Kapitel 2 - Darla
Wie erstarrt sah Darla dem Paar hinterher, dabei musste sie die Enttäuschung herunterschlucken. Niemals hätte sie mit einer so harschen Abfuhr gerechnet. Sie hatte doch nur angeboten, ihn zu verbinden!
Eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter.
„Hast du wirklich geglaubt, dass er dich an sich heranlässt, so unförmig, wie du bist? Er kann jede haben.“
Die Stimme ihres Onkels traf sie, zumal sie genau wusste, dass er ihre füllige Figur abstoßend fand.
„Ich wollte ihm helfen, nicht mit ihm ins Bett“, zischte sie, streifte seine Finger ab, um in das Gebäude zurückzugehen, doch Demmer packte sie schnell am Arm.
„Über deinen Ton sollten wir uns noch mal unterhalten. Ich sage nur die Wahrheit. Dein Problem, wenn dich meine Worte verletzen. Außerdem bin ich kaum hier, um dich zu trösten.“
Das hatte sie sich schon gedacht. Ihr Onkel verfügte über keine nennenswerten Gefühle, dessen war sie sich sicher.
„Eine der Kameras ist ausgefallen. Flanns Schlafzimmer lässt sich so nur bedingt überwachen.“
Schmerz zuckte in ihrem Blick auf. Wollte dieses Monster sie wirklich zwingen, dabei zuzusehen, wie der Tiger das Mädchen vergewaltigte?
Einen Moment stolperte Darla über ihre eigenen Gedanken, denn nach Gewalt hatte die Szene, als Gina auf den Kämpfer getroffen war, nicht ausgesehen.
„Los jetzt, ehe die Leute ihr Geld zurückverlangen.“
Ihr Onkel gab ihr einen harten Stoß in den Rücken. Dummerweise hatte sie die entsprechende Ausbildung, um sich um den technischen Kram zu kümmern. Außerdem war der Bruder ihres Vaters ihr nicht unbedingt in Liebe zugetan.
Schnell brachte sie den Verbandskasten weg, ehe sie in den Raum mit den Computern zurückkehrte.
Darla atmete tief durch, um sich für die kommenden Szenen zu wappnen. Es fiel ihr so schon schwer genug, Flann beim Sex mit einer anderen Frau zuzusehen, aber so, wie sie ihren Onkel kannte, ging es jetzt wohl eher um eine Vergewaltigung.
Einen Augenblick beobachtete sie, wie der Wehrtiger mit seinem Opfer umging, dabei bemerkte sie, dass er bei Weitem nicht so grausam war, wie die restlichen Kämpfer, im Gegenteil.
Aufmerksam sah sie sich die Szenen an, die der Bildschirm wiedergab, wobei sie sah, dass er seine Lippen bewegte, ehe er ihr in die Kehle biss.
Darla musste sich ein Lächeln verkneifen, denn das sah ganz danach aus, als ob er den Zuschauern etwas vorspielen würde. Das erkannte allerdings nur der, der genau hinsah. Einfacher war es, wenn man die anderen Wesen bei ihren „Belohnungen“ beobachtet hatte.
Mit einem Seufzen sorgte sie dafür, dass die Kamera weiterhin ausgeschaltet blieb. Ihr gefiel, dass er das Mädchen beschützte, so gut es ging.
Natürlich wäre sie lieber bei ihm gewesen, aber er hatte sie so rüde abblitzen lassen, dass sie ihre Hoffnungen schnell begrub. Trotzdem erinnerte sie sich genau an das erste Aufeinandertreffen mit dem Tiger.
Ihr Onkel hatte wie ein wilder Stier getobt, ehe er sie verprügelte, als sie vor fast drei Monaten im Flur zu seinem Büro stand, wo sie Flann zum ersten Mal gesehen hatte. Ihr war klar, dass er sie so behandelte, weil er fürchtete, sie würde zu viel von seinen Machenschaften mitbekommen. Dazu gehört auch, dass er ein Treffen zwischen einem seiner Kämpfer und ihr auf jeden Fall verhinderte. Es könnte ja sein, dass einer der Männer ihr etwas erzählte oder schlimmer, ihr half, aus ihrem goldenen Käfig herauszukommen.
Matthias hatte ihr verboten, die Etage überhaupt zu betreten, doch an dem Tag war das Haustelefon ausgefallen. Sie wollte helfen.
Bei dem Gedanken lachte sie bitter auf. Vielleicht sollte sie solche Gefühlsregungen in Zukunft unterdrücken. Sie sah ja, wohin sie damit kam.
Anstatt also einen fremden Techniker zu rufen, war sie die Treppe in den zweiten Stock hochgelaufen, um selbst nach dem Rechten zu sehen.
Gerade als sie die Hand hob, um an die Bürotür ihres Onkels anzuklopfen, kam der Kämpfer heraus.
Er sah sie mit seinen bernsteinfarbenen, fast gelben Augen dermaßen intensiv an, dass sie kaum in der Lage war zu grüßen, geschweige denn, sich zu bewegen.
Ein scharfer Befehl aus dem Büro zerstörte den Bann, den er über sie gewoben hatte.
