»Aufpassen, Rachel!«

Ich ducke mich und halte mir den Tennisschläger vors Gesicht, als ein neongelber Ball dicht an meinem Kopf vorbeisaust. Wow, das war knapp. Ich spähe hinter meinem Schläger hervor und sehe, wie unsere neue Tennistrainerin die Arme verschränkt. Unsere Schule glaubt nicht wirklich an Sportlehrkräfte. Stattdessen haben wir im Wechsel professionelle Trainer und Trainerinnen – Adam Rippon fürs Eislaufen, Katie Ledecky fürs Schwimmen, Simone Biles fürs Turnen. Gerade starrt mich das sechzehnjährige kanadische Wunderkind böse an, das Serena Williams bei den Australian Open geschlagen hat. Ihr Gesicht ziert die neuesten Cover der Sports Illustrated und der Vogue.

»Normalerweise benutzt man den Schläger, um den Ball zu treffen«, sagt sie und verdreht die Augen. »Nicht wie irgendein Cosplay-Schild von Captain America.«

»Tut mir leid, Coach Sloat.« Ich richte mich auf und zupfe meinen weißen Tennisrock und die passende Kappe zurecht.

Meistens zähle ich in der Schule die Minuten bis zum Wochenende, wenn ich wieder zu DB und meinem Training zurückkann. Ich habe sogar eine Countdown-App

Das Ganze ist jetzt drei Tage her, aber die Scham brennt noch genauso wie am ersten Tag. Sie brennt wie ein Feuer, das mich zu verschlingen droht. Es fühlt sich an, als hätte ich Sonnenbrand von innen. Es brennt noch sehr, und ich muss Schadensbegrenzung betreiben, aber ich werde es überleben. Wahrscheinlich. Solange mich kein wildgewordener Tennisball im Sportunterricht ausschaltet.

Ich jogge hinüber zu den Cho-Zwillingen, die Aufschläge zu den Hütchen machen, die auf dem Tennisplatz verteilt sind.

»Rachel, du hast schreckliche Pandaaugen«, sagt Juhyun und lässt den Schläger sinken. Sie begutachtet mein Gesicht. »Ich habe abschwellendes Himbeer-Gel in meinem Spind. Du kannst es nehmen, wenn du willst.«

»Ist es wirklich so schlimm?« Ich taste besorgt mein Gesicht ab.

»Na ja, es würde mich jedenfalls nicht überraschen, wenn du mir erzählen würdest, dass du dich mit Mina geschlagen und verloren hast«, witzelt Hyeri und schlägt einen Ball perfekt auf eines der Hütchen. Sie reckt triumphierend die Faust. »Ah-ssa! Auf den Winkel kommt es an, Baby.«

Ich seufze und versuche, ein Gähnen zu unterdrücken. »Ich wünschte, mir ein blaues Auge zu verpassen wäre das Einzige, was Mina mir angetan hat. Seit dem Vorfall tue ich kein Auge zu.«

»Nur seine Schuhe«, versuche ich, mich zu verteidigen.

»Ja, genau. Das ist ja nicht ganz so schlimm. Makellose weiße Nikes, oder?«

Hyeri seufzt traurig und schaut zum Himmel. »Ruhet in Frieden, Jason Lees Schuhe. Euer Ende kam viel zu früh.«

Die Zwillinge kichern hinter ihren Tennisschlägern. Ich will gerade zurückschlagen, aber dann unterbreche ich mich selbst mit einem riesigen Gähnen.

»O Mist, du warst wirklich die ganze Nacht wach und hast darüber nachgedacht, oder?«, fragt Hyeri.

»Nicht nur darüber nachgedacht«, sage ich. Unsere Trainerin läuft an uns vorbei, und ich tue so, als würde ich probeweise meinen Schläger schwingen. Sie nickt mir zufrieden zu und geht weiter. Ich ziehe mein Handy aus dem Tennisrock, rufe ein Foto auf Instagram auf und halte es den Zwillingen hin. Jason und Mina zusammen auf der Bühne. »Ich habe es mir auch angesehen. DB hat das Duett angekündigt.« Ich verziehe das Gesicht. Während ihre Stimmen verzerrt aus dem Lautsprecher meines Handys ertönen, ist das Einzige, was mich ein wenig tröstet, dass Minas Gesicht irgendwie eingedrückt aussieht, so wie ich das aus sieben Jahren Gesangsstunden mit ihr kenne – es bedeutet, dass sie die hohen Töne im Refrain nicht ganz trifft, aber DB scheint das nicht bemerkt zu haben. Wie alle K-Pop-Labels hat DB eine Null-Toleranz-Regel für Social Media (genau wie die für Dates und Beziehungen). Das bedeutet, dass man als Trainee

