Mistratte
Maike zündete sich mit ihrer perfekt manikürten Hand eine Zigarette an. »Hässliche, kleine Mistratte!«
Sie riss das Lenkrad nach rechts. Der knallgelbe Mini gab ein stöhnendes Geräusch von sich, als würde er gegen die plötzliche Aufgabe protestieren, die steile Serpentinenstraße erklimmen zu müssen. Doch Maike war, im Gegensatz zu ihrem Auto, auf 180.
Es war ihr Geburtstag. An jedem anderen Tag verdammt noch mal. Aber doch nicht an ihrem Geburtstag!
Pink
dröhnte durch die viel zu kleinen Lautsprecher. You gotta get up and try and try and try
… Leicht gesagt! Jürgen gehörte nicht zu der treuen Sorte. Das war Maike von Anfang an klar gewesen. Er bezeichnete es als Verschwendung, wenn er nur mit einem
Mädchen zusammen war. Das Konzept der Monogamie sei nichts für ihn, hatte er ihr erklärt. Sie hatte ja auch gewusst, dass er seit einigen Wochen mit ihrer besten Freundin Tine rummachte. Aber wenn man einen Typen wie Jürgen halten wollte, dann musste man da einfach durch. Das hatte sie sich zumindest mantramäßig eingeredet, während sie Tines Lipgloss durch ihren Nagellack ersetzt hatte.
Jürgens Eltern besaßen eine der großen, ortsansässigen Fabriken, und so konnte er Maike das Leben bieten, das sie ihrer Meinung nach verdiente. Daher hatte sie sich damit abgefunden, dass ihr Jürgen nicht allein gehörte, und das Talent entwickelt, über all die Ladys hinwegzusehen, die ihren Duft,
Lippenstift oder ihre Telefonnummer an ihm oder in seiner Wohnung hinterließen.
Aber die gestrige Aktion war definitiv zu viel!
Maike raste in ihrem Mini, der Einzige übrigens, der ihr seit zwei Jahren die Treue hielt, durch Bühlertal hindurch Richtung Schwarzwaldhochstraße. Die Sonne ging gerade auf.
»Mistratte!«
Während sie mit der linken Hand das Lenkrad festhielt, suchte ihre rechte in der Tasche nach dem Handy. Das war keine leichte Aufgabe, denn dies war der einzige Ort auf der Welt, an dem sie sich ein wenig Chaos erlaubte. Quittungen, Lippenstifte, Tampons … Ihre Hand wühlte sich durch das Dunkel, bis sie endlich das mit Brillanten besetzte Handy fand. Ein Geschenk ihres Vaters zum 20. Geburtstag.
Das
wäre auch ein würdiges Geschenk von Jürgen an sie gewesen!
Maike drückte auf die 1; die Schnellwahltaste, die Jürgen für sich ausgesucht hatte. Weil er ihre Nummer 1 war. Ha! Sie lauschte in den Hörer hinein, während sie einen tiefen Zug von der Zigarette nahm.
»Hey, Baby. Wo steckst du? Warum das Drama? Hast du deine Tage oder was?«
»Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du wie eine kleine, fiese Mistratte aussiehst?« Sie hielt sich das Handy direkt vor den Mund, damit es keine Missverständnisse gab. Der Empfang hier oben war eine Katastrophe. »Kleine! Fiese! Mistratte!«
In diesem Moment wurde sie vom Sitz geschleudert und stieß sich den
Kopf.
»Au!«
Das Handy war ihr aus der Hand geflogen und auf dem Rücksitz gelandet. Offensichtlich hatte sie die Lautsprechertaste gedrückt. Jürgens Stimme waberte durch den Zigarettenrauch zu ihr.
»Maike? Bist du noch dran? Scheiße, Mann, wir suchen dich schon die ganze Nacht! Ich hab gedacht, du bist tot oder so.«
Sie hatte Schwierigkeiten, das Lenkrad wieder in den Griff zu kriegen. Im Rückspiegel sah sie den dicken Ast, der auf der Straße lag. »Verdammte Holzfäller!«
»Maike? Hallo?«
Sie hatte das Auto wieder unter Kontrolle. Jetzt suchte sie mit der Hand die Rückbank nach dem Handy ab. Der Song im Radio fand sein Ende, und der Moderator leierte die Staus herunter.