Seitdem ging ihr der Mann nicht aus dem Kopf. Liebe auf den ersten Blick? Nein, daran glaubte Darla nicht wirklich. Aber sie sehnte sich danach, ihn kennenzulernen. Dass sie immer mal wieder kleine Ausschnitte von den Kämpfen zu sehen bekam, die der Tiger ausfocht, trug dazu bei, dass sie ihn kaum vergessen konnte. Meistens handelte es sich dabei um Aufnahmen, die unscharf waren. Genauso bekam sie Sequenzen zu sehen, die kurz vor dem Ausfall der Übertragung oder einer Kamera spielten. Es lag in ihrem Aufgabenbereich, dass so etwas nie mehr vorkam, deshalb musste sie die vergangenen Fehler analysieren.
Ihr Onkel hatte nur widerwillig nachgegeben, als sie ihn gebeten hatte, zum nächsten Kampfspektakel mitgenommen zu werden.
Erst als er erkannte, dass sie ausgerechnet Flann treffen wollte, war ein fieses Grinsen über sein Gesicht gehuscht.
Natürlich kannte er den Kerl extrem gut.
Zuerst hatte er ihr erzählt, dass es sich bei ihm um einen Gestaltwandler handelte.
Darla erinnerte sich zu gut, dass sie gelacht hatte, weil sie dachte, er würde sie auf den Arm nehmen.
Aber er zeigte ihr sofort eine Aufnahme, auf der man die Verwandlung deutlich sah, immer in der Hoffnung, sie wäre abgestoßen. Seltsamerweise passierte nichts dergleichen, im Gegenteil.
„Schläfst du bei der Arbeit? Oder willst du mal wieder die Gerte spüren? Stehst wohl drauf.“
Matthias kalte Stimme riss sie aus ihren Erinnerungen.
„Nein, ich kann nur keinen Fehler in der Übertragung finden. Es wird die Kamera sein. Sobald er fertig ist, gehe ich rüber und entsorge das Ding, damit es beim nächsten Ereignis keine Probleme mehr gibt.“
Sie sah ihrem Verwandten fest in die Augen. Es war gefährlich ihn zu reizen, zumal er ihr mehrfach gezeigt hatte, was passierte, falls sie seinen Anordnungen nicht nachkam.
Einem Matthias Demmer gehorchte man oder trug die Konsequenzen.
„Pass auf deinen Ton auf, Fräulein. Du hast mich vorhin schon so angefahren, weil ich dir die Wahrheit gesagt habe. Du bist fett und solltest daran etwas ändern, wenn du vermeiden willst, dass man es dir ins Gesicht sagt.“
Es machte ihm Spaß, ihren wunden Punkt immer wieder anzurühren. Sie wusste selbst, dass sie keine Modelmaße hatte, allerdings war sie weit davon entfernt, fett zu sein.
„Sieh zu, dass die Kamera morgen funktioniert“, damit ließ er sie vor dem Monitor sitzen.
Verwundert blickte Darla ihm hinterher. Sie würden kurz nach Mitternacht ihre Sachen packen, um nach Deutschland zurückzufliegen. Wieso sollte sie sich die Mühe machen, das Ding zum Laufen zu bringen?
Egal, sie musste sich Flann erneut stellen, sobald der Stream des folgenden Kampfes einwandfrei lief.
Mit gemischten Gefühlen sah sie dem Tiger weiter zu, wie er mit dem Mädchen umging. Vielleicht war es den Männern an den Monitoren nicht klar, aber diese Frau genoss es, was er ihr antat.
Darla sah es an ihren Reaktionen, in ihren Augen, wenn sie wirklich in die funktionierenden Kameras sah, oder hörte es an dem leisen Stöhnen, das ihr immer wieder entkam.
Ehrlich gestand sie sich ein, dass sie anmachte, was sie zu sehen bekam. Sie hatte bereits viel über Lustschmerz gelesen, doch es live zu beobachten, war noch mal eine andere Hausnummer.
Deutlich spürte sie, wie es verlangend in ihrem Unterleib zog, während sie die beeindruckende Rückseite des Tigers betrachtete. Wow, er hatte aber auch einen Knackarsch.
Darla stellte sich genüsslich vor, dass sie bei Flann in dem Häuschen war. In ihren Gedanken streichelte er sie liebevoll, ehe er ihr zeigte, wie lustvoll Schmerz sein konnte.
Missmutig sah sie auf die Uhr und wusste, dass sie in einer Minute umschalten musste, denn dann betrat der nächste Kämpfer den Ring.
Es gab so viele Männer, die sich in diesen Käfig wagten, die meisten aus Geldgier. Einige wenige, wie der Tiger, wurden von ihrem Onkel gezwungen, das war ihr bekannt. Selbstverständlich kannte sie keine Hintergründe, so tief ließ Matthias sie nicht in sein Geschäft blicken.
Auch die Übertragungen ins Darknet fielen nicht in ihr Aufgabengebiet, dafür hatte er einen „Spezialisten“ beauftragt, was ihr mehr als recht war.
Zuerst empfand Darla Dankbarkeit, darüber, dass er ihr das Informatik-Studium finanzierte, bis sie erkannte, welche Intention dahintersteckte.
Er zwang sie von Anfang an, für ihn zu arbeiten. Sobald sie in der Lage dazu war, programmierte sie für ihn Übertragungsprogramme oder modifizierte solche. Auch die Wartung der Systeme gehörte in ihren Aufgabenbereich. Kurz nach ihrem Abschluss machte Demmer ihr allerdings klar, dass sie niemals frei sein würde, weil sie zu viel wusste. Außerdem drohte er ihr an, dass er sie umbringen ließe, sollte sie sich jemals gegen ihn stellen. An dem Tag schlug er das erste Mal zu, um seine Überlegenheit zu demonstrieren.
