Welt Drei
Pflanzen
Die Flasche landete neben ihr auf dem Boden. Im ersten Moment glaubte Lara, dass sie immer noch im Käfig saßen. Doch das, was um sie herum in den Himmel wuchs, waren keine Wurzeln, sondern Grashalme. Verzweifelt sah sie nach oben und konnte gerade noch ein bisschen Himmel ausmachen.
Verdammt! Sie war zu spät gewesen!
Schnell rappelte sie sich auf und suchte den kleinen Korken.
»Goldi?«
Da lag er. Direkt neben ihr auf der Erde. Als sie ihn eilig in den Flaschenhals steckte und die Flasche in ihre Hosentasche schob, trat Marc neben sie.
»Sorry. Du warst einfach zu langsam«, grinste er frech.
Ihre Hand sauste wie von selbst in sein Gesicht. Sie hatte noch nie jemandem eine Ohrfeige verpasst. Aber diese fühlte sich verdammt gut an.
»Du bist so ein Idiot!«
Ihm schien der Schlag nichts auszumachen. »Wir sind raus aus dem Käfig. Was willst du noch?«
Sie verstand immer mehr, warum Marc andere auf die Palme brachte. Aber vermutlich würde ihm das Grinsen schon noch vergehen, wenn erst einmal Timo bei ihnen war.
Sie sah sich um. »Wo sind die anderen?«
Um sie herum war nur dichtes Blattwerk. Riesige grüne Halme stachen in den Himmel, die sich nur schwer zur Seite schieben ließ
en.
»Timo?« Keine Antwort. Ein leichter Windstoß brachte die Halme zum Rauschen. »Isabel?« Sie schob ein paar Halme zur Seite und ging einige Schritte, was sich aufgrund des dichten Wuchses als schwierig herausstellte. »Timo? Wo seid ihr?«
»Susi?« Auch Marc machte sich nun auf die Suche. Doch sie erhielten keine Antwort.
»Wo sind sie?«
Ein zunehmend unangenehmes Gefühl machte sich in Lara breit. War es möglich, dass sie allein hergekommen waren? Nein! Das durfte nicht sein!
»Susi! Hierher!« Auch in Marcs Stimme lag nun ein angespannter Unterton. Nervös lief er immer schneller vor ihr her und bahnte sich einen Weg durch das dichte Grün.
Sie riefen vergeblich und erhielten keine Antwort. Der Boden war so dicht bewachsen, dass Lara über Wurzeln und Bodendecker springen musste, weshalb sie nur langsam vorankam. Sie hatte zwar nicht gerade einen grünen Daumen, aber ihr fiel auf, dass sie keine der Pflanzen jemals gesehen hatte. Es war angenehm warm und roch so klar und frisch, dass sie sich allein durch das Atmen gestärkt fühlte. Auch wenn sie immer noch Durst verspürte.
Irgendwann wurde das Blattwerk dünner, und sie konnte das Ende des Pflanzenwaldes erkennen. Lara trat hinaus. Vor ihr erstreckte sich eine Ebene, von der sie regelrecht geblendet wurde. Eine Ansammlung aller Farben, die sie sich vorstellen konnte. Erst nach genauem Hinsehen erkannte sie, dass die komplette Ebene mit Blumen übersät war. Der Anblick
verschlug ihr für einen Moment die Sprache. Sie bekam eine Gänsehaut. Wieder hätte sie geschworen, keine der Blumen schon einmal gesehen zu haben. Die Sorge um die anderen trübte jedoch den Anblick. Von Timo und Isabel gab es keine Spur.
Marc war vorgelaufen und kam nun außer Atem zu ihr zurück. Panik im Gesicht. »Wo ist sie?«
Lara stutzte. Interessierte ihn Isabels Schicksal nun etwa doch? Er lief im Kreis und suchte mit dem Blick konzentriert die Umgebung ab.