»Also, wenn du wegen Tine so einen Aufriss machst … Sie hat sich echt Mühe gegeben mit deiner Überraschungsparty. Alles war so, wie du es bei ihr bestellt hast. Und als wir die Kerzen in deine Torte gedrückt haben, was soll ich sagen, Mann. Das war Liebe, verstehst du?«
Hatte er gerade Liebe
gesagt?!
Sie war eine Stunde früher in die Kneipe gekommen, um nachzusehen, ob alles ihren Wünschen entsprechend gestaltet wurde. Bei einer Überraschungsparty konnte man nichts dem Zufall überlassen. Sie hatte mit dem Schuhschrank gerechnet, den Jürgen ihr schenken sollte. Mit Wodka und einer Eisrutsche für Tequila. Aber nicht damit, dass Jürgen und Tine sich gegenseitig mit der Sahne ihrer Torte beschmierten
!
Jetzt quatschte er auch noch von Liebe! Einem Detail, das er in ihrer Beziehung stets ausgeklammert hatte.
»Hey, tut mir leid. Aber das war’s dann halt.«
Machte er gerade Schluss? So war das nicht geplant! Wenn überhaupt, dann sollte
sie
mit
ihm
Schluss machen!
Sie sah über die Schulter auf die Rückbank, um endlich das Handy zu finden. Dabei entgingen ihr die tiefbraunen Augen, die ihr entgegenblickten.
»Und nun noch eine Gefahrenmeldung: In den frühen Morgenstunden und beim Eindunkeln ist die Gefahr einer Kollision auf den Landstraßen besonders groß. Zu dieser Zeit sind viele Wildtiere unterwegs und für die Fahrzeuglenker ist die Sicht eingeschränkt. Besondere Aufmerksamkeit ist deshalb vor allem in der Morgen- und Abenddämmerung, zwischen 5 und 8 Uhr sowie zwischen 17 bis 22 Uhr, geboten.«
Das Reh verharrte regungslos. Der kleine, gelbe Wagen prallte gegen das erstarrte Tier.
Während riesige, schwarze Vögel aus den umliegenden Bäumen aufstoben, wurde das Reh hundert Meter weit die Straße hinuntergestoßen. Das Auto kam von derselben ab und donnerte gegen eine mächtige Tanne. Die Zigarette glitt Maike aus der Hand. Sie roch das Benzin, bevor ihr treuer Gefährte Feuer fing.
Sie sah an sich herunter. Sie saß angeschnallt auf dem Fahrersitz des völlig ausgebrannten Wagens.
Maike wollte schreien. Was sie hörte, war ein ersticktes Röcheln. Sie wollte atmen. Keine Luft drang in ihre Lungen. Sie löste den Sicherheitsgurt
mit der rechten Hand, ehe diese vor ihren Augen zu Asche zerfiel.
Panik.
Ihre Haut war an den meisten Stellen schwarz. Wie ein Wildschwein, das am Spieß über dem Feuer vergessen worden war. Maike tastete mit der linken Hand das Gesicht ab. Ihr Körper bewegte sich, aber langsamer, als sie es gewohnt war. Die Haut fühlte sich rissig und trocken an. Als ihre Finger die Stelle berührten, an der ihre Augen sein sollten, drang ein Laut des Entsetzens aus ihrer verbrannten Kehle; anstelle der Augen ertastete Maike nur zwei tiefe Löcher.
Sie suchte am Hals nach dem Puls. Nichts.
Ihre Hand wanderte an die linke Brust. Asche rieselte an ihr herunter, während sie nach dem Herzschlag suchte. Nichts. Ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen. Sie sah ohne Augen. Bewegte sich ohne Puls.
Sie hatte diesen Unfall nicht überlebt. Sie war tot.
Aber warum war sie immer noch da?
Als sie Schritte hörte, kroch sie aus dem Auto. Sie wusste nicht, wie sie sich bewegte, da alles, was sie spürte, reiner Schmerz war. Dennoch war es ihr möglich, vorwärtszukommen. Maike robbte Richtung Straße, als eine Hundeschnauze ihr verbranntes Gesicht anstupste. Der Hund winselte. Maike wollte ihn von sich weg drücken, als sie vor sich zwei Beine sah. Sie hob den Kopf. Da stand ein junger Mann, der sie anstarrte. Er kam ihr vage bekannt vor. Sie streckte die Hand nach ihm aus, doch er wich vor ihr zurück. Seine blauen Augen musterten sie mit blankem Entsetzen.