Der nächste Fight war gestartet und Darla schaltete schnell den Monitor aus. Auf keinen Fall wollte sie noch mehr Morde sehen. Bei einem Übertragungsfehler oder einem Kameraausfall gab Matthias ihr Bescheid.
Zum Glück bestand er nicht darauf, dass sie sich diese Verbrechen ansah. Wie naiv sie doch gewesen war, zu denken, dass es sich um Kraftproben handelte. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass wirklich Menschen starben. Nein, so stimmte das nicht. Sie ahnte es bereits seit geraumer Zeit, weshalb sie vorher nie mit zu einer Veranstaltung gegangen war. Darla reichte es, zu Hause die Programmierungen zu übernehmen, bis zu dem schicksalhaften Tag, als sie Flann traf.
Energisch schüttelte sie die Gedanken von sich, ging in einen Raum, der als Lager diente, und holte sich eine neue Kamera.
Das Austauschen des Equipments gehörte zwar eigentlich in den Aufgabenbereich der Helfer, doch in dem speziellen Fall rettete es ihr die Haut. Sollte Matthias herausbekommen, dass sie die Kamera mit Absicht hatte ausfallen lassen, würde sie mehr als ein paar blaue Flecken bekommen.
Bei der Erkenntnis strich sie sich vorsichtig über den linken Oberarm. Dort hatte er sie letzte Woche mit der Gerte geschlagen, weil ihm ihre Antwort missfiel.
Wie so oft konnte sie den Mund nicht halten, aber Widerspruch ertrug er einfach nie, selbst wenn sie im Recht war.
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Als Flann aus der Dusche kam, war Gina bereits verschwunden, was ihn aufatmen ließ. Auf Eifersuchtsszenen hatte er genauso wenig Lust, wie auf Verführungsversuche.
Ihm fiel Darla wieder ein und er musste ein Seufzen unterdrücken. Wegen des Kampfes hatte er seine Empfindungen dermaßen betäubt, dass er wirklich einen Augenblick brauchte, um sie zu erkennen. Dabei würde er sie unter tausend Frauen allein am Geruch herausfinden können.
Gestaltwandler wussten sofort, wenn ihre Gefährtinnen vor ihnen standen, außerdem kündigte sich das Zusammentreffen durch Nervosität an. Zumindest hatte er das gehört, aber es könnte auch Zufall gewesen sein, dass er sich, kurz bevor er ihr begegnet war, extrem aufgewühlt gefühlt hatte.
Seufzend rubbelte er mit einem Handtuch über seine nassen Haare. Auf gar keinen Fall ließ er sich auf eine Beziehung mit der kleinen Demmer ein.
Sie arbeitete für den miesen Arsch, der ihn zu den abartigsten Kämpfen zwang und die Nummer mit dem Verbinden nahm er ihr bestimmt nicht ab!
Egal, wie viel Beherrschung es ihn kostete, er versprach sich selbst, sie auf Abstand zu halten. Was kaum schwer sein dürfte, da sie noch heute Nacht zurück nach Deutschland flog. Die Veranstaltungen fanden in der Regel nur alle drei bis vier Monate statt.
In seine Gedanken hinein klopfte es, was ihn leise knurren ließ. Hoffentlich hatte Gina es sich nicht überlegt.
Verstimmt wegen der Störung ging er nur mit einem Handtuch bekleidet zur Haustür. Das andere Tuch warf er nachlässig ins Badezimmer, an dem er vorbeikam.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“, blaffte er, als er die Tür aufgerissen hatte, stoppte jedoch sofort.
Darlas große grau-grüne Augen blickten ihn erschrocken an, bis sie sich einigermaßen gefangen hatte.
„Entschuldige, ich muss nach der Kamera in deinem Schlafzimmer sehen. Sie ist vorhin ausgefallen. Mein Onkel will, dass sie morgen einwandfrei läuft.“
Verlegen zuckte sie mit den Schultern, während Flann sie mit gerunzelter Stirn musterte.
Ihm war aufgefallen, dass an einer der Kameras das grüne Lämpchen ausgegangen war, hatte sich darüber aber keine Gedanken gemacht. Solche Dinge gingen ab und zu kaputt.
Als Darla allerdings mit ihm sprach, roch er deutlich, dass sie ihn anlog. Entweder war sie aus einem völlig anderen Grund hier oder sie hatte dafür gesorgt, dass die Übertragung eingeschränkt wurde.
„Was willst du damit sagen, dass die Kamera morgen wieder laufen soll? Ihr packt gleich eure Sachen, um zu verduften. So wie immer.“
Er versperrte ihr den Weg in das Häuschen, wobei er jetzt auch noch die Arme in die Seiten stemmte.
„Keine Ahnung, was im Kopf meines Onkels vorgeht. Frag ihn doch selbst“, warf sie ihm schnippisch hin.
Mut hatte die Kleine, das musste er ihr lassen, denn in dem Ton redete nicht mal Demmer mit ihm.
