichen Hashtag auf Instagram gepostet habe und den sie seit Stunden nicht erreichen konnte.

Sie hatten den neunzehnjährigen Studenten priorisiert und herausgefunden, dass er mit seinen Freunden in einer Bar saß und sich betrank. Das Foto online zu stellen, war die Einlösung einer Wettschuld gewesen, ebenso wie die ersten zwei Runden, die auf seine Rechnung gegangen waren.

Die beiden anderen Verdachtsfälle hatten sich ebenfalls geklärt. Blieb Hesselmann, bei dem sie bisher erfolglos gewesen waren.

Fina und Oliver waren in Begleitung von zwei uniformierten Kollegen, die schon vor einer Stunde versucht hatten, herauszufinden, ob Hesselmann sich in seiner Wohnung befand.

»Er macht jedenfalls nicht auf«, sagte der Ältere von ihnen. »Aber es läuft Musik, hört ihr das?«

Fina legte das Ohr ans Türblatt. Ja, da lief irgendein klassisches Stück, wenn auch nicht sehr laut. Noch einmal drückte sie auf den Klingelknopf, ließ den Finger liegen. Hörte das Schrillen im Inneren der Wohnung, aber keine Schritte, keine Stimme.

»Ich würde sagen, Gefahr in Verzug«, sagte sie, und Oliver nickte.

»Die Hausmeisterin hat einen Schlüssel zu seiner Wohnung«, erklärte der jüngere Uniformierte. »Sie gießt gelegentlich seine Pflanzen, wenn er verreist ist.«

Drei Minuten später drehte Oliver den besagten Schlüssel im Schloss. »Herr Hesselmann?«, rief er in die Musik hinein. »Sind Sie zu Hause?«

Keine Antwort. Sie traten ein, wandten sich zuerst nach links, wo die Küche lag. Die penibel aufgeräumt wirkte, bis auf einen halb transparenten Plastiksack, der auf der Anrichte stand und an dem eine Rechnung festgetackert war. Take Away, das niemand angerührt hatte. Kein gutes Zeichen. In Finas Handflächen kribbelte es, als sie die Küche verließen, in Richtung Wohnzimmer. Wo ein erster Blick ihnen alles sagte, was sie wissen mussten.

Oliver drehte sich zu den beiden Uniformierten um. »Ihr sperrt hier ab. Wir rufen die Spurensicherung.«

Bis die Kollegen eine halbe Stunde später eintrafen, hatten Fina und Oliver den Raum nicht betreten. Es war nicht nötig gewesen, nachzusehen, ob man Lothar Hesselmann noch helfen konnte, denn es war auch aus vier Metern Entfernung klar zu erkennen, dass er tot war. Halb geöffnete Augen, blauschwarze Lippen in einem aufgedunsenen, bläulichen Gesicht.

»Scheiße«, stellte Georg trocken fest, als er sich im Overall an Fina vorbeischob. »Wer hat ihn gefunden?«

»Wir«, sagte sie. »Er war gestern zwei Stunden lang live auf Twitter. Also, sein Account war live, die Durchsage war aufgezeichnet.«

»Gleiches Muster, gleicher Text?«

»Ja. Wird in Kürze tot aufgefunden werden. Ein Verbrechen wird man nicht ausschließen können, und so weiter. Inklusive Hashtag, aber den kann man leider nicht als Gradmesser für die Ernsthaftigkeit einer solchen Ansage nehmen. Dafür spielen zu viele damit rum.«

»Idioten.« Georg schoss Fotos des Toten, in der Totale und aus der Nähe. »Mit wem haben wir es denn hier zu tun?«

»Lothar Hesselmann«, sagte Oliver. »Hatte bis vor einiger Zeit eine eigene Radiosendung, ist immer noch als Kulturkritiker aktiv. Schreibt für verschiedene Blätter über Theater und Bücher.« Oliver hatte die Wartezeit bis zum Eintreffen der Spurensicherer mit Googeln verbracht.

