Inzwischen war Hanson sicher, dass ihr der Wagen folgte. Die kleine Drei-Auto-Kolonne war in zu viele Nebenstraßen gebogen, als dass noch Zweifel daran bestehen konnte. Alle drei nahmen die komplizierte Route, die Niall Reakes für die schnellste zu halten schien. Hanson hatte sich auf den fast verlassenen Straßen weit zurückfallen lassen.

Nicht so das Auto hinter ihr. Es blieb ihr dicht auf den Fersen, als hätte es sein Fahrer darauf angelegt, von ihr bemerkt zu werden, was sie mehr und mehr zu ärgern begann.

Etwa fünfhundert Meter vor der Saints Close blinkte sie links und fuhr plötzlich in eine Parklücke, sodass der Wagen hinter ihr an ihr vorbeifahren musste. Sie war zuversichtlich, die Reakes’ von hier an nicht mehr aus den Augen zu verlieren, selbst wenn ein anderes Auto zwischen ihnen war.

Sie drehte den Kopf zur Seite und erwartete, einen windschnittigen schwarzen BMW vorbeifahren zu sehen. Aber die Umrisse stimmten überhaupt nicht. Es war ein kleinerer, älterer Wagen. Ein Vauxhall Corsa, glaubte sie. Oder etwas in dieser Richtung. Und er fuhr nicht langsamer, als er sie überholte, sondern beschleunigte.

Hanson atmete tief aus und fuhr wieder los. Manchmal gibt es solche Zufälle, dachte sie. Das war allem Anschein nach einer. Ein Auto, das zufällig genau die gleiche Strecke fuhr.

Sie konnte die Lichter der zwei Autos gerade noch vor sich sehen, als sie in die Saints Close bogen. Das weckte erneute Zweifel in ihr. War es möglich, dass beide Fahrer in derselben kurzen Stichstraße wohnten?

Hanson fuhr nahe genug, um es noch gut sehen zu können, am Haus der Reakes’ an den Straßenrand und schaltete die Scheinwerfer aus. Sie beobachtete, wie der Corsa sein Wendemanöver beendete und anhielt. Seine Lichter gingen im selben Moment aus wie die des Jaguar.

Niall und Louise Reakes stiegen aus, und Hanson achtete sehr genau auf das Verhalten der beiden, ließ aber auch den Corsa nicht aus dem Auge. Er stand mit ausgeschaltetem Licht am Straßenrand, als das Paar wortlos auf das Haus zuging.

Soweit sie sehen konnte, war die Stimmung zwischen Louise und Niall Reakes gereizt. Sie hatten einander weder angesehen noch miteinander gesprochen, als sie hinter ein paar Bäumen verschwanden.

Und dann, endlich, wurde Hanson klar, dass sie sich, was den anderen Wagen anging, getäuscht hatte. Er war von dem Moment an, als sie von der Station losgefahren waren, Niall und Louise Reakes gefolgt und nicht ihr.

 

Um 20:25 Uhr schickte Jojo Jonah eine Nachricht, ob sie ihm auch etwas zu essen bestellen sollte. Seine Antwort war der größte Daumen, den sein Handy senden konnte. Vorerst observierten zwei seiner Leute das Ehepaar Reakes, und die Nachtschicht würden später zwei von Heerdens Streifenpolizisten übernehmen.

Das ermöglichte es Jonah, sich mit seiner Freundin zu treffen. Zwar bekam er deswegen wie immer ein schlechtes Gewissen, aber so war es eben manchmal. Er textete Jojo, dass er in zwanzig Minuten bei ihr sei, und schickte anschließend Hanson eine kurze

O’Malley war bereits gegangen, und Lightman füllte eine Thermosflasche, um sie mitzunehmen. Jonah winkte ihm zu, als Hanson zurückschrieb, dass den Reakes’ ein zweites Auto gefolgt war, dessen Fahrer ebenfalls das Haus zu beobachten schien. Sie wollte wissen, ob sie ihn zur Rede stellen sollte.

Jonah seufzte und textete ihr rasch, sie solle bleiben, wo sie war.

