Nackt
Susi winselte. Aufgeregt lief sie um das kleine Gefängnis herum, das die Wurzeln geflochten hatten. Sie suchte einen Zugang zu Marc. Die Äste waren jedoch so dick und die Rinde so fest, dass man sie nicht brechen konnte. Lara hatte es versucht. Aber zu zaghaft, das musste sie sich eingestehen. Sie schaffte es einfach nicht, dieses Gewächs auseinanderzureißen. Nicht, weil ihr die Kraft fehlte. Sondern weil sie das Gefühl hatte, den Wurzeln dadurch große Schmerzen zu verursachen. Wann immer sie sie mit den Händen umfasste, wechselten die Wurzeln so hektisch die Farbe, als wären sie sehr aufgeregt. Aus irgendeinem Grund tat ihr das selbst weh.
Nachdem sich das Gefängnis geschlossen hatte, hatten sich die Frauen zurückgezogen. Sie waren allein. Lara spürte einen brennenden Durst. Aber all das war nebensächlich.
Susi versuchte mittlerweile, ein Loch zu buddeln. Ihre Pfoten schabten über den Boden, der nicht daran dachte, nachzugeben.
»Susi. Ganz ruhig.«
Die Hündin jaulte und eilte zu der Hand, die Marc durch eine der kleinen Öffnungen streckte. Er kraulte ihren Kopf, ohne den Blick vom Himmel abzuwenden. Die ganze Zeit starrte er nach draußen, während Lara in dem kleinen Käfig auf und ab lief und keine Ruhe fand. Wo war Timo? War er noch am Leben? Oder würde sie ihn nie wiedersehen? Warum konnte sie sich daran erinnern, ihn schon einmal verloren zu haben, aber nicht daran, wie sie ihn wiedergefunden hatte?
»Jetzt setz dich endlich hin«, hörte sie Marc sagen. »Du bist schon einmal hier gewesen. Und wieder zurückgekommen. Du schaffst es ein zweites Mal.«
Sie starrte ihn an. »Wie kommst du darauf, dass ich schon mal hier gewesen bin?«
»Hör endlich auf, mich zu verarschen, Goldi.«
»Hör endlich auf, mich so zu nennen!«
»Wir sind im Programm deines Vaters. Okay, ich habe geglaubt, dass es ein Spiel ist. Seit Timo …« Er brach ab. »Ich glaube dir jetzt, dass es kein Spiel ist. Aber was ist es dann? Was hat dein Vater hier erschaffen?«
»Mein Vater hat das nicht gemacht«, rief sie verblüfft.
»Ach, komm schon!«
Isabel zuckte zusammen. Sie saß immer noch stumm und in sich gekehrt auf dem Boden.
»Was ist eigentlich los mit ihr?«, fragte Lara und setzte sich neben sie.
»Eine Art psychischer Schutzreflex. Sie hat sich einfach abgeschaltet. Kriegt nichts mehr mit. Wie eine Art … Trauma.«
»Ist das schon mal passiert?«
»Immer, wenn sie die Kontrolle verliert.«
»Und seit wann hat sie das?«
»Seit dem Autounfall. Ihre Eltern und ihre Schwester … alle tot. Nur sie hat überlebt.«
Deshalb war Isabel also während der Autofahrt so angespannt gewesen. Lara betrachtete das wunderschöne Mädchen, das sogar in dieser Situation wie ein Model aussah. So sehr Isabel ihr auf die Nerven gegangen war, jetzt verspürte sie Mitleid. Sie setzte sich neben sie und atmete tief durch. Erst da bemerkte sie, dass ihr die Hände zitterten. Immer noch rot gefärbt von Timos Blut.
»Israel sollte so was wie eine Konfrontationstherapie sein«, redete Marc ruhig weiter. »Sie wollte unbedingt hin. Sie meinte, wenn sie in das Land ihrer Vorfahren geht und dort ihre Wurzeln spürt oder so ähnlich, dann würde es ihr besser gehen.«
Das war also der Plan gewesen, von dem Karin gesprochen hatte. Der nicht funktioniert hatte.
»Konnte ja keiner ahnen, dass die Menschen mit dem Sterben aufhören und sie mitten ins Chaos gerät.«
»Wie können wir ihr jetzt helfen?«
»Streich ihr über den Rücken. Das setzt Glückshormone frei.«
Lara tat es und fragte sich, warum Marc es nicht selbst machte. Der Gemütszustand seiner Freundin schien ihm gleichgültig zu sein.
