Mila und die Tiere
Mila erreichte die Schwarzwaldhochstraße. Endlich! Der Fußweg vom Breitenbrunnen zum Mummelsee wurde am Ende ganz schön steil, nachdem er sich eine halbe Ewigkeit durch den Wald gezogen hatte.
Die Babyziege war die ganze Zeit brav neben ihr gelaufen. Einer der Vorteile als Weltenhüter war, dass man mit allen lebendigen Wesen kommunizieren konnte. So hatte sie dem Tier eingeredet, am Ende ihrer Wanderung mit einer leckeren Überraschung aufzuwarten.
Natürlich verlief die Kommunikation mit diesen Tieren nicht so wie mit Styx. Sie konnte nicht
wirklich
mit ihnen reden. Aber wenn sie sich einen Haufen frischer Gräser vorstellte, dann sah das Tier genau dieses Bild vor Augen und folgte ihr bereitwillig überallhin.
Mila packte die Ziege am Genick, bevor sie das Tier langsam über die Schwarzwaldhochstraße führte. Normalerweise fuhren hier viele Autos. Und sie fuhren schnell. Aber mittlerweile waren die Wandelnden und die für die Menschen unsichtbaren und chaotischen Seelenkugeln ein so großes Problem geworden, dass die Leute anderes zu tun hatten, als sich den schönen Schwarzwald anzuschauen. Sie suchten die Nähe zueinander. Wie immer in unsicheren Zeiten, die Veränderungen mit sich brachten.
Mila erreichte den See. Karin hatte ihre Suche längst an anderer Stelle fortgesetzt. Mila hatte durch Zwitscher gesehen, dass Jo die Apotheke geschlossen hatte, um sich an der Suche zu beteiligen. Das würde
am Abend noch eine Auseinandersetzung nach sich ziehen. Ein Opfer, das Mila in Kauf nahm, denn nun sah sie das ganze Ausmaß der Katastrophe. Etliche Seelen tummelten sich über dem dunklen Wasser des Sees, alles ehemalige Bewohner des Altersheims, deren Leiber verbrannt waren. Sie sausten umher und versuchten, durch das Wasser zum magischen Ort
zu gelangen, den sie instinktiv dort witterten. Hätte das Wasser kein unüberwindbares Hindernis für sie dargestellt, hätten sie vielleicht sogar schon den Durchgang erreicht. Zum Glück war der Mummelsee nur der Ausgang. Der Eingang und somit Zutritt zur nächsten Welt lag an einem anderen Ort, den die Seelen offenbar noch nicht entdeckt hatten. Nicht auszudenken, was dann los gewesen wäre. Die Seelen wären lustig durch die anderen Welten geflogen. Niemals hätte Mila sie wieder einfangen können. Man hätte ihr das als Weltenhüterin nie verziehen.
Alles kam jetzt darauf an, dass ihr Plan funktionierte. Sie pfiff einmal kräftig, wie ihr Vater es ihr beigebracht hatte. Augenblicklich verharrten alle Seelen regungslos in der Luft.
»Hier. Ich habe euch was zum Spielen mitgebracht!«
Die Ziege neben ihr tänzelte und meckerte nervös. Als würde sie spüren, was ihr bevorstand. Die Seelen näherten sich. Erst langsam. Dann preschte eine neugierig nach vorn und erwischte mit ihrer vollen Breitseite den Hintern der Ziege. Diese sprang meckernd zur Seite. Genau die Reaktion, die Mila brauchte. Die Seele schoss einmal in die Höhe, um dann wieder genau neben der Ziege die Erde aufzuwirbeln. Die
anderen Seelen hatten mittlerweile begriffen, was für ein herrliches Spielzeug Mila ihnen da mitgebracht hatte.
»Wo sie herkommt, gibt es noch viel mehr«, versprach Mila. »Folgt mir.« Sie ging mit der meckernden Ziege Richtung Parkplatz und versicherte sich mit einem Blick zurück, dass alle Seelen ihr folgten.
Mila stand am Zaun des Streichelzoos und betrachtete zufrieden das Chaos. Die Ziegen sprangen wild durcheinander, verfolgt von den faszinierten Seelen. Hier würden sie eine ganze Weile ausharren. Vielleicht lange genug, bis Lara und Timo das Problem gelöst hatten.
»Hier bist du!«
Sie drehte sich um.
Karin rannte auf sie zu, packte sie an den Schultern und schüttelte sie. »Was ist eigentlich los mit dir?« Ihre Hand sauste in Milas Gesicht.
Sie ertrug die Ohrfeige tapfer. Ihre Mutter war außer sich vor Sorge. Ihre Haut schimmerte bleich. Die Augen waren gerötet.
»Tut mir leid, Mama.«
Karin ließ sich einfach auf dem Boden nieder. Etwas in ihr schien aufzugeben. Zögernd setzte sich Mila neben sie. Die Ziegen sprangen meckernd herum.
Ihre Mutter betrachtete sie eingehend. »Du weißt, was hier passiert. Oder?«
Mila schwieg. Sie durfte die Wahrheit nicht sagen. Aber lügen wollte sie auch nicht.
Seufzend legte Karin den Arm um Mila und zog sie an sich heran. »Kannst du mir versprechen, dass dir
nichts passiert? Und dass du mir irgendwann alles erklärst?«
»Ich kann dir versprechen, dass mir nichts passiert.«
»Und Lara und Timo?«
Mila schwieg erneut.
Ihre Mutter ertrug diese Antwort gefasst und stand auf. »Tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe.«
»Schon vergessen.«
»Komm. Papa wollte noch ein paar meiner Kräuter holen und sie zu Gustav ins Hotel bringen. Er hat die Apotheke bis auf Weiteres geschlossen. Wir treffen ihn dort.«