Keine Angst mehr
Isabel folgte Luxus durch den dichten Dschungel. Susi lief dicht neben ihr. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie es gewesen war, als ihre Eltern und Babsi gestorben waren. Der Boden unter ihren Füßen war einfach weg gewesen. Als würde sie auf Luft gehen, so hatte es sich angefühlt. Dann war er da gewesen. Mit einer Tasse Kakao und seinem Lieblingsbuch, das er ihr dann jeden Tag vorgelesen hatte, bis Isabel den Text auswendig kannte.
Sie hatte sich damals schon in Timo verliebt. Nicht auf dieselbe Art, wie Lara ihn liebte. Mehr wie einen Bruder. Sie hatte sich geschworen, ihn nie loszulassen.
Jetzt wollte er sich umbringen. Er würde es tun, um den anderen Menschen das Sterben zu ermöglichen. Sein Leben lang hatte er versucht, anderen zu helfen.
Das Leben ließ sich nicht einsperren. Es wollte fließen, entdecken, sich neu erfinden. Jeden Tag, jede Sekunde. Sie hatte alles festgehalten. So fest, dass es wehgetan hatte.
Isabel war glücklich gewesen, als sie schwanger geworden war. Aber sie hatte dabei nur an Marc gedacht und kaum an das Baby. Ständig hatte sie das Gefühl gehabt, dass es deshalb nicht hatte bei ihr bleiben wollen. Als wäre die Fehlgeburt ihre eigene Schuld gewesen.
Jetzt hatte sie mit eigenen Augen gesehen, wie Seelen sich den Ort aussuchten, an den sie als Nächstes wollten. Sie wollte unbedingt noch einmal schwanger werden. Aber sie würde es nie wieder heimlich versuchen. Sie wollte eine Seele zu sich einladen. Gemeinsam mit ihrem Partner. Wenn sie dazu bereit waren.
Sie lachte vor Glück.
Luxus blieb stehen und musterte sie interessiert. »Warum lachst du?«
»Weil ich es endlich verstanden habe.«
Er ließ das unkommentiert. Isabel wusste, dass er begriff.
Er deutete auf einen großen Baum. »Hier ist es.«
Sie betrachtete ihn. Auf den ersten Blick sah er aus wie jeder andere auch. »Das ist der magische Ort ?«, fragte sie skeptisch.
»Dieser Baum hat eine interessante Geschichte. Er war nämlich mal ein Mensch.«
Sie trat näher. In der Rinde des Baums war etwas eingeritzt. Die Rinde hatte sich schon fast wieder darüber verschlossen, aber sie erkannte noch deutlich, was es darstellte: einen Adler mit einem T.
»Das ist Timos Tag!«, rief sie erstaunt. Das Zeichen, das er immer wieder nachts an die Wände der Zugbrücken gesprüht hatte.
Nachdenklich betrachtete Luxus den Baum. »Dieses Zeichen hat Laras Leben gerettet. Timo hat sie dadurch gefunden.« Sein Blick wanderte zu dem Berg, der im Licht der Dämmerung noch gut zu erkennen war. »Sie hat sich wirklich verändert seitdem.«
Isabel folgte seinem Blick. Sie wusste, woran er dachte. »Hätte es für sie einen anderen Weg gegeben?«
Er schüttelte den Kopf.
»Diese ganze Reise war dazu da, um Timo und Lara zu zeigen, was ihnen noch bevorsteht, oder? Damit sie keine Angst haben? «
»Möglich«, erwiderte Luxus. »Die Kraft hat ihre eigene Logik.«
»Weißt du, was dahinter steckt? Hinter dieser Kraft?«
Er lächelte nur. Sie würde keine Antwort erhalten. Was ihr bei seinem Anblick seltsam egal war. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals einen schöneren Mann gesehen zu haben. Seine Augen waren so klar und strahlten vor Energie, seine Haut wirkte golden, und sein durchtrainierter Körper war unter den engen Klamotten gut zu erkennen.
»Du musst nur hier reingehen. Dann kommst du in die nächste Welt. Marc wird dort auf dich warten.«
»Wie finden wir den nächsten Ausgang?«
»Der Weltenhüter weiß Bescheid. Er wartet auf dich und wird euch den Weg zeigen.«
Sie sah sich nach Susi um, die ihr nervös gefolgt war. Es gefiel ihr nicht, dass Timo und Lara einen anderen Weg genommen hatten. Wenn sie erst einmal Marc wiedersehen würde, wäre alles vergessen.
Isabel ging auf den Baum zu, der an seinen Wurzeln den Weg in eine Höhle freigab. Sie wollte sich gerade hinunterbeugen, als sie innehielt. Wann würde sie noch einmal eine Chance bekommen? Sie ging auf Luxus zu und küsste ihn. Sie spürte seine Überraschung. Aber er wich ihr nicht aus. Sondern erwiderte den Kuss.
Nach einer Weile löste sich Isabel und grinste. »Das musste ich einfach tun.«
Er lächelte amüsiert. »Pass auf dich auf.«
Sie nickte. »Susi. Hierher.«
Die Hündin folgte ihr winselnd in das Dunkel der Höhle.
Noch einmal spürte sie das Kribbeln am ganzen Körper, löste sich auf, sah die Welten und fand sich in der nächsten wieder. Diesmal landete sie nicht auf dem Boden, sondern blieb in der Luft schweben.