Eine Weile saßen sie schweigend da, während Lara Isabel über den Rücken strich, ohne dass diese ihre angespannte Haltung änderte.
Marc beobachtete die Umgebung, bevor er Lara fragte: »Wieso weinst du nicht?«
Verwirrt sah sie ihn an.
»Wenn du glaubst, dass Timo wirklich tot ist. Wieso weinst du nicht?«
»Keine Ahnung.«
»Hast du um deinen Vater geweint?«
Sie schüttelte den Kopf. Sein Blick durchbohrte sie.
»Du bist anders als die Mädchen, die ich kenne.« Er schaute erneut nach draußen. »Du weißt also wirklich nicht, wo wir sind.«
Das war keine Frage mehr. »Ich weiß nur, dass Timo weg ist. Und ich weiß, dass ich ihn schon einmal verloren habe. Ich kenne dieses Gefühl. Dass nichts mehr einen Sinn ergibt.«
»Okay. Was wissen wir also?«
»Was meinst du?«
»Wir hatten einen Unfall. Die Flasche hat sich geöffnet, und wir sind an einem Strand gelandet.«
»Mitten in einem Krieg.«
»Du öffnest die Flasche noch einmal, und wir landen hier. Bei diesen Wesen.«
»Frauen. Es sind Frauen. Hast du gesehen, dass sie mit ihrem Gesang Früchte zum Wachsen bringen?«
»Ja. Das war ziemlich abgefahren.« Ein kurzes Lächeln. Dann wurde er wieder ernst. »Bei uns zu Hause kann im Moment niemand sterben. Aber diese Riesen, die sind gestorben.«
Genau wie Timo, dachte Lara. Aussprechen konnte sie es nicht.
»Also, was bedeutet das?«, fragte er ruhig.
»Keine Ahnung.« Sie sah ihn an, und mit einem Mal wirkte er sehr aufgeregt.
»Da!« Er zog Lara an der Hand zu sich und deutete hinaus. Dabei legte er den Arm um sie. »Siehst du?« Seine Stimme zitterte vor Ehrfurcht.
»Was?«
Er zog sie noch dichter an sich heran. »Die Sonne. «
Sie blickte auf das Stück Himmel, das sie zwischen den Bäumen hindurch erkennen konnte. Von der rechten Seite her schob sich die Sonne ins Bild. »Ja. Die Sonne. Und jetzt?«
»Als wir hergeflogen sind, ist sie untergegangen.«
Lara zuckte mit den Schultern. Sie hatte nicht darauf geachtet. »Und?«
»Begreifst du nicht? Diese Welt hat zwei Sonnen. Wenn die eine untergeht, geht die andere auf. Es gibt keine Nacht.«
Sie versuchte noch, das Gesagte zu verarbeiten, als sich der Boden unter ihnen bewegte. Isabel stöhnte und klammerte sich an das Wurzelgeflecht. Der Untergrund vibrierte in immer kürzeren Abständen. Marc ließ Lara nicht los, während Susi vor dem Gitter winselte und aufgeregt auf und ab sprang.
Lara spürte einen Sog. Unter ihr tat sich der Boden auf. Schon glaubte sie, dass sie genau wie Timo verschluckt werden würde. Dass es nun vorbei war. Stattdessen zog eine Kraft an ihren Schuhen. Ein so mächtiger Sog, der ihr schließlich die Schuhe auszog. Mit einem Schmatzer verschluckte der Boden sie. Lara klammerte sich verdutzt an Marc fest, aber der Sog ließ nicht nach. Wie von Geisterhand glitt ihr die Hose an den Beinen hinab. Sie versuchte, ihre Kleidung festzuhalten. Vergeblich. Was ging hier vor? 
»Stopp!«, rief sie, während die Kraft weiter an ihr zerrte und nun auch noch an ihrem Shirt zog. Es war wie der Kampf mit einer Person, die sie nicht sehen konnte. Ein Kampf, den sie verlor. Die Hose hing ihr an den Knöcheln, genau wie ihr Slip. Das Shirt zog sich über ihren Kopf und glitt an ihr herunter, als sie die Hose wieder hochziehen wollte. Der Boden bebte noch mehr. Lara schrie auf und verlor das Gleichgewicht. Noch ehe sie sich am Boden wiederfand, riss der Sog ihr die letzten Klamotten vom Leib. Das Beben hörte auf. Sie lag am Boden. Nackt.