Hyeri scrollt durch die Kommentare und liest ein paar laut vor. »›Daebak, ich warte schon mein ganzes Leben lang auf ein Jason-Lee-Solo. Und dieses Mädchen ist ja soo hübsch!‹«

»›Wenn sie mit Jason singen darf, ist sie sicher die beste Trainee bei DB.‹« Juhyun schaut ihrer Schwester über die Schulter. »›Sie sehen so gut zusammen aus. Stellt euch nur mal vor, wie ihre Babys aussehen würden.‹«

Ich stöhne, hole mir mein Handy zurück und stopfe es zurück in meine Tasche. »Bitte. Ich habe diese Kommentare die ganze Nacht lang gelesen, ich muss sie jetzt nicht auch noch hören.«

Von der anderen Seite des Feldes ertönt ein Pfiff. »Match-Time, Mädels! Doppeltennis. Stellt euch auf.«

»Hey Juhyun! Dein Video mit dem Wing-Tip-Liquid-Liner von gestern Abend war toll!« Wan Somi lächelt die Zwillinge an und quetscht sich zwischen mich und Hyeri in die Schlange. Ihr Schläger kollidiert schmerzhaft mit meinen Knien.

Ich habe mich daran gewöhnt. Seoul International School ist eine der exklusivsten Privatschulen Koreas. Hier werden ein Prozent des einen Prozents ausgebildet: Kinder von K-Drama-Stars, Regierungsbeauftragten und Mädchen wie Wan, deren Eltern und Großeltern die letzten fünfzig Jahre lang die Sitisung Corporation geleitet haben. Sie versucht andauernd, sich bei Juhyun und Hyeri einzuschleimen, ich hingegen bin für sie, so ganz ohne

»Hey, Rachel, ich habe von deinem Duett gehört.«

Ich verschlucke mich an meinem Wasser. Wan Somi spricht mit mir? Ich werfe den Zwillingen einen fragenden Blick zu, aber sie sehen genauso verwirrt aus wie ich.

Sie schürzt mit gespieltem Bedauern die Lippen. »Choo Mina ist die Tochter des Vorsitzenden von C-Mart, oder? Wir waren als Kinder mal einen Sommer zusammen in der Provence.« War ja klar. »Reich und talentiert.« Sie schnalzt mit der Zunge. »Zwei Punkte für sie, und du bist immer noch bei Null. Ich dachte, DB hat gewisse Standards für die Auswahl ihrer Trainees.«

Juhyun macht einen Schritt auf sie zu. Sie sieht aus, als hätte sie vor, Somi ihren Tennisschläger ins Gesicht zu schlagen, aber Goo Kyungmi, eine weitere Klassenkameradin, schiebt sich zwischen mich und Somi.

»Hör gar nicht auf sie, Rachel!«, ruft Kyungmi. Ich starre sie schockiert an. Kyungmi ist Juhyuns größter Fan und bietet ihr immer an, ihre Bücher zu tragen oder ihr Tablett beim Mittagessen. Manchmal klebt sie kleine Geschenke an ihren Spind. Einmal hat sie sogar einen Welpen mitgebracht, damit Juhyun in der Pause mit ihm spielen konnte, aber die Schulleitung hat dafür gesorgt, dass sie ihn wieder nach Hause bringt, als er wiederholt das Putting-Green angepinkelt hat. Mit mir hat sie vorher noch nie ein Wort gesprochen.

Kyungmi schlingt die Arme um meine Schultern, wobei sie mir fast ihren Pferdeschwanz ins Gesicht schlägt. »Du musst so viele gemischte Gefühle haben wegen diesem

»Danke … Kyungmi …«, sage ich, während ich mich aus ihrem überraschend festen Griff befreie. »Aber mir geht es gut.«

»Wirklich? Bist du sicher? Hey, wir sollten ein Selfie mit unseren Tennisoutfits machen.«

»Keine Handys auf dem Platz!«, ruft Coach Sloat und stampft auf uns zu. Sie zeigt auf Somi und Kyungmi. »Ihr zwei, raus da. Ihr seid das nächste Doppel.«

Somi grummelt vor sich hin und schleppt sich unwillig auf den Tennisplatz. Kyungmi wirft mir einen wehmütigen Blick zu, bevor sie ihr folgt. Sloat wirbelt zu mir herum, ihre Stirn ist gerunzelt.

