4. KAPITEL

West Hollywood

Lucas blieb ständig in Bewegung und hielt sich in den Schatten. Nach wie vor kämpfte er gegen die Medikamente an, die ihn schlapp und langsam machten. Er musste den Abstand zu den Männern aufrechthalten, die ihn verfolgten. Er hatte sie zwar nicht abschütteln können, hatte aber das Gefühl, Land gewonnen zu haben. Doch ein nagender Zweifel ließ ihn einfach immer weiterlaufen – warten.

Das Mädchen in seinem Kopf war verstummt. Ohne die Stimme fühlte er sich verloren. Die anderen Stimmen halfen ihm zwar, die Tatsachen im Blick zu behalten und nicht wahnsinnig zu werden, aber das war nicht dasselbe. Die Stimme des Mädchens war sein Anker geworden. Er hörte sie, wenn er sie am meisten brauchte. Jetzt hatte er das Gefühl, ziellos in einer starken Strömung dahinzutreiben, ohne Land in Sicht.

Er musste etwas tun. Einen Ort finden, an dem er sich sicher fühlte. Als er sich umsah, entdeckte er ein Schild zum Griffith Park, das ihn an etwas erinnerte, das er eigentlich hätte wissen müssen. Das Schild ließ ihn mitten in der Bewegung innehalten.

Der alte Zoo. Früher war er dort wandern gewesen, in der Nähe von einem Zeltlager für Jungen, in das ihn seine Eltern geschickt hatten. Es gab eine Menge Verstecke dort, und er kannte die Anlage gut genug, um weit ins Innere vordringen zu können. Dort gab es sicher keine Verkehrskameras. Mit etwas Glück konnte er den Zoo erreichen, ehe die Sonne aufging, aber als er sich auf den Weg in Richtung Glendale machte, flüsterte die sanfte Stimme des Mädchens in sein Ohr.

Finde mich. Du musst mich finden.

Wo bist du? Er sendete seine Gedanken nach ihr aus, doch sie hörte ihn nicht.

Sie redete weiter. Wo du auch bist, es ist zu weit weg. Ich kann dich kaum mehr spüren.

Lucas hielt an. Er wusste nicht, was er tun sollte. Am stärksten hatte er sie dort gespürt, wo er hergekommen war – dort, wo ihn die Männer gejagt hatten.

Aber dort bin ich nicht sicher, erklärte er ihr.

Als sie ihn unterbrach, wusste er, dass sie ihn endlich wieder hören konnte.

Nutze deine Gabe, um mich zu finden, sagte sie. Das ist der einzige Weg. Vertrau mir … bitte. Du musst mir vertrauen.

Der einzige Weg. Ihre Botschaften ergaben auf merkwürdige Weise Sinn. Sie hatte die Verbindung zu ihm aufgenommen und damit ihre Schuldigkeit getan. Jetzt war es an ihm, sich um den Rest zu kümmern. Er musste sie alleine finden und dabei eine „Gabe“ nutzen, die die Believers mit ihren Medikamenten unterdrückt hatten. Doch gleichzeitig lenkte ihn sein Instinkt in eine andere Richtung.

Sein Verstand sagte ihm, dass er sich im alten Zoo auf vertrautem Terrain befinden würde, an einem sicheren Ort, an dem er sich zumindest eine Zeit lang ausruhen konnte. Doch das Mädchen und die Stimmen hatten etwas in ihm zum Leben erweckt. Er konnte diese starke Verbindung und ihren Einfluss auf ihn nicht erklären, aber sie war zu seiner Zukunft geworden, zu etwas, das er auf keinen Fall verlieren durfte. Er wusste, dass es nicht sicher war, den Weg zurückzugehen, auf dem er gekommen war, doch was hatte seine Freiheit für eine Bedeutung, wenn er sich nicht mehr vollständig fühlte?

Lucas holte tief Luft und drehte sich um. Es war nicht leicht, den Drang zu unterdrücken, einfach immer weiter wegzulaufen. Es gelang ihm nur, weil er sich einzig auf das Mädchen konzentrierte.

Ich komme. Ich werde dich finden.

