»Und? Was haben Sie für einen Eindruck von ihr?«, fragte der DCI, als Hanson ihren kurzen Bericht über die Observierung des Reakes-Hauses beendete. Es war Viertel vor neun Uhr morgens, und Sheens war gerade von der morgendlichen Besprechung zurückgekommen. Nach dem Wochenende war im CID wieder einiges los, nur ihr Team war etwas dezimiert. Die Observierung des Reakes-Hauses übernahm inzwischen O’Malley, und Lightman war noch einmal zu April Dumont gefahren.

»Von Louise Reakes, meinen Sie?«, fragte Hanson. »Schwer zu sagen. Ben hat zwar nicht wirklich rausgekriegt, was sie bei ihrem Besuch gestern im Club eigentlich wollte, aber wenn sie tatsächlich auf eigene Faust Ermittlungen anstellt, deutet es darauf hin, dass sie sich wirklich an nichts erinnert.«

»Das auf jeden Fall«, sagte Sheens. »Ob sie allerdings etwas mit Plaskitts Tod zu tun hat, ist nach wie vor höchst unklar.«

»Ich würde mir gern das Messer genauer ansehen«, sagte Hanson. »Es ist unser wichtigstes Beweismittel. Wenn ich es mit einem unserer Verdächtigen in Verbindung bringen kann, wissen wir wenigstens, wen wir in die Mangel nehmen müssen.«

»Da haben Sie wahrscheinlich recht.« Sheens nickte bedächtig. »Sehen Sie einfach, ob Sie was mit dem anfangen können, was Ben bisher darüber rausgefunden hat.«

Ben hatte jeden seiner Schritte so präzise dokumentiert, wie sie erwartet hatte. So konnte sie fast direkt an dem Punkt weitermachen, wo er aufgehört hatte, und bald war sie damit beschäftigt, die Käuferliste eines solchen Messers mit denen ihrer Verdächtigen zu

Sie brauchte eine Weile, um zu merken, dass jemand schon eine ganze Weile um ihren Schreibtisch herumschlich. Und als sie schließlich aufblickte, fiel es ihr schwer, nicht das Gesicht zu verziehen. Vorübergehend hatte sie ganz vergessen, dass Jason heute wieder hier sein würde.

Trotzdem traf es sie nicht unvorbereitet. Sie hatte sich bereits genau überlegt, wie sie sich verhalten würde.

Sie bedachte ihn mit einem strahlenden Lächeln und sagte: »Was kann ich für Sie tun, Sir?«

Ihr Rückgriff auf eine bewusst förmliche Ansprache ließ Jason sichtlich zusammenzucken. »Juliette, könnten wir … könnten wir bitte reden?«

Hanson schaute auf ihren Bildschirm. »Ich habe gerade viel zu tun.«

»Ich auch«, sagte Jason leicht frustriert. »Aber ich werde meine Arbeit wesentlich schneller erledigen, wenn wir diese dumme Geschichte klären könnten. So kann ich mich jedenfalls nicht konzentrieren.«

Hanson war versucht, ihn zu fragen, wessen Schuld das wohl war. Aber trotz allem war er ja immer noch Jason, der Mann, an dem ihr bis vor einem Tag noch viel gelegen hatte. Der Mann, mit dem sie ihre Zeit verbracht hatte. Selbst wenn ihre Beziehung nicht sehr leidenschaftlich gewesen war, hatte sie zumindest das Gefühl gehabt, ihm vertrauen zu können. Es fiel ihr schwer, sich nicht zu wünschen, dass er bis zu einem gewissen Grad eine gute Meinung von ihr hatte.

»Na gut«, sagte sie und stand auf. »Dann gehe ich mal Kaffee holen.«

Sie legte Lightman eine kurze Nachricht auf den Schreibtisch, holte ihren Mantel und ging nach draußen, ohne sich weiter um Jason zu kümmern. Sie würde ganz sicher nicht den ersten Schritt

Sie gingen bereits über den Parkplatz, als Jason endlich anfing: »Also. Dein Ex. Damian.«

»Ja«, sagte sie. »Mein Ex.« Sie zog das Wort ein wenig in die Länge, aber auf mehr ließ sie sich nicht ein.