Während Lara weiter nach den anderen rief, traf sie die Erkenntnis wie ein Blitz. Erschöpft ließ sie sich auf den Boden fallen. »Sie sind nicht mitgekommen.«
Er starrte sie an. »Was meinst du? Wir sind doch die ganze Zeit zusammen gewesen.«
»Wir haben uns berührt. Jedes Mal, wenn die Flasche geöffnet wurde. Im Auto. Am Strand. Aber diesmal …«
»… haben nur wir uns berührt«, beendete Marc ihren Satz. Er war kreidebleich geworden.
Auch ihr wurde schlecht.
»Das kann nicht sein!«, rief er verzweifelt. »Sie kann nicht ohne mich sein. Sie ist noch nie allein gewesen!«
»Isabel? Warum, sie …«
»Nicht Isabel! Susi!«
Sie konnte es nicht fassen. »Du machst dir mehr Sorgen um deinen Hund als um Isabel und Timo?«
»Du verstehst das nicht.« Er rannte ins Dickicht zurück. »Susi!«
Lara beeilte sich, ihm zu folgen. Sie durften sich nicht auch noch verlieren. Aber er war schnell. »Marc! Warte!«
Er dachte nicht daran
.
»Marc?« Blätter schlugen ihr ins Gesicht und kratzten ihr die Haut an den nackten Armen auf. Lara stolperte und fiel hin. Rappelte sich wieder auf und rannte blindlings in irgendeine Richtung. Was, wenn sie ihn jetzt auch noch verloren hatte? Ayse und Cem – verschwunden. Ihr Vater und ihr Patenonkel – tot. Timo – getrennt von ihr. Sie war gestrandet. Erneut in einer bizarren Welt, die sie nicht einordnen konnte. Mit diesem egoistischen Idioten, der sich nahm, was er wollte. Ohne auf die Konsequenzen zu achten. So sehr sie ihn gerade dafür hasste – die Vorstellung, allein zu sein, war noch schlimmer.
Als sie schon glaubte, ihn endgültig verloren zu haben, rannte sie plötzlich in ihn hinein. Er war auf einer Lichtung stehen geblieben.
Sie schlug ihm gegen die Brust. »Warum haust du ab?«
Er ließ sie gewähren.
»Das ist alles deine Schuld! Du hast die Flasche benutzt! Deinetwegen sind wir hier. Ohne sie!«
Er nahm den Schlag in Kauf, und erschrocken über sich selbst atmete Lara heftig durch. Gefühlsausbrüche dieser Art waren ihr fremd.
Sacht nahm er ihre Hand und sah ihr in die Augen. »Es tut mir leid. Wenn ich gewusst hätte, dass wir getrennt werden, hätte ich es nicht getan.«
Sie glaubte ihm. Auch wenn er damit gedroht hatte, allein zu gehen, er wäre nicht ohne Susi gegangen. Sie konnte sehen, dass er geweint hatte.
»Was ist, wenn wir nicht zurück können?«, fragte sie. »Und wenn sie nicht weiter kö
nnen? Wenn diese Frau sie wirklich umbringt?« Ihr Herz schlug wie verrückt. Ob aus Erschöpfung oder Sorge, war schwer zu sagen.
»Ich muss dich nicht erst fragen, ob wir die Flasche noch einmal öffnen?«
»Denk nicht mal dran!«, gab sie zurück. »Timo hatte recht. Dieses glitzernde Zeug bringt uns woanders hin. Aber niemals zurück.«
Er zog etwas aus der Tasche. Den Zettel, den der alte Mann ihr bei der Beerdigung ihres Vaters gegeben hatte. »Dann hilft uns das vielleicht weiter.«
»Da steht nichts drauf. Habe ich dir doch gesagt.«
»Sieh selbst.«
Mit zittrigen Händen faltete sie den Zettel auseinander und staunte. Der Zettel war nicht mehr leer. Eine Karte war auf ihn gezeichnet. Sie erkannte Hügel, Wälder und einen See. Darüber in altmodischer Schrift die Worte: Magische Orte
.
»Vorhin war eine andere Gegend eingezeichnet. Die Welt der singenden Frauen. Jetzt ist diese Gegend hier verzeichnet. Die Karte passt sich der Umgebung an.«
Sie staunte. Wie war so etwas möglich?