Griffith Park Zoo

Zwanzig Minuten später

„Oh, Mann, was für eine Riesenscheiße“, sagte Gabriel. „Muss ein Abschiedsgeschenk von den Arschlöchern gewesen sein, die dir in die Tunnel gefolgt sind.“

Rayne stand in den Schatten des Parkplatzes, wo sie die Harley abgestellt hatte. Die Reifen waren aufgeschlitzt, total zerschreddert. Sie würde neue brauchen. Mit ihrem Notfall-Werkzeugkasten konnte sie bei einem solchen Schaden nichts bewirken. Rayne würde erst einmal nirgendwo mehr hinfahren.

„Kann ich mal dein Handy benutzen?“, fragte sie. „Meins ist vorhin kaputtgegangen.“ Sie hatte alle Teile des zersprungenen Geräts aufgesammelt, aber das Ding war im Eimer, da war nichts mehr zu machen.

„Nein, tut mir leid“, erwiderte er. „Ich hab derzeit keins.“

Kein Handy? Rayne warf ihrem technologieabstinenten neuen Bekannten einen ungläubigen Blick zu und fuhr sich durchs Haar. Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Sie erwartete ja nicht von ihm, dass er in Sachen technische Ausstattung der NASA Konkurrenz machte, aber ein Handy? Komm schon! Er sah normal aus – mehr oder weniger –, solange man seine Rattenfänger-Entourage aus Fledermäusen und die Tatsache, dass man Marshmallows auf ihm rösten konnte, außer acht ließ. Was für ein normaler Typ hat kein Handy? Rayne war nach ihrem Leidensweg noch immer ein bisschen wackelig auf den Beinen, und aufgrund der Uhrzeit kam jetzt auch noch Erschöpfung dazu. So beschissen, wie es derzeit um ihr Glück stand, hielt sie es eigentlich nicht für ratsam, mitten in der Nacht zu Fuß zurück in die Stadt zu marschieren, aber jetzt blieb ihr keine andere Möglichkeit mehr.

„Wer hat denn bitte kein Handy?“ Ihre Worte klangen unfreundlicher – und verwöhnter und weinerlicher – als sie beabsichtigt hatte.

„Ich.“ Er zuckte mit den Achseln. „Schätze, ich bin der einzige Typ in ganz L.A., der nicht wie besessen SMS schreibt. In der Freunde-und-Familie-Abteilung sieht’s bei mir sowieso eher mau aus.“

„Hast du ein Auto? Es wär echt toll, wenn mich jemand zur nächsten Werkstatt fahren könnte, damit ich die Reifen reparieren lassen kann.“

Er verzog das Gesicht. „Nicht wirklich. Ich arbeite am Motor, aber ich könnte …“ Als Rayne tief seufzte, hielt er inne und sagte: „Tut mir leid.“

Sie kämpfte gegen die Tränen an, die ihr in die Augen stiegen, was ihr aber nicht sonderlich gut gelang. Als sie sich abwandte, um sich übers Gesicht zu wischen, zitterten ihre Hände. Rayne wusste, dass das Adrenalin sie ganz schön bearbeitet hatte, und sie war wütend, dass sie nicht dagegen ankam. Sie kam sich so … mädchenmäßig vor. Sie musste Lucas finden, aber ohne die Maschine konnte sie ihm nicht helfen.

„Also …“, setzte Gabriel an. Seine Stimme klang so leise und sanft, dass Rayne die Tränen wieder hochkamen. Diesmal ließen sie sich nicht verbergen. „Ich weiß, dass du müde bist. Bestimmt willst du nach Hause zu deinen Leuten.“

Klar, meine Leute. Rayne biss die Zähne zusammen, sagte aber nichts. Der Einzige, der sie vermissen würde, hatte einen schuppigen grünen Körper und genug Salatbrei für die nächsten Tage.

Bei Luke sah das ganz anders aus.

