Ein Geschenk des Himmels
»Mila? Wo steckst du?« Karin fluchte laut, als sie über eine Wurzel stolperte. Wo war dieses Kind schon wieder? Sie war gerade mal sechs Jahre alt, und Karin hatte schon jegliche Kontrolle über sie verloren. Eilig lief sie weiter durch den Wald. Mila hatte etliche Lieblingsplätze. Und die hatten alle mit Bäumen zu tun.
»Wo haben Sie sie zuletzt gesehen?« Frau Kaya eilte in ihrem langen Rock hinter ihr her. Das Kopftuch war etwas verrutscht, sodass einzelne schwarze Strähnen hervorlugten.
»Im Wohnzimmer. Da hat sie mir versprochen, brav zu Hause zu bleiben und auf uns zu warten! Ich wollte sie nicht mit zum Flughafen nehmen.«
Mit unschuldigen Engelsaugen hatte Mila sie angesehen. Karin hätte es wissen müssen. Ihre Tochter hatte ganz eigene Vorstellungen von dem Einhalten eines Versprechens. Wahrscheinlich hatte sie abgewartet, bis Karin und Jo mit dem Auto weggefahren waren, und sich dann aus dem Haus geschlichen. Aber warum? Seit Wochen war ihre Tochter von etwas getrieben, dessen Ausmaß Karin nicht begriff. Mila aß kaum noch, und wenn Karin nachts an ihrem Zimmer vorbeischlich, hörte sie sie mit sich selbst reden. Jedes Mal, wenn sie die Tür öffnete, verstummte das Selbstgespräch und Mila tat so, als würde sie schlafen. Jo hatte vorgeschlagen, noch einmal Dr. Mertens aufzusuchen. Aber Karin hatte genug davon, dass ihre Tochter mit irgendwelchen Kinderpsychologen sprach. Sie wollte, dass sie mit ihr
redete. Warum vertraute sie ihrer Mutter nicht?
Ein Fluchen ließ Karin in ihrem Lauf durch den Wald innehalten. Sie drehte sich zu Frau Kaya um, deren Kopftuch an einer Tanne hängengeblieben war. Zum ersten Mal sah sie ihre volle Haarpracht. Dichtes, schwarzes Haar ergoss sich über ihren Rücken.
»Entschuldigen Sie. Ich halte Sie auf. Ich fürchte nur, dass ich den Weg alleine nicht zurückfinde. Deshalb muss ich Sie bitten, auf mich zu warten.« Sie pflückte das Kopftuch vom Baum und entfernte einige Tannennadeln.
Als sie nach ihrer Rückkehr erkannt hatten, dass Mila weg war, hatten sie sich aufgeteilt. Jo wollte zum Pflegeheim, um sich um Herrn Lichtlein zu kümmern. Karin sollte Mila suchen. Frau Kaya hatte ihre Hilfe angeboten.
»Wie viele Kinder haben Sie?«, fragte sie.
»Vier. Drei Jungs und meine Ayse.« Mit geübten Bewegungen steckte sie sich die Haare hoch und wickelte das Kopftuch darüber. Ihre Hände zitterten. Das einzige Anzeichen dafür, wie nervös sie war.
»Und hauen die auch regelmäßig ab?«
»Die Jungs nicht. Die sind anständig. Ayse begibt sich ständig in Gefahrenzonen. Sie liebt Demonstrationen für die Vereinigung aller Religionen. Erst kürzlich hat sie einen Stein abgekriegt. Sie hat gedacht, dass ich es nicht gemerkt habe. Als würde eine Mutter so etwas nicht merken.«
Eine Träne rann ihr die Wange hinunter, die sie resolut wegwischte. Karin sah sie nachdenklich an. Frau Kaya kannte vermutlich jeden Gedanken ihrer Tochter. Sie selbst hatte keine Ahnung, was in Mila vor sich ging
.
Sie hatte früh bemerkt, dass sie nicht wie die anderen Kinder war. Auch wenn das wohl jede Mutter über ihr Kind dachte, so redete nicht jedes Kind mit einem Auge in der Hand. Seit Mila die Elfe auf dem Halbmond gezeichnet hatte, war Karin sich sicher gewesen, dass ihre Tochter mehr sehen konnte als andere. Vielleicht hatte Lara recht und sie hatte den Anhänger bei ihr gesehen. Am Tag, als Lara hier angekommen war. Doch Karins Instinkt sagte ihr etwas anderes.
Frau Kaya stapfte auf sie zu. Das Kopftuch saß perfekt. »Ich wollte sie zu meiner Schwester in die Türkei schicken. Damit sie etwas über ihre Wurzeln lernt. Und keine Steine auf ihren Kopf prasseln. Aber ihre Fahrt in den Schwarzwald kam dazwischen.«
Karin schalt sich in Gedanken selbst, als sie fast so etwas wie Erleichterung spürte. Auch zwischen diesen beiden lief es nicht ohne Streit ab.
