Griffith Park Zoo
Rayne donnerte das Blut in den Ohren, übertönt nur vom wilden Pochen ihres Herzens in ihrer Brust. Jemand war ihr gefolgt. Sie schaffte es nicht, ihre Atmung zu beruhigen. Nachdem sie die Taschenlampe ausgeknipst hatte, war sie eine Weile lang fast blind, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Soweit sie sehen konnte, befand sie sich in einem geräumigeren Teil der Tunnel, einer Art Arbeitsraum. Hinter ihr erstreckte sich ein düsterer Gang, aus dem die Schritte gekommen waren. Der andere Weg, der aus dem Raum hinausführte, lag genau geradeaus.
Sie hoffte, dass es die Schritte von Lucas waren, die sie gehört hatte. Aber als er ihre Rufe nicht erwiderte, verschmolz sie mit den Schatten und schloss die Augen, um genau hinzuhören. Luke kam nicht. Stattdessen ertönte ein langsames, melodisches Pfeifen, das von den Steinwänden widerhallte. Die Suche nach ihrem Bruder hatte sich in einen lebendig gewordenen Wes-Craven-Streifen verwandelt.
„Komm raus, Süße.“ Die Stimme eines Typen. „Wir wissen, dass du hier drin bist.“
Wir? Rayne hätte sich am liebsten übergeben. Der Wichser redete in einem gruseligen Singsang mit ihr, wie ein Psychokiller. Er tat so, als würde er nur spielen, als wäre alles ein großer Witz. Sie überlegte kurz wegzurennen, aber nachdem ihr Stalker das Schweigen gebrochen hatte, folgten weitere Pfiffe.
Weitere Stimmen.
„Wir haben dich gesehen, kleines Mädchen.“
„Genau! Komm raus und spiel mit uns.“
Jetzt kamen die Geräusche aus allen Richtungen. Es war schwer zu sagen, wie viele Typen es waren, aber eins wusste Rayne mit Sicherheit. Sie hatten sie umzingelt. Selbst wenn sie schrie, würde sie hier unten keiner hören. Wie hatten diese Loser sie gefunden? Als sie in den Park gefahren war, hatte sie hinter sich keine Scheinwerfer gesehen. Woher waren sie gekommen? Die Fragen schwirrten nur so durch ihren Kopf, aber Rayne hatte keinerlei Absicht herauszufinden, was die Typen von ihr wollten.
Sie hatte nur einige wertvolle Sekunden, um die Polizei zu rufen. Rayne zerrte ihr Handy aus ihrer Jackentasche, doch hier unten hatte sie kein Netz. Verdammt! Ihre Finger flogen über den Touchscreen, aber es tat sich nichts, und während ihrer nächtlichen Suche nach Lucas war ihr Akku in den roten Bereich gesunken. Sie stopfte das Handy wieder in ihre Tasche und überlegte fieberhaft, was sie tun sollte.
Auf der verzweifelten Suche nach einem Versteck tastete sie die Wand ab und wartete, dass sich ihre Augen an die tiefe Finsternis gewöhnten. Schließlich entdeckte sie einen schwachen Lichtschimmer. Mondlicht, das aus einem schmalen Schacht über ihrem Kopf drang. Ohne zu zögern suchte sie sich Halt in den Ritzen zwischen den Steinen und kletterte die Wand hoch wie ein Freeclimber.
Der untere Rand des Schachts war mit einem schmalen Sims versehen, über das sie sich hochhieven konnte. Direkt dahinter ging ein enger, kurzer Seitenschacht ab, an dessen Ende sich ein Belüftungsgitter befand, aus dem ihr eine sanfte Brise ins Gesicht wehte. Die Typen mussten nach oben sehen, um sie zu entdecken, und wenn sie es taten, hatte sie einen Kampfvorteil, weil sie ihnen ins Gesicht treten konnte. Doch als Rayne ihr Bein auf den Absatz schob und ihren restlichen Körper nachzog, hörte sie ein Krachen. Sie blickte nach unten, wo sie gerade noch ein schwaches Leuchten zu sehen bekam, ehe es wieder vollkommen dunkel wurde. Ihr Handy war ihr aus der Tasche gefallen und auf den Steinfliesen zersprungen.
Das Ding war hinüber – und sie war es auch.
„Was war das?“, rief einer der Typen.
