Die alte Gang
Gustav starrte durch das Teleskop. Er hatte den Saturn im Visier. Weiß strahlend, von seinem Ring aus Trümmern und Steinen umgeben, sauste er vorbei. Der alte Mann drehte vorsichtig das Rad der Rektaszensionsachse. Am Abendhimmel war Saturn im Moment der einzige zu beobachtende Planet. Natürlich gab es noch etliche Sternenhaufen und Galaxien zu sehen. Jetzt, da der Sommerhimmel vorbeigezogen war und dem Herbststernenhimmel Platz machte, würde auch bald wieder Gustavs Lieblingsobjekt am Abendhimmel erstrahlen: die Plejaden. Ein Sternenhaufen, den man mit bloßem Auge als einen verschwommenen Fleck wahrnehmen konnte.
Er würde niemals Marcs Gesicht vergessen, als er ihm im Alter von vier Jahren die Plejaden das erste Mal gezeigt hatte. Durch das Fernglas konnte man die sieben hellsten Sterne gut erkennen. Erleuchtet von einem Hintergrund von circa 500 weiteren Sternen, die ebenfalls dazugehörten. Er hatte den kleinen Jungen extra aus seinem Bett geholt.
Bis zu diesem Abend hatte er seinen Enkel zwei Jahre lang nicht zu Gesicht bekommen. Der Streit mit Marcs Eltern war so banal wie klassisch gewesen: Gustav konnte seine Schwiegertochter nicht leiden. Maria war besserwisserisch und packte Marc in Watte. Weshalb es Ärger gegeben hatte, als er den Kleinen im Alter von zwei Jahren nachts zum Sternengucken mitgenommen hatte. Bis zum Morgengrauen war er mit ihm an der Schwarzenbachtalsperre gewesen. Und hatte
vergessen, Bescheid zu geben. War es seine Schuld gewesen, dass der Sternenhimmel in dieser Nacht so schön gewesen war? War es seine Schuld gewesen, dass der dunkle See einen derartig beruhigenden Effekt auf ihn gehabt hatte, dass er eingeschlafen war? Ja, Marc war allein an der Straße aufgegabelt worden. Das war nicht ideal gewesen. Aber das Drama, das Maria daraus gemacht hatte, ebenso wenig. Sie hatte behauptet, dass Gustav nicht in der Lage sei, auf Marc aufzupassen. Das hatte er ihr nie verziehen. Seinem Sohn hatte er nie verziehen, dass er sich nicht zur Wehr gesetzt hatte. Sie waren immer seltener zu Besuch gekommen. Nach einem halben Jahr war der Kontakt ganz abgebrochen. Er hatte nicht daran gedacht, als Erster zum Telefon zu greifen. Sofia hatte auf ihn eingeredet, dass er auf seinen Sohn zugehen sollte. Er als Älterer müsse verzeihen und durch ein Gespräch die Wogen glätten. Wogen glätten, so ein Schwachsinn. Keine Woge würde seine Schwiegertochter ändern. So hatte Gustav fast schon damit abgeschlossen gehabt, seinen Enkel jemals wiederzusehen. Bis zu diesem Tag im Juli, als der kleine Marc in Begleitung von zwei Polizisten in der Eingangshalle des Hotels gestanden hatte.
Ein Flugzeugabsturz. Der erste Kurztrip zu zweit. Nach Prag. Warum zur Hölle musste man auch nach Prag fliegen? Marc war bei einem befreundeten Pärchen geblieben. Als einziger Verwandter stand Gustav nun auf der Liste der Betreuer ganz oben. Mittlerweile war Marc vier Jahre alt gewesen. Und hatte seinen Großvater nicht mehr erkannt. Aus seinen riesigen, blauen Augen hatte er ihn angestarrt. Einen
verwaschenen Stoffhund auf dem Arm, dem ein Auge fehlte. Gustav hatte sofort einen Touristen vor die Tür gesetzt und Zimmer 23 in ein Kinderzimmer für Marc verwandelt.
