Welt Sechs
Töne
Schwerelos. Was für ein Gefühl. Isabel tastete um sich herum, da es ihr unmöglich war, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Sie bekam Susis Fell in die Finger. Die Hündin winselte leise und zitterte am ganzen Körper. Das Fliegen behagte ihr nicht.
Isabel zog sie zu sich und kraulte ihr den Kopf. Mit der anderen Hand tastete sie weiter in der Dunkelheit, als sie plötzlich etwas hörte. Ein tiefes Grollen wie weit entfernter Donner, der langsam näher kam. Sie sah dem Geräusch entgegen. Versuchte, etwas zu erkennen. Tatsächlich wurde es heller. Etwas Graues näherte sich gemächlich. Je näher es kam, desto mehr erkannte sie, dass sie zwar im luftleeren Raum schwebte, sich um sie herum aber durchaus etwas befand. Silberne Spinnfäden zogen an ihr vorbei, in kurzen Abständen übereinander gespannt. Sie schienen aus der Unendlichkeit zu kommen und in der anderen Richtung am Horizont zu verschwinden. Endlos viele übereinander gespannt, sodass sie ein gleichförmiges Netz bildeten, deren Ende nach oben und unten hin nicht zu sehen war. Auch aus anderen Richtungen waren solche Fäden zu erkennen. Isabel befand sich mitten in diesem Netz.
Ihre Hand näherte sich den feinen Fäden und wollte sie gerade berühren, als diese zu vibrieren begannen. Ganz leicht nur, dann immer stärker. Sie zog die Hand weg. Das Geräusch des Donnergrollens kam näher und mit ihm bewegten sich die feinen Fäden immer stärker. Wie angeschlagene Gitarrensaiten. Nun glitt das graue Licht an ihr vorbei, und mit diesem Licht drang ein Ton zu ihr und brachte die Saiten noch mehr zum Vibrieren. Grollend zog er an ihr vorüber. Sie hatte das Gefühl, dass er ihr Inneres ebenfalls zum Vibrieren brachte. Als würde der Ton um sie herum und gleichzeitig in ihr sein. Wie auf einer Tanzfläche, wenn der Bass aus den Boxen zu spüren war. Fasziniert sah sie dem Ton hinterher, der als grauer Schimmer vor ihren Augen davonzog und die Saiten nun nur noch ganz leicht zum Vibrieren brachte.
Schon hörte sie einen neuen Ton. Hell diesmal und hoch, wie der Ton einer Geige. Sie drehte sich um und sah ein goldenes Licht auf sich zukommen. Viel schneller als der graue Donnerton sauste er auf sie zu, brachte die Saiten zum Vibrieren und war auch schon vorbei.
Susi verfolgte die Töne mit wachem Blick.
Nun schossen rote Lichter an ihnen vorbei. Oben, unten, rechts, links. Sie brachten die Saiten nur für einen kurzen Augenblick zum Vibrieren und knallten, als wenn ein Stock auf ein Fass geschlagen wurde.
Ihnen folgten blaue Lichter, die ein langgezogenes »Shhhh!«  machten. Wie ein Rauschen, das zunächst noch unterbrochen, dann aber ein einziger Ton wurde.
Immer mehr Töne sausten oder trudelten auf diese Weise an ihr vorüber. Jeder besaß seine eigene Farbe, und jeder brachte die Saiten auf andere Weise zum Vibrieren. Die tiefen Töne mit ihren dunklen Farben sorgten für ein starkes Vibrieren, während die hohen Töne in helleren Farben nur kurz Bewegung in die Saiten brachten. Jeden dieser Töne fühlte Isabel in ihrem Inneren. Und obwohl die Töne keine Melodie ergaben, so gehörten sie doch zusammen. Mal wurde aus dem Grollen ein hellerer Ton, mal umgekehrt. Als würde aus jedem immer etwas Neues entstehen.
Eine Welt voller Töne.