„Ich glaub, das kam von hier drüben.“
Rayne lief die Zeit davon. Sie musste weg hier. Jetzt!
Der Belüftungsschacht bot ihr gerade genug Platz, um sich hineinzuquetschen. Sie konnte bis zum Ende kriechen und das Gitter losruckeln, das nach draußen führte. Bei all dem Pech, das sie bis jetzt gehabt hatte, erlaubte sie sich die Hoffnung, dass sie einen Ausweg gefunden hatte. Sie zwängte sich in den schmalen Hohlraum, in dem sich die Steinwände wie ein Sarg um sie zu schließen schienen. Die abgestandene, feuchte Luft machten ihr das Atmen schwer, und als sie sich Zentimeter für Zentimeter auf das Mondlicht zuschob, tropfte ihr der Schweiß von der Stirn.
Sie rüttelte an dem Gitter, aber es gab keinen Millimeter nach. Es saß felsenfest, und Rayne hatte nicht genug Platz, um sich umzudrehen und es einzutreten. Oh, Mann, komm schon. Nicht heulen. Rayne ließ ihr Gesicht gegen die Wand sinken und schluckte die Tränen herunter. Sie musste stark bleiben, anstatt sich wie ein Opfer zu benehmen. Sie war in der Unterzahl und allein, aber wenn sie kamen, um sie zu holen, wollte sie Blut sehen.
Das Blut der anderen.
Als die Stimmen und Pfiffe immer lauter wurden, sah sie über ihre Schulter nach unten und entdeckte, dass Lichter die Steinwände unter ihrem Versteck streiften. Rayne wischte sich die nassen Handflächen an ihrer Jeans ab und umklammerte die Taschenlampe fester. Sie war die einzige Waffe, die sie hatte. Wenn die Typen ihr zerschmettertes Handy fanden, würden sie auch Rayne finden. Sie saß in der Falle, aber sie würde sich nicht kampflos ergeben. Rayne biss die Zähne zusammen und saß reglos im Dunkel – bis der Mond ihr einen Strich durch die Rechnung machte.
Im Schacht wurde es immer heller.
Das blassblaue Licht wurde so stark, dass Rayne im ersten Moment dachte, die Typen würden auch draußen nach ihr suchen und hätten eine Lampe auf den Schacht gerichtet. Als sie nach oben blickte, um die Lichtquelle zu suchen, sah Rayne, dass sich dort draußen tatsächlich etwas bewegte.
Ein Typ. Vom Mondlicht gesäumt sah er aus wie ein Gespenst.
Wie Lucas war er groß, aber da endeten die Ähnlichkeiten auch schon. Er trug einen Kapuzenpulli, sein Gesicht lag im Schatten, und er wirkte grimmig, wie dieser gruselige Ritter in Assassin’s Creed. Fast hätte Rayne um Hilfe gerufen, aber sie ließ es bleiben. Es konnte ja sein, dass er zu den anderen gehörte. Doch noch etwas anderes hielt sie ab. Sein Körper erstarrte und begann vor Anspannung zu zittern. Der Typ sah aus, als würde rasende Wut in ihm toben. Er öffnete den Mund zu einem Schrei, doch kein Laut drang heraus. Dann streckte er die Arme aus, reckte das Gesicht zum Mond und schüttelte sich, als hätte er Schmerzen.
Sie konnte den Blick nicht von ihm losreißen. Ganz plötzlich lief es Rayne eiskalt den Rücken hinab.
Ein Schub statischer Elektrizität ließ ihren Körper kribbeln. Selbst die Härchen auf ihren Unterarmen stellten sich auf. Aber noch seltsamer war, dass eine unerwartete und überwältigende Gefühlswelle durch Raynes Kopf und Herz rauschte – Erinnerungsblitze an ihren Vater und ihre Mutter, als sie noch gelebt hatten. Die Liebe ihrer Eltern war greifbar, sie fühlte sich ganz real an, und sie füllte die Leere, die der Verlust ihrer Familie in Raynes Leben hinterlassen hatte.
Sie stellte sich Lucas’ lächelndes Gesicht vor und Mias vertrautes warmes Kichern, als sie noch kleine Mädchen gewesen waren und sich ein Zimmer geteilt hatten. In diesem Augenblick hatte sie das Gefühl, ihre Familie zurückzuhaben, die Lebenden und die Toten. Ihr Vater schien sie zu umarmen, schenkte ihr ein Gefühl der Sicherheit, und der schwache Duft des Lieblingsparfüms ihrer Mutter lag in der Luft. Rayne kam nicht dagegen an, diesmal waren die Tränen nicht aufzuhalten. Eine nach der anderen sogen die Erinnerungen ihre Angst auf wie ein Schwamm.
