Welt Sieben
Zuhause
Keine Luft. Sie schwamm dem Licht entgegen. Schnell, immer schneller! Ihre Lunge drohte zu platzen. Neben ihr strampelte etwas. Drückte sie nach unten. Sie wehrte sich. Konnte sich befreien und erreichte prustend die Oberfläche. Gierig sog sie die Luft ein und hustete gleichzeitig das Wasser aus der Lunge. Ihre Arme ruderten heftig, um oben zu bleiben. Die nasse Kleidung zog sie nach unten. An ihren Füßen spürte sie einen Körper auftauchen. Susi ploppte neben ihr hoch wie ein Korken in einem Glas Wasser.
Marc? Wo war er?
Isabel sah sich um, während die Hündin verstört hechelte und völlig orientierungslos schien. Marc war nirgends zu sehen. Sie rief nach ihm und musste noch einmal husten.
Keine Antwort. Während sie die Wasseroberfläche absuchte, erkannte sie, dass sie mitten im Mummelsee schwamm. Die hohen Berge zu ihrer Rechten und das Hotel zu ihrer Linken gaben ihr einen Anhaltspunkt. Auch Susi schien sich orientiert zu haben, denn sie steuerte das Ufer an.
Da endlich tauchte Marc prustend neben ihr aus dem Wasser auf. Kreidebleich. Erleichtert schwamm sie Susi hinterher ans Ufer. Sie hatte kaum noch Kraft und war froh, als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen spürte. Isabel schleppte sich ans Ufer und wurde sofort von Susi begrüßt, die ihr das Gesicht abschleckte. Auch Marc hatte das Land erreicht und
ließ sich erschöpft auf den Rücken fallen. Die Hündin eilte nun zwischen ihnen hin und her, wie um sicherzugehen, dass nicht gleich wieder einer verschwand.
»Alles in Ordnung, Susi, alles gut.« Marc streichelte sie, bevor er sich an Isabel wandte. »Hast du das auch gesehen?«
Sie nickte.
»Laniakea! Es war Laniakea!«
Sie wusste um seine Begeisterung für den Galaxienhaufen und ärgerte sich, dass sie sich sogar für ihn freute.
Statt eine Antwort zu geben, sah sie sich um. Obwohl es mitten am Tag war, war niemand zu sehen. Das war ungewöhnlich. Für einen Moment lang befiel sie die Befürchtung, doch nicht am Mummelsee zu sein. Sondern in einer anderen Welt, die einfach nur genauso aussah. Doch da trat ein Tier zwischen den Bäumen hervor. Styx. Die dicke Katze von Jo und Karin. Nun erkannte auch Isabel, dass es tatsächlich dasselbe Tier war, das in Jerusalem auf dem Felsendom gehockt hatte. Wie hatte sie das vorher übersehen können?
Die Katze musterte sie. Irgendetwas lag in ihrem Blick. Isabel robbte näher und sah der Katze in die Augen. Was sie erblickte, war die Erde – und das ganze Universum. Ihr Zuhause, vereint in den Augen dieser Katze.
Sie zuckte zurück. Die Katze quiekte und sprang behäbig in den Wald zurück. Da begriff Isabel, dass nie wieder alles so sein würde wie früher. Sie war froh darüber und stand auf.
»Moment. Was machen wir jetzt? Was ist mit Lara
und Timo?«
Sie erwiderte Marcs Blick ernst. »Sie kommen nicht zurück. Es war die einzige Möglichkeit, die Flüssigkeit zum Auge zu bringen.«
»Welches Auge?«
Sie zögerte. »Ich erzähle dir alles. Aber erst mal gehen wir ins Hotel. Ich muss mich umziehen.«
Er stand auf. »Was du da eben gesagt hast, hast du das ernst gemeint?«
Sie lächelte und hatte das Gefühl, schwere Fußfesseln losgeworden zu sein. »Ja. Das habe ich. Ich liebe dich nicht mehr. Du bist frei. Und ich auch.« Sie ging zum Parkplatz. Ob er ihr folgte oder nicht, spielte für sie keine Rolle mehr.