Inzwischen ist es Morgen. Ich habe meine Ausführungen gestern Abend mittendrin abgebrochen und mich gefragt, ob ich noch mehr schreiben oder die Sache auf sich beruhen lassen soll. Ich hatte das Gefühl, dir nichts mehr zu erzählen zu haben. Aber es gab noch eine Menge unbeantworteter Fragen.

Und wie du weißt, mag ich keine halben Sachen. Außerdem juckt es mich nach meinem letzten Gespräch mit April, mehr zu schreiben.

Obwohl ich plötzlich nicht mehr sicher war, ob ich ihr wirklich trauen kann, habe ich sie heute Morgen angerufen. Es ist das erste Mal, dass ich an ihr zweifle. Das hört sich vielleicht etwas lächerlich an, nachdem sie mich so mir nichts, dir nichts im Stich gelassen hat, um ihrem neuesten Schwarm hinterherzujagen, und nachdem sich vor allem herausgestellt hat, dass auch sie ihre Geheimnisse hat. Ständig weicht sie aus, wenn man sie nach ihrem Job oder Arbeitgeber fragt, gar nicht erst zu reden von ihrem früheren Leben in Tennessee. Aber im Großen und Ganzen war sie immer für mich da, ein fester, verlässlicher Fels, der mir immer Halt gegeben hat.

Es war eine echte Erleichterung, ihre Stimme zu hören. Als wäre ich schlagartig wieder in die Normalität zurückgekehrt. Sie redete mit mir, und alles war gut.

Da hat es keine Rolle mehr gespielt, dass ich weiterhin unter Mordverdacht stehe oder dass du dich, wahrscheinlich für immer, aus dem Staub gemacht hast oder dass sie vor einer Weile gelogen hat oder dass ich mich fühle, als würde ich nie mehr schlafen können, ohne von einem Mann zu träumen, der mich lächelnd

»Ich doch genauso«, versicherte ich ihr. »In letzter Zeit ist wirklich alles scheiße gelaufen.«

»Wem sagst du das, Schätzchen. Ich habe gerade mit diesem unfassbar gutaussehenden Cop gesprochen, der, jetzt ohne Übertreibung, hundert Prozent immun gegen jegliche Annäherungsversuche ist. Ein wahrer Jammer.«

Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. »Der ältere oder der jüngere?«

»Ich glaube, er hat gesagt, er sei Sergeant«, versuchte sie, ihn zu beschreiben. »Schätzungsweise Anfang dreißig, mit Wangenknochen wie Messer und den unglaublichsten blauen Augen.« Sie seufzte. »Aber kalt wie ein Fisch. Null erotische Ausstrahlung.«

»Ich weiß, welchen du meinst.«

Mein Gott, wie gut es tat, so über die Polizei sprechen zu können und das Bild der angsteinflößenden Autoritätspersonen einen Moment zur Seite zu schieben.

»Und sonst? Alles okay bei dir?«, wollte April wissen. »Ich bin ganz verrückt vor Sorge um dich.«

»Ich weiß«, sagte ich ihr. Auf meinem Handy waren vierzehn unbeantwortete Anrufe und acht Nachrichten von ihr, als ich es zurückerhielt. Das war sogar für April viel. »Ich wollte unbedingt mit dir sprechen. Im Moment fahre ich gerade nach Hause. Ich fühle mich beschissen, aber es geht aufwärts.«

»Wo ist Niall?«

Ich zuckte leicht zusammen. »Ich … ich habe ihn vor die Tür gesetzt.«

»Tatsächlich?«

April klang aufrichtig überrascht, und ich begann sofort, meine Entscheidung zu rechtfertigen. »Wenn du dort gewesen wärst … in

Mit zusammengebissenen Zähnen zischte April: »Hatten die beiden also doch was miteinander.«

»Allerdings«, sagte ich. »Jedenfalls fällt mir absolut keine andere Erklärung ein. Er konnte mir nicht in die Augen schauen, als wir entlassen wurden, hatte aber gleichzeitig keinerlei Hemmungen, mich sofort zu verurteilen. Eigentlich sollte ich stinksauer auf ihn sein, aber stattdessen bin ich bloß maßlos enttäuscht.«

»Liebes«, sagte April verständnisvoll. »Ich bin sicher, er wird wieder zur Besinnung kommen und einsehen, was er da kaputtgemacht hat. Das heißt aber nicht, dass du dich wieder auf ihn einlassen musst. Wer dir so etwas antun kann … also, ich würde mich da schon fragen, ob das der Mann ist, mit dem ich mein Leben teilen möchte.«

»Das kannst du laut sagen.« So aufmüpfig ich das auch gesagt habe, war ich erschüttert über dein Verhalten, Niall. Ungeachtet all dessen, was du empfunden haben magst, als Dina dich verlassen hat, kannst du mir glauben, dass das, was du mir angetan hast, viel, viel schlimmer ist.

April seufzte. »Ganz abgesehen davon ist er nicht der einzige Mann auf der Welt. Erinnerst du dich noch an diesen italienischen

»Oh … für solche Überlegungen ist es vielleicht noch etwas zu früh. Aber trotzdem danke.« Ich erzählte ihr nicht, dass für mich im Moment vollkommen undenkbar ist, mich mit einem anderen Mann zu treffen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, steigen sofort Erinnerungen in mir auf, wie mich jemand auf den Boden drückt und mit einem Messer bedroht. Außerdem könnte ich noch immer für etwas ins Gefängnis kommen, was ich ganz sicher nicht getan habe.

Und dann, gleich danach, fiel mir ein, dass ich endlich mal ernsthaft mit April reden musste. Über den anderen Vorfall im Blue Underground. Allein bei dem Gedanken zog sich mein Magen zusammen.

»Was hältst du davon, wenn ich bei dir vorbeikomme?«, schlug sie vor. Sie klang so enthusiastisch. Als ob es in ihren Augen keine bessere Möglichkeit gäbe, mich aufzumuntern.

Deshalb konnte ich sie in diesem Moment nicht auf diese Lüge ansprechen. Ich konnte es einfach nicht.