Langsam richtete sie sich auf. Der Sturz hatte ihr die Hände aufgescheuert. Sie bluteten leicht. Ihr Blick wanderte zu Marc und Isabel, die genau wie sie nackt waren und verblüfft an sich heruntersahen.
Während Isabel sich augenblicklich in ihre Schockstarre zurückbegab und schützend die Knie anwinkelte, trafen sich Marcs und Laras Blicke.
»Damit habe ich nicht gerechnet.« Er konnte ein Grinsen nicht verbergen und musterte sie unverhohlen.
Schnell hockte sich Lara in eine Ecke und zog ebenfalls die Knie an. Was sollte das? Warum zog man sie aus?
»Vielleicht mögen sie hier keine Klamotten. Du hast ja gesehen, die sind alle nackt.«
Ihre Gefühle tobten. Sie fühlte sich ausgeliefert wie noch nie. Machtlos. Sie war noch nie nackt vor einem Jungen gewesen. Und dann auch noch in einer solchen Situation.
»Gebt mir meine Klamotten zurück!«, schrie sie außer sich.
Keine Antwort.
Sie zog die Knie noch enger an sich heran. Versuchte, ihre Brust zu bedecken.
Marc schien ihr Unwohlsein zu bemerken. »Keine Angst, Goldi. Ich guck dir schon nichts ab. «
Sie sah zu ihm. Tatsächlich bemühte er sich, in eine andere Richtung zu sehen. Weshalb sie sich ein kleines bisschen entspannen konnte. Im Gegensatz zu ihr schien er absolut nicht das Bedürfnis zu haben, sich zu verstecken.
Sie registrierte seinen durchtrainierten Körper. Als ihr Blick zu seinem Gesicht wanderte, erkannte sie ertappt, dass er sie doch wieder beobachtete. Mit einem amüsierten Grinsen. Das Blut schoss ihr in die Wangen. Sie sah zur Seite.
Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sich endlich zwei Frauen näherten. Sie blieben in einem sicheren Abstand stehen und sahen zu ihnen hinüber. Lara hörte ein Schnalzen, mit dem die beiden sich offenbar unterhielten.
»Hey! Was habt ihr mit ihm gemacht?«
Die Frauen zuckten zusammen.
Lara wäre am liebsten aufgesprungen. Aber sie drückte die Knie immer noch fest an die Brust. »Bringt ihn zurück! Und meine Kleidung will ich auch wieder. Außerdem sind wir hier am Verdursten!«
Die Frauen sahen sie erschrocken an und eilten davon.
Marc klatschte in die Hände. »Gut gemacht, Goldi. Jag sie alle davon.«
Sie war so verzweifelt und wütend, dass sie für einen Moment ihre Nacktheit vergaß und zum Gitter rannte. Frustriert sah sie den beiden nach und umfasste nun eine Wurzel. Augenblicklich veränderte sich im schnellen Wechsel die Farbe, aber mittlerweile war ihr das egal. Wütend riss sie an der Wurzel.
»Lass es.«
»Ich will hier raus!« Sie riss weiter, und es gelang ihr tatsächlich, ein Stück auseinanderzureißen. Triumphierend sah sie Marc an. »Los! Wenn das Loch groß genug ist, kommen wir hier raus.«
Sie bemerkte noch, dass Marc sie von oben bis unten musterte, bevor alles um sie herum bebte. Sie wurde auf den Boden geworfen. Direkt neben Marc. Das Beben hielt einige Sekunden lang an. Dann ebbte es langsam ab. Die entzweigerissene Wurzel wand sich kurz in der Luft, dann wuchsen die Enden zusammen und verschlossen sich. Lara schrie vor Wut.
»Goldi, ruhig bleiben.«
Sie sah ihn an. »Wie kannst du so ruhig bleiben?«, rief sie. »Sie sperren uns ein. Ziehen uns aus!« Lara hatte das Gefühl, gleich loszuheulen, und zog die Beine schnell wieder an den Brustkorb.
»Du kannst nicht immer alles kontrollieren. Manchmal muss man einfach abwarten.« Er drehte ihr den Rücken zu. »Stell dir einfach vor, wir sind in einer Sauna. Da sind auch alle nackt.«
»Ich hasse die Sauna.«
»Du brauchst dich wirklich nicht zu verstecken.«
Sie wurde rot. Doch das konnte er zum Glück nicht sehen. Sonst hätte er bestimmt wieder die Story vom großen Attraktor zum Besten gegeben.