„Lässt du mich vielleicht mal durch?“
Sie ließ ihren Blick bezeichnend über seinen Körper wandern, bis sie an dem winzigen Handtuch hängen blieb. Anscheinend hatte sie jetzt erst registriert, wie unzureichend er bekleidet war.
„Da Gina schon vor mehr als einer Viertelstunde gegangen ist, werde ich kaum stören, oder?“
Bei der Frage zog Flann eine Augenbraue hoch, gleichzeitig bemerkte er, wie sie rot wurde.
Darla fluchte innerlich, als sie erkannte, dass sie sich verraten hatte, aber so dicht vor ihm zu stehen, während er nur ein Handtuch trug, vernebelte ihr das Gehirn.
„Du hast zugesehen? Hoffentlich hat dir die Show gefallen.“
Spöttisch musterte er sie von oben herab, dabei stieg ihm ihr Geruch so deutlich in die Nase, dass er am liebsten die Augen geschlossen hätte. Sie roch nach Sonne, Sehnsucht und einem Hauch Lavendel.
Allein diese Mischung berauschte ihn, sodass er sich beherrschen musste, um sie nicht an sich zu ziehen.
Im Moment war ihm schmerzlich bewusst, dass seine Seelengefährtin vor ihm stand. Nur sein Misstrauen hielt ihn zurück, gleichzeitig sorgte es dafür, dass er extrem rüde reagierte.
Darla sah sich vorsichtig um, ehe sie sich ein wenig zu ihm beugte.
„Mir hat es sehr gefallen, dass du die Perverslinge an den Monitoren an der Nase herumgeführt hast. Gina hatte jedenfalls mehr Spaß, als ein oberflächlicher Betrachter denken könnte.“
Eine Mischung aus Entsetzen und Erstaunen huschte über sein Gesicht, doch ehe er in der Lage war, etwas zu sagen, deutete sie mit Nachdruck auf den kleinen Flur hinter ihm.
„Können wir vielleicht drinnen weiterreden? Es fällt langsam auf, dass ich hier vor der Tür stehe. Glaub mir, auf die Gesellschaft meines Onkels kann ich persönlich gut verzichten.“
Erst jetzt trat Flann einen Schritt zur Seite, sodass Darla sich zwischen ihm und der Wand hindurchzwängen konnte.
Als sie ihn berührte, fühlte es sich an, als ob ein Stromstoß durch seinen Leib schoss, wobei er sofort hart wurde. So eine Reaktion löste nur eine echte Gefährtin aus.
Gemeinsam gingen sie ins Schlafzimmer. Hier bemühte Darla sich, ihm nur in die Augen zu sehen. Auf keinen Fall wollte sie, dass er sie dabei erwischte, dass sie seinen muskulösen Körper betrachtete.
„Ich werde das Ding umtauschen, anschließend hast du deine Ruhe vor mir. Zukünftig solltest du dich dann eher in diese Richtung drehen. Macht mehr Eindruck bei den Zuschauern“, bemerkte sie mit einem Zwinkern, gleichzeitig hoffte sie, dass er ihren geheimen Hinweis verstand.
Geschäftig sah sie sich nach der Kamera um, ging in die entsprechende Ecke, doch die hing natürlich außerhalb ihrer Reichweite.
„So ein Mist“, fluchte sie leise.
„Kann ich dir helfen?“
Seine Stimme erklang so dicht an ihrem Ohr, dass sie erschrocken zusammenzuckte.
Schnell drehte sie sich um und prallte gegen seine muskulöse Brust, aber Flann fing sie auf, ehe sie zurück an die Wand geschleudert wurde.
„Hey, langsam.“
Genüsslich drückte er sie an sich, während er sich gekonnt einredete, dass er sie ja nur vor einem Sturz bewahrte.
Für einen Augenblick klammerte Darla sich an ihn, spürte die kräftigen Arme, die sie hielten, versank in seinen bernsteinfarbenen Iriden und war nicht in der Lage, sich von diesem Zauber zu befreien.
Flann knurrte leise. Er wusste, dass er sich von ihr fernhalten musste. Sie war eine Demmer, verdammt!
Trotzdem erlag er der Versuchung, sie mit seinem Blick zu fesseln, während er sich zu ihr herunterbeugte, um mit seinen Lippen sanft über ihre zu streichen.
Vorsichtig leckte er über ihre Unterlippe, legte eine Hand an ihren Hinterkopf, bevor er mit der Zunge in ihren Mund eindrang.
Völlig überwältigt schloss Darla die Augen. Sie hätte im Traum nicht daran gedacht, dass dieser beeindruckende Mann wirklich Interesse an ihr hatte.
Ihr Herz raste, in ihrem Schoß pochte es, allein durch den Kuss wurde sie feucht.
Zaghaft kam sie ihm entgegen, berauscht von seinem Geschmack nach Wildheit und Pfefferminz. Als ihre Zungenspitzen sich berührten, fühlte es sich an, als ob ein Feuerwerk der Emotionen in ihrem Kopf explodierte.
Instinktiv legte sie ihre Arme um seine Taille, weil sie einen Halt brauchte, ehe ihr die Beine den Dienst versagten.
Flann erging es ganz ähnlich. Verlangen rauschte durch seine Adern, ließ ihn härter werden, gleichzeitig verblasste die Erinnerung an den Kampf.
Sie schmeckte so unglaublich gut, dass er glaubte, nie genug von ihr bekommen zu können.