»Sorry, Coach«, sage ich und mache schnell ein paar Hampelmänner. »Ich wärm mich jetzt für mein Spiel auf.«

»Warte mal.« Sie wirft einen Blick über ihre Schulter auf die anderen, dann beugt sie sich zu mir vor und flüstert: »Stimmt es, dass Mina und Jason ein Paar sind?«

Ich reiße die Augen auf. Im Ernst? Sogar berühmte Tennis-Champions und Cover-Stars?

Sie bemerkt meinen Blick und lacht leise, dann kratzt sie sich am Kopf. »Ich mache doch nur Witze. Selbstverständlich.« Sie räuspert sich verschämt, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Rest der Klasse zuwendet. »Guter Aufschlag, Kyungmi!«

Seoul International School wurde am Rand von Hannam-Dong erbaut, direkt auf der anderen Seite von Gangnam,

Auf dem Weg zur Umkleide sehen die Zwillinge und ich ein riesiges Poster, das den nächsten Berufsberatungstag ankündigt. Hast du schon über deine Zukunft nachgedacht? Mark Zuckerberg und Megan Ellison sind hier, um dir zu helfen! Ich verziehe das Gesicht. Ich weiß, dass meine Mom wollen würde, dass ich hingehe. Diese Dinge sind einer der Gründe, weswegen sie und Dad so viele Opfer bringen, damit Leah und ich hier zur Schule gehen können. Halmoni hat Umma etwas Geld hinterlassen, und ich weiß, dass ein Großteil davon in unsere Ausbildung fließt – statt zum Beispiel Dad dabei zu helfen, Werbung für seine Boxhalle zu machen. »Denk doch nur an die Möglichkeiten«, hat sie gesagt, als ich ihr sagte, dass ich völlig zufrieden mit der staatlichen Schule um die Ecke wäre.

Frisch geduscht und angezogen folge ich den Zwillingen aus der Umkleide und stoße fast mit einem Jungen mit schlappem braunem Haar, Mittelscheitel und Drahtgestellbrille zusammen. Er verzieht keine Miene und hebt grüßend die Hand.

»Daeho!«, ruft Hyeri. Ihre Wangen werden ganz pink, und auf ihren Lippen breitet sich ein kleines Lächeln aus.

»Hi.« Er schaut an mir vorbei. »Bereit für unsere Projektarbeit, Hyeri?«

»Du musstest mich doch nicht abholen. Ich wäre zum Technikflügel gekommen.«

»Schon okay«, sagt Daeho. Er wirft Juhyun einen Blick zu. »Das macht mir nichts aus. Wie geht’s, Juhyun?«

»Gut, danke«, antwortet Juhyun. Sie hakt sich bei mir unter und zieht die Augenbrauen hoch. »Soll ich dich in den Aufenthaltsraum bringen, während Hyeri mit den Nerds von der Technik abhängt? Ich habe gehört, die Patbingsu-Bar ist wieder eröffnet, jetzt, wo es wieder wärmer ist.«

Daeho reckt den Kopf. »Du magst Patbingsu? Ganz zufällig bin ich Patbingsu-Experte. Ich habe nach einer wissenschaftlichen Formel für das erwiesenermaßen beste Verhältnis von Rasureis zu roten Bohnen ein perfektes Rezept erstellt. Ich habe sogar meine eigene Eismaschine erfunden.«

Hyeri schaut von Juhyun zu Daeho. »Ich mag Patbingsu auch echt gerne«, sagt sie vorsichtig. »Vielleicht kannst du mir ja mal welches machen? Dein Rezept hört sich toll an.«

Daeho nickt so heftig, dass sein Haar auf und ab flattert. »Auf jeden Fall.«

Hyeri sieht wieder fröhlicher aus.

»Ich mache dir welches, dann kannst du es mit Juhyun teilen.«

»Oh … okay. Ja, klar. Klingt gut, Daeho.« Sie winkt uns halbherzig zu und folgt dann Daeho den Gang entlang. »Bis später.«

Ich winke ihr mitleidig zu und werfe einen Blick auf Juhyun, die mit Hilfe ihres Handys ihre Augenbrauen nachzieht. Sie hat rein gar nichts von der Dreiecksbeziehung, an der sie gerade beteiligt war, mitbekommen. Für so ein schlaues Mädchen ist sie manchmal wirklich noonchi ubssuh.