„Ich weiß, wo wir hingehen können. Sonderlich gemütlich ist es nicht, aber du könntest dich ausruhen, während ich den Truck repariere. Es wird nicht lange dauern. Wenn ich fertig bin, laden wir dein Motorrad ein, und ich bringe dich überall hin, wo du willst.“ Er lächelte und streckte die Hand aus, um ihr eine Träne von der Wange zu wischen. „Versprochen. Du bist sicher … bei mir.“

Gabriels Berührung fühlte sich ganz selbstverständlich an. Rayne hatte eine Verbindung zu ihm, die sie sich nicht erklären konnte. Ihr Kopf sagte ihr, dass sie wachsam sein sollte. Vertrauen musste man sich erst verdienen. Sie lebte allein, und wenn sie jemals einen Typen zu sich nach Hause einlud oder einen Freund hatte, würde sie vorsichtig sein müssen. Denn wenn sich herausstellte, dass der Typ ein Perverser war, war sie auf sich gestellt.

Sie wusste selbst nicht, wie sie plötzlich auf den Gedanken kam, dass sie Gabriel gerne wiedersehen wollte. Vielleicht lag es ja einfach daran, dass er sie gerettet hatte. Rayne spürte ein starkes Band zwischen ihnen. Außerdem faszinierte er sie. Sie wollte definitiv mehr über ihn wissen, aber Gabriel wirkte einfach zu perfekt für ein Mädchen wie sie. Die Leute würden denken, dass sie ihn in der Lotterie gewonnen hatte. Sie durfte sich nicht auf ihr Herz verlassen, nicht mit einem Typen, der so aussah und sich so benahm wie er.

Aber jetzt hatte etwas anderes die Oberhand gewonnen. Ein Instinkt, ein Bauchgefühl, was auch immer. In diesem in magisches Mondlicht getauchten Augenblick glaubte sie Gabriel und folgte ihm.

Einige Minuten später

„Hier wohnst du?“, fragte Rayne und versuchte, nicht zu sehr wie Mia zu klingen.

„Unter anderem, ja.“

„Ach, dann ist das so was wie deine Sommerresidenz, ja? Schon verstanden.“

Gabriel Stewart lebte im Zoo. Er hatte es sich in einer Ecke eines alten Geräteschuppens heimisch gemacht. Irgendwie passte das zu ihm, aber trotzdem empfand Rayne einen Anflug von Einsamkeit. Seit sie alleine lebte, wusste sie, was es hieß, ganz auf sich gestellt zu sein, ohne Familie. Aber das hier war nicht normal, nicht einmal ansatzweise. Denn es wirkte so, als hätte er sich absichtlich isoliert.

Gabriel war vor etwas davongelaufen.

„Gemütlich“, sagte sie.

Als Bett diente ihm ein Schlafsack auf nacktem Beton, und im Werkstattbereich des Schuppens stand ein verrosteter blauer Truck mit geöffneter Motorhaube. Außerdem gab es einen kleinen Campingkocher, eine Mülltüte und einen Stapel ordentlich zusammengefalteter Kleidung auf einem Stapel Betonziegel, damit sie nicht auf dem staubigen Boden liegen mussten.

Zusammengefaltet? Echt jetzt? Rayne seufzte tief.

An Gabriel schien ein Ordnungsfanatiker verloren gegangen zu sein – aber das hier war wohl nicht der richtige Augenblick, um ihn darauf hinzuweisen. Besonders nicht, nachdem etwas anderes Raynes Aufmerksamkeit gefesselt hatte. Neben seinem improvisierten Bett stand eine Reihe von seltsamen Holzschnitzereien.

„Hast du die gemacht?“ Sie nahm einen geschnitzten Hund hoch. Das Holz fühlte sich glatt in ihrer Hand an, und sie zeichnete mit dem Finger die erstaunlich feinen Details nach.

„Ja, wenn ich nicht schlafen kann.“

Rayne stellte den Holzhund zurück und sah die zahllosen Schnitztiere an, die einen ganzen Teil des Schuppens einnahmen. Wie es aussah, bekam Gabriel nicht viel Schlaf.

„Also, ich muss arbeiten“, sagte er. „Damit du nach Hause kannst.“

Gabriel zündete ein paar Kerzen neben dem Truck an. Es wirkte so, als hätte er das schon unzählige Male getan. Dann machte er sich wie versprochen an die Arbeit.