»Seit wann triffst du dich nicht mehr mit ihm?«

»Seit ein paar Monaten. Bevor ich nach Southampton gezogen bin. Möchtest du vielleicht wissen, warum ich mich von ihm getrennt habe?«

»Ja.«

»Weil sein Verhalten ein Paradebeispiel für narzisstische Gewalt ist«, sagte sie so emotionslos, wie sie konnte. »Das Peinliche daran ist vor allem, wie lange ich gebraucht habe, seine Spielchen zu durchschauen.«

Nach einer längeren Pause fragte Jason: »Inwiefern war er gewalttätig?«

Hanson seufzte. »Auf jede nur erdenkliche Art. Sobald er bei mir eingezogen ist, hat er aufgehört, sich an der Miete zu beteiligen. Er hat behauptet, er hätte gerade Geldprobleme, weil eine frühere Freundin alles Mögliche auf seinen Namen bestellt hätte. Dann hat er sich auch noch Geld von mir geliehen. Insgesamt ein paar Tausend Pfund. Ich musste meine Mom anpumpen, um das Geld zusammenzukratzen. Er hat behauptet, er würde auf einen Gehaltsbonus warten, mit dem er seine Schulden begleichen könnte. Er hat aber nie einen bekommen.«

Jason sagte nichts, nickte jedoch, als sie ihn ansah.

»Er hat mir ständig reingeredet, wie ich mich anziehen soll. Er hat gemeint, mit meinen Sachen würde ich aussehen wie eine Nutte. Er hat mir auch vorgeworfen, eine Nutte zu sein, weil ich ihm einmal, auf seine Fragen hin, erzählt habe, dass ich es mal mit einer offenen

Als sie die Fußgängerampel erreichten, drückte Jason auf den Knopf. Hanson wandte den Blick von ihm ab, bevor sie fortfuhr.

»Und dann hat er sich bei mir entschuldigt, mir versprochen, Hilfe zu suchen. Dass er ein Trauma habe und manchmal einfach nicht anders könne. Mir hätte viel früher klar werden sollen, dass er sich nur bei mir entschuldigt hat, weil er sein Ziel längst erreicht hatte: herauszufinden, wie tief er mich verletzen konnte. Es hat ihm offensichtlich einen Kick verschafft, mich fertigzumachen, denn danach hat er jedes Mal scheinbar wieder eingelenkt, um mich nicht ganz zu verlieren. Es war immer die gleiche Leier. ›Mein Trauma, mein Trauma, was bin ich doch für ein armer Kerl.‹« Hanson gab ein kurzes schnaubendes Lachen von sich. Die Ampel schaltete auf Grün, und sie überquerten die Straße. »Das Perverse daran war, dass er derjenige war, der andere traumatisiert hat. Und er hat mich betrogen, nicht nur einmal. Ich wusste es, aber ich konnte es nicht beweisen, weil er die Nachrichten der Frauen sofort gelöscht hat. Eine von ihnen war eine gute Freundin von mir, die ich deswegen verloren habe.«

»Du sagst, er hat seine Nachrichten gelöscht …«, setzte Jason vorsichtig an.

»Er hat sie vor meinen Augen gelöscht«, platzte Hanson heraus. Sie wusste nur zu gut, worauf Jason hinauswollte. Er wollte wissen, ob sie ihm ständig nachspioniert hatte, wie Damian ihm bestimmt weiszumachen versucht hatte. »Wenn ich irgendwelche Nachrichten sehen wollte, wurde er sauer und meinte, ich solle ihm vertrauen. Meine Nachrichten wurden dagegen ständig gehackt.

»Wie lang warst du mit ihm zusammen?«, fragte Jason.

»Eineinhalb Jahre.«

»Warum bist du bei ihm geblieben?« Die Frage klang so ungläubig, dass Hanson fast lachen musste.

»Muss ich dir wirklich erklären, wie emotionale Gewalt funktioniert?«, fragte sie ihn. »Wie so jemand seinen Charme spielen lässt, wenn er sich entschuldigt, und einem das Gefühl vermittelt, alles wäre wieder gut? Wie einem so jemand ein schlechtes Gewissen macht, wenn man mit ihm bricht? Wie einem so jemand weiszumachen versteht, dass er das alles nur ›für dich‹ tut. Eine Therapie, für die man, wie sollte es auch anders sein, selbst bezahlt. Muss ich dir eigens erzählen, wie so jemand sein Verhalten gegenüber deinen besorgten Freunden und Verwandten immer wieder so rechtfertigt, dass du eine Mitschuld daran trägst?«

»Aber du bist doch alles andere als leichtgläubig.« Jason blieb stehen und wandte sich ihr zu. »Hast du ihn nicht sofort durchschaut?«

»So schnell wie du etwa?«, fragte Hanson.