Der Junge hatte nicht viel geredet. Oder gegessen. Aber nachdem die Polizisten gegangen waren, folgte er Gustav auf Schritt und Tritt. So leise schlich er ihm hinterher, dass er manchmal in ihn hineinrannte, wenn er sich zu schnell umdrehte. Doch das schien Marc nicht zu stören. Alles, was er wollte, war Nähe. Keine Kommunikation. Für Gustav völlig in Ordnung. Kommunikation hielt er sowieso für überschätzt. Das ganze Reden und Tratschen sorgte doch erst für all die zwischenmenschlichen Schwierigkeiten. Wäre es nach ihm gegangen, hätten sein Enkel und er den Rest ihrer Zweisamkeit schweigend miteinander verbringen können.
Das Essen hingegen war ein Problem gewesen. Das Jugendamt hatte ihm klar gemacht, dass sie Marc abholen würden, wenn er nicht endlich zunahm. Gustav konnte das nicht zulassen. Er würde es Sofia gegenüber niemals eingestehen, aber sie hatte recht gehabt. Verbohrt, wie er nun mal war, hatte er die Chance verpasst, sich mit seinem Sohn zu versöhnen. Dabei war er davon ausgegangen, dass sie sich noch viele Jahre lang weiter anschweigen konnten. Dann hatte er seinen Sohn verloren. Für immer. Er schwor sich, nicht auch noch Marc zu verlieren. Er würde beweisen, dass er auf den Jungen aufpassen konnte. Er musste nur seine Schale knacken.
In einer sternenklaren Nacht war Gustav in Marcs Zimmer gegangen und hatte den Jungen geweckt. Er
hatte ihn nach draußen in den Garten getragen und vor seine verschlafenen Augen ein Fernglas gehalten.
Eine Welle der Anspannung war durch den kleinen, abgemagerten Körper geglitten, als er die Plejaden entdeckte, die durch das Fernglas betrachtet wie Diamanten funkelten. Vor Aufregung hatte der Kleine kurz geschrien. Dann hatte er ihn mit seinen großen, blauen Augen angesehen. »Opa! Was ist das? Es ist wunderschön!«
Das Frühstück an diesem Tag war üppig ausgefallen. Der Junge hatte drei Brötchen verdrückt und dabei unaufhörlich geplappert. Er wollte alles wissen. Über die Sterne, ihre Namen, die Planeten … woraus sie bestanden und warum man sie nur zu bestimmten Zeiten am Himmel sah. Ob in der vorüberfliegenden und dabei hell leuchtenden ISS wirklich echte Menschen saßen. Und warum die Sonne nicht schwitzte.
Es kam vor, dass Gustav sich die Zeit zurückwünschte, in der der Junge die Klappe gehalten hatte. Allerdings sprach der kleine Kerl nie über ein ganz bestimmtes Thema: seine Eltern.
Marc war bei ihm geblieben. Jahrelang hatte er den langen Weg mit dem Bus nach Bühlertal und später nach Bühl auf sich genommen, um die Schule zu besuchen. Seit er studierte, lebte er unter der Woche in Karlsruhe, kam aber jedes Wochenende nach Hause. Gustav wusste, dass Marc das Hotel renovieren wollte. Die Frage war, von welchem Geld? Und für welche Touristen? Man hatte ihnen mehr Gäste versprochen, wenn das Gebiet erst einmal zum Nationalpark erklärt worden war. Aber die Gäste blieben aus.
Nicht die Schuld des Nationalparks, das war Gustav klar. Das Hotel war in der Zwischenzeit so heruntergekommen, dass die meisten Vorbeifahrenden es für ein leer stehendes Gebäude hielten. Er hatte einfach nicht das Geld, um das Hotel wieder herzurichten. Und wenn er ganz ehrlich war, dann hatte er auch nicht mehr die Energie dazu. Es kostete ihn alle Überwindung, nett zu anderen Menschen zu sein. Die Touristen mit ihren immer gleichen Fragen und dem Wunsch nach Schwarzwälder Kirschtorte gingen ihm so auf die Nerven, dass er sie unmöglich bei sich beherbergen konnte. Er hatte diese Torte noch nie hinbekommen und würde das in diesem Leben auch nicht mehr versuchen.
