Mein Plan, um Jason aus dem Weg zu gehen, war einfach: Ich würde mich umdrehen, wenn ich ihn im Flur sehe, beim Training keinen Augenkontakt zulassen und vor allem würde ich mir sein Gesicht auf dem Boxsack in Appas Studio vorstellen.

Und es hat funktioniert. Fünf Tage später habe ich bereits mehr Stunden in der Boxhalle verbracht als in den letzten sechs Monaten zusammen. »Uff«, stöhnt Appa, als ich einen harten Schlag versenke und der Boxsack sich in seinen Magen gräbt. »Vorsicht, dein alter Herr ist nicht mehr das, was er mal war.«

»Sorry!« Ich halte kurz inne, um mir den Schweiß abzuwischen, gehe aber sofort wieder in Boxhaltung.

»Wie wär’s, wenn wir mal Pause machen? Ich habe Angst, dass sonst noch eine Rippe bricht.«

»Meinen Rippen geht es gut«, sage ich.

»Ich meinte nicht deine.« Appa grinst und klopft neben sich auf den Boden, auf den er sich vor Erschöpfung stöhnend hat sinken lassen. »Also«, sagt er, als ich mich gesetzt habe. »Was geht in dir vor?«

Ich seufze. Mir geht so einiges durch den Kopf, aber nichts, worüber ich sprechen möchte. Mit niemandem. »Nichts, Appa. Es ist alles gut.«

»Sage ich. Also … Warum erzählst du mir nicht, was bei dir so los ist?«

»Ich muss dir wirklich etwas erzählen.« Appa greift in die Bauchtasche seines Kapuzenpullovers und zieht eine verknitterte weiße Karte heraus, die er mir mit einem verschämten Lächeln reicht. Ich nehme die Karte neugierig und klappe sie auf. Beim Lesen fange ich an zu strahlen.

»Appa! Das ist ja eine Einladung zu deiner Jura-Abschlussfeier! Nächste Woche!«

»Stimmt. Und ich wünsche mir, dass du kommst.«

Ich nicke, und mir treten Tränen in die Augen, als er die Arme ausstreckt und mich an sich zieht. »Wir schaffen das schon, Rachel. Es wird alles gut.« Und für den Moment erlaube ich mir, ihm zu glauben.

Eine Woche später strahle ich wieder über das ganze Gesicht, als Appa auf die Bühne geht, um sein Zeugnis in Empfang zu nehmen. Er winkt mir zu, und ich winke zurück – aber er kann mich leider nicht sehen. Das Einzige, was er sieht, ist die Kamera, die das Video seiner Graduierungsfeier filmt – der Live-Stream läuft auf meinem Handy, und ich schaue sie mir dank des WLANs im Flugzeug an. Denn – Überraschung! – einen Tag, nachdem Appa mich zu seiner Graduierungsfeier eingeladen hat, hat DB eine kurzfristige Promo-Tour für Summer Heat angekündigt – in Toronto.

Der Gedanke daran, so viel Zeit mit Jason zu verbringen, lag mir wie ein Stein im Magen, aber es war unmöglich, nein zu sagen und dann noch von DB zu erwarten, dass sie mich debütieren lassen.

Also bin ich jetzt hier.

Mina hat darauf bestanden, im Firmenflugzeug ihres Vaters zu reisen, und es ist noch luxuriöser als das, mit dem Leah und ich nach Tokyo geflogen sind. Wir sitzen alle auf körperlangen Samtsofas, und wir haben alle ein Paar dick gepolsterte, mit unseren Initialen bestickte Hausschuhe bekommen, dazu Schlafmasken aus Seide und drahtlose Kopfhörer.

Mina ist im Yoga-Studio hinten im Flugzeug und hat eine Stunde mit ihrem Personal Trainer, während Mr. Han, der uns begleitet, an der Weinbar sitzt. Er hat ein Glas Merlot in der Hand und Kopfhörer auf und tippt auf seinem iPad herum. Ich sitze auf dem Sofa und versuche, einen Stapel zusätzlicher Hausaufgaben zu erledigen, der vor mir auf dem Tisch aufragt. (Das und der Umstand, dass wir gerade zwei Wochen Ferien haben, war das Einzige, was Umma dazu bewegen konnte, mich mitfliegen zu lassen.) Normalerweise würde ich die Englischaufgaben locker erledigen, aber das hier ist schwieriger als sonst …

»Konntest du den Shakespeare wirklich nicht zu Hause lassen?«, fragt Jason und lässt sich auf das Sofa neben mir fallen. Er schaufelt sich löffelweise Schokoladensoufflé in den Mund. Jason hat nach unserem furchtbaren Abend im Pojangmacha offensichtlich nicht dieselben Vermeidungsstrategien wie ich. Ganz im Gegenteil wirkt es so, als würde er sich besonders große Mühe geben, ständig in

Ich ignoriere ihn und wende mich wieder Macbeths großem Monolog zu.