Georg kniete jetzt vor der Leiche, während sein Kollege Fingerabdruckpulver auf Türklinken und Tischflächen pinselte. »Wie es aussieht, wurde er erwürgt. Ohne Garantie, aber alles andere würde mich sehr wundern.« Er beugte sich tiefer zum Gesicht des Toten, als wollte er daran schnuppern. »Ist Weigel schon auf dem Weg?«

»Keine Ahnung, ob er selbst kommt«, sagte Fina. »Die Gerichtsmedizin ist jedenfalls verständigt.«

Georg trat ans Fenster und nahm wieder den Fotoapparat zur Hand. Suchte den richtigen Winkel und drückte ein paarmal auf den Auslöser.

»Fotografierst du die Kirche?«, fragte Fina, nicht ohne Verblüffung.

»Nein. Die Scheibe. Da sind Schmierspuren. Horst«, wandte er sich an seinen Kollegen, »nimmst du dir die bitte auch noch vor?«

Von draußen war das Geräusch eiliger Schritte zu hören, und Sekunden später stand Weigel in der Tür. Er musste seinen Papieroverall bereits im Treppenhaus angezogen haben und steuerte direkt auf Hesselmann zu. Beförderte ein Skalpell und ein Fieberthermometer zutage und schlitzte die Hose des Toten im Schritt auf. Nachdem er das Thermometer rektal eingeführt hatte, lockerte er Hesselmanns Hemdkragen.

»Ah.« Er zog sein Diktiergerät aus der Tasche. »Zyanose und massive Kopfstauungen, petechiale Blutungen auf Lidern und Gesichtshaut.« Er zog den Kragen ein Stück weiter zur Seite. »Nur schwach ausgebildete Drosselmarke. Abschürfungen an beiden Handgelenken.« Er hob Hesselmanns Kopf leicht an, legte ihn wieder ab, zog das Hemd aus der Hose und betastete den Torso. »Livores voll ausgeprägt, kaum noch wegdrückbar.«

Er zog das Thermometer aus dem Rektum des Toten. »Körpertemperatur einundzwanzig Komma zwei Grad. Sagt mal, könnt ihr die Musik ausmachen? Oder ist die Teil der Ermittlungsarbeit? Braucht ihr sie als Inspiration?«

Fina hatte zuletzt kaum wahrgenommen, dass die Anlage immer noch lief. Das Stück wiederholte sich mittlerweile sicher schon zum dritten oder vierten Mal, Hesselmann musste es auf Loop gestellt haben. Er oder derjenige, der ihn getötet hatte.

»Das war schon an, als wir gekommen sind«, sagte sie. »Und wir warten noch, bis die Tatortgruppe mit allem durch ist.«

»Ihr könnt rein«, verkündete Georg. »Aber anfassen nur mit Handschuhen.«

Fina betrat das Wohnzimmer zuerst. Unter anderen Umständen hätte sie sich hier wohlgefühlt, die Wände bestanden gewissermaßen aus Bücher- und CD -Regalen. Sie ging um Hesselmann und den vor ihm knienden Weigel herum und schaltete den CD -Player aus. Die Atmosphäre im Raum wurde auf einen Schlag sachlicher.

»Danke«, sagte Weigel. »Okay, nach allem, was ich bisher gesehen habe, wurde der Mann erdrosselt, aber nicht mit einem Seil, sondern etwas Breiterem, Weicherem. Eventuell einem Tuch. Wahrscheinlich kann ich euch Genaueres sagen, wenn ich ihn auf dem Tisch habe.«

Fina hatte den Player geöffnet und die CD herausgeholt, hielt sie mit aller Vorsicht nur an den Kanten. »Die solltet ihr mitnehmen«, sagte sie zu Georg. »Für den Fall der Fälle.«

»Sehr wahr.« Georg griff nach einem Spurensicherungsbeutel und winkte sie zu sich. »Obwohl ich das Stück jetzt wirklich oft genug gehört habe.«

»Ich auch«, stöhnte Oliver. »Was war das überhaupt?«

Fina drehte die CD so, dass sie den Aufdruck auf der Oberseite erkennen konnte. »Haydn«, las sie vor. »Symphonie Nummer 104 , Salomon.«