Darauf wusste Jason nichts zu erwidern. Sein Blick blieb weiter in die Ferne gerichtet. »Es tut mir leid. Ich … ich habe einfach keinen Grund gesehen, ihm nicht zu glauben, als er das alles erzählt hat.«

»Bis auf die vier Monate, in denen du mich besser kennengelernt hast als irgendjemand sonst«, entgegnete sie ruhig und ging einfach weiter.

 

O’Malley hatte sich ausgiebig mit Proviant eingedeckt. Er beklagte sich zwar immer bitterlich, wenn er für eine Observierung eingeteilt wurde, nutzte diese Gelegenheiten aber meistens als Vorwand, um

Diesmal hatte er sich seine Essensvorräte aus der Backstube einer Tankstelle besorgt, die zum Glück schon um sieben öffnete. Er war mit allem, was er für einen langen Einsatz brauchte, kurz vor dem verabredeten Termin in der Saints Close eingetroffen. Jalousien und Vorhänge des Reakes-Hauses waren noch geschlossen.

Nachdem er eine Sausage Roll und ein Schokocroissant verdrückt hatte, war klar, dass er den Wagen später würde saugen müsste. Aber das war ihm die Sache wert.

Auch um neun rührte sich noch nichts. O’Malley nahm an, dass Musiker nicht so früh aufstehen mussten. Ihm war das nur recht, denn es hieß, dass er in Ruhe Kaffee trinken und sich in Gedanken auf seinen bevorstehenden Urlaub in Marokko einstimmen konnte. Er freute sich schon auf die Tage in der Sonne.

Zehn nach neun wurden seine diesbezüglichen Phantasien durch die Ankunft eines metallicblauen Corsa unsanft unterbrochen. Benhawy war wieder da. O’Malley fragte sich, was er vorhatte und ob er seinen Besuch angekündigt hatte.

Benhawy parkte direkt vor Haus Nummer elf und schien von O’Malleys Astra auf der anderen Straßenseite keine Notiz zu nehmen. Er wirkte grimmig entschlossen, als er ausstieg und auf das Haus zuging.

O’Malley beobachtete, wie er klingelte und dann, nach einer Minute, noch einmal auf den Knopf drückte. Als auch dann noch kein Lebenszeichen von drinnen kam, begann er, an der Seite des Hauses entlangzugehen und durch die Fenster zu spähen. O’Malley überlegte schon, ob er ihn zur Rede stellen sollte, doch dann machte Benhawy kehrt und ging zu seinem Wagen zurück. Statt jedoch wegzufahren, saß er nur auf dem Fahrersitz und beobachtete das Haus.

»Was denkt der Kerl eigentlich, wer er ist?«, brummte O’Malley. »Ein Cop etwa?«

 

Sie hatte gedacht, sie sei erschöpft genug, um schlafen zu können. Aber von wegen. Schließlich hatte sie um drei Uhr früh ihren Laptop eingeschaltet und war wieder auf Alex Plaskitts YouTube-Kanal gegangen.

Dieses Bedürfnis entsprang zu gleichen Teilen ihren Schuldgefühlen und dem festen Entschluss, mehr zu erfahren. Da war ein Mann, dessen Tod sie möglicherweise verursacht hatte, der sie aber auch auf den Boden gedrückt und vergewaltigt haben könnte. Sie musste mehr über ihn in Erfahrung bringen, und das war alles, was ihr dafür zur Verfügung stand.

Irgendwann nach fünf war sie schließlich doch eingeschlafen und hatte prompt von Alex geträumt. In ihren Träumen hatte sie ihn zunächst zu retten versucht, um dann aber zu merken, dass er ihr nichts Gutes wollte und sie nur auszutricksen versuchte. Und später, als alles immer mehr durcheinander geriet, war sie von ihm schwanger und kurz davor, ihn zu heiraten.

Als sie um acht wieder aufwachte, fühlte sie sich emotional komplett ausgelaugt. Sie hatte es so was von satt, ständig verfolgt zu werden. Von Alex, zuerst strotzend vor Leben und dann nur noch ein gespenstischer Schemen. Von Erinnerungen an den Club. Und an den Angriff auf sie.

Und jetzt, an diesem Morgen, auch noch von Alex’ Mann, der zurückgekommen war, um seine Belagerung fortzusetzen.

