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Das Treffen mit dem Fhan
Sie war allein, von Feinden umringt, vor ihr lag nichts als Folter und Tod, doch sie war immer noch Suri, was den Fhrey in etwa so seltsam erscheinen musste, wie Saat im Winter auszusäen und ihr beim Wachsen zuzusehen.
– Das Buch Brin
Suri öffnete die Augen, als sich die Tür ihres Käfigs öffnete. Sonne, Luft und ein verheißungsvoller Hauch von Freiheit fluteten herein. Angst, Verzweiflung und Schwindel verflogen. Die Tore des Paradieses waren aufgeschwungen, ihre Rettung nahte.
Draußen stand ein halbes Dutzend Soldaten mit Speeren, die alle auf sie gerichtet waren. In ihren ernsten, grausamen Gesichtszügen las Suri, dass sie sie töten würden, wenn sie nicht tat, was sie von ihr verlangten. Nach ihrer Zeit im Käfig hätte Suri nichts lieber getan, als sie zu küssen. Sie tat es aber nicht. Das hätten sie wohl nicht verstanden. Die Furcht davor, die Fhrey in ihrer Hauptstadt anzutreffen, hatte sich während ihrer Feuerprobe im Wagen vollständig in Luft aufgelöst.
»Danke«, sagte sie mit tief empfundener Ernsthaftigkeit, als sie aus dem Käfig ins Sonnenlicht stieg. Dann atmete sie einmal tief durch. »Vielen Dank.«
Auf den Gesichtern hinter den Speeren zeigte sich nun Verwirrung, doch die Soldaten waren von ihrer Freundlichkeit nicht eingeschüchtert. Sie versuchten nicht, mit ihr zu sprechen. Mit harten Stößen gaben sie ihr zu verstehen, sich umzudrehen und über den Platz zu dem prachtvolleren der beiden Gebäude zu gehen.
Andere Soldaten hielten die Menge in Schach. »Bleibt zurück! Zu eurer eigenen Sicherheit, haltet Abstand. Rhunes sind unberechenbar und könnten gefährlich sein, also bitte, bleibt zurück und haltet den Weg zum Palast frei.«
Palast?
Suri konnte die Kunst immer noch nicht benutzen, doch seit sie ihren Käfig verlassen hatte, konnte sie wieder klar denken.
Sie bringen mich zum Fhan.
Suris Freude währte nur kurz, als ihr klar wurde, was das bedeutete. Die letzten Tage hatte sie hauptsächlich in einem fieberartigen Zustand verbracht, als ob sie sich unter Wasser befände und nur gelegentlich auftauchte, um einen Blick auf die Welt zu werfen: riesige, wunderschöne Bäume, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, idyllische kleine Dörfer, die auf Hügel gebettet waren, hübsche Häuser mit hohen Dächern und Fenstern und farbenfrohe Kleidung. In ihrer Erinnerung verliefen all die Bilder, Farben und Geräusche ineinander. Doch nun war der Schleier gelüftet, das Fieber gebrochen. Zum ersten Mal musterte sie diese neue Welt mit klarem Blick.
Die Speere drängten sie über das Kopfsteinpflaster des großen Platzes in Diamantenform. Er war dekoriert mit meisterhaft gearbeiteten Statuen und reich verzierten Brunnen. Sonnendächer wölbten sich über die Tische, die um den Platz herumstanden. Auf einigen stand Obst und Gemüse in Schalen bereit. Auf anderen Brot, Körbe, Kleidung, Töpferwaren und Skulpturen. An einem Stand gab es Gemälde, darunter die Darstellung eines Monsters in einem Käfig – ein sabberndes Tier mit wildem Blick und gefletschten Zähnen, das die Gitterstäbe umklammerte.
So sehen sie mich. Vielleicht sah ich wirklich so aus. Keine besonders gute Abgesandte, aber sie waren auch nicht gerade nette Gastgeber.
Als Suri die Treppe erklomm, die zu dem Palast auf dem Hügel führte, und einen Blick über die Köpfe der ihr folgenden Soldaten warf, konnte sie unter sich ganz Estramnadon sehen. Die Hauptstadt der Fhrey war nicht so groß, wie Suri sie sich vorgestellt hatte, doch sie war ein künstlerisches Meisterwerk. Sorgfältig instand gehaltene Häuser und Gärten umgaben den großen Platz, flankiert von den zwei sich gegenüberliegenden Hügeln, auf denen die beiden riesigen Gebäude thronten. Das mit der Kuppel, das sich nun ihr gegenüber befand, funkelte im Sonnenlicht, das sich auf der Kuppel brach. Der Palast vor ihr, ein wahres Schmuckstück mit vielen Türmen, die an Bäume erinnerten, blieb im Schatten.