»Was hat der alte Mann zu dir gesagt, als er dir das gegeben hat?«
Lara versuchte, sich zu erinnern. Das alles kam ihr schon so weit weg vor. »Er meinte, dass es mir den Weg weist. Es wichtig ist und ich es nicht verlieren darf. Und dass«, sie bekam eine Gänsehaut, »wir es wieder in Ordnung bringen müssen.«
»In Ordnung bringen? Das hat er gesagt?«
Sie nickte
.
»Und alle beschweren sich, dass wir die Ordnung durcheinanderbringen.«
»Er hat gewusst, dass wir diese Reise machen.«
»Sieht so aus.«
»Aber warum? Ich dachte, der spinnt einfach nur. Dann dachte ich, dass ich spinne. Weil Jo ihn nicht sehen konnte. Nur ich konnte ihn sehen. Und Mila.«
»Weißt du, wie man das Teil benutzt?«
»Keine Ahnung. Ich mache diese Reise schließlich zum ersten Mal.«
»Das denkst du vielleicht, Goldi. Ich habe da eine andere Theorie.«
»Ach ja? Und die wäre?«
»Ihr wart schon einmal hier. Timo hat irgendjemandem seine Zauberflasche weggenommen. Jetzt machen wir die Reise noch einmal. Irgendwann treffen wir den, dem die Flasche gehört. Wenn du dich endlich mal an irgendwas erinnern würdest, wären wir schon viel weiter.«
»Wenn du nicht so verdammt egoistisch wärst, wären wir nicht getrennt. Außerdem, du hast doch schon vorhin kapiert, was das für eine Karte ist! Warum hast du nichts gesagt? Vielleicht hätten wir doch zusammen weglaufen können! Du musst immer deinen eigenen Film fahren!«
»Damit bin ich bis jetzt ganz gut klargekommen.«
»Ja. Aber allein!«
Er zuckte stur mit den Schultern. »Na und? Mir geht es gut damit.«
»Es geht dir gut? Das ist doch ein Witz. Dir geht es nur gut, wenn du andere ärgern oder bloß
stellen kannst. Warum sonst stichelst du die ganze Zeit? Flirtest mit mir, obwohl deine Freundin danebensteht. Was soll das alles?« Sie sah ihn wütend an, als er sie mit einem Mal an sich zog und küsste. Fassungslos schob sie ihn von sich. »Geht es noch?« Schon wieder sauste ihre Hand in sein Gesicht.
Er musterte sie neugierig. »Hast du dich an was erinnert?«
»Du küsst mich? Hier und jetzt? Damit ich mich erinnere?«
Er grinste. Völlig unbeeindruckt von ihrer Wut. »Hast du, oder hast du nicht?«
»Nein. Habe ich nicht. Weil ich mich nämlich nur erinnere, wenn ich dabei auch etwas fühle. Aber von Gefühlen hast du ja keine Ahnung!«
Er sah sie einen Moment lang schweigend an. Dann blickte er auf die Karte. »Hier ist ein Kreuz. Vielleicht gehen wir da mal hin?«
Sie riss ihm die Karte aus der Hand.
»Vorsicht, Goldi. Nicht kaputtmachen. Du hast den alten Mann gehört.«
»Wenn du mich noch einmal Goldi nennst, fängst du dir noch eine.«
»Vielleicht gefällt mir das ja?«
Er hatte seine Sorge wegen Susi jedenfalls schnell wieder vergessen. Sie blickte auf die Karte. Tatsächlich war da ein Kreuz zu sehen. Auf einem eingezeichneten Hügel.
»Magischer Ort
. Klingt doch ganz vielversprechend?«
Sie nickte angestrengt. Außerdem war alles besser, als hier rumzustehen. Was, wenn sie hier gestrandet
waren? Und sie Timo und Ayse nie wiedersehen würde?
Marc schien ihr die Sorgen anzusehen. »Wir finden sie. Ich verspreche es dir.«
Obwohl sie wusste, dass er dieses Versprechen nicht geben konnte, beruhigte es sie. Doch bevor sie weitergingen, musste sie noch etwas erledigen. »Warte hier. Ich bin in fünf Minuten wieder da.«
Sie verschwand im dichten Gras.