So saßen sie eine Weile schweigend zusammen. Isabel hatte die Augen geschlossen und schien meilenweit weg zu sein. Nichts deutete darauf hin, dass sie das Gespräch gehört hatte. Lara beneidete sie um diese Gabe. Sie wünschte sich selbst weg von hier. Weit weg von dieser seltsamen Welt, von dem nackten Marc und hin zu Timo, den sie vermutlich nie wieder sehen würde.
Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als das Beben erneut einsetzte. Lara machte schon gar keine Anstalten mehr, sich irgendwo festzuhalten. Sollte diese Welt sie doch verschlucken. Es war ihr egal. Wegnehmen konnte sie ihr nichts mehr.
Doch als der Boden sich nun auftat, brachte er etwas hervor. Ein Körper schob sich durch die Öffnung und blieb in ihrer Mitte liegen. Lara starrte ihn an. Ungläubig. Ihr Herz klopfte schneller. Vor ihr auf dem Boden, nackt und unversehrt, lag Timo.
Sie vergaß ihre eigene Nacktheit, stammelte seinen Namen und beugte sich über ihn. Die Wunde war verschlossen. Kein Blut war mehr zu sehen. Sie nahm seine Hand, lauschte seinem Atem. Sie spürte seinen Herzschlag.
»Er lebt!«
Marc hatte sich umgedreht. Sogar Isabel sah zu ihnen herüber.
Laras Hände berührten sein Gesicht. »Timo! Kannst du mich hören?«
Langsam öffnete er die Augen. »Lara?« Seine Hände umfassten ihre. Verwirrt sah er sich um.
»Oh Gott!« Tränen der Erleichterung flossen ihr übers Gesicht. Sie spürte kaum das erneute Beben des Bodens, als dieser noch etwas ausspuckte. Auf einem Haufen fand sich all ihre Kleidung wieder. Und daneben alles, was sie in den Taschen getragen hatten.
Wie ein Friedensangebot.
»Ich war also tot?«, fragte Timo, während er sich seine Shorts überzog. Er war völlig fit. Seine Wunde verheilt.
Während Lara sich selbst eilig Hose und Shirt überstreifte, ertappte sie sich dabei, Timo zu beobachten. Ihr Herz pochte wie wild, während sie seinen nackten Oberkörper betrachtete. Sie wollte gar nicht wissen, wie rot ihr Gesicht mittlerweile war. Sie fand ihn so unfassbar schön und hatte das Bedürfnis, ihn zu berühren. Was angesichts ihrer Situation völlig absurd war. Ein Blick in Marcs grinsendes Gesicht, der sich mit dem Anziehen verdächtig viel Zeit ließ, brachte sie dazu, ihren Blick abzuwenden.
»Du hast geblutet«, berichtete sie. »Ich konnte nichts tun. Und dann hat die Erde dich einfach verschluckt.«
Timos Hand wanderte zu einem MP3-Player, der auf dem Boden lag. Er hatte ein großes Muttermal an seinem rechten Oberschenkel in Form eines Herzens. Fast schon kitschig.
Lara versuchte, sich zu konzentrieren. Hoffentlich hatte er sich bald angezogen! Wie musste es sein, in einer Welt zu leben, in der niemand Kleidung trug? War es befreiend? Oder brachte es noch mehr durcheinander? Wenn sie sich vorstellte, die ganze Zeit neben einem nackten Timo zu verweilen, konnte sie sich nicht vorstellen, noch irgendetwas auf die Reihe zu kriegen. Sie könnte sich auf nichts mehr konzentrieren als auf ihn .
Lara dachte an die seltsamen Wesen, deren Haut ein reines Farbspiel war. Die Abfolge ihrer Farben schien ihren Gemütszustand zu verraten. Sie waren nicht in der Lage, sich hinter ihrer Kleidung zu verstecken. Sie waren wie ein offenes Buch. Ohne Geheimnisse. Ohne Tarnung. Ayse hatte oft davon gesprochen, dass sie den Charakter eines Menschen an seinen Schuhen ablesen konnte. Angeblich könnte sie niemals einen Jungen daten, der Lackschuhe trug. Lara hatte darüber nur gelacht und erwidert, dass man anhand von Klamotten zwar viel über den Geschmack eines Menschen, aber ihrer Meinung nach wenig über seinen Charakter sagen konnte.