Sie beobachtete vom Fenster des Flurs im Obergeschoss, wie er auf das Haus zuging. Sie war froh über den Musselinvorhang, den sie dort aufgehängt hatte, obwohl Niall ihn fast so schlimm gefunden hatte wie eine Gardine. Sie konnte Benhawy sehen, ohne von ihm gesehen zu werden, und beobachtete mit einem Kloß im Hals, wie er schließlich aufhörte, immer wieder zu klingeln, und seitlich am Haus entlangging.

Niall konnte sie aber nicht anrufen. Sie würde ihn nie mehr anrufen können. Und die Polizei würde ihr nicht glauben, fürchtete sie. Warum sollten sie ihrer Hauptverdächtigen glauben? Sie hielten sie für eine Mörderin.

Schließlich gab Benhawy auf. Sie ließ vor Erleichterung die Schultern sinken, als er zu seinem Wagen ging. Er stieg ein, fuhr aber nicht weg. Von hier oben konnte sie ihn zwar nicht richtig sehen, aber sie war sicher, dass er das Haus beobachtete.

Und dann fiel ihr plötzlich jemand ein, den sie anrufen konnte. Den Menschen, der immer zu ihr stand.

Außer, dachte sie mit einem flauen Gefühl im Magen, außer dass April sie belogen hatte und sie noch nicht wusste, warum.

 

Der Weg zurück zur Polizeistation war quälend lang gewesen. Hanson wollte nichts mehr mit der ganzen Geschichte zu tun haben, aber selbst diese zehn Minuten hatten gewaltig an ihr gezehrt.

Als sie auf ihren Kaffee warteten, hatte Jason sie gefragt, ob zwischen ihnen alles wieder so werden könnte wie früher. Ob sie darüber hinwegsehen könnte, was er ihr geschrieben hatte. Sie nahm an, das bedeutete, dass er ihr glaubte. Wenigstens ein kleiner Triumph.

Aber sie antwortete mit einem klaren Nein.

»Ich will keine Beziehung mit jemand, der mir nicht vertraut«, hatte sie gesagt. »Wie sollte ich mich bei dir noch geborgen fühlen, wenn ich weiß, wie leicht du dich von ihm gegen mich hast aufhetzen lassen? Und wenn er irgendwann noch überzeugender auftritt?« Er schüttelte den Kopf, aber sie fuhr fort: »Und deine ganzen kleinen Frustrationen, die er sich so raffiniert zunutze gemacht hat. Dass du es nicht magst, wenn ich nach einem Treffen mit dir nach Hause gehe. Dass ich dir nicht oft genug schreibe. Dass ich freitagabends weiterhin mit meinen Kollegen in einen Pub gehe. Das alles

Darauf hatte Jason nichts zu erwidern gewusst, und Juliette wurde schlagartig klar, wie recht sie offenbar mit diesem Satz hatte. Sie schluckte schwer, als sie sich umdrehte und auf den Rückweg machte. Er war, ebenfalls mit einem Becher Kaffee, schweigend neben ihr hergegangen, und die drückende Stille hatte sie den ganzen Weg zurück zur Polizeistation begleitet.

Erst als sie die Treppe zum CID erreichten, schien er plötzlich aus seiner Betäubung aufzuwachen.

»Juliette«, sagte er, und seine Stimme war so … so traurig, dass sie ihn nun doch ansehen musste. »Ich weiß, du glaubst, der Grund für das alles ist mangelndes Vertrauen, oder Unzufriedenheit mit unserer Beziehung. Aber das stimmt nicht. So ist es wirklich nicht. Ich habe mich von ihm einwickeln lassen, und ich weiß jetzt, dass es dir genauso ergangen ist. Kannst du dir nicht vorstellen, dass er einem Mann gegenüber genauso gewinnend auftreten kann wie gegenüber einer Frau?«

Er sah sie lange flehentlich an, was ihr unbehaglich war, denn natürlich hatte er in gewisser Hinsicht sogar recht. Andere waren aber nicht auf Damians Unterstellungen hereingefallen. Der DCI nicht. Ben nicht. Sie hatten sie noch nicht einmal einen Monat als neue Kollegin gekannt, als Damian versucht hatte, sie bei ihnen anzuschwärzen. Aber sie hatten ihn auf der Stelle durchschaut.

Jason machte plötzlich einen Schritt auf sie zu und sah sie beschwörend an.