»Ich schätze, du hast einfach eine Vorliebe für dramatische Geschichten«, sagt er. »Ich hingegen fand seine Stücke immer etwas langweilig. Verstehst du überhaupt, was sie sagen? Oder tust du nur so und liest dir später alles bei SparkNotes durch?«

»Kannst du mich bitte einfach in Ruhe lassen? Ich muss mich konzentrieren.« Ich habe die Fassung verloren.

Er lässt sich Zeit und leckt genüsslich seinen schokoladigen Löffel ab, dann lässt er ihn mit einem lauten Klappern in die leere Schüssel fallen. »Oh, sorry.« Er reißt mit gespieltem Erstaunen die Augen auf. »Wolltest du in Ruhe lesen?«

Ich unterdrücke den Drang, ihm mein Buch an den Kopf zu werfen.

Plötzlich schaut Jason mich an, diesmal niedergeschlagen. »Rachel, es tut mir wirklich …«

Aber er dreht sich weg, als mein Handy vibriert. Eine Kakao-Nachricht. Dankbar für den Vorwand, Jason zu ignorieren, öffne ich sie. Ein Selfie von Appa. Er strahlt wie ein Honigkuchenpferd und hält sein Zeugnis in der Hand.

Dein alter Herr hat endlich seinen Abschluss!

Ich bin so stolz auf dich!

Ich seufze tief und wünsche mir, ich könnte bei ihm sein. Stattdessen schicke ich ihm alle Herzemojis, die ich finden kann – er hat sie alle verdient. Er hat so hart gearbeitet, so viele Abendkurse nach den langen Arbeitstagen in der Boxhalle, und dann hat er auch noch alles vor Umma und Leah geheim gehalten, damit sie sich keine falschen Hoffnungen machen. Ich frage mich, ob er es ihnen jetzt, wo er seinen Abschluss hat, endlich sagt oder ob er wartet, bis er einen Job gefunden hat. So, wie ich Appa kenne, ist es wahrscheinlich Letzteres.

Reflexartig strecken sich meine Finger wieder nach dem Handy aus – ich würde die guten Neuigkeiten gerne gleich Akari schreiben –, aber dann schließen sie sich stattdessen zur Faust zusammen, bevor ich anfangen kann zu tippen. Die Proben, die Schule und Jason … Wir haben seit Wochen kaum miteinander gesprochen.

Das letzte Mal, als ich sie gesehen habe, war es, als würde ich mit einer Fremden sprechen.

Das war am letzten Wochenende. Yujin hatte mich in ihr Büro gebeten. Akari war schon da und goss die Pflanzen auf dem Fensterbrett. In diesem Moment gab es nichts, was ich mir mehr wünschte, als auf Yujins Sofa zu sitzen, Pepero zu essen und Bananenmilch zu trinken und stundenlang mit ihr zu reden, genau wie damals, als wir noch klein waren. Ich wollte ihr von Tokyo erzählen und von Jeju und Kang Jina und Jason und sogar von diesen Mädchen in der Lotte World. Aber bevor ich irgendetwas sagen konnte, hatte sie mich schon bei den Schultern gepackt.

»Wow, das sind ja tolle Neuigkeiten!« Akaris Lächeln reichte nicht an ihre Augen heran. »Du freust dich sicher total.«

»Ich freue mich. Ja.« Ich zwang mich zu einem Lachen und hob triumphierend die Faust. »Ich freue mich riesig! Wuhuuu!« Ich konnte Yujin auf keinen Fall sagen, was mir wirklich durch den Kopf ging. Im besten Fall würde sie mir sagen, ich soll mich nicht so anstellen und nicht zulassen, dass Jason meiner Karriere im Weg steht. Im schlimmsten Fall würde sie persönlich zu Mr. Noh gehen und dafür sorgen, dass ich aus dem Programm fliege. Also lächelte ich, bis mir die Wangen weh taten, und wir stießen mit Himbeersaft mit Kohlensäure an.

Erst später, als Akari und ich Yujins Büro verließen, konnte ich mit dem Lächeln aufhören. Ich drehte mich zu ihr um und biss mir auf die Unterlippe. »Akari, hör zu, ich muss dir etwas sagen.«

Sie zögerte. »Ich sollte wirklich zurück zum Training …« Sie schaute den Flur hinab in Richtung der Tanzsäle.