Sie fühlte sich nicht allein, aber wie zum Teufel war das möglich? Rayne versuchte sich einzureden, dass es nur ihr Verstand war, der all seine Kraft aufgewendet hatte, um sie zu beruhigen. Doch noch nie in ihrem Leben hatte sie so starke Empfindungen gehabt. War es das, was die Leute meinten, wenn sie von Nahtoderfahrungen sprachen? Erinnerungen, die ihre Todesangst überschwemmten wie ein Betäubungsmittel, ehe sie den Geist aufgaben?
Doch vielleicht stand die wahre Erklärung für ihre Gefühle auch einfach direkt über ihr.
Rayne beobachtete den seltsamen Jungen, der noch immer mit ausgestreckten Armen dastand. Wie konnte jemand, der so wuterfüllt war, der Grund für all die Liebe sein, die sie gerade empfand? Er musste einfach etwas damit zu tun haben. All die Gefühle waren erst in ihr hochgekommen, nachdem er sich gezeigt hatte. Doch dann entdeckte Rayne hinter ihm einen weiteren Schatten, und die Angst drohte wieder, sie zu überwältigen.
Er war nicht alleine.
Ein großer, lauernder Umriss kroch auf den Jungen zu. Oh, Gott! Sie spähte konzentriert ins Dunkel, um mehr erkennen zu können. Hinter ihm erschien ein Hund und trat an seine Seite. Es war der größte Hund, den Rayne jemals gesehen hatte. Von seinem Körper ging ein elektrisches Glühen aus, und seine Augen leuchteten gespenstisch, als ob das Licht aus seinem Inneren käme.
Das verdammte Vieh schwebte über den Grund wie ein Gespenst. Rayne hätte schwören können, dass es nicht ein einziges Mal den Boden berührte. Sie blinzelte zweimal, aber der Geisterhund verschwand nicht, und der Junge würdigte ihn keines Blickes. Es war, als wäre Rayne zusammen mit dem Jungen in diesem Moment gefangen. Eine seltsame Ruhe kam über sie, während sie beobachtete, wie er sein Gesicht dem Nachthimmel entgegenreckte. Sie hätte nicht gedacht, dass die Situation noch abgefahrener werden könnte. Doch dann wurde der Junge von dem Hund gestreift – und fing Feuer.
Blaues Feuer.
„Sie kann sich nicht einfach in Luft aufgelöst haben. Findet sie“, brüllte einer der Typen im Tunnel. „Wir gehen erst, wenn wir sie haben.“
Beim Klang seiner Stimme krampfte sich Raynes Magen zu einem schmerzenden Knoten zusammen. Trotz all dem schrägen Zeug, das da draußen mit dem Jungen im Kapuzenpulli und seinem Geisterhund passierte, konnte Rayne die drohende Gefahr von unten nicht einfach ignorieren. Wenn diese Schweine ihr zertrümmertes Handy fanden und nach oben guckten, würden sie schnell kapieren, dass es nur einen Ort gab, an dem sie sein konnte. Und dann war alles vorbei.
„Hey, ich hab was gefunden. Zieht euch das mal rein“, rief eine Stimme. „Das muss ihr gehören.“
Dann hatten sie ihr Handy also gefunden. Rayne hielt die Luft an und gab keinen Ton von sich.
„Sieht so aus. Was ist das da oben?“
Ein greller Lichtstrahl blendete sie. Sie kniff die Augen zusammen und schirmte sie mit der Hand vor der Helligkeit ab.
„Ich seh’ einen Stiefel“, sagte ein anderer. „Da hat die Kleine doch tatsächlich ein Versteck gefunden.“
Rayne zog ihre Beine an und klammerte sich an dem Metallgitter fest, damit die Typen es schwerer hatten, sie nach unten zu ziehen. Sie spannte ihre Muskeln an, um sich für den Kampf zu wappnen. Doch da schallte ein gespenstischer Klang durch die Tunnel. Er setzte leise und bedrohlich ein, wurde aber immer lauter. Rayne lief es eiskalt den Rücken hinunter. Das Knurren schwoll zu dem markanten Brüllen einer wilden Raubkatze an. Rayne neigte den Kopf, um besser hören zu können, weil sie ihren Ohren nicht traute.
