Kämpfe!
Die Flasche schwebte in ihrer Mitte. Sie hingen im Kreis um sie herum: Lara, Timo, Ayse, Cem – und das Auge.
Während das kleine graue Etwas die Flasche ins Visier genommen hatte, starrten Cem und Ayse es ehrfürchtig an.
»Dann bist du also so was wie das Auge Gottes?«, fragte Ayse.
Das Auge blinzelte zu ihr und dann fragend zu Lara. »Gott? Was ist das?«
»Also, Gott sind wir nicht begegnet. Zumindest nicht so, wie wir uns das immer vorgestellt haben. Das Göttliche steckt in allen von uns. Wir erschaffen alles. Jede Welt, jedes Totenland. Das Auge hat die Aufgabe, immer sieben Seelen zu erlösen und dann bei der Entstehung der nächsten Welt dabei zu sein.«
»Und ich gelange mit dieser Flüssigkeit dahin?«, fragte das Auge leise.
Ayse kicherte. »Das kitzelt, wenn du redest.«
Das Auge warf ihr einen ungnädigen Blick zu.
»Genau«, beeilte sich Lara zu antworten. »Eigentlich hast du eine ganze Flasche voll mit dem Zeug. Es ist eine Träne von dir.«
»Wenn wir es also traurig machen, kann es das Reisegeld selbst wieder herstellen?«, hakte Cem nach. »Wenn es bei unserem traurigen Haufen noch nicht geheult hat, weiß ich nicht, wie wir das hinkriegen sollen.«
»Es ist eine Träne des Glücks. Nicht der
Trauer.«
»Dann sehe ich erst recht schwarz.«
Lara musterte Cem. Sie hatten Ayse und ihn extra gegenübergesetzt, damit die beiden nicht sofort wieder in ihren Love-Modus umschalteten. Trotz der bewussten Abstände zwischen ihnen fiel es aber auch ihr schwer, sich auf die Ernsthaftigkeit der Situation zu konzentrieren. Sie spürte die Verbundenheit mit Timo in diesem Raum besonders. Jetzt war auch noch Ayse dabei. Die nicht tot war, sondern sehr lebendig und sehr verliebt. Es gab so viel zu besprechen! Wie sollten sie hier jemals wieder herauskommen? Sie hatten ihr Leben geopfert, um jetzt steckenzubleiben. Ganz zu schweigen von Ayse und Cem, die nicht einmal aus dem Raum der Bestimmung herauskamen. Wenigstens konnten sie in der Ewigkeit rumknutschen.
»Du bist also mit Lara noch mal los, um mich zu retten?«, fragte Cem nun an Timo gewandt.
»Du hast ja auch versucht, mich zu retten«, konterte der.
»Das haben wir beide mal so richtig verbockt.« Cem grinste in Timos Richtung. »Aber eigentlich hasst du mich doch, oder?«
»Ich habe dich nie gehasst. Eigentlich … habe ich dich ziemlich vermisst.«
»Jetzt fang bloß nicht an zu flennen«, bat Cem mit verdächtig schwacher Stimme.
Lara beobachtete nervös, wie neben ihr an der weißen Wand ein neues Fenster entstand. Sie spürte, wie ein Sog von diesem Fenster ausging. Bald war es so weit. Es würde sich für sie öffnen. Sie schaute
zu Ayse, die ihrem Blick gefolgt war. Wie immer brauchte es keine Worte, damit Ayse verstand, was in Lara vorging.
Sie setzte eine konzentrierte Miene auf und zupfte an ihrem Kopftuch. »Okay, vielleicht finden wir ja eine Lösung, wenn wir alles genau wissen. Erzählt die ganze Geschichte. Von Anfang an.«
Lara konnte regelrecht sehen, wie es unter dem Kopftuch ratterte, während sie von der Reise erzählten.
Als sie geendet hatten, sah Ayse sie fassungslos an. »Aber du hast so eine Angst vor dem Tod! Wie konntest du dich überwinden, zu springen?«
»Wir hatten keine Wahl. Es war die einzige Möglichkeit, unserer Welt den Tod zurückzugeben.«
»Seht euch das an!« Cem deutete auf das Auge.
Alle sahen zu der kleinen Kugel, deren Iris silbern schimmerte.
»Was ihr getan habt, das ist wahre Liebe. Daran habe ich mich gerade erinnert.«
»Es weint!«, rief Ayse.
Tatsächlich. Gerührt von der Geschichte von Lara und Timo weinte das Auge. Der Schimmer war deutlich zu erkennen und formte sich bereits zu einem Tropfen, der aus dem Auge zu kullern drohte.
»Die Flasche!«, rief Lara.