Marc war auch nicht gerade ein Quell sozialer Freude. Von wem sollte er es auch gelernt haben? Und so leid es Gustav um Marcs Erbe tat, er liebte die Einsamkeit hier oben im Wald mehr als ein gutes Geschäft. Seine glücklichsten Momente waren die, wenn er frühmorgens mit Susi die Sterne betrachtete. Seine einzige Gesellschaft waren Sofia, Mathilda und Lichtlein, wie er Friedhelm gerne nannte, die einmal die Woche zum Rommé-Spielen zu ihm kamen und ansonsten ihre Zeit im Pflegeheim in Sasbachwalden verbrachten. Gustav würde niemals auf diesen einen Abend in der Woche verzichten. Aber er war auch immer froh, wenn die kleine Gesellschaft ins Dunkel der Nacht verschwand und er seine geliebte Ruhe wiederhatte.
Nur heute machte ihn diese Ruhe nervös. Das lag an Susi. Vielmehr ihrer Abwesenheit. Er war zur Nachuntersuchung nach Baden-Baden gefahren. Als er zurückgekommen war, waren Marc und Susi verschwu
nden. Samt dem blauen Mercedes. Daran war noch nichts Ungewöhnliches gewesen. Vor der OP waren Marc und Susi unzertrennlich gewesen. Marc hatte den Hund im Welpenalter gefunden, ausgesetzt an der Schwarzenbachtalsperre. Er hatte das völlig verlauste Tier den ganzen Weg bis zum Hotel geschleppt und dann entschieden, dass der Hund für immer bei ihnen bleiben würde. Sie gehörten zusammen, hatte der kleine Junge ihm erklärt. Er hatte keine Eltern. Der Hund auch nicht. Das verband sie. Seit dem Studium hatte er Susi unter der Woche jedoch bei
Gustav gelassen. In den ersten Tagen hatte der Hund den ganzen Tag vor der Eingangstür des Hotels gelegen und auf sein Herrchen gewartet. Dann, ganz langsam, hatte sich das Tier Gustav angenähert. Sie begleitete ihn, wenn er nachts zum Sternegucken nach draußen ging, und bellte jeden Touristen an, der sich in die Nähe des Hotels wagte. Seit der Operation schien Susi sich besonders verantwortlich für ihn zu fühlen. Er hätte schwören können, dass die Hündin genau spürte, wann es ihm schlechter ging. Er fand, dass sie mittlerweile mehr
sein
Hund war. Auch wenn er sich stets bei Marc über die nervende Töle beschwerte, die ihm die letzten Gäste vergraulte. Wenn er ehrlich war, machte es ihn nervös, ohne sie zu sein. Als würde ein Teil von ihm fehlen.
Marc hatte Isabel vom Flughafen abholen wollen. Wahrscheinlich hatte er Susi mitgenommen. Aber wo steckten sie so lange? Mittlerweile war es dunkel, und Isabel hasste es, nachts im Auto zu fahren. Marc ging nicht ans Handy und hatte sich noch nicht einmal nach
den Ergebnissen der Untersuchung erkundigt. Das war mehr als unüblich.
»Huhu!«
Das war nicht Marc. Es klang nach Mathilda. War heute Dienstag? Seit Gustav diesen verdammten Tumor im Kopf gehabt hatte, brachte er alles durcheinander.
»Da! Ich sehe ihn. Er sitzt wieder an seinem Fernrohr.«
Er verdrehte die Augen. Wie oft würde er Mathilda noch erklären müssen, dass es sich um ein Teleskop
handelte? Schon hörte er eilige Schritte auf sich zukommen.