»Sie wollen sie wegschicken, ich will meine finden.«
»Ich will sie gar nicht wegschicken. Sie fehlt mir ja schon, wenn sie einen Tag weg ist. Ich hatte einfach Angst um sie. Und jetzt ist sie verschwunden. Einfach so. Das ist als … hätte ich ein Loch in meiner Brust. Ich kann nichts tun. Nichts! Ich weiß nicht, ob sie entführt wurde. Ob dieser Cem sie in irgendeiner Hütte versteckt. Ob sie einen Unfall hatte. Wenn man weiß, was passiert ist, dann kann man handeln. Aktiv werden. Aber so sitze ich nur untätig rum und kann ihr nicht helfen. Es ist das erste Mal, dass ich meiner Ayse nicht helfen kann!«
Karin nahm die zitternde Frau in den Arm. Sie war sich sicher, dass sie Mila finden würden. Auf
irgendeinem Felsen, mit ihrer Hand schwatzend. Bis gerade war ihr nie der Gedanke gekommen, dass ihre Tochter verschwinden und nicht mehr zurückkommen könnte.
Karins Schwangerschaft war ein Wunder gewesen. Sie hatten es jahrelang versucht. Es hatte nie geklappt. Als sie schon gar nicht mehr daran geglaubt hatten, war es passiert. Bei der Geburt war es dann kompliziert geworden. Mila hatte Schwierigkeiten gehabt, ihren Weg nach draußen zu finden. Sie lag verkehrt herum und musste mit einem Kaiserschnitt geholt werden. Bei dieser Gelegenheit hatte man den Tumor entdeckt, der mit Mila gewachsen war. Man hatte Karin die Gebärmutter entfernen müssen. Sie würde nie wieder eigene Kinder bekommen.
»Jetzt können wir uns eigentlich duzen«, nuschelte Frau Kaya in die Umarmung hinein.
Karin löste sich und lächelte die Frau an. »Ich bin Karin.«
»Begüm.« Sie wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge.
»Warum ist dein Mann nicht hier?«
»Er wollte kommen«, schniefte Begüm. »Natürlich wollte er. Ayse ist sein größter Schatz. Als er gehört hat, dass sie mit einem Jungen verschwunden ist, hat er mein ganzes Teeservice zertrümmert. Hat mein Jüngster mir erzählt.«
»Verständlich«, murmelte Karin.
»Schon. Aber diesen Wüterich kann ich hier nicht brauchen. Ich bin schon genug damit beschäftigt, mich selbst zusammenzureißen. Mein Mann gibt nach außen hin den großen Macher, den nichts erschrecken
kann. Aber wenn nur eine Kleinigkeit schiefgeht, verliert er den Halt. Und klammert sich an mich. Im Moment kann sich niemand an mich klammern. Ich habe ihm gesagt, dass er zu Hause bleiben muss. Bei unseren Jungs. Und ich ihm stündlich ein Update gebe.«
»Bei Jo und mir ist es umgekehrt. Ich brauche ihn, um nicht auseinanderzufallen.«
»Und ich brauche meine Ayse.«
»Es tut mir so leid«, murmelte Karin, die sich immer noch verantwortlich fühlte, Cem nicht aufgehalten zu haben. »Falls es Sie … ich meine dich … irgendwie tröstet, Cem ist ein wunderbarer Junge. Ich bin mir sicher, dass er auf sie aufpasst. Wo auch immer sie gerade sind.«
»Und ich weiß, dass es meiner Ayse gut geht«, stellte Begüm tapfer fest. »Ich fühle es. Genau hier.« Sie klopfte sich auf die Brust wie ein Gorilla. »Und jetzt finden wir deinen Herumtreiber!«
Sie setzten ihren Weg fort.
Karins Gedanken wanderten zu ihrem Ausreißer.
Wenn man sich mit Mila unterhielt, hatte man nicht das Gefühl, mit einem Kind zu reden. Sondern mit einem kleinen, besserwisserischen Erwachsenen. Seit sie fünf war, hatte sie hauptsächlich mit Styx und ihrer Hand geredet. Dabei hatte sie jedoch immer glücklich gewirkt. Das war Karin am wichtigsten gewesen.
Seit einiger Zeit wirkte Mila aber alles andere als glücklich. Sie war gereizt, führte mehr Selbstgespräche als sonst und war vor allem ständig verschwunden. Karin war dankbar für ihr kleines Wunder. Wirklich. Aber es gab Tage, da könnte sie
ihrem Geschenk des Himmels den kleinen, süßen Hals umdrehen.
Irgendwo knackte ein Ast.
»Hast du das gehört?«, fragte Begüm.
Karin ging in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. »Mila?«
Hinter einem Felsen kauerte eine Gestalt. Karin unterdrückte einen Aufschrei. Völlig entstellt und kaum noch als menschliche Gestalt zu erkennen, starrte Maike sie aus dunklen Augenhöhlen an.