„Wenn dir kalt wird, habe ich noch eine Extradecke. Siehst du? Da drüben.“

„Ja, danke.“

Rayne schnappte sich die Decke und mummelte sich in Gabriels Schlafsack ein. Das hätte sich seltsam anfühlen müssen, tat es aber nicht. Ihre Lider wurden schwer, und sie sah zu, wie Gabriel arbeitete. Jetzt, wo das Licht besser war, konnte sie sehen, dass seine Augen die Farbe von Bernstein hatten, und im Moment wirkte sein Blick so fokussiert, dass sie fast schon eifersüchtig auf den Truck wurde. Ein paar Mal erwischte sie Gabriel dabei, wie er ihr Blicke zuwarf, wenn er dachte, dass sie ihn nicht bemerkte. Sie musste jedes Mal ein Lächeln unterdrücken.

Kurz bevor sie einschlief, fiel ihr ein Zeichenblock auf, der aus einem Rucksack hervorlugte. Er wirkte vertraut, sie kannte diese Blöcke aus dem Kunstunterricht. Als sie ihn hervorzog und aufklappte, machte sie große Augen. Plastische Bleistift- und Kohlezeichnungen von Gesichtern füllten die Seiten. Einige wirkten unheimlich, und alle waren unglaublich detailliert.

Vor allem Jugendliche, Jugendliche in ihrem Alter.

„Bist du Künstler?“, fragte sie.

„Nicht wirklich“, antwortete Gabriel, ohne aufzublicken. „Ich schnitze nur gern ein bisschen herum.“

„Nein, ich rede von diesen Zeichnungen. Hast du die gemacht?“

Als er bemerkte, was sie in Händen hielt, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. „Das ist mein Skizzenblock. Der ist privat.“

Seine Reaktion ließ ihr die Röte ins Gesicht steigen.

„Tut mir leid, ich wollte nicht …“

Auf Gabes Zügen lag ein ausgesprochen merkwürdiger Ausdruck. Er reagierte anders, als sie erwartet hätte. Er sah aus, als hätte sie ihn dabei erwischt, etwas Verbotenes zu tun anstatt andersherum. Sie hatte nicht in seinen Privatsachen herumwühlen wollen, aber seine Reaktion überraschte sie.

Er wirkte verängstigt.

Er hörte auf, an dem Truck herumzubasteln, wischte sich die Hände sauber und kam zu ihr herüber. Dann kniete er sich neben das Bett und streckte die Hände aus. Sie gab Gabriel den Block, und er schob ihn wortlos unter den Kleiderstapel. Das traf sie mehr, als wenn er ausgerastet wäre.

„Schon okay“, sagte er. „Aber … bitte mach so was nicht noch mal, okay?“

„Ja, klar.“

Nachdem sich Gabriel wieder an die Arbeit gemacht hatte, behielt Rayne ihn im Blick. Ihn und den Skizzenblock.

West Hollywood

Lucas hatte eine gefährliche Grenze überschritten, und er wusste es. Er spürte die Anwesenheit der Männer, die ihn jagten, ganz deutlich. Wo auch immer er hinsah, bemerkte er eine Verkehrs- oder Sicherheitskamera, die auf ihn gerichtet war. Aber nun war ihm das egal. Er hatte seine Objektivität verloren, und mit jedem Schritt ließ seine Gabe einen schmerzhaften Stromschlag über seine Haut zucken. Doch er spürte den Schmerz kaum mehr. Sein heftiges Verlangen, bei dem Mädchen zu sein, hatte ihn blind gemacht. Zu seinem Drang, einfach davonzulaufen, gesellte sich der starke Eindruck, dass ihm Unheil drohte. Er ging das Risiko nur aus einem einzigen Grund ein.

Er musste das Mädchen finden – das Mädchen in seinem Kopf – und beenden, was er begonnen hatte. Das Mädchen war sein Kompass geworden, sein Polarstern. Die Skyline von L.A. hatte sich stahlgrau verfärbt. Bald würde die Sonne aufgehen. Seine Füße schmerzten, sein Magen knurrte vor Hunger, und sein Körper sehnte sich nach Schlaf, aber all das hatte keine Bedeutung.

Er war nahe – bei ihr.

Sprich mit mir. Halt mich wach, okay? Er zwang sie, ihm zuzuhören, während er immer weiter den endlosen Gehweg entlanglief.

Sie antwortete nicht, sondern redete einfach weiter. Du wirst stärker. Ich kann dich spüren. Ihre Stimme schenkte ihm allen Trost, den er brauchte.