»Denk einfach noch einmal in Ruhe über alles nach. Bitte, Juliette. Ich will dich nicht verlieren. Wahrscheinlich habe ich dir nicht deutlich genug gezeigt, wie viel mir an dir liegt. Oder wie weh es mir getan hat, als ich geglaubt habe, dieser ganze Unsinn wäre wahr.« Er drückte, ganz kurz, ihre freie Hand. »Es tut mir leid, dass ich so blöd war. Aber mehr war es nicht. Blödheit.«

Sie hätte nie gedacht, dass Jason auch nur annähernd so sein könnte wie er. Wie hatte er es geschafft, ihr Verhältnis so nachhaltig zu vergiften?

»Natürlich werde ich darüber nachdenken«, sagte sie auf seinen fragenden Blick hin. »Auch mir liegt viel an dir. Aber jetzt muss ich mich auf meine Arbeit konzentrieren.«

Sie betrat das CID vor ihm, und wenn sie ihm auch die Tür aufhielt, ging sie nicht mit ihm an ihren Schreibtisch zurück.

 

Lightman fuhr noch einmal zu April Dumonts Wohnung am Admirals Quay und parkte in der Tiefgarage des Hauses. Bei dem neuen Concierge musste er wieder den ganzen Affenzirkus über sich ergehen lassen, damit er im Lift nach oben fahren durfte.

Als er schließlich in der obersten Etage ausgespuckt wurde, erwartete ihn April Dumont bereits im Flur. Zu einem losen weißen Top mit einem sehr deutlich sichtbaren schwarzen BH darunter trug sie hautenge schwarzsilberne Leggings und Bikerstiefel. In der supereleganten Wohnung wirkte sie grotesk fehl am Platz.

»Dan ist in der Arbeit«, erklärte Dumont beiläufig und fläzte sich auf eins der Sofas.

»Aha«, sagte Lightman. »Dan ist …?«

»Mein Mann«, sagte sie und lachte über seinen überraschten Gesichtsausdruck. »Sie dachten wohl, ich sei frei und ungebunden? Nein. Ob Sie’s glauben oder nicht, manche Ehen funktionieren mit ein bisschen Würze besser.«

Lightman nickte und beschloss, die Bemerkung nicht sofort zu notieren.

»Möchten Sie was trinken?«, fragte sie mit einem leicht anzüglichen Lächeln.

»Erst hätte ich aber noch eine Frage an Sie«, sagte Dumont und setzte sich auf. »Warum haben Sie Louise verhaftet? Sie könnte keiner Fliege etwas zuleide tun.«

Lightman nickte. »Ich kann Ihre Skepsis durchaus verstehen. Doch die Umstände, unter denen die Leiche entdeckt wurde, waren sehr ungewöhnlich. Wir ermitteln …«

»Ich kenne Louise«, schnitt ihm April Dumont das Wort ab. »Sie würde nie mit einem Mann nach Hause gehen, den sie nicht kennt. Das sieht ihr einfach nicht ähnlich. Ganz und gar nicht sogar.«

»Wollen Sie damit sagen, dass Louise Reakes in dem Club … mit niemandem geflirtet hat?«

»Allerdings«, sagte April Dumont. »Sie war betrunken und hat sich elend gefühlt, und alles, was ich mitbekommen habe, war, dass sie sich mit zwei Männern unterhalten hat.«

»Könnten Sie uns sagen, mit wem Sie an diesem Abend nach Hause gegangen sind?«, fragte Lightman.

April Dumont gab ein kurzes Lachen von sich. »Nicht wirklich, Schätzchen. Außer dass er Adam hieß. Mehr weiß ich leider nicht über ihn.«

»Sind Sie mit zu ihm gegangen?«

»Ja. Wir hatten nur ein bisschen Spaß. Dan und ich hatten in letzter Zeit etwas Probleme. Wie so manch andere auch.«

»Haben Sie die Adresse dieses Adam?«

»Leider nein«, sagte sie. »Wir haben uns ein Taxi zu ihm genommen. Und hinterher hat er mir auch wieder ein Taxi gerufen.« Sie zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nur, dass es irgendwo auf dieser Seite der Stadt war. Schönes Haus.«

Lightman lächelte vage und dachte, dass sie demnach kein nachweisbares Alibi für die Zeit von Alex Plaskitts Tod hatte. Und unabhängig davon, was Niall Reakes ihnen verheimlichen mochte, galt April Dumont weiterhin als Verdächtige.