Besitzergreifend presste er sie noch fester an sich. Am liebsten hätte er ihr die Kleider vom Leib gerissen, um ihre Haut an seiner zu spüren.
Ein Klopfen sorgte dafür, dass sie wie ertappte Teenager auseinanderfuhren.
„Moment, ich komme sofort“, rief Flann.
Er trat ein paar Schritte zurück, gleichzeitig erinnerte er sich daran, dass Darla zu Demmer gehörte. Sein Blick bekam etwas Feindseliges, was sie verletzt schlucken ließ.
„Ist es das, was du eigentlich wolltest? Mit dem Monster schlafen, um dich anschließend mit deinem Mut zu brüsten? Ein wenig Nervenkitzel für die verwöhnte Verwandte? Oder bist du hier, um mich auszuspionieren? Tja, da muss ich dich enttäuschen, das hat dein feiner Onkel bereits gründlich erledigt.“
Ohne ihre Antwort abzuwarten, griff er nach seiner Jogginghose, die noch neben dem Bett lag, und verließ den Raum.
Völlig erstarrt sah Darla ihm hinterher. Sie war es nicht gewesen, die ihn geküsst hatte. Allerdings interpretierte sie wohl zu viel in den Kuss hinein.
Durch die offene Tür hörte sie, dass Thorsten vor der Tür stand.
Jetzt betete sie, dass Flann ihn fernhielt. Dieser Arschkriecher dachte, er hätte ein Recht auf sie, was sich darin äußerte, dass er sich ihr ständig aufdrängte.
„Wir bleiben noch ein paar Tage hier. Die Zuschauer sind unzufrieden mit deiner Leistung. Du hast die Gegner zu schnell umgebracht. Der Boss sucht nach neuen Herausforderungen, denen du dich stellen wirst, um die Leute zu besänftigen. Pech für dich, dass du nicht zurück in deine Höhle kriechen kannst.“
Der hämische Ton ließ Darla aufhorchen. Bei der Ansage verstärkte sich ihre Abneigung gegen den Typen extrem. Auf solche Menschen konnte man getrost verzichten.
„Ach deshalb repariert die Kleine von Demmer die Kamera in meinem Schlafzimmer.“
Innerlich stöhnte die junge Frau auf, denn die Aussage hörte sich dermaßen zweideutig an, dass Thorsten sofort darauf ansprang.
„Du hast deine Belohnung gehabt, lass die Finger von der Nichte des Bosses. Andernfalls ... “, schrie der Idiot auch gleich los.
Darla schlich sich zur Tür, sodass sie in den winzigen Flur blicken konnte, in dem die Männer sich gegenüberstanden.
Flann hatte die Jogginghose übergezogen, trotzdem wirkte er bedrohlich, während Thorsten auf- und absprang wie ein aufgezogenes Spielzeug.
„Sonst passiert was? Immerhin ist sie freiwillig, beziehungsweise auf Anordnung ihres Onkels hier.“
Ruhig musterte Flann sein Gegenüber, dabei war ihm bewusst, dass er ihn bis aufs Blut reizte. Allerdings spürte er die Eifersucht in sich hochsteigen, als ihm klar wurde, dass diese Made scharf auf sein Mädchen war.
Bei dem Gedanken stutzte er kurz. Sein Mädchen? Das fühlte sich verdammt richtig an. Schnell schob er die Vorstellung von sich.
„Lass mich durch. Ich hetze dir sonst die Security auf den Hals. Ich muss sofort sehen, ob es ihr gut geht.“
Gelassen trat Flann einen Schritt zur Seite, damit der Zwerg an ihm vorbei konnte. Mit einem bösen Grinsen folgte er ihm.
Darla hatte sich leise in das Schlafzimmer zurückgeschlichen, wo sie jetzt erstaunt auf Thorsten blickte.
„Was willst du denn hier?“
Ihre Stimme klang alles andere als begeistert, doch der Vollpfosten bemerkte es nicht einmal.
Ohne eine Antwort zu geben, lief er zu ihr, zog sie gegen ihren Widerstand an sich, ehe er sich mit ihr gemeinsam zu dem Tiger umwandte, der gelassen mit verschränkten Armen im Türrahmen lehnte.
„Dein Glück, dass du sie nicht angefasst hast. Der Boss hätte Kleinholz aus dir gemacht.“
Verzweifelt versuchte Darla, sich aus der unangenehmen Umklammerung zu befreien, was auch Flann deutlich sah.
„Vielleicht solltest du sie loslassen. Sie scheint kaum angetan zu sein von deinem Rettungsversuch.“
Fast schon gleichgültig deutete er mit dem Kinn auf die sich windende Frau.
„Ach was, sie ist nur schüchtern. Außerdem geht es dich nix an.“
Der kleine Kerl plusterte sich auf wie ein Gockel im Hühnerstall.
„Lass mich sofort los, du hirnloser Schleimscheißer.“
Darla hieb ihm schmerzhaft den Ellenbogen in die Rippen, nur dachte er gar nicht daran, ihrem Befehl zu gehorchen.
„Aber, Schätzchen, es kann doch jeder wissen, dass du auf mich stehst. Ich habe kein Problem damit, mich mit einer Dicken einzulassen.“
Die Worte ließen nicht nur ihren Zorn hochkochen, wie sie erstaunt bemerkte, als sie Flann ins Gesicht sah.