„Was verdammt noch mal ist das?“
Einer der Typen musste das Brüllen ebenfalls gehört haben, denn er klang verängstigt. Und damit war er nicht der Einzige.
„Wehe, das ist ein Witz.“
Für weitere Worte blieb ihnen keine Zeit, denn jetzt drangen immer mehr Geräusche durch das Labyrinth. Das Tröten eines Elefanten. Hundegeheul. Die Lärm wurde so laut, dass er Rayne in den Ohren schmerzte. Sie musste unbedingt sehen, was dort unten vor sich ging. Als sie sich unter Verrenkungen zur Schachtöffnung hinabbeugte, hätte sie sich fast an ihrer eigenen Zunge verschluckt.
„Nein, das kann nicht …“ Sie schnappte nach Luft.
„¡Ay Dios mio!“, schrie einer der Typen und bekreuzigte sich. „Es ist der Teufel!“
Kobaltblaues Feuer toste durch die Tunnel und kroch die Steinwände hoch, aber es fühlte sich nicht heiß, sondern eiskalt an. Raynes Atem kondensierte. Sie hätte sich tiefer in dem Loch verkriechen sollen, doch sie konnte den Blick nicht abwenden. Aus den blauen Flammen schossen Geistertiere hervor. Sie hätte diese Menagerie aus der Hölle wohl für eine Halluzination gehalten, aber die Typen, die sie gesucht hatten, sahen und hörten sie ebenfalls. Sie brüllten panisch und versuchten, irgendwo vor dem Chaos, das über sie hereinbrach, in Deckung zu gehen. Wäre Rayne nicht so verängstigt gewesen, hätte sie der Anblick der Männer, die wie die Hühner auseinanderstoben, wohl zum Lachen gebracht.
Doch sie war selbst in Gefahr.
Sie hörte etwas, das sie instinktiv in Schutzstellung gehen ließ, und dann sah sie im flackernden Licht, wie sich eine dunkle Wolke durch die Schatten wand. Ohrenbetäubend lautes Flattern hallte durch die Tunnel, dann füllte ein Fledermausschwarm den Raum unter Rayne. Das hier waren keine Geister. Sie waren echt und lebendig. Die kleinen Körper wirbelten um die Männer herum, die Schutz suchten und nach den Fledermäusen schlugen. Als das nicht funktionierte, rannten sie los und versuchten dabei, ihre Köpfe zu schützen.
Rayne schrie, als die Fledermäuse auf sie losgingen. Sie spürte, wie sie um ihre Beine flatterten. Angewidert von den unbehaarten, sonderbaren Körpern trat sie um sich, schleuderte die Tiere von sich, bis ein schriller Schrei ertönte, der das bizarre Kreischen der Fledermäuse übertönte. Der Schrei war aus Raynes Mund gekommen. Mit geschlossenen Augen kauerte sie im Schacht und rollte ihren Körper zu einer Kugel zusammen. Ihr Herz raste wie eine Maschinengewehrsalve, und sie zitterte am ganzen Körper.
Aufhören. Bitte.
Rayne versuchte, ihre Kraft zu sammeln. Zusammengekauert wartete sie im Dunkeln ab. Was auch immer als Nächstes kommen würde – sie war jetzt ganz auf sich gestellt.
Wenige Minuten später
So plötzlich all das gekommen war – die schmetternden Trompetenstöße herumstampfender Geisterelefanten, der widerliche Fledermausschwarm, die wilden Löwen und der übrige bizarre Zirkus aus lebenden und toten Tieren –, so plötzlich wurde das Chaos von einer totengleichen Ruhe abgelöst.
Kein blau glühendes Feuer. Keine Eiseskälte. All das verschwand, und in den Tunneln wurde es wieder tiefschwarz. Rayne lag still im Dunkeln. In der abrupt eingetretenen Ruhe hörte sie das Piepen in ihren Ohren. Sie konnte nichts sehen, und ihre eigenen Schreie hallten noch so schrill in ihren Ohren nach, dass jedes Geräusch in der beunruhigenden Stille erstickt wurde. Als sich ihre beschleunigte Atmung und ihr wild klopfendes Herz beruhigt hatten, wagte sie es, den Kopf zu heben und einen Blick über die Schulter zu werfen. Der einsame Klang einer Stimme ließ sie jäh innehalten.