»Bitte?«, bettelte ich. »Ich muss einfach mit meiner besten Freundin reden. Vielleicht gibt es sogar kostenloses Essen.«

Sie drehte sich zu mir um, und endlich lächelte sie wirklich ein bisschen. »Ich bin nicht diejenige, die nie nein zu kostenlosem Essen sagen kann, du Trottel.«

Ich faltete die Hände unter dem Kinn und präsentierte meinen besten Dackelblick.

»Okay, okay«, lachte sie. »Zehn Minuten. Weißt du, ich wollte dir auch noch etwas erzählen …«

Ich drehte mich wieder zu Akari um. »Tut mir leid. Ich schätze, ich … ich muss los.« Ich hatte so ein schlechtes Gewissen.

»Okay«, antwortete sie. Aber ihre Stimme klang hohl und tonlos. »Natürlich. Wir haben alle viel zu tun.«

»Ich schreibe dir heute Abend?«, fragte ich zögernd, aber sie war schon weg und hatte mich scheinbar nicht gehört.

Seitdem haben wir nicht mehr miteinander geredet.

Ich scrolle durch all die unbeantworteten Nachrichten, die ich ihr geschickt habe. Völlig unerwartet steigen mir die Tränen in die Augen. Seit Akari bei DB angefangen hat, sind wir beste Freundinnen. Unser Leben war schon immer hektisch, aber wir hatten trotzdem immer Zeit, zwischen den Trainingseinheiten miteinander zu sprechen, und abends sind wir wach geblieben und haben geschrieben. Ich weiß, dass ich in letzter Zeit noch mehr zu tun habe als sonst, aber wenn es jemanden gibt, der das verstehen sollte, dann ist das Akari. So ist das nun mal als Trainee. Aber seitdem das Ganze mit dem Song angefangen hat, ist es, als sei plötzlich eine Mauer zwischen uns, und ich weiß nicht warum.

Mein Handy vibriert, und ich schaue nach unten.

Ich liebe dich auch, Tochter.

»Alles okay?«, Jasons Gesichtsausdruck ist jetzt freundlicher. Er scheint den Umschwung in meiner Stimmung

Ich blinzle. Der Moment ist vorbei.

Ich verdrehe die Augen, stopfe die Kopfhörer zurück in meine Ohren und drehe »Lemonade« voll auf, so dass Queen Bey meine Aufmerksamkeit einnimmt, bevor ich noch völlig den Verstand verliere.

Wir sind kaum in Toronto gelandet, da geraten wir auch schon in einen unendlichen Sog aus Frisuren, Make-up und Anproben. »Wir haben hier eine volle Liste aus Presseterminen und Konzerten für euch drei, und dann geht es Richtung Norden zu einem Festival«, sagt Mr. Han und geht unseren Plan durch. »Am Ende der Tour kennt in diesem Land jeder eure Namen.«

»Ich bin mir sicher, dass sie unsere Namen längst kennen«, sagt Jason. Ein selbstbewusstes Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. »Aber nach der Tour werden sie sie auch nicht mehr vergessen.«

Es ist Tag vier unserer Tour, und wir sind zu dritt in einem hell erleuchteten Studio und filmen ein Interview für eine Frühstücks-Talkshow. Der Host ist ein Mann mittleren Alters, der mich an unseren Mediencoach bei DB erinnert. Genauso gegelt und schmierig, nur mit noch

»Mina und Rachel«, säuselt der Host, und ich muss mir wirklich Mühe geben, um nicht das Gesicht zu verziehen. »Wer von euch beiden braucht länger, um sich für eine Show fertig zu machen?«

Ich unterdrücke den Drang, die Augen zu verdrehen, und ich spüre, dass Mina ebenfalls angespannt ist. So geht das schon die ganze Woche. Gestern, bei einer Radio-Show, hat ein Fan im Studio angerufen.

»Rachel, du sprichst so gut Englisch, du musst wirklich stolz darauf sein!«

»Na ja … Ich komme aus Amerika«, antwortete ich mit einem höflichen Lachen in der Stimme, aber innerlich kochte ich nur so. Wenn ich einen Dollar bekäme für jedes Mal, wenn der »Du-sprichst-so-gut-Englisch«-Kommentar kommt, hätte ich wahrscheinlich längst genug Geld, um mir mein eigenes Privatflugzeug leisten zu können.

Wenigstens ist es besser als mit der Reporterin, die nicht aufhören konnte, Jason anzuhimmeln. Wir waren am ersten Tag in der DB-Suite im Four-Seasons-Hotel in der Innenstadt von Toronto, und sie hat nur so gesabbert

Ich mache den Mund auf, um die von DB genehmigte Antwort zu geben (Wir machen uns natürlich zusammen fertig, wie alle besten Freundinnen!), als Jason mir die Hand auf den Oberschenkel legt und mich kurz anlächelt.