Niemand beleidigte eine Frau in seiner Gegenwart und kam auch noch ungeschoren davon!
Geschmeidig stieß er sich vom Türrahmen ab. Seine Schritte bekamen etwas Raubtierhaftes, als er auf das Paar zuging.
„Möchtest du wirklich von diesem feigen Stinktier umarmt werden, Darla?“
Flann blickte sie erneut so eindringlich an, dass sie sich am liebsten an ihn geschmiegt hätte. Doch dann fielen ihr seine verletzenden Worte ein. Er hielt sie für ein sensationslüsternes Luder oder noch schlimmer, für eine Spionin ihres Onkels.
Ihr Stolz schrie danach, ihn zum Teufel zu jagen, aber Thorstens Nähe empfand sie als extrem widerlich, genau wie seine Aussage, dass er glaubte, sie würde etwas für ihn fühlen.
„Nein, will ich nicht. Ich möchte jetzt gerne die Kamera austauschen, ehe ich mich um meine restliche Arbeit kümmere“, fauchte sie.
Sofort war Flann bei ihnen, löste ohne große Schwierigkeiten die Arme des Spinners von seinem Mädchen.
Da war er wieder, dieser ungeheure Gedanke, dass sie ihm gehörte.
Einen Augenblick genoss er die Vorstellung, dass sie sein war, ehe er sich besann, dass sie ihm nur schaden würde. Leider erkannten Menschen ihren Seelengefährten nur in den seltensten Fällen.
Thorsten kämpfte mittlerweile verbissen gegen den Tiger an, wobei er natürlich nicht die geringste Chance hatte.
Mit einem sadistischen Lächeln hatte Flann seine Handgelenke gepackt, sodass er nicht wieder nach Darla greifen konnte. Jetzt drückte er langsam zu, bis der Mistkerl wie am Spieß schrie.
„Wenn du sie noch einmal beleidigst oder auch nur schief anguckst, geschweige denn sie anfasst, ohne ihre Erlaubnis zu haben, reiß ich dir beide Arme aus, verstanden?“
Flann beugte sich zum Ohr des wimmernden Mannes, damit dieser ihn wirklich hörte, obwohl er nur flüsterte.
„Flann, er ist es nicht wert, Ärger mit meinem Onkel zu bekommen. Lass ihn bitte los. Ich glaube, er hat es kapiert.“
Darlas kleine Hand legte sich auf seinen harten Unterarm, sodass er seine Aufmerksamkeit auf sie lenkte.
Offen begegnete sie seinem Blick, dabei sah er genau, dass sie immer noch mit der Demütigung kämpfte. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass er sie genauso mit seiner Vermutung verletzt hatte.
„Ganz wie du willst. Ich bringe das Stück Dreck vor die Tür, dann helfe ich dir gerne.“
Fast bedauernd ließ er die Handgelenke des Speichelleckers los, um ihn direkt darauf am Kragen zu packen. So zerrte er ihn aus dem Ferienhaus und gab ihm am Ende noch einen kräftigen Schubs, sodass er sich auf seinen Hosenboden setzte.
„Das wirst du bitter bereuen“, rief er.
Flann lachte höhnisch, anschließend trat er einen Schritt auf ihn zu.
Thorsten suchte sein Heil in der Flucht. Es war etwas anderes, den Tiger zu schikanieren, wenn er sich im Käfig befand, als hier, wo er ihn mit Leichtigkeit töten könnte.
Kopfschüttelnd ging Flann zu Darla zurück, die immer noch in seinem Schlafzimmer stand.
„Kannst du bitte die Kamera herunterholen?“
Sie sah ihn kalt an, was ihm verdeutlichte, wie sehr er sie mit seiner Vermutung getroffen hatte. Dennoch saßen sein Misstrauen und seine Abscheu gegenüber ihrer Familie zu tief, als dass er sich entschuldigen würde.
Mit einem kurzen Nicken nahm er ihr den Schraubenzieher aus der Hand, ging in die Ecke, wo er das Gerät entfernte. Seine zwei Meter Körpergröße machten es unnötig, einen Stuhl zu holen, um an die Schrauben heranzukommen.
„Bitte.“
Er hielt ihr die Kamera hin, die sie entgegennahm, ohne ihn anzusehen, gleichzeitig reichte sie ihm das Austauschgerät.
„Wollen wir hoffen, dass diese hier bessere Dienste leistet“, murmelte sie, dabei erschien ein Lächeln auf ihren Lippen.
„Du hast sie absichtlich ausgeschaltet, oder?“
Flann flüsterte nur, als er sich wieder zu ihr umdrehte, nachdem er das Ersatzgerät befestigt hatte.
Sie zuckte kühl mit den Schultern, aber als sie sich abwenden wollte, packte er sie sofort am Arm.
„Was? Hast du es dir eventuell überlegt und willst jetzt doch mit der Nichte des Bosses ins Bett? Gefällt dir die Dicke vielleicht oder siehst du heroisch darüber hinweg, dass ich keine Modelmaße vorzeigen kann? Ach entschuldige, ich vergaß, dass ich ja diejenige bin, die sich damit brüsten wird, mit einem Monster zu schlafen.“
Eiskalter Spott schlug ihm entgegen, wobei er sich eingestand, dass er genau das verdient hatte.