Im Moment war sie einfach nur dankbar, wieder etwas anziehen zu können. Sie hätte sich auch mit Freude einen Kartoffelsack übergestülpt.
Als sie die Schuhe anzog, wurde ihr bewusst, dass Timo ihr im Vergleich zu Marc keinen neugierigen Blick zugeworfen hatte. Darüber war sie fast ein bisschen enttäuscht. Doch sie hatte Timo wieder, das war das Wichtigste.
»Kannst du dich an irgendwas erinnern?«, hakte Marc jetzt nach, der sich auch endlich angezogen hatte.
Timo schwieg einen Moment. Dann schüttelte er den Kopf. »Nichts. Nur Dunkelheit.«
»Das ist ja mal ganz was Neues«, konterte Marc gereizt. »Ist euer Gehirn eigentlich zu irgendwas nutze?«
»Ich habe geglaubt, ich hätte dich verloren«, flüsterte Lara. »Und ich hab mich daran erinnert, dass das schon einmal passiert ist.«
Timo musterte sie .
»Was ist das?« Marc hatte sich fertig angezogen und hob einen Zettel auf.
Es war das weiße Papier, das der alte Mann ihr gegeben hatte. Es kam ihr vor, als wäre das vor vielen Jahren passiert. »Da ist nichts drauf.«
Er faltete den Zettel auseinander und stutzte. »Warum schleppst du das Teil dann mit dir rum?«
»Ich hatte es vergessen.«
Er schien etwas sagen zu wollen, doch Timo setzte sich neben Isabel und sagte: »Isa? Kannst du mich hören?«
Sie reagierte nicht. Lara sammelte schnell ihre Kleidung zusammen und half ihr, sich anzuziehen.
»Wie lange sitzt sie schon so da?«
»Seit wir hier sind.«
»Und das ist wie lange?« Er sah ungeduldig zu Marc, während er wie selbstverständlich dabei half, Isabel anzukleiden. Seine Hände berührten ihren Körper, als würden sie ihn gut kennen.
»Weiß ich nicht. Hier gibt es keine Nacht.«
Timo wurde wütend. »Was redest du da?«
»Erklär ich dir später.«
»Hast du versucht, sie zurückzuholen?«
»Sie kommt doch von selbst wieder.«
Ein böser Blick zwischen den Jungs.
Lara knöpfte Isabels Bluse zu, während Timo sich kurz zu ihr beugte.
»Wie lange wart ihr hier denn nackt zusammen?«, fragte er leise.
Lara konnte im Augenwinkel erkennen, wie ein Lächeln über Marcs Gesicht glitt. Wenigstens er hatte seinen Spaß.
»Nicht lange«, erklärte sie knapp.
»Was machen wir jetzt?«
Timo setzte sich neben Isabel und legte den Arm um sie. Er zog sie fest an sich, und zum ersten Mal reagierte sie auf etwas. Ihre Hände umfassten seine Hüften, und sie schmiegte sich schutzsuchend an ihn.
Lara setzte sich in eine Ecke. Ihr Blick wanderte immer wieder zu den beiden. Timo war ganz auf Isabel konzentriert. Er sah sie bei der nächsten Frage nicht einmal an.
»Wo ist die Flasche?«
»Die haben wir liegen lassen.«
Anspannung erfasste seinen Körper. »Du hast sie benutzt.«
»Eine Harpune ist auf dich geflogen. Ich wollte dich retten!«
»Das war ein Fehler.«
Lara wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Wie konnte er ihr Vorwürfe machen? Sollte sie sich dafür entschuldigen, dass sie ihn gerettet hatte?
Als eine Frau auf den Käfig zukam, sprang Lara auf.
»Höflich bleiben, Goldi. Vergraul sie nicht gleich wieder.« Marc erhob sich und setzte ein Lächeln auf, während die Frau langsam an das Gitter trat.
Timo starrte sie mit offenem Mund an. Natürlich. Er hatte ja noch keine dieser Gestalten gesehen. Sie war größer als die anderen und trug eine dieser seltsamen Früchte in den Händen. Susi kroch in geduckter Haltung auf sie zu.
»Sie macht nichts«, betonte Marc schnell .
