Ein Schweinebär muss verschwinden
„Grundgütiger!“, stieß Mama aus. „Das ist bestimmt Herr Hartenstein! Was sollen wir nur tun?“
„Die Tür aufmachen“, sagte Papa leise. „Was sonst? Aber erst einmal muss Sascha verschwinden. Wir müssen ihn verstecken!“
„Und wo?“, fragte ich.
„Lass dir was einfallen, Jule!“, sagte Papa. „Dir ist Sascha doch auch nach draußen gefolgt!“
Na ja, eigentlich war Sascha eher meinem Popcorn gefolgt als mir. Und mein Popcorn war alle. Die Aufgabe, die Papa mir zuteilte, war also bei weitem nicht so einfach, wie er tat.
Aber es half ja nichts. Ich musste mithelfen, um unseren Schweinebären vor dem Hausmeister geheim zu halten. Ich brauchte ein neues Lockmittel – und im Kühlschrank musste sich doch noch etwas finden lassen, was Sascha Beine machte!
Ich war gerade auf dem Weg in die Küche, als unsere Klingel erneut schrillte.
„Beeil dich, Jule!“, rief Papa mir hinterher. „Und du“, wandte er sich etwas leiser an Mama, „du musst Saschas Stinker verschwinden lassen. Ich versuche so lange, Herr Hartenstein hinzuhalten.“
Ich riss die Kühlschranktür auf und warf einen hastigen Blick in die einzelnen Fächer. Mit was konnte ich Sascha wohl am besten dazu bringen, mir nachzulaufen? Wurst, Eier, Butter – das alles war vermutlich nichts für Schweinebären. Ich entschied mich für einen Kohlrabi, nahm sicherheitshalber aber auch noch die Gurke aus dem nun leeren Gemüsefach. Dann düste ich zurück ins Wohnzimmer.
Mama schob gerade den Teppich mit der Schweinebär-Kacke unter unsere Couch.
Ich war mir nicht sicher, ob das die beste Art und Weise war, Saschas Stinker verschwinden zu lassen. Denn wenn er jetzt auch nicht mehr zu sehen war, riechen konnte man ihn nach wie vor.
Auch Mama zuckte entschuldigend mit den Schultern. Eine bessere Idee war ihr auf die Schnelle wohl nicht gekommen.
Und es pressierte wirklich. Denn Papa hatte Herr Hartenstein mittlerweile die Tür geöffnet.
„Na, das ist ja eine Überraschung, Herr Nachbar“, hörte ich Papa sagen. „Mit Ihnen haben wir an diesem schönen Sonntagmorgen ja so gar nicht gerechnet.“
Das war natürlich glatt gelogen.
„Herr Laimann, mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie unerlaubterweise ein Haustier halten“, antwortete Herr Hartenstein barsch. „Einen Hund, um genau zu sein.“
„Was, wie kommen Sie denn darauf?“ Papa stellte sich dumm. „Wir halten keinen Hund, Herr Hartenstein. Ganz sicher nicht.“
„Sie werden verstehen, dass ich mich davon selbst überzeugen muss“, brummte der Hausmeister. „Unsere Hausordnung erlaubt keine Hunde als Haustiere. Das ist ihnen doch bekannt, Herr Laimann, oder etwa nicht?“
Mama packte mich am Arm. „Los jetzt, Jule!“, wisperte sie. Ich nickte und hielt Sascha den Kohlrabi hin. Obwohl er schon so viel gefressen hatte, schnupperte er interessiert daran.
So ein Schweinebär-Magen muss ganz schön groß sein, dachte ich bei mir und zog die Hand mit dem Kohlrabi ein Stück zurück. Entschlossen, aber nicht zu schnell steuerte ich auf Saschas Zimmer zu, das mir für ein Versteck am besten geeignet zu sein schien. Denn wer konnte schon so genau sagen, wie oft Schweinebären ihr Geschäft verrichteten? Und falls Sascha gleich schon wieder musste, dann sollte er das schön brav in seinem eigenen Zimmer tun – und nicht in meinem.
Der Schweinebär mit der halb heruntergelassenen Schlafanzughose trottete mir auf allen Vieren hinterher. Als wir in seinem Zimmer angekommen waren, öffnete ich den Kleiderschrank, riss die Spielzeugkisten und das unterste Regalbrett heraus und warf den Kohlrabi und die Gurke hinein.
Als Sascha sich mit beiden Vordertatzen im Kleiderschrank befand, gab ich ihm einen kräftigen Schubs. Sein Schweinebär-Körper verschwand im Schrank und ich knallte die Türen zu.
Puh! Jetzt musste ich nur noch dafür sorgen, dass Sascha auch so lange in seinem Versteck blieb, bis Herr Hartenstein wieder abgezogen war. Hastig ließ ich meinen Blick durchs Zimmer schweifen. Ich brauchte etwas, das den Schweinebär daran hinderte, die Schranktüren von innen aufzudrücken. Ich erspähte Saschas Plastiklaserschwert und steckte es zwischen die Griffe des Schranks.
Ob das hielt? Ich hoffte es. Aber im Augenblick machte der Schweinebär zum Glück keinerlei Anstalten, auszubrechen. Aus dem Schrank drangen zufriedene, schmatzende Geräusche. Obwohl es da drinnen ziemlich dunkel sein musste, schien sich der Schweinebär wohlzufühlen.
Jedenfalls so lange, wie er etwas zu fressen hatte.