„Die Bemerkung über deine Figur kam keineswegs von mir, wenn ich das anmerken darf. Außerdem habe ich kaum vor, dich in mein Bett zu zerren. Ich wollte mich lediglich bei dir bedanken. Du gehst ein großes Risiko ein, um mir zu helfen.“
Höhnisch lachte sie kurz auf, sah zur Decke, ehe sie die Schultern zuckte.
„Wer sagt, dass ich es nicht für die armen Mädchen tue, die gezwungen werden, sich dir zur Verfügung zu stellen?“
Sie versuchte seine Hand abzustreifen, doch er schüttelte nur leicht mit dem Kopf.
„Sind in den anderen Häusern die Überwachungskameras auch kaputt?“, wollte er mit einem sanften Lächeln wissen.
Jetzt hätte sie das eigentlich bestätigen sollen, aber lügen lag ihr so gar nicht.
„Nein, die sind komischerweise völlig intakt. Ich muss zurück, der Fight ist gleich vorbei, dann sollten die Kameras die Einstellung wechseln, wie du weißt.“
Ohne auf ihren Einwand einzugehen, streichelte er ihr mit den Fingerknöcheln über die Wange.
„So kratzbürstig und so verletzlich“, murmelte er, wie zu sich selbst.
Seine Berührung ließ sie schlucken, gleichzeitig erlahmte ihre Gegenwehr. Die Sehnsucht, sich in seine Arme zu stürzen, wurde unerträglich, was sich deutlich in ihren Augen abzeichnete.
Flann strich ihr noch einmal über die Wange, ehe er sie bedauernd losließ. Ihre Bemerkung, dass sie sich um die Einstellungen kümmern müsse, hatte ihn erneut daran erinnert, wer sie war.
„Geh, kleines Mädchen, ehe ich etwas tue, das ich später bereue.“
Mit einem Kopfnicken scheuchte er sie aus dem Schlafzimmer.
Darla gehorchte ohne ein weiteres Wort, weil sie mit den Tränen kämpfen musste. Wieso hatte sie geglaubt, dass er anders handeln würde, als die restlichen Männer? Warum war sie der Hoffnung aufgesessen, dass er nicht auf das Äußerliche sah, sondern die inneren Werte bevorzugte?
Sie bezeichnete sich kaum als fett, aber genauso wenig als schlank. Füllig mit sehr weiblichen Rundungen war die passende Beschreibung.
Tränenblind rannte sie über den Schotterparkplatz, drückte die Tür zum Hauptgebäude auf, ehe sie in die Abstellkammer eilte, aus der sie die zweite Kamera geholt hatte.
Hier konnte sie sich die Zeit nehmen, um ihre Fassung wiederzufinden. Weshalb hatte er sie geküsst? Damit gab er ihr das Gefühl, dass sie einen Wert für ihn hatte.
Ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, als sie daran dachte, dass er nur grausam mit ihr spielte. Seine Worte tönten noch in ihrem Kopf nach, was ihr die Kehle zuschnürte.
Er glaubte ernsthaft, dass sie für ihren Onkel spionieren würde oder eine von den sensationslüsternen Biestern war, die mit ihm ins Bett sprangen, um sich damit zu brüsten, dass sie sich getraut habe, mit dem Monster zu schlafen.
Dabei lag ihr nichts ferner. Sie wollte ihm doch nur nahe sein, weil sie sich haltlos in ihn verliebt hatte.
Entsetzt stoppte sie in ihren Überlegungen. Seit wann gab sie es vor sich selbst zu? Sie kannte den Mann gar nicht! Allerdings erinnerte sie sich an den Blick, den er ihr vorhin zugeworfen hatte. Außerdem war er zur Stelle, als Thorsten zudringlich wurde.
Ihre Gedanken fuhren genauso Achterbahn wie ihre Gefühle, besonders als ihr seine letzte Berührung in den Sinn kam. Wieso streichelte er ihr so zart über die Wange, wenn er sie doch abscheulich fand?
Verstört sah sie auf ihre Armbanduhr, die ihr sagte, dass sie ihr persönliches Dilemma besser auf später verschob, denn es war ziemlich wahrscheinlich, dass der Fight sich dem Ende näherte. Sie war schon länger weg gewesen, als gut für sie war.
Eilig wischte sie sich mit einem Taschentuch über die Augen, dabei vergaß sie, dass sie sich auf Anordnung ihres Onkels geschminkt hatte. Das verdammte Make-up brannte wie die Hölle. Jetzt dauerte es noch einen Moment, bis sie überhaupt in der Lage war, etwas zu sehen.
Einen Augenblick überlegte sie, ob sie schnell rüber in ihr Ferienhaus laufen konnte, um sich das Gesicht zu waschen, aber die Überlegung verwarf sie sofort.
Vorsichtig tupfte sie mit einem frischen Taschentuch über ihre Augen, anschließend begab sie sich an ihren Arbeitsplatz.
Gott sei Dank war der Kampf noch im Gange, wie sie mit einem Blick auf den Monitor, den sie angestellt hatte, erkannte.
Eilig schaltete sie das Gerät wieder aus. Auf gar keinen Fall wollte sie das Ende mit ansehen müssen.
Die Stimme ihres Onkels ertönte kurz darauf, was ihr sagte, dass der Fight vorbei war. Einen Augenblick wartete sie, bis sie halbwegs sicher war, dass der Verlierer bereits weggeschafft wurde.