April Dumont zog einen Flunsch. Sie wirkte plötzlich sichtlich verlegen und ein bisschen verärgert. »Ich habe sie nicht einfach so im Stich gelassen. Ich war … ich war nur betrunkener, als ich hätte sein sollen. Ich bin eigentlich nur ihretwegen mit ihr weggegangen. Um sie auf andere Gedanken zu bringen.« Trotz der Helligkeit lag ein Schatten über ihren Augen. »Ich habe ihr ein Glas Wasser geholt und sie in die Arme genommen. Sie sah nämlich so aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Und ich habe ihr mindestens zwanzig Minuten lang geholfen, ihren Führerschein zu suchen. Ich habe alles getan, was eine gute Freundin tut, aber irgendwann war ich so betrunken, dass ich vergessen habe, dass ich mich eigentlich um sie kümmern sollte.«

Lightman sah sie kurz forschend an. »Sie hat ihren Führerschein verloren? Im Blue Underground?«

»Ja«, sagte Dumont. »Hat sie Ihnen das nicht erzählt? Sie musste ihn am Eingang vorzeigen, weil sie sehr jung aussieht, wenn sie zurechtgemacht ist, und später hat sie dann gemerkt, dass sie ihn verloren hat.«

»Haben Sie ihn denn gefunden?«, fragte er.

»Nein.« Dumont schüttelte den Kopf. »Noch nicht.«

»Okay«, sagte Lightman und fragte sich kurz, ob ihn vielleicht Alex Plaskitt gefunden hatte. »Was hat Sie veranlasst, mit diesem Mann nach Hause zu gehen?«

»Um es Dan heimzuzahlen, wenn er unbedingt meint, sich wie das letzte Arschloch aufführen zu müssen.«

Er rechnete mit einer überraschten oder wütenden Reaktion, aber April Dumont lächelte nur amüsiert. »Ein amouröses Verhältnis? Reden Sie immer so geschwollen daher?«

»Das ist bei der Polizei so üblich«, erwiderte Lightman, seinerseits verhalten lächelnd. »Unseres Wissens haben Sie an diesem Abend noch jemanden geküsst.«

Immer noch grinsend schüttelte April Dumont den Kopf. »Ja, stimmt. So ein Oberschichttyp. Groß, mit einem Sixpack. War schwer, ihm zu widerstehen.«

»Aber Sie sind schnell weitergezogen?«

»Ja.« Ihr Lächeln verflog ein wenig. »Wie sich herausgestellt hat, war er verheiratet und hatte deswegen ein schlechtes Gewissen.« Sie zuckte mit den Achseln. »Es lag also eindeutig an ihm.«

»Waren Sie deswegen nicht sauer?«

Sie verdrehte die Augen. »Nicht wirklich. Kurz war ich natürlich schon ein bisschen angefressen. Er hatte unübersehbar Interesse an mir gezeigt. Aber dann hat sich sein Freund eingemischt. Sauer war ich eigentlich vor allem auf den Freund.«

»Sie haben nicht versucht, diesem Mann zu folgen?«, fragte Lightman. »Oder sich später mit ihm getroffen?«

»Ich kann ganz gut mit einem Nein umgehen.« Allmählich schienen sie seine Fragen zu kränken.

»Haben Sie herausgefunden, wer dieser andere Mann war?«, fragte Lightman.

»Nein«, antwortete sie. »Warum auch? Und warum machen Sie deswegen so ein Gewese?«

»Weil dieser Mann Alex Plaskitt war«, sagte Lightman. »Der Mann, der in Louise Reakes’ Bett gestorben ist.«

Darauf trat erst einmal Stille ein. »Nein! Echt?«, brachte sie schließlich bestürzt hervor.

April Dumont wandte sich von ihm ab und schaute aus dem Panoramafenster aufs Meer hinaus. »Wirklich ein Jammer«, sagte sie schließlich. »Er war echt lecker. Wenn auch vielleicht von der prüden Sorte.«

»Und Ihnen ist im weiteren Verlauf des Abends nichts Ungewöhnliches aufgefallen?«, fuhr Lightman fort. »Irgendetwas, das darauf hindeuten könnte, warum er umgebracht wurde?«

Sie schüttelte langsam den Kopf. »Nein, ich glaube nicht … höchstens vielleicht, dass ich es komisch fand, wie unglaublich besitzergreifend sein Freund war.« Lightman merkte, dass sie damit Step Conti meinte, und das gab ihm zu denken. »Als ich ihn geküsst habe«, fuhr April Dumont fort, »war es fast, als wäre er eifersüchtig.«