»Ich weiß«, antwortete die Frau. »Sonst hätte sie sie auch eingesperrt.«
Lara starrte sie verblüfft an. »Sie verstehen uns?« Sie eilte vor zum Gitter.
Mit ihren wunderschönen, großen Augen sah die Frau sie an. »Ich habe gewartet, was sie mit euch macht. Aber ihr habt eure Haut wiederbekommen. Also darf ich euch etwas zu essen anbieten.« Sie reichte die Frucht durch das Gitter, die wie eine Wassermelone aussah. Nur lila.
Lara ignorierte das Grummeln im Bauch und das Brennen in der Kehle. »Was meinen Sie mit: Was sie mit uns macht. Wer ist sie
Die Frau schwieg einen Moment verwundert. »Na, die Kraft, auf der wir leben. Wir singen, sie gibt.«
»Wo sind wir?«, fragte Marc dazwischen.
Die Frau musterte ihn. »Wer von euch ist es?«, stellte sie die Gegenfrage.
Lara schaute die anderen verwirrt an. Timo war immer noch ganz in die Erscheinung der Frau vertieft. »Wer von uns ist was?«
»Wer von euch hat die Karte?«
Bei diesem Wort zuckte Marc zusammen. Aber er antwortete nicht.
»Wir haben keine Karte.«
Jetzt wich die Frau zurück und blickte auf ihre Hand. Da war es wieder! Das Auge. Das Lara bereits bei dem Riesen gesehen hatte, der sie hatte umbringen wollen. Und bei Mila! Genau wie Mila blickte die Frau jetzt konzentriert darauf.
»Dieses Auge. Das kenne ich. Meine Cousine hat es auch. «
Die Frau starrte sie an. »Und wo ist deine … Cousine?«
Sie zögerte.
»Warum bist du hier? Aber nicht sie? Sie ist die Einzige, die herkommen darf! Die anderen dürfen von uns nichts wissen. Noch nicht.«
Der Tonfall hatte sich geändert. Die Frau schien richtig wütend zu sein.
»Wir sind nicht freiwillig hier«, mischte sich Marc ein. »Und wir wollen wieder weg. Können Sie uns helfen?«
»Niemand darf die Sieben bereisen. Außer den Weltenhütern.«
Schweigen.
»Wie seid ihr also hergekommen?«
»Mit der Flasche«, gab Lara zögernd zu. »Sie liegt noch da, wo wir gelandet sind.«
Timo stand nun auf und trat ebenfalls ans Gitter. »Wenn Sie die Flasche finden, müssen Sie sie mir bringen. Nur mir. Niemandem sonst!«
Die Frau musterte ihn kühl. Susi trottete zu ihr und stupste sie mit der Nase an.
»Bitte. Ich muss sie ihrem Besitzer zurückgeben.«
»Wer ist der Besitzer?« Sie streichelte Susis Kopf.
»Ich weiß es nicht.«
»Du bist also hier, weil du jemandem eine Flasche wiedergeben willst. Weißt aber nicht, wer dieser Jemand ist?«
Er nickte.
»Du kommst hier nicht raus«, stellte die Frau fest. »Und ohne Karte kommt ihr nicht weiter. Wie willst du das also anstellen? «
Timo sah sie verwirrt an. »Nun, wenn Sie uns rauslassen und uns den Weg zeigen.«
»Ich kann euch nicht rauslassen. Sie entscheidet. Solange die Wurzeln euren Käfig bilden, bleibt ihr hier.«
»Und wenn sie uns nie rauslässt?«
Die Frau schwieg einen Moment. »Ihr bringt die Ordnung durcheinander. Deshalb hält sie euch hier gefangen. Dann sei es so.« Sie schnalzte einmal und ging.
»Halt! Nicht gehen!«, rief Lara verzweifelt. »Wir wollen gar nichts durcheinanderbringen. Wir wissen ja nicht einmal, wo wir sind!«
»Auf diese Weise bringen die meisten etwas durcheinander. Oder nicht?«
»Sie hat mich wieder gesund gemacht«, rief Timo. »Dann will sie doch bestimmt auch, dass wir wieder nach Hause kommen?«
Keines dieser Argumente schien die Frau zu überzeugen. Schon war sie um die Ecke verschwunden.
Lara starrte ihr noch hinterher, als sie eine Stimme hörte, die sich schon lange nicht mehr bemerkbar gemacht hatte.
»Die lassen uns hier sterben.« Isabel war aufgewacht.