»Ich glaube, ich beantworte die Frage, wenn das okay ist«, sagt Jason und wendet sich dann an den Host. »Die Antwort ist … ich!« Der Host lacht gönnerhaft und zeigt seine viel zu weißen Zähne, als Jason weiterredet. »Ich bin offensichtlich das anspruchsvollste Mitglied dieser Truppe. Vor allem, was mein Skin-Care-Ritual angeht.«

Der Host lacht wieder, als Jason so tut, als würde er vor dem Spiegel sein Gesicht schrubben, aber dann sammelt er sich. »Jason«, fragt er. »Wie ist es für dich, wieder in deiner Heimatstadt zu sein?« Sein Gesichtsausdruck ist ernst. »Denkst du öfter als sonst an deine Mutter?«

Neben mir höre ich, wie Jasons Atem kurz stockt. Das hat ihn unvorbereitet erwischt. Seine Mutter wird in Interviews nur selten erwähnt. Ich schaue ihn an, und mein Herz öffnet sich sofort. Sein Gesicht ist offen und verletzlich – es ist der Jason, der mir seinen Song im Musikraum meiner Schule vorgespielt hat, der, der auf dem Rückflug von Tokyo meine Hand gehalten hat.

Aber dann erholt er sich blitzschnell, räuspert sich und lächelt strahlend. Mein Herz verschließt sich wieder. »Es ist toll, wieder zu Hause zu sein«, sagt er und weicht der

Mina und ich wirbeln herum und schauen ihn an. Wir versuchen beide, unsere Überraschung zu verbergen. New York? Niemand hat uns gesagt, dass wir nach New York fliegen.

»Wie aufregend!«, sagt der Host. »Ich bin mir sicher, dass eure Fans in New York es kaum erwarten können. Was für eine tolle Überraschung für sie!«

Das ist wirklich eine Überraschung, und zwar nicht nur für die Fans.

Als das Interview vorbei ist, kommt Mr. Han zu uns. »Rachel, Mina, Ich brauche eure Pässe für den Papierkram, bevor wir in die Staaten fliegen«, sagt er. Er ist komplett business-like und verzieht keine Miene.

Ich stehe wie angewurzelt da und kann mich nicht bewegen. »Unsere Pässe?«, frage ich langsam. »Aber niemand hat uns gesagt … au!«, schreie ich, als Mina mir diskret mit dem Absatz auf die Zehen tritt.

»O ja! Weil euer Song so erfolgreich ist, haben wir uns entschieden, eine weitere Stadt zur Tour hinzuzufügen.« Mr. Han reibt sich die Hände. »Die Fans lieben euch drei wirklich. Also, wenn ihr morgen auf dem Musikfestival in Brantwood aufgetreten seid, fliegen wir nach New York.«

Jason grinst und gibt Mr. Han die Faust. »Ich freue mich so. Ich war schon ewig nicht mehr in New York.«

Mr. Han grinst zurück. Als Mina und ich nicht sofort reagieren, schaut er uns an. Sein Blick ist unzufrieden. Es ist eine ungeschriebene Regel bei DB, dass K-Pop-Nachwuchs sich nicht beschweren darf. Über nichts, was von

Mina macht den Mund auf, als wolle sie etwas sagen, aber dann macht sie ihn schnell wieder zu. Stattdessen setzt sie ihr breitestes Lächeln auf und sagt: »Natürlich freue ich mich! Ich wollte schon immer mal nach New York!«

Sie lacht und klatscht in die Hände.

»Ich wusste, dass ihr euch freuen würdet!«, sagt Mr. Han. Sein Gesichtsausdruck entspannt sich, als er in ihr Lachen einstimmt.

New York. Ich sollte mich auch freuen, so wie Mina und Jason. Aber in diesem Moment kann ich nur daran denken, was der K-Pop mir schon alles abverlangt hat: Zieh um die halbe Welt in ein komplett anderes Land. Verpasse die Abschlussfeier deines Dads. Trainiere vierundzwanzig Stunden am Tag. Hör niemals auf zu lächeln. Selbst wenn du mit deinem Freund Schluss machen musst. Dem einen Jungen, der es versteht. Der wusste, wie das Leben ist. Dessen Träume deine Träume waren. Ich träume seit Jahren davon, nach Hause zu fliegen – aber in diesem Moment sehe ich nicht mein Zuhause. Ich sehe nur eine weitere Sache, die der K-Pop von mir verlangt. Flieg in eine weitere Stadt, ohne dass es dir irgendwer vorher sagt, ohne dass du einen Einfluss darauf hast. Ich sollte vor Freude auf und ab hüpfen, aber es fühlt sich einfach nicht so an, wie ich dachte. Nichts fühlt sich so an, wie ich dachte.

»Das sind wirklich tolle Neuigkeiten«, sage ich. »Davon habe ich immer geträumt.«