Darla überlegte, warum er sie bisher nie gezwungen hatte, mitzukommen. Es gab genug für sie zu tun.
Ihr war bewusst, dass es ihm keineswegs darum ging, sie zu schützen oder ihr den Anblick zu ersparen, nein, er wollte verhindern, dass sie einen Einblick in sein Geschäft bekam. Jedes Detail, das sie über ihre Aufgaben hinaus erfuhr, konnte ihr helfen, ihn zu Fall zu bringen. Ihr Onkel war alles, aber bestimmt nicht dumm. Ihm war klar, dass sie gegen ihn gehen würde, sobald sie sich sicher sein durfte, Erfolg damit zu haben.
Bisher hatte sich keine Gelegenheit ergeben, hauptsächlich, weil sie fürchterlich vorsichtig sein musste, denn er machte auch vor dem Mord an Verwandten keinesfalls Halt.
Einen Augenblick überlegte sie, ob das, was sie gesehen hatte, ausreichte, um ihn zu Fall zu bringen. Die ernüchternde Antwort gab sie sich selbst: Sie wäre sofort tot, sollte sie die illegalen Käfigkämpfe bei der Polizei anzeigen.
Außerdem hingen hier zu viele gefährliche, mächtige Menschen drin, die sich zu gerne auf die Jagd nach ihr begeben würden. Nein, mit dem Wissen, dass diese Kämpfe auf Leben und Tod gingen, konnte sie keineswegs ihre Freiheit erkaufen.
Trotzdem war sie überzeugt davon, dass er ihr das Zusehen kaum aus Nächstenliebe erspart hatte.
„Wie ich sehe, hast du gelernt, dass es besser ist, mir zu gehorchen.“
Als ob ihre Gedanken ihn hergerufen hätten, stand er plötzlich hinter ihrem Stuhl.
Langsam drehte sie sich um.
„Sag mir, warum hast du mich nie mitgenommen? Du hättest einen Haufen Geld für weitere Mitarbeiter sparen können, denn dir ist es doch egal, ob ich mit den Morden klarkomme oder nicht. Wieso auf einmal diese Rücksichtnahme?“
Darla wusste, dass sie sich auf sehr dünnem Eis bewegte, aber sie wollte es unbedingt wissen.
Ein hämisches Lächeln erschien im Gesicht ihres Onkels, der oberflächlich betrachtet ein gut aussehender Mann war.
Obwohl er bereits Mitte sechzig war, hatte er eine schlanke, gepflegte Figur. Die grauen Schläfen ließen ihn interessanter erscheinen, genau wie die hellen Strähnen in seinen ansonsten mausbraunen Haaren. Mit seinen ein Meter achtundachtzig war er eine durchaus bemerkenswerte Person, nur der eiskalte Schimmer in seinen Augen verriet den Killer in ihm.
Matthias strich sich einen unsichtbaren Fussel von seiner maßgeschneiderten Anzughose, ehe er die Tochter seines Bruders voller Abscheu ansah.
„Ich bin mir bewusst darüber, dass du schneller aussagen würdest, als ich gucken kann, sollten die Bullen dich unter ihre Fittiche nehmen. Wenn du aber nichts siehst, bist du kaum in der Lage, gegen mich auszusagen. Je weniger du weißt, desto sicherer für mich. So wie ich dich kenne, verabscheust du Brutalität, daher hast du nie darauf bestanden mitzukommen. Seit du dich für Flann interessierst, habe ich ein neues Druckmittel. Spurst du nicht, wird er sterben.“
Verachtung klang in seiner Stimme mit.
„Und du glaubst, dass mich das abhält, dich anzuzeigen? Ein Mann, der mich ablehnt, soll deine Rückversicherung sein?“
Mit einem Satz war er bei ihr, packte sie am Hals, um erbarmungslos zuzudrücken.
Panisch versuchte sie, seine Finger zu lösen, verkniff sich jedoch jeden Laut. Diese Befriedigung gönnte sie ihm nicht.
„Deute nie wieder an, dass du mich verraten wirst. Wir beide wissen, dass du es keine Stunde überlebst.“
Er ließ von ihr ab, indem er sie zurück in ihren Stuhl schubste, aus dem er sie halb hochgezogen hatte.
„Es ist bedauerlich, dass du dich gegen mich stellen könntest, aber kaum zu ändern. Ich habe keinesfalls vor, mich erwischen zu lassen. Außerdem glaube ich wirklich, dass der Tiger dir genug bedeutet, um mir zu gehorchen.“
Ohne ein weiteres Wort verschwand er.
Darla seufzte leise. Wieso hatte sie sich nur verraten, was ihre Gefühle für Flann anging? Warum hatte sie Matthias nicht die Gleichgültige vorgespielt oder war entsetzt geflohen, als er ihr das Video zeigte, in dem Flann sich verwandelte? Die Antwort war einfach: Sie konnte nicht lügen.
In einem Punkt musste sie ihrem Onkel recht geben, sie würde das Leben des Tigers niemals gefährden, egal, wie eklig er sich ihr gegenüber benahm.
Das Schlucken fiel ihr schwer und sie ließ ihre Fingerkuppen über ihren Hals gleiten. Wahrscheinlich sah sie spätestens morgen aus, als ob sie mit einem Vampir geknutscht hätte.