»Gustav! Wir sind’s!«
Er wandte den Blick nur ungern vom Saturn ab. Doch schon stand Mathilda neben ihm und drückte ihm einen Kuss auf die faltige Wange.
»Komm rein. Ist doch kalt. Was sagen die Ärzte?«
Sie wartete keine Antwort ab und schritt bereits zurück zum Hotel. Er packte in Ruhe das Teleskop ein und trug alles in Marcs Computerzimmer. Die Rechner liefen. Wie immer. Die Stromrechnung war das Einzige, das sich auch ohne Touristen nicht verändert hatte.
Er trat in die Eingangshalle des Hotels und blieb erstaunt stehen. Da standen sie. Mathilda, Sofia und Lichtlein. Mit je einem Koffer.
»Was wird das?«
»Wir ziehen ein«, erklärte Mathilda. »Welche Zimmer hast du frei?«
Er starrte seine Freunde an, als hätten sie den Verstand verloren. »Ist heute Dienstag?
«
»Natürlich ist heute Dienstag, Dummchen.« Schon schritt Mathilda hinter die Theke und kramte nach Schlüsseln.
Diese forsche Art, sich einfach zu nehmen, was sie wollte, hatte ihn schon immer auf die Palme gebracht.
»Aber heute werden wir nicht gehen«, betonte Sofia.
Gustavs Blick wanderte zu ihr, die ruhigere der beiden Damen. Sie sagte selten etwas, aber wenn, dann war es immer ein bisschen unheimlich. Sofia besaß die Gabe, ihn einfach nur anzusehen und genau zu wissen, was in ihm vorging. Diese Eigenschaft hatte der kleinen Dame den Spitznamen Eule eingebracht. Marc behauptete dauernd, dass Sofia in ihn verliebt war. Blödsinn!
»Und warum?«
»Sie wollen Lichtlein zum Flughafen bringen. Wie alle anderen Wandelnden. Jo glaubt, dass sie alle sedieren und Experimente durchführen. Das erlauben wir nicht.«
Experimente? Gustav schluckte. Er sah zu Lichtlein, der sich um ein Lächeln bemühte. Der Verwesungsgestank hatte zugenommen. Seit einer Woche war er nun schon tot. Oder besser: ein Wandelnder. Gustav wusste, dass Lichtlein sich auf den Tod gefreut hatte. Er war fest davon überzeugt gewesen, seine Frau nach dem Tod wiederzusehen. Ständig hatte er davon gefaselt, was sie alles unternehmen würden. Als wäre der Tod nur ein Übergang zu einem anderen Ort, an dem man Kaffee trinken und ins Theater gehen würde. Gustav war sich sicher, dass Lichtlein sich sogar die
Haare gekämmt hätte, um seiner Frau gepflegt gegenüberzutreten. Jetzt nicht sterben zu können, ließ ihn verzweifeln.
»Sie befürchten, dass es ein Virus ist, der die Menschen nicht mehr sterben lässt«, führte Sofia aus. »Sie haben sogar die Bundeswehr eingesetzt. Sie holen alle ab! Aber wir lassen unser Lichtlein nicht unter tausend andere Wandelnde! Er bleibt bei uns.«
»Wir haben ihn gekidnappt und müssen bei dir untertauchen.« Mathilda nahm ihren Koffer und Lichtlein bei der Hand und verließ die Eingangshalle.
Gustav sah ihnen verblüfft nach. »Ihr könnt nicht hierbleiben.«
»Erwartest du Gäste?«, hakte Sofia ruhig nach.
Er wusste um den rhetorischen Charakter dieser Frage und sah die kleine Dame ungeduldig an. »Ich will hier niemanden haben.«
Sie ging lächelnd auf ihn zu und streichelte seine Wange. »Wir brauchen alle jemanden. Du trägst übrigens zwei verschieden farbige Socken.«