Direkt vor sich sah Lucas eine neonbeleuchtete Einkaufsmeile. An sich keine große Sache – bis er eine Veränderung im Licht bemerkte. Die Neonlampen glühten plötzlich heller und strahlten Ringe aus schillernden Farben aus, die leicht pulsierten. Er hielt an und staunte wie ein Kind vor seinem ersten Weihnachtsbaum.

Kurz vor den Läden weckte eine Kreuzung seine Aufmerksamkeit. Er ließ sich von seinen Instinkten weiterführen. Die Straßen bildeten ein X, und vor seinem inneren Auge blitzte das Bild eines Zielscheibenzentrums auf, das seinen Blick weiter über die Straße lenkte. Als Nächstes schickten ihn seine Instinkte zu einem mehrstöckigen alten Parkhaus. Es war von einem Maschendrahtzaun umgeben, auf dem mehrere Schilder hingen, auf denen gewarnt wurde, dass das Gebäude zum Abriss freigegeben war. Es sah leer und verlassen aus.

Wie auch immer sein Verstand dieses Puzzle zusammengesetzt hatte: Er wusste, dass das Mädchen dort war, in einem Parkhaus, das bald abgerissen werden sollte. Ein seltsamer, unspektakulärer Ort, um sein neues Leben zu beginnen. Er fragte sich nicht, woher er wusste, dass er dort richtig war, sondern folgte weiter seiner Eingebung. Lucas überquerte die Straße, lief immer schneller, je näher er kam. Bruchstückhafte Bilder von einem Mädchen blitzten durch seinen Kopf. Sie trug das Gesicht seiner Zukunft, in jeder Nuance, jeder Farbe.

Das Mädchen in seinem Kopf erschien ihm wie ein Kristallprisma. Ihr innerstes Wesen spiegelte sich in zahllosen Bildern wider, die sich in einem gebrochenen, strahlend hellen Licht fingen. Er prägte sich jeden Blick, den er auf sie erhaschen konnte, genau ein. Ihre Haut, den weichen Schwung ihrer Lippen, wie es ihrer Seele gelang, ihn festzuhalten, ohne ihn zu berühren. Er musste sie nicht sehen, um zu wissen, dass alles, was er spürte, der Wahrheit entsprach.

Sie hatte ihn für alles blind gemacht – selbst für den Van, der langsam hinter ihm herfuhr.

Griffith Park Zoo

Gabe hatte gar nicht bemerkt, wie müde er war, bis er die Motorhaube seines alten Trucks herunterklappte und die Kerzen ausblies, in deren Licht er gearbeitet hatte. Nur eine Kerze ließ er brennen und schützte die Flamme mit der Hand vor dem Erlöschen, während er sie zum Schlafplatz des Mädchens trug.

Rayne. Ihr Name erinnerte ihn an den Frühling, an Musik und ein Leben, in dem er im Regen hatte tanzen können – an das letzte Mal, dass er sich sicher gefühlt hatte … und geliebt.

Jetzt stand er im flackernden Licht der Kerze über ihr und sah ihr zu, wie sie auf den Bauch gedreht schlief. Es entspannte ihn, dem Rhythmus ihres Atems zu lauschen, und da ihre Augen geschlossen waren, konnte er sie anstarren, solange er wollte. Er hätte bleiben und ihr weiter beim Schlafen zusehen können, doch damit hätte er sich nur gequält. Denn sie rief ihm ein Leben in Erinnerung, das er nicht haben konnte. Er kniete sich hin und breitete die Decke über ihre Schultern.

Jetzt, wo der Truck wieder fahrtüchtig war, würde sie bald erwachen und aufbrechen wollen. Sie musste ihren Bruder finden, und so sehr Gabe ihr auch helfen wollte, er konnte es nicht. Er hatte keine Wahl. Selbst wenn sie ihn um Hilfe bat, würde er Nein sagen müssen. Klar, er würde wie ein Riesenarschloch dastehen und hatte es auch mehr als verdient, diesen Stempel aufgedrückt zu bekommen.