„Du kannst jetzt gehen. Sie sind weg“, sagte ein Junge.
Seine weiche Stimme, die von den Steinwänden widerhallte, traf sie unvorbereitet und erfüllte sie mit einer merkwürdigen Wärme. Etwas an dem Jungen beruhigte sie und gab ihr das Gefühl, dass er die Wahrheit sagte. Trotzdem bewegte sie sich nicht. Sie konnte es einfach nicht. Nach langem, verzweifeltem Nachdenken entschied Rayne sich, zu sprechen. Richtig hinzusehen traute sie sich aber immer noch nicht.
„Lucas?“ Sie rief den Namen ihres Bruders und wartete auf eine Antwort, wünschte sich von ganzem Herzen, gleich seine Stimme zu hören.
„Wer ist Lucas?“
Sie schloss die Augen und stieß langsam die Luft aus, die sie die ganze Zeit über angehalten hatte.
Rayne schob sich in Richtung der Schachtöffnung. Ihr ganzer Körper schmerzte vor Panik – bis sie nach unten sah. Sie riss die Augen auf und schnappte verblüfft nach Luft. In dem Raum unter ihr schimmerten Tausende von geflügelten Flimmerlichtern.
„Oh. Mein. Gott“, flüsterte sie.
Überall waren Glühwürmchen. Ihre gelblichen Lichter blinkten und hinterließen leuchtende Streifen in der Luft. Schlagartig verschwand das Grauen, das die Fledermäuse in Rayne ausgelöst hatten, und machte dem Gefühl Platz, an etwas Magischem teilzuhaben, das sie in L.A. noch nicht erlebt hatte. Westlich der Rocky Mountains waren Glühwürmchen eine absolute Seltenheit. Oben im Norden kamen sie häufig vor, aber in Los Angeles? Wie hatte er das gemacht? Für Rayne bestand kein Zweifel, dass der Junge die Glühwürmchen herbeigerufen hatte.
Sie wusste es einfach.
Unter ihr schob der Junge im matten Schimmer einer Taschenlampe, die einer der Typen hatte fallen lassen, seine Kapuze nach hinten und zeigte sein Gesicht. Als er es tat, flogen die Glühwürmchen auf leisen Flügeln in Massen zu ihm hin. Sie tanzten um ihn herum und tauchten ihn in ein warmes Licht. Nachdem ein paar Glühwürmchen auf seinem Körper gelandet waren, folgten weitere ihrem Beispiel. Sie schienen überhaupt keine Angst vor ihm zu haben. Als sie sich auf seinen Kleidern und seinen Armen niederließen, begannen ihre kleinen Körper, blassgelb zu pulsieren. Der Junge musste lächeln, dann hob er langsam und vorsichtig die Arme, und die Glühwürmchen flogen in die Luft, um die Dunkelheit mit ihrem Licht zu füllen. Sie waren auf sein Zeichen hin gekommen, und jetzt verschwanden sie auf seinen Wunsch. Es war, als hätte er sie aus dem Nichts herbeigezaubert.
„Wie hast du das gemacht?“, flüsterte Rayne, während sie den Glühwürmchen nachsah, die auf leuchtenden Bahnen durch die dunklen Gänge in die Nacht hinausschwirrten.
Als sie fort waren, fragte der Junge: „Was denn?“
Er sprach so leise, dass sie ihn fast nicht gehört hätte. Es gelang ihr einfach nicht, sich eine Meinung über ihn zu bilden. Im einen Moment erschreckte er sie fast zu Tode, nur um im nächsten ihr Herz mit Glühwürmchen und seinem liebevollen Umgang mit ihnen zu erwärmen. Doch als er leugnete, was er getan hatte, spürte Rayne ihr Misstrauen wieder wachsen.
Was war gerade wirklich passiert? Rayne stand immer noch unter dem Einfluss des Adrenalinkicks und war wahnsinnig dankbar, gerettet worden zu sein. Vielleicht war das der Grund dafür, dass ihr ein völlig unpassender Gedanke durch den Kopf schoss, als sie wieder zu dem Jungen hinuntersah. Er war … wunderschön. Wie er da im Schatten stand und zu ihr hochguckte … er spielte ihrem Herzen ganz schön übel mit. Sie versuchte, gegen ihre Reaktion anzukämpfen. So etwas passierte doch sonst nur im Kino!