»Kennen wir Bekannte von Alex Plaskitt oder den Reakes’, die einen Corsa fahren?«, fragte er danach Lightman, der gerade aus der Küche kam.

»Das könnte O’Malley wissen«, sagte Ben und griff nach seinem Mantel. »Sonst kann ich es auch nachsehen. Warum?«

»Juliette sagt, dass in der Saints Close ein Auto steht, dessen Fahrer das Haus beobachtet.«

»Sagen Sie ihr, ich bin in fünfzehn Minuten bei ihr.« Er steckte seine Schlüssel in die Manteltasche. »Dann werden wir schon sehen, wer das ist.«

»Eigentlich sollte ich hinfahren«, sagte Jonah.

»Aber im Moment sind Sie der Einzige, auf den eine Freundin wartet. Deshalb sollten Sie das lieber bleiben lassen, finde ich. Vielleicht können Sie mir ja einen ähnlichen Gefallen tun, wenn mein Liebesleben mal etwas ausgefüllter ist.«

»Danke, Ben«, sagte Jonah erleichtert. Er glaubte zwar nicht, dass ihm Jojo Vorhaltungen machen würde, wenn er ihr absagte, aber es wäre ihm unangenehm gewesen, sie schon wieder zu versetzen. »Aber halten Sie mich über alles auf dem Laufenden.«

»Mache ich.«

 

Hanson konzentrierte sich voll auf den Corsa, der mit ausgeschaltetem Licht etwa fünf Meter von ihr entfernt stand. Hinter seinem Steuer war die dunkle Silhouette eines Unbekannten zu erkennen, bedrohlich reglos und unheilschwanger.

In etwas Geringerem als einem Benz würde der sich nie sehen lassen.

Bens Antwort war ein erhobener Daumen gewesen, begleitet von einer Bemerkung über ihren erstaunlichen Männergeschmack. Und obwohl sie nicht das Gefühl hatte, ihn zu brauchen, damit er auf sie aufpasste, war sie froh, dass er kam.

Das erste Lebenszeichen aus dem Reakes-Haus war das plötzliche Aufleuchten der roten Rücklichter des Jaguar. Ihm folgte das kehlige Knurren des Motors, als der Sportwagen zu wenden begann. Niall Reakes musste das Haus verlassen haben, während sie sich auf den Escort konzentriert hatte. War er allein?

Hanson griff nach ihrem Handy und rief Ben an.

»Es tut sich was«, teilte sie ihm mit. »Der Jaguar fährt weg.«

»Ich biege gleich in die Close«, antwortete Ben. Seine Stimme, hörte sich über die Freisprechanlage seines Wagens weit weg an.

»Vielleicht wartest du erst mal ab und folgst ihm«, sagte Hanson.

»Denkst du, du kommst mit diesem geheimnisvollen anderen Fahrzeug auch allein klar?«, fragte er.

»Ich habe meinen Schlagstock und die Schutzweste dabei«, sagte sie, nur halb im Scherz. »Das müsste reichen.«

Als der Jaguar gewendet hatte und in Richtung Straße an Hanson vorbeifuhr, bekam sie seinen Fahrer gut zu sehen. Es war Niall Reakes, und er war allein.

»Wie es aussieht, kriegst du es nur mit dem Mann zu tun«, sagte sie zu Ben. »Das heißt, seine Frau ist noch zu Hause, und unser geheimnisvoller Dritter sitzt weiter in seinem Auto. Ich sollte also auf jeden Fall besser hierbleiben.«

 

Louise fand, dass ihr jetzt nur noch Musik helfen konnte. Das war bisher an allen Tiefpunkten ihres Lebens so gewesen. Als ihre Mutter gestorben war. Als ihr Vater plötzlich seine neurotische Überfürsorglichkeit aufgegeben hatte und ans andere Ende der Welt zog, als wäre er fest entschlossen, seine Tochter nie wieder zu sehen. Alle diese Schicksalsschläge hatte Louise mit Hilfe der Musik überstanden.