Aber es war besser für sie, wütend auf ihn zu sein, weil er sie abwies, als in sein total verkorkstes Leben hineingezogen zu werden. Gabriel löste sich von ihrem Anblick und kroch auf die Ladefläche seines Trucks, um für ein Weilchen die Augen zu schließen. Ehe er die Kerze ausblies, sah er in Raynes Gesicht. Vielleicht konnte sie ja eine Nacht lang die Albträume vertreiben.

Vielleicht.

West Hollywood

Auf der Suche nach einem Weg durch den Zaun, der das abbruchreife Parkhaus umgab, bemerkte Lucas beim Überqueren der Straße einen dunklen Van, der beschleunigte. Die Scheinwerfer blendeten ihn, als der Van auf ihn zuraste. Im letzten Augenblick schwenkte der Wagen ab und hielt mit quietschenden Reifen am Randstein. Hinter der Windschutzscheibe bewegten sich Schatten. Als eine Tür aufglitt, ging die Innenbeleuchtung an, und Lucas sah zwei Männer herausspringen. Er wartete nicht ab, was sie wollten.

Er rief auch nicht um Hilfe. Stattdessen schickte er seine Gedanken auf die Suche – nach ihr.

Ich habe Gesellschaft.

Ja, das sehen wir. Was sie sagte, hätte ihn fast eine Vollbremsung einlegen lassen. Wir? Diesmal hatte sie ihn hören können. Lucas wusste nicht, was er davon halten sollte, aber er hatte keine Wahl. Diese Männer waren Believers. Das verriet ihm jeder Instinkt in seinem Körper.

Hintenrum. Such ein Loch im Zaun, wies sie ihn an. Dein Ziel ist das Garagendach. Dort sind wir. Halte sie hin.

Sie hinhalten? Lucas wusste, dass er kaum eine Chance gegen diese Typen hatte. Sie waren zu schnell und besser in Form als er. Er würde nicht verhindern können, dass er sie zu dem Mädchen führte – zu ihnen. Obwohl sich all das nicht richtig anfühlte, tat er, was das Mädchen gesagt hatte. Als er um die Ecke zu einem langen Häuserblock bog, entdeckte er einen Abschnitt des Maschendrahtzauns, der durchtrennt und weggebogen worden war. Er zog eine Schulter hoch und schob sich seitlich durch die Öffnung, ohne sein Tempo zu reduzieren. Das Metall riss ihm Rücken und Arme auf, aber Lucas hielt nicht an.

Er rannte eine Auffahrtsrampe hoch und wurde von Schatten verschluckt. Den Weg zu dem Mädchen ließ er sich einzig von seinen Gefühlen weisen. Bei jedem Schritt hörte er die Männer näher kommen, aber er sah sich nicht um. Er konzentrierte sich nur auf das Mädchen, obwohl seine Beine brannten und seine Lungen nach Luft schrien.

Lucas nahm jede Abkürzung, die er finden konnte, er duckte und versteckte sich, wann immer er konnte, und wechselte im Dunkeln die Richtung, um die Männer aufzuhalten. Aber abschütteln konnte er sie nicht. Als er auf dem Garagendach eintraf, war er völlig am Ende – und noch schlimmer war, dass das Mädchen nirgendwo zu sehen war. Sie war nicht auf dem Dach. Da er nirgendwo mehr hingehen konnte, drehte er sich zu den drei Männern um, die ihn fast die ganze Nacht lang gejagt hatten. Sein Körper war schweißbedeckt, er keuchte, und sein Seitenstechen war so schlimm, dass er kaum mehr stehen konnte.

„Stehen bleiben … g-genau da“, brüllte Lucas und hielt eine Hand hoch. „Sie sind umzingelt.“

„Du kleiner Sch-scheißkerl“, stotterte der größte Typ.

Mit ihren Stoppelfrisuren, den G.I.-Joe-Muskelpaketen, den schweren Stiefeln und Polohemden, die sie wie Uniformen trugen, sahen die drei Männer aus wie Cops oder ehemalige Soldaten. Der Große schien die Verantwortung zu haben und hatte offensichtlich keinerlei Sinn für Humor. Als er winkte, packten die anderen beiden Lucas an den Armen. Er warf sich hin und her und trat um sich, aber die Männer waren zu stark.