Jetzt, wo die Glühwürmchen auf so mysteriöse Weise verschwunden waren, wie sie erschienen waren, traf Rayne die Realität wie ein Schlag in die Magengrube. Auf einmal kam sie sich unendlich dumm vor, und außerdem sah sie gerade vermutlich wirklich fürchterlich aus. Der Kapuzenpulli-Junge dagegen nicht. Wenn sie im Slang-Wörterbuch unter „gechillt“ nachschlagen würde, würde ihr garantiert sein Gesicht entgegenblicken.
Außerdem hatte er garantiert schon das eine oder andere Fitnessstudio von innen gesehen. Er war groß und muskulös, mit breiten Schultern und schmalen Hüften. In seinen Jeans und dem Kapuzenpulli wirkte er kräftig und stark wie ein Fels in der Brandung. Er hatte dunkles Haar, das aussah, als wäre er gerade erst aufgestanden. Aber was Rayne wirklich faszinierte, waren seine Augen. Sie wollte ihn sich genauer ansehen, aber erst einmal brauchte sie Antworten.
„Was ist passiert?“, fragte sie. „Im Ernst jetzt.“
„Keine Ahnung. Bin gerade erst gekommen.“ Er zuckte mit den Achseln und hob die Taschenlampe vom Boden auf. „Ich dachte, du könntest mir weiterhelfen. Immerhin hast du alles aus der Vogelperspektive beobachtet.“
„Oh, nein, verdammt.“ Rayne schüttelte den Kopf und zeigte auf den Jungen. „Ich habe dich gesehen.“
„Und wobei genau hast du mich gesehen?“ Ein seltsames, düsteres Lächeln zuckte über sein Gesicht.
Vorher war es ihr nicht aufgefallen, aber der Typ hatte einen britischen Akzent, so leicht, dass er ihr fast entgangen wäre.
„Zum einen diese Glühwürmchen. Und dann warst du draußen, und du hattest diesen Monsterhund dabei. Der war ein Geist oder so. Man konnte durch ihn hindurchsehen.“ Aus seinem Lächeln wurde ein Grinsen. Rayne wurde rot und fing an, noch mehr zu stottern. „Du hast in Flammen gestanden … und d-die Flammen … d-die waren blau.“
„Blaue Flammen … und ein Geisterhund also?“ Sein Grinsen wurde eine Spur spöttisch. „Verdammt krass … oder doch eher ein bisschen verrückt? Hm, ich kann mich nicht entscheiden.“
Ohne nachzudenken, platzte Rayne heraus: „Verrücktheit liegt bei mir in der Familie. Schätze, das wird es sein.“
Der Junge im Kapuzenpulli senkte den Kopf, um sein Grinsen zu verbergen, das immer breiter wurde. „Na, dann haben wir ja was gemeinsam. Ich bin nur einen selbst gebastelten Hut aus Alufolie davon entfernt, in der Gummizelle zu landen. Ich heiße Gabe Stewart.“
„Gabe wie Gabriel? Der Engel?“
„Nicht mal ansatzweise.“ Sein Grinsen gefiel ihr wirklich verdammt gut.
„Ich bin Rayne … Darby.“
„Rain … wie Regen?“
„Nah dran, aber nein.“ Sie buchstabierte ihren Namen. „Wenn ich an Regen denke, denke ich immer auch an Schlammpfützen, nasse Socken und Schmodder auf meinen schönen Hello Kitty-Vans.“
„Danke für die Rechtschreibkorrektur und eine Eins mit Sternchen für die bildliche Darstellung“, sagte er. „Aber nichts gegen Regen, ich bin ein Riesenfan. Er ist die Musik der Natur. Hast du schon mal im Regen getanzt?“
Sie verzog das Gesicht und sagte: „Im Regen? Mit Absicht? Nein.“
„Wenn du die Musik der Natur hörst und dabei einfach das tust, wonach dir gerade ist, spielen nasse Socken und Schuhe und Schlammpfützen plötzlich kaum mehr eine Rolle. Ich glaube, dann zählt nur noch das Herz.“ Er senkte das Kinn, ließ Rayne aber nicht aus den Augen. „Willst du da oben einziehen, oder hast du vor, demnächst auch mal wieder runterzukommen?“
Rayne antwortete nicht gleich. Sie knabberte an ihrer Unterlippe herum und starrte den Typen an, der ihr gerade den Arsch gerettet hatte. Sie wusste nichts über ihn, außer, dass er Regen mochte, gut lügen und spontan in Flammen aufgehen konnte und ein echter Partylöwe war. Wenn sie nicht unbedingt Lucas hätte finden müssen, wäre sie auf jeden Fall noch ein Weilchen geblieben und hätte ihn solange gefoltert, bis er ihr die Wahrheit verriet, aber das ging nun mal nicht.