»Komm schon«, sagt sie, lässt ihr Handy in die Sporttasche fallen und führt mich den Gang entlang. »Das Patbingsu wartet auf uns.«

Ich gehe nur widerwillig mit. Sonnenlicht fällt durch die riesigen, stahlgerahmten Fenster, aber der Aufenthaltsraum ist wirklich der letzte Ort, an dem ich gerade sein will. Er ist immer voll mit Schülerinnen und Schülern, die sich um den riesigen Fernsehbildschirm versammelt haben, auf dem die neuesten K-Pop-Videos laufen. Ich bin wirklich nicht bereit, Fragen zu Jason und Mina zu beantworten.

»Was? Damit du alleine in einer Ecke vor dich hin schmollen kannst?«

»Ich hatte nicht vor zu schmollen«, gebe ich zurück. Genau genommen stimmt das auch. Ich hatte vor, mich in einem der weichen Sessel zusammenzurollen und auf meinem Laptop Vampire Diaries zu schauen.

»Sorry, Rachel, aber es ist besser für dich, wenn du dich der ganzen Sache stellst. Nicht mit Klaus und Caroline ablenkst.«

Mist. Sie kennt mich zu gut.

Als wir uns dem Aufenthaltsraum nähern, werden wir vom lauten Plappern und Schnattern aufgeregter Teenager begrüßt. »Los, mach es auf dem großen Bildschirm an!« Ich erkenne Kyungmis quietschige Stimme und erstarre. Schauen sie sich das Foto von Jason und Mina an? Ich habe es gerade geschafft, mich von meinem Instagram loszureißen, und ich will das wirklich nicht schon wieder sehen.

»Also, die Bibliothek …«, fange ich an, aber bevor ich meinen Satz zu Ende bringen kann, schiebt Juhyun mich schon durch die breite Tür. Eine große Menschentraube hat sich um den Flachbildschirm versammelt. Sie sitzen mit ihren Patbingsu-Schüsseln auf den weichen Ledersofas und schauen sich … ein Beautyvideo auf YouTube an? Hm. Das hatte ich nicht erwartet.

Kyungmi wirbelt herum und sieht Juhyun und mich

Neben mir bleibt Juhyun wie angewurzelt stehen. »Wie viele Klicks?«, fragt sie.

»Oh, es ist echt krass – fast eine halbe Million in den letzten zwölf Stunden. Es geht total viral. Und sie hat fast vier Millionen Follower.«

»Aber … Nicht mal ich habe vier Millionen Follower«, stammelt Juhyun ungläubig und geht dann schnurstracks zur Patbingsu-Bar.

Ich beobachte, wie das Mädchen auf dem Bildschirm eine glatte, silbrige Grundierung aufträgt und dann ihre Augenlider in ein unglaubliches Kunstwerk aus winzigen Ästchen mit lebhaft-rosa Kirschblüten mit Glitzersteinchen darin verwandelt. Juhyun drückt mir eine Schüssel mit Shave Ice in die Hand, aber obwohl das Eis schmilzt und sich mit dem Sirup und der Kondensmilch in eine Suppe verwandelt, kann ich mich nicht vom Bildschirm losreißen. Dieses Video ist geradezu hypnotisch.

»Ist das nicht krass? Gestern war sie noch ein ganz normales Mädchen, das in ihrem Zimmer mit Make-up experimentiert, und heute ist sie berühmt.«

Ich blinzle und denke darüber nach, was meine Klassenkameradin gerade gesagt hat. Es ist wirklich krass, wie bedeutungsvoll ein einziges virales Video sein kann. Mein Gehirn beginnt zu arbeiten, während Juhyun den Arm um mich legt. »Es ist echt ätzend hier. Von mir aus können wir jetzt in die Bibliothek.«

Ich lache und gebe ihr einen Kuss auf die Wange. »Dieses Mädchen ist nicht halb so gut wie du. Hast du gesehen, dass die Produkte, die sie verwendet, nicht mal bio sind? Hyeri würde einen Anfall kriegen!«

»Lecker, oder?«, fragt Juhyun. »Ist das nicht genau das, was du gebraucht hast?«

»Oh«, sage ich und lächele sie über meinen Löffel hinweg an. »Du hast ja keine Ahnung, wie sehr.«