Deshalb ging sie jetzt sofort ins Musikzimmer, als sich endlich die Tür hinter Niall geschlossen hatte. Sie zog die Harfe zu sich heran und legte sich ihr tröstliches Gewicht auf die Schulter. Ihre Hände fanden wie von selbst ihre Positionen für den Beginn des Donizetti.

Und dann dachte sie wieder einmal an das erste Mal, als sie für Niall gespielt hatte, und zögerte. Sie ertappte sich dabei, dass sie in ihrer Erinnerung alle möglichen Gespräche mit ihm rekapitulierte, die nahtlos in Worte übergingen, die sie mit Alex Plaskitt gewechselt haben könnte. Ausführliche Unterhaltungen, die sie an der Bar des Blue Underground vielleicht mit ihm geführt hatte.

Minuten später saß sie mit einem drückenden Gefühl in der Brust und schwer im Schoß liegenden Händen immer noch so da. Die einzige Musik, die sie in ihrem Kopf hören konnte, war der peitschende Beat einer Technonummer, der sich sogar jetzt noch, zwei Tage später, in ihre Erinnerung hämmerte.

Entmutigt stellte sie die Harfe an ihren Platz zurück und verließ das Zimmer. Wie sollte sie das alles verarbeiten, wenn sie nicht Harfe spielen konnte?

Sie ging in die Küche und machte den Wasserkocher an. Auf dem Herd waren ein paar Krümel, und sie suchte nach einem Wischtuch. Dabei stellte sie fest, dass einige am Kocher und hinter dem Brotkasten gelandet waren. Niall hatte immer schon eine sehr

Um die Arbeitsplatte ordentlich abwischen zu können, begann sie, alle möglichen Gegenstände von dort auf den Tisch zu stellen. Sobald sie jedoch einmal damit angefangen hatte, fiel es ihr schwer, wieder aufzuhören. Sie holte Sprays und Handschuhe und Lappen heraus und machte sich daran, jegliche Schmutzspuren zu beseitigen. Als sie mit der Arbeitsplatte fertig war, nahm sie sich Fußboden, Kühlschrank und Herd vor. Und die Kammer.

Sie dachte an nichts anderes mehr, als die nächste Unvollkommenheit aufzuspüren und zu beseitigen. Und obwohl sie sich halb dafür hasste, merkte sie, dass sie endlich zur Ruhe kam.

 

Hanson war inzwischen extrem angespannt. Sobald der Jaguar weg war, hatte sie das Gefühl, dass etwas anderes passieren musste. Sie hatte damit gerechnet, dass der Fahrer des Escort Niall Reakes folgen würde. Aber der Wagen bewegte sich nicht von der Stelle, und auch sonst geschah nichts. Eine ganze Stunde verging, und dann der größte Teil einer weiteren.

Die Ereignislosigkeit war zermürbend, und nicht nur deshalb, weil es in ihrem Auto inzwischen eiskalt war. Sie stand schon kurz davor, auszusteigen und nachzusehen, wer in dem verdammten Corsa saß, als sich endlich etwas tat. Die Fahrertür ging auf, das Wageninnere wurde von bläulichem Licht erhellt, und eine Gestalt stieg aus. Wegen ihres Schals, ihrer Mütze und des hochgestellten Mantelkragens war frustrierend wenig von ihrem Gesicht zu sehen. Nicht einmal, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte, war zu erkennen.

Hanson griff nach ihrem Handy und begann Fotos von der Gestalt zu machen. Sie versuchte, sie mit purer Willenskraft dazu zu bringen, sich ihr zuzuwenden. Als die Gestalt auf das Haus Nummer elf zuging, stieg Hanson so unauffällig wie möglich aus und folgte ihr. Ihr Atem bildete Wölkchen, als sie auf dem Gehsteig

Die Gestalt stand inzwischen vor der Tür, und Hanson konnte die Türglocke sogar bis zu der Stelle hören, wo sie stehen geblieben war. Auch Louise Reakes’ Gesicht konnte sie deutlich sehen, als sie an die Tür kam.

»Sie wissen, wer ich bin«, hörte Hanson eine Stimme.