„Was, wenn sie zurückkommen?“
„Das ist unwahrscheinlich. Riechst du das?“, fragte er. Als Rayne den Kopf schüttelte, schenkte der Typ mit dem Engelsnamen ihr ein Lächeln, für das er eigentlich einen Waffenschein gebraucht hätte. Total unfair. „Einer von diesen Vollpfosten hat sich in die Hose gemacht. Vertrau mir, die kommen nicht wieder.“
„Na dann, Hut ab! Du weißt echt, wie man ordentlich aufräumt.“
„Na klar, und du spinnst dir immer noch was zusammen. Ich hab nichts mit der Sache zu tun.“ Gabriel schien nicht vorzuhaben, ihr die Wahrheit zu sagen, aber er drängte sie auch nicht, aus ihrem Versteck zu kommen. Hinter seinem ziemlich charmanten Akzent verbarg sich eine superamerikanische Neigung zur Klugscheißerei.
„Du hast meine Frage von vorhin noch gar nicht beantwortet“, sagte er. „Wer ist Lucas?“
„Mein Bruder. Hast du hier noch irgendwen gesehen? Ich bin auf der Suche nach ihm.“
„Nö, nur diese Loser … und dich.“ Er zuckte mit den Achseln. „Seltsamer Ort für ein Familientreffen.“
„Nicht, wenn man eine Fledermaus ist.“
Wieder warf er ihr dieses etwas zurückhaltende Lächeln zu, das besagte, dass er mehr wusste, als er jemals zugeben würde.
„Ich komme runter“, sagte sie.
Als Rayne die Steinwand hinaufgeklettert war, hatte ihr eine ganze Gang von Typen im Nacken gesessen. Ohne diese Motivation war das Kunststück gar nicht so einfach: Als sie jetzt auf die Steine unter ihr starrte, sah die Wand lächerlich hoch und gefährlich aus. Bei dem Anblick schlug ihr Magen einen Salto, und ihr wurde schwindelig. Wenn sie ausrutschte und mit dem Gesicht voran auf dem Boden aufschlug, würde sie es nicht nur zum witzigsten Pannenvideo des Jahres schaffen, sondern auch eine Menge Schönheits-OPs nötig haben.
Als sie zögerte, kam Gabriel einen Schritt näher.
„Brauchst du …“
„Nein“, antwortete sie viel zu schnell.
„… Hilfe?“
Jetzt oder nie. Sie drehte sich auf den Bauch und rutschte durch den Belüftungsschacht. Sie hoffte zwar, dass sie dabei so elegant aussah wie ein Schmetterling, der sich aus seinem Kokon schälte, aber wahrscheinlich ähnelte sie eher einem Wiener Würstchen, das langsam aus dem Hotdog-Brötchen flutschte. Widerlich. Gleich hatte Gabriel volle Sicht auf ihren Hintern, aber wenigstens musste sie ihm dabei nicht ins Gesicht sehen. Während sie sich aus dem Schacht quetschte, bereute sie jedes einzelne Mal, das sie nicht zum Sportunterricht gegangen war. Sie klammerte sich am Schachtrand fest und tastete mit dem Fuß nach Halt auf den Steinen.
Auf dem Weg nach oben war sie vorsichtig gewesen. Jetzt, wo sie mit dem Hintern voraus aus der Öffnung hing, kam ihr das Wort Vorsicht nicht einmal in den Sinn. Was sie brauchte, war fester Boden unter den Füßen, und zwar sofort. Sie wollte so verzweifelt nach unten, dass sie gleich den ersten Vorsprung, den sie ertastete, mit ihrem ganzen Gewicht belastete. Hoffentlich sah sie wenigstens ein bisschen anmutig aus.
Aber es kam anders.