„Rufen Sie meine Sch-schwester Mia an“, japste er. „Sagen Sie ihr … dass ich nicht zurück ins Krankenhaus kann.“

„Keiner hat vor, dich dahin zurückzubringen, aber ich denke, wir sollten etwas klarstellen.“ G.I. Joe starrte ihn wütend an und mahlte mit den Kiefern. „Ich wette, du hältst das hier für ein riesiges Missverständnis.“

Lucas hörte auf sich zu wehren. Während der Typ ihn anstarrte, blinzelte er nicht ein einziges Mal.

„Du solltest wissen, wie es von jetzt an läuft“, sagte er. „Und ich weiß auch, wo wir am besten anfangen.“

Als der Typ näher kam, zuckte Lucas zusammen und versuchte, nach hinten auszuweichen. Der Mann blinzelte immer noch nicht.

G.I. Joe packte ihn an der Kehle und sagte: „Zuerst mal wirst du dafür zahlen, dass du uns ins Schwitzen gebracht hast.“

Lucas fühlte den Schmerz des ersten Hiebs und sah Sterne. Den Rest spürte er nicht mehr, es war, als würde jemand anders verprügelt werden. Quälend langsame Bewegungen, die er nicht aufhalten konnte. Stadtlichter und gesichtslose Schatten tanzten wie ein Höllenkarussell um ihn herum, bis alles zu einem abrupten Halt kam.

Als der Typ gerade erneut zuschlagen wollte, sah Lucas die Schatten auf der Brüstungswand auftauchen und drehte sich zu ihnen um. Beim Aufprall der Faust verlor er das Gleichgewicht und stolperte rückwärts, weil die Männer ihn unvermittelt losgelassen hatten. Lucas stürzte zu Boden und prallte mit dem Kopf hart auf den Betonboden. Die Schock ließ hinter seinen geschlossenen Lidern Sterne aufblitzen, und ein blendender Kopfschmerz zuckte bis in seinen Nacken hinab. Er entkam dem Schmerz, indem er seine Gedanken einfach davonfliegen ließ. Er fühlte sich schwerelos, frei von dem Gefängnis seines Körpers.

„Warum habt ihr Arschlöcher ihn losgelassen?“, brüllte G.I. Joe.

„Wegen denen da“, sagte einer der Typen und zeigte in die entsprechende Richtung.

Lucas hörte das Gespräch zwischen den Männern gedämpft und sah eine verschwommene Bewegung, als G.I. Joe sich in die Richtung umblickte, in die der andere gewiesen hatte. Er musste nicht klar sehen können, um zu wissen, wer die Party gesprengt hatte. Lucas spürte das Mädchen jetzt, im Niemandsland zwischen Schmerz und Bewusstlosigkeit, so stark wie nie zuvor. Er musste das Mädchen unbedingt sehen und kämpfte gegen die Schwärze an, die seinen Geist zu durchdringen drohte. Er hob den Kopf. An den Männern vorbei, die über ihm aufragten, konnte er ihre dunkle Silhouette sehen, die aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien.

Sie war nicht alleine.

Sie stand auf einer Brüstungsmauer, Schulter an Schulter mit den anderen – den Stimmen, die Lucas gehört hatte. Jeder von ihnen hatte eine leuchtend blaue Aura. Sie waren wie er. Das Hintergrundrauschen ihres Geflüsters wurde lauter und schwoll zu dem Summen eines Bienenstocks an, dann stellte er eine Verbindung zu ihnen her, und die Worte wurden klarer. Ein Wort stach hervor und blieb in seinem Kopf: Zuhause, ein Wort, das lange Zeit keine Bedeutung für ihn gehabt hatte. Als er in die Gesichter der anderen sah, konnte er keinerlei Angst in ihnen entdecken. Sie starrten so finster auf G.I. Joe und seine Kumpanen herab, als wären die Männer Eindringlinge, die in ihrem Terrain wilderten.

„Verschwindet“, sagte der Mann. „Das hier geht euch nichts an.“

„Oh, doch, das tut es. Er geht mich sogar sehr viel an.“ Das Mädchen verschränkte die Arme und sah G.I. Joe kampflustig an. „Er gehört mir.“

„Du hast doch keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast“, drohte der Mann und zog eine Pistole aus seinem Hosenbund.

„Das könnte ich auch sagen.“ Sie zuckte beim Anblick der Waffe nicht einmal mit der Wimper.