Isabel lachte auf, während Susi, der die ganze Geschichte nicht geheuer schien, laut bellte. Als die Hündin das nächste Mal bellte, zuckten die Saiten um sie herum zusammen. Kurz schien alles stillzustehen. Susi bellte noch einmal. Ein violetter Ton, der sich ihnen auf den Saiten genähert hatte, zuckte zurück. Nun schien es, als würden die Töne einen Bogen um sie machen. Sie schossen über ihnen und unter ihnen vorbei. Das laute Bellen irritierte sie.
»Ruhig, Susi!« Isabel erschrak. Ihre eigene Stimme war wie eine Melodie aus ihr herausgekommen. »Susi«, wiederholte sie.
Tatsächlich. Sie konnte das Wort zwar bilden, aber es drang wie der Ton einer Flöte als gelber Farbklecks aus ihrem Mund. Sie lachte und hörte das Geräusch kleiner Glöckchen. Da riss sie den Mund weit auf und gab einen lauten Schrei von sich, der alle Saiten um sie herum zum Vibrieren brachte. Er klang noch lange nach, wie das Echo in den Bergen.
Isabel probierte verschiedene Töne aus, die sich mit den anderen Tönen vermischten. Kam ein dunkler, tiefer Ton heran, so summte Isabel einen hohen dazu, der sich als helles Licht in die Tonreihe einfügte. Kamen schnelle, helle Töne angeschossen, so setzte sie dem ein tiefes Brummeln entgegen. Je öfter sie dies tat, desto mehr passten die Töne zusammen. Ergaben Dreiklänge, zweistimmige Melodien, als würde sie auf diese Weise mit ihrer Umgebung kommunizieren können.
Isabel war begeistert! Wenn sie diesen Moment doch nur hätte fotografieren können.
Plötzlich war ein lautes Schnalzen zu hören. Nur kurz, aber heftig wurden die Saiten angestimmt. Immer wieder, immer schneller. Dann hörte sie eine Stimme aus den Tönen heraus. »I-sa-bel.«
Sie drehte sich um.
»Wer ist da?« Die Worte drangen wie eine kurze Melodie einer Geige aus ihrem Mund.
»Marc«, knallte ein Trommelschlag zurück.
Neben ihr wedelte Susi heftig mit dem Schwanz.
»Geht es dir gut?« Eine schnelle Abfolge von Tönen, die tief begannen und hoch endeten.
Sie sah ihn auf sich zu schweben. Langsam und mit schwimmenden Bewegungen kam er vorwärts. Susi war außer sich. Sie jaulte, winselte und bellte gleichzeitig. Und je näher Marc ihr kam, desto mehr schien sich ihr ganzer Körper nach rechts und links zu biegen, bis ihr Herrchen sie endlich erreicht hatte und ihr Fell kraulte.
»Meine Süße.« Seine Stimme klang nun weich, ein ruhiger Ton, während Marc Susi umarmte und sich von ihr abschlecken ließ. Einige Minuten dauerte dieses Schauspiel. Die Hündin wollte sich gar nicht mehr beruhigen, und auch Marcs Gesicht war anzusehen, wie sehr er sie vermisst hatte.
Isabel hielt sich im Hintergrund. Wie oft hatte sie sich gewünscht, dass er sie so ansehen würde. Es hatte sogar Momente gegeben, da war sie neidisch gewesen. Auf die Zuneigung, die Marc der Hündin entgegengebracht hatte. Eifersüchtig. Auf einen Hund!
Jetzt hob er den Blick und sah sie an. »Bist du okay?« Auch weiterhin wurden aus seiner Stimme kleine Töne und Melodien geformt, sobald er das Wort an sie richtete.
»Mir geht es gut«, erwiderte sie. Doch der tiefe Ton ihrer Stimme verriet, was sie noch sagen wollte.
Er musterte sie ernst. »Lara?«
»Sie lebt. Noch.«
Er schwebte auf sie zu. Die Sorge war seinem Gesicht deutlich anzusehen. Was sie in ihrem Gefühl bestätigte, das sie seit ihrer Rückkehr aus Israel begleitete.
»Ich kann dir jetzt nicht alles im Detail erzählen«, flötete ihre Stimme als helle Melodie. »Aber Timo und sie müssen die Flasche zurückbringen. Dafür mussten sie in der Dschungelwelt bleiben.«
»Um was zu tun?«, drangen tiefe Töne an sie heran.
Sie schwieg.
»Um was zu tun?«, wiederholte er.
»Sie müssen zu einem Auge. Und da können sie nur hin, wenn sie sterben.«
Marc riss die Augen weit auf. Dann sah er sich um. Suchte er den Ausgang aus dieser Welt? Wollte er zurück? Um Lara zu retten?
»Was sie gesagt hatte, stimmt. Sie sind mit dafür verantwortlich, dass keiner mehr stirbt. Sie wollen es rückgängig machen. Lara hat sich für dieses Opfer entschieden. Und für Timo.«
Er sah sie an. Presste die Lippen aufeinander.
»Marc, wir müssen zurück.« Ihre Stimme klang nun, als würde ein Bogen auf die Saite einer Geige krachen. »Bist du dem Weltenhüter schon begegnet?«
»Keine Ahnung. Schätze nicht.« Er äußerte sich nicht weiter zu Lara.
Sie nahm seine Hand. »Konzentrier dich. Hast du hier irgendwas gesehen? Festen Untergrund. Eine Höhle. Einen Baum. Irgendwas?«
Erneutes Kopfschütteln. »Ich bin mir nicht mal sicher, ob es hier so was wie einen Boden gibt. Oder ob nicht alles aus diesen feinen Saiten besteht.«
Isabel sah an den übereinander gespannten Saiten nach oben. Endlos schien diese Art Mauer zu sein. Vorsichtig näherte sich ihre Hand den Saiten, als genau in diesem Moment ein hoher, weißer Ton an ihr vorbeisauste. Erschrocken zog sie die Hand weg. Der Ton war direkt durch sie hindurchgefahren. Ihr ganzer Körper hatte für einen Augenblick vibriert. Sie wiederholte das Ganze. Legte die Hand an eine Saite, als ein grüner Ton, wie das Stampfen eines Fußes in einer Regenpfütze, an ihr vorüberglitt. Auch diesmal wurde sie selbst mit in die Saite aufgenommen, glitt der Ton durch sie hindurch, ehe er seinen Weg an den Saiten entlang fortsetzte.
Isabel legte beide Hände auf die Saiten. Wenn sie sich bemerkbar machten, vielleicht würde der Weltenhüter dann zu ihnen kommen?
Immer mehr Töne näherten sich den beiden. Mit einem Blick forderte Isabel Marc auf, die Hände ebenfalls an die Saiten zu legen. Die Töne kamen heran, drangen durch sie hindurch, immer mehr, bis sie schließlich selbst zu einem Ton auf dieser Welt wurde. Einer Saite auf diesem wundersamen Instrument. Je mehr Töne sich in ihr versammelten, je lauter die Melodie wurde, desto mehr vernahm Isabel eine Stimme, die von all diesen Tönen gebildet wurde.
»Nicht … loslassen.«
Sie sah zu Marc. Ihm war anzusehen, dass er das auch gehört hatte.
»Nicht! Loslassen!«
Isabel ließ die Hände auf den Saiten ruhen und spürte das stete Vibrieren, während Marc mit einer Hand Susi am Genick packte.
Immer mehr Töne, immer mehr Farben waren in ihnen und um sie herum. Bis sie sich von einem ganzen Orchester erfüllt fühlte und bald nur noch ein strahlendes Weiß wahrnahm. Isabel begriff: Die Töne selbst, ihre Gesamtheit, das war der Weltenhüter. Alle Farben zusammen ergaben ein helles Weiß. Alle Töne zusammen einen Ton. Er wurde lauter und lauter, als steuerte er einem Höhepunkt entgegen.
Sie sah zu Marc, der ihren Blick nervös erwiderte. Isabel lachte und schrie ihm entgegen: »Ich liebe dich nicht mehr!«
Da hörte sie einen lauten Knall in ihrem Inneren.