Die Schwungkraft und ihre gute Freundin, die Schwerkraft, übernahmen die Macht. Als Rayne spürte, wie sie nach unten stürzte, kippte die Welt wie in Zeitlupe. Mit rudernden Armbewegungen fiel sie rückwärts. Noch im Sturz war ihr klar, dass selbst der Schmerz die Scham nicht ganz würde überdecken können. Doch etwas bremste ihren Fall.
Als Rayne in Gabriels Armen landete, wurde Atmen zu einer Frage der Willenskraft.
Der achtzehnjährige Gabriel Stewart hätte einfach weggehen und sich dem Mädchen überhaupt nicht zeigen sollen. Er hatte getan, wofür er gekommen war: Er hatte die Eindringlinge vertrieben. Sie war die Letzte. Diese Idioten, die sie verfolgt hatten, würden sich nach seinem Auftritt garantiert zweimal überlegen, ob sie noch einmal einen Fuß in den alten Zoo von L.A. setzen wollten. Mein Revier. Aber als Gabe gesehen hatte, wie das Mädchen aus dem Luftschacht spähte – verängstigt und ganz allein –, hatte er plötzlich das Bedürfnis verspürt, mehr zu tun.
Dämlich! Alles, was er heute getan hatte, war dämlich und viel zu riskant gewesen. Aber jetzt, wo er das Mädchen mit dem schönen Namen in den Armen hielt, vergaß er … warum eigentlich. Raynes Augen hatten etwas in ihm ausgelöst – ein Verlangen. Seine Jahre auf der Flucht, das ewige Verstecken, das Gefühl, niemandem vertrauen zu können – all das hatte einen Preis gehabt, den er in ihrer Gegenwart plötzlich spüren konnte.
„Äh, tut mir leid.“ Nachdem er begriffen hatte, dass er sie viel länger als nötig festgehalten hatte, schluckte er so laut, dass er es selbst hörte. Was bist du nur für ein Idiot.
„Nein, wirklich, das war alles meine Schuld. Ich hätte …“ Sie beendete ihren Satz mit einem Seufzer.
Er ließ sie zwar herunter, schaffte es aber nicht, sie auch loslassen. Das Gefühl, wie sie weich und warm in seinen Armen lag und sich an seine Brust lehnte, war einfach zu schön. Er vermisste es, berührt zu werden. Jemanden festzuhalten war kein schlechter Ersatz. Durch Rayne brachen all diese Gefühle auf einmal über ihn herein, als hätte er gerade erst die Augen geöffnet und seinen ersten Atemzug getan.
„Ich bin echt ein Tollpatsch, tut mir leid.“ Sie lächelte, und obwohl sie seinem Blick auswich, erkannte er, dass sie helle Augen hatte. Nicht richtig blau. Grau und unvergesslich.
„Und … was machen wir jetzt?“, fragte sie, während sie sich aus seiner Umarmung löste.
Gabe verzog die Lippen zu einem Lächeln und stopfte die Hände in die Jeanstaschen. „Wenn wir klug sind, gar nichts.“
Sie sah ihn scharf an und sagte: „Ich glaube nicht, dass wir über dasselbe Thema reden.“
„Wahrscheinlich nicht. Schade auch.“
Der Blick des Mädchens war so intensiv, dass Gabe anfing, sich unwohl zu fühlen. Er ließ sich nichts anmerken, doch tief in ihm zog sich sein Magen schmerzhaft zusammen. Er konnte Rayne ansehen, dass sie weitere Fragen hatte, Fragen, die er ihr auf keinen Fall beantworten würde. Auch er war neugierig, er wollte mehr über ihren Bruder wissen. Sie war nicht grundlos mitten in der Nacht in den stillgelegten Zoo gekommen. Aber Gabe gab der wachsenden Spannung zwischen ihnen nicht nach.
Er konnte es nicht riskieren, sich ihr anzuvertrauen.
„Komm, ich bringe dich zu deiner hübschen Harley.“
„Wenn du von meinem Motorrad weißt, musst du gesehen haben, wie ich angekommen bin. Sag mal, wieso bist du überhaupt hier?“
Ähm, ja, gute Frage.
„Reiner Zufall, schätze ich.“ Er zuckte mit den Achseln und brachte sie zum Ausgang, den Weg entlang, auf dem sie gekommen war. Hätte sie mehr über ihn gewusst, wäre sie ihm dankbar dafür gewesen, dass er sie von sich stieß.