Ein langsames Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. Sie sprang von der Mauer und kam näher. Die anderen folgten ihr und umringten die Männer, die in der Unterzahl waren, immer enger. Doch mit der Waffe in der Hand behielt G.I. Joe die Kontrolle, bis das Mädchen vor die anderen trat.

„Gewalt ist nicht nötig“, sagte sie leise und beunruhigend gelassen. „Sie wollen diesem Jungen nicht wehtun … oder uns. Niemand muss verletzt werden.“

Auf dem Gesicht des Mannes hatte ein selbstgefälliges Grinsen gelegen, das jetzt schnell verblasste. Er starrte das Mädchen an und begann, flach und mühsam zu atmen.

„Was bist du …?“ Als der Mann verstummte, zitterte die Pistole in seiner Hand. Das Zucken wanderte seinen Arm hoch, als wäre ein lebendes, atmendes Etwas unter seine Haut gekrochen. „Hör auf damit … w-was auch immer du da machst, oder ich sch-schieße.“

„Das kann ich leider nicht zulassen.“ In einer unschuldig wirkenden Geste legte sie den Kopf schief, und die Zeit blieb stehen.

Lucas spürte den Kampf, den der Mann und das Mädchen miteinander ausfochten. Halb erwartete er, einen Schuss zu hören, doch dazu kam es nicht. Als G.I. Joe das Zittern nicht mehr kontrollieren konnte, ließ er mit einer ruckhaften Bewegung die Waffe fallen. Er hielt seine Hand, als würde sie schmerzen, und wich in plötzlicher Panik mit weit aufgerissenen Augen zurück.

Zwei blonde Jungen schoben sich vor das Mädchen und traten den Männern gegenüber. Sie waren klein und mager und glichen einander so sehr, dass Lucas dachte, er würde doppelt sehen. Der Mond fing ihre Haarfarbe ein und reflektierte sie, wodurch ein seltsames Glühen von den Zwillingen ausging. Ihre Gesichter wirkten wie engelsgleich, aber ihre Augen und ihr herausforderndes Verhalten erzählten eine ganz andere Geschichte.

Die Jungen waren … besonders.

Lucas konnte den Kopf nicht mehr oben halten, denn die Kopfschmerzen wurden immer stärker. Er sank zurück auf den Boden und starrte in einen stahlgrauen Himmel, der mit verblassenden Sternen gepunktet war. Dann schloss er die Augen und ließ sich ins Dunkel fallen.

Nicht einmal das Geschrei der drei Männer konnte ihn wachhalten.

Griffith Park Zoo

Etwas weckte Rayne. Was auch immer es gewesen war, jetzt verweilte es als Andenken an ihren ruhelosen Schlaf am Rand ihres Bewusstseins. Sie öffnete die Augen und starrte auf einen gewellten Metallhimmel. Der blasse Schimmer des Morgens füllte den Schuppen und hatte die Schatten vertrieben, an die Rayne sich noch von letzter Nacht erinnerte. Sie brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, wo sie war. Gabriel musste mit der Arbeit am Truck fertig geworden sein. Die Kerzen waren gelöscht, die Motorhaube heruntergeklappt. Rayne wäre lieber unter der warmen Decke geblieben, doch als sie Gabriel nicht entdecken konnte, setzte sie sich auf.

Und da hörte sie es, ein leises Geräusch, das sie auch geweckt haben musste. Ein Stöhnen. Ein Keuchen. Etwas, das am Truck kratzte. Als ein erbärmlicher Schrei durch den Schuppen hallte, schlug sie hastig die Decke zurück und rannte zum hinteren Teil des Fahrzeugs. Die Hecktür war heruntergeklappt. Gabriel war auf der Ladefläche des Trucks eingeschlafen.

Er hatte einen Albtraum.

Rayne kletterte auf die Ladefläche, doch als Gabriel um sich schlug und schrie, wusste sie nicht, was sie tun sollte. Sie hatte gelesen, dass es ein Trauma auslösen konnte, jemanden mitten aus einem Albtraum zu reißen. Gabe leiden zu lassen kam ihr aber auch nicht richtig vor.

„Gabriel. Ich bin’s, Rayne. Du hast einen schlechten Traum.“

„Hellboy