Suri warf einen Blick zurück auf den Wagen, der immer noch auf dem Platz stand. Wieder hörte sie Arions Worte. Du bist etwas Besonderes, Suri. Ich spüre es, wie ich die Jahreszeiten spüre. Nicht nur, weil du die Kunst benutzen kannst. Du selbst bist besonders, und deshalb glaube ich, dass du der Schlüssel zu allem bist. Du musst dem Fhan beweisen, dass die Rhunes genauso wunderbar, so wichtig und so wertvoll sind wie die Fhrey. Wenn du das schaffst, dann werden sie ihren Fehler erkennen und euch mit anderen Augen sehen. Aber das wird nur geschehen, wenn du akzeptierst, wer du bist. Nur dann kannst du die Welt verändern. Du musst nur lernen zu fliegen.
Suri spürte den Ring plötzlich noch enger um ihren Hals.
Wie soll ich das anstellen, wenn sie mir meine Flügel genommen haben?
Im Thronsaal gab es keine Stühle außer dem riesigen, auf dem der Fhan saß. Doch das war nicht wirklich ein Stuhl, sondern eher eine Ansammlung der Wurzeln der vielen knorrigen Bäume, die eine Sitzfläche formten. Suri hätte sich sowieso nicht gesetzt. Sie fand Stühle seltsam, genauso wie Schuhe und Wände. Selbst nachdem sie Jahre in Dahl Rhen und Alon Rhist verbracht hatte, war es Suri gelungen, unzivilisiert zu bleiben.
Schöner Raum – insofern ein Raum schön sein kann.
Die Decke war so hoch, dass Suri sie nicht sehen konnte. Der ganze Ort schien eher wie ein Tal im Wald, das sich in einer Höhle befand. Es war dunkel, die einzige Lichtquelle war ein Sonnenstrahl, der von einem unsichtbaren Punkt über ihnen herabfiel und den Thron erleuchtete, auf dem der Fhan saß. Der Herrscher der Fhrey hatte sich auf einen Ellbogen gestützt und rieb mit den Fingern nachdenklich über seine Unterlippe. Er wirkte distanziert, ruhig, fast schon gelangweilt, doch seine Augen verrieten den Hunger, der ihn von innen verschlang. Die Soldaten brachten Suri in die Mitte des Raums und zogen sich dann zurück, um sie mit dem Fhan allein zu lassen.
Die beiden maßen einander schweigend mit Blicken. Suri hatte noch nie eine solche Stille erlebt – kein Wind, kein Vogelgezwitscher, keine Schritte oder flüsternde Stimmen. Die Augen der Welt waren auf sie gerichtet, warteten darauf, was passieren würde. War es das, was du dir vorgestellt hast, Arion? Dachtest du, dass ich genau hier stehen würde? Ist es das, was du von mir wolltest? Nun ist der Moment endlich gekommen.
»Ich hörte, dass du in unserer Sprache unterrichtet wurdest«, sagte der Fhan.
Suri nickte.
»Das ist gut, denn du wirst mir nun das Geheimnis zum Erschaffen von Drachen verraten.«
»Warum sollte ich das tun?«
Der Fhan sah sie finster an. »Wage es ja nicht, so mit mir zu sprechen!« Seine durch die Kunst verstärkte Stimme ließ den gesamten Saal erzittern.
Suri war aufrichtig verwirrt. »Höher oder tiefer?«
»Was?«, fuhr der Fhan sie an.
»Wie soll ich denn sprechen? Höher oder tiefer? Oder vielleicht lauter? Ich kann leider kein so raffiniertes Tonmuster weben, wie Ihr es gerade getan habt, weil ich diesen Ring um den Hals trage, aber ich kann schreien, wenn Ihr schlecht hört. Oder hättet Ihr es lieber, dass ich Rhunisch spreche? Könnt Ihr Rhunisch?« Sie schüttelte den Kopf, als er sie nur verblüfft anstarrte. »Ich denke, es wäre wohl am besten, wenn wir erst mal beim Fhrey bleiben. Also, ich bin hier als Abgesandte von Keenigin Persephone. Sie hat mich geschickt, um mit Euch über die Details des Friedensabkommens zwischen unseren Völkern zu …«
»Ruhe!«, brüllte der Fhan, sodass der Raum abermals erzitterte.
Suri dachte gar nicht daran, ruhig zu sein. Sie hatte zu lange gewartet und zu viel gelitten. Dies war die Person, die dafür verantwortlich war, die Person, derentwegen sie hergekommen war, und sie hatte so einiges zu sagen. »… unseren Völkern zu sprechen und den Krieg zu beenden. Bisher wurde ich angegriffen, meiner Asika beraubt, in einem Käfig eingesperrt …«
»Ich sagte Ruhe!«
»… musste Hunger und Durst leiden und wurde in allen Städten auf dem Weg hierher gedemütigt. Bevor wir also zu verhandeln beginnen, erwarte ich eine Entschuldigung.«
»Du erwartest – du erwartest !« Die Augen des Fhans traten ihm beinahe aus den Höhlen, sein Gesicht rötete sich, und seine Hände umklammerten die Armlehnen seines Throns. »Wie kannst du es wagen! Verrate mir das Geheimnis, oder ich werde dich auf der Stelle töten lassen!«
»Meint Ihr nicht, dass ich Euch zuerst das Geheimnis verrate und ihr mich danach umbringt? Das ist es doch, was Ihr vorhabt, nicht wahr?«
Der Fhan sagte nichts, doch seine Augen schienen sie anzuschreien.
Suri nickte. »Also, lasst mich mal nachdenken …« Sie warf einen Blick zu den Zweigen über ihrem Kopf und tippte sich mit dem Finger gegen die Lippe, als würde sie überlegen. »Ich kann Euch geben, was Ihr verlangt, und dann ermordet werden, oder … ich kann darauf bestehen, dass wir eine Lösung finden, damit unsere beiden Völker in Frieden zusammenleben können. Das würde selbstverständlich voraussetzen, dass ich am Leben bleibe. Lasst mich überlegen … hmmm.«
»Ich bin der Fhan der Fhrey!« Er stand auf, seine goldene Asika funkelte in dem einzelnen Lichtstrahl. »Ich wurde von unserem Herrn Ferrol höchstpersönlich als Herrscher der Welt auserwählt. Du wirst vor mir niederknien und tun, was ich von dir verlange!«
»Gut, ich habe mich entschieden.« Suri nickte mit einem freundlichen Lächeln. »Nein, ich werde Euch das Geheimnis der Drachen nicht verraten, und ich stehe lieber, danke sehr.«
Der Fhan formte ein Webmuster mit den Händen. Suri erkannte es als eins, das Schmerz verursachen sollte, doch sie spürte nichts. Sie hätte vor Pein schreien müssen, doch es war, als wäre nichts passiert.
»Es ist der Ring«, klärte sie ihn auf. »Irgendein Idiot namens Jerydd hat ihn mir umgelegt. Ihr könnt ihn mir gern abnehmen und es noch einmal versuchen.« Sie lächelte boshaft. »Vielleicht solltet ihr dazu aber Euren Sohn einladen.«
»Vasek!«, brüllte der Fhan.
Die Tür wurde aufgerissen. Eine schmale Fhrey-Frau mit Adleraugen trat als Erste ein. Sie wurde von einem riesigen, brutal aussehenden Kerl und ein paar Soldaten begleitet. Sie sahen zuerst Suri und dann den Fhan an. Alle schienen verwirrt. Als Letzter betrat ein Fhrey den Saal, der in einen grauen Mantel gekleidet war, dessen Kapuze er aufgesetzt hatte.
»Dieses Rhune! Dieses …« Der Fhan schäumte vor Wut. Er holte tief Luft, beruhigte sich ein wenig und befahl dann: »Vasek, führe mir dieses Ding aus den Augen. Ich würde es Synne überlassen, aber der Ring ist im Weg. Also wird dir die Ehre zuteil. Nimm es mit. Tu ihm weh. Mach, was immer nötig ist, bis es mir endlich verrät, was ich wissen will. Verstanden?«
»Ja, mein Fhan«, sagte der Fhrey in Grau.
Vasek gab den Soldaten einen Wink, die Suri daraufhin bei den Armen packten und aus dem Saal zerrten. »Ich habe gehört, dass dieses Rhune-Ding keine kleinen, engen Orte mag. Bringt es zum Loch«, befahl Vasek. »Steckt es in das kleinste. Keine Fenster. Kein Licht. Keine Geräusche. Wenn es nicht gern eingesperrt ist, werden wir ja sehen, wie es ihm gefällt, lebendig begraben zu werden.«