Timo handelte schnell. Er zog die Flasche aus der Tasche, öffnete sie, und noch ehe der letzte darin befindliche Tropfen nach oben drängen konnte, fing er die Träne auf. Der Schimmer sammelte sich in der Flasche, bis sie wieder ganz gefüllt war.
Lara unterdrückte einen Freudenschrei, und Ayse umfasste fest ihre Hand. Timo hatte recht gehabt. Die
Kraft hatte ihre eigene Logik. Alles ergab nun einen Sinn.
Er steckte den Korken auf den Flaschenhals und hielt sie dem Auge hin. »Hier. Du hast deinen Schimmer wieder.«
Alle blickten ehrfürchtig auf die Flasche.
»Es tut mir leid, dass ich sie dir weggenommen habe.«
»Du hast sie ja wieder hergebracht.«
Lara spürte, wie das Auge lächelte.
»Die Seelen können weiterziehen. Sobald ich damit beginne, mit dem Schimmer durch die Totenländer zu reisen.«
»Und wir?« Ihre Freundin sah Lara fragend an. »Wie kommen wir zurück?«
»Papa hat uns damals einige Gegenstände gegeben. Damit wir zurück auf die Erde kommen. Zusätzlich zu dem Tropfen des Schimmers. Das hatte genug Energie, um uns wieder nach Hause zu bringen. Wir mussten uns vorstellen, wo wir hinwollen, weil unser Wille das Ziel unserer Reise bestimmt.«
»Ich gebe euch einen Tropfen ab. Mehr kann ich nicht entbehren«, stellte das Auge fest.
»Luxus hat immer gesagt, dass wir der Kraft vertrauen müssen«, erinnerte sich Lara.
»Das ist dir gelungen?«, fragte Ayse skeptisch in ihre Richtung. »Du glaubst doch an nichts.«
»Es spielt keine Rolle, was Lara glaubt«, wandte Timo ein. »Wir bleiben hier. Es geht nur um euch.« Er deutete zur Wand. »Siehst du? Es bilden sich zwei neue Fenster. Das sind unsere.«
Lara sah Timo an. Er wirkte ganz ruhig
.
Im Gegensatz zu Cem. »Alter, das ist doch Mist. Wir lassen euch nicht zurück!«
»Ich habe eine Menge aufzuholen. Ich öffne jetzt die Flasche«, erklärte das Auge.
»Nein! Warte! Wir gehen nicht ohne sie!«, rief Ayse entsetzt.
»Wir haben keine Zeit.« Das Auge starrte auf die Flasche. Schon löste sich der kleine Korken.
Lara lächelte Ayse an. »Es ist in Ordnung, Ayse. Ich bin sicher, wir sehen uns wieder. Konzentrier du dich auf dein Ziel. Auf dein Leben!«
Der Korken ploppte aus dem Flaschenhals.
Ayse zog Lara energisch zu sich. »Du hörst mir jetzt gut zu. Wenn ich das alles richtig verstanden habe, dann warst du schon so gut wie tot, ehe Timo dich damals aus diesem Pflanzending befreit hat.«
»Dem Baum.«
»Meinetwegen. Dem Baum. Also, was glaubst du, hat dich am Leben gehalten?«
Ein Tropfen löste sich aus dem Schimmer und drang den Flaschenhals empor.
Ayse sah nun auch zu Timo. »Es war ihr Wille, klar? Euer Wille, das ist die göttliche Kraft. Damit erschaffen wir alles. So war das doch. Also, wenn jetzt gleich der Schimmer hier seinen Zauberstab schwingt, dann entscheidet ihr euch für euer Leben!«
»Ayse, so funktioniert das nicht. Wir haben unsere Körper nicht mitgenommen. Die liegen zerschmettert in der Welt meiner Eltern. Wir können nicht zurück.«
Der Tropfen schwebte aus dem Flaschenhals
.
»Woher willst du das wissen? Ihr habt diese Reise gemacht. Seid von einer Welt in die nächste. Allein das ist schon ein Wunder! Du musst nur an ein Wunder glauben, Lara. Dann kannst du es auch bewirken! Du musst kämpfen, hörst du? Kämpfe!«
In Lara tobten die Gedanken. Ihr Wille bestimmte, was geschah. Und sie wollte nichts mehr, als mit ihren Freunden zusammenzuleben, bis sie alt und runzlig waren. Sie war verliebt, nicht nur in Timo, sondern auch in ihre Erde. In diese wundersame, verrückte Erschaffung voller Gegensätze. Das Leben war ein Abenteuer, und Lara war noch lange nicht fertig damit.
Sie sah Timo an. »Vielleicht können wir es noch einmal schaffen«, flüsterte sie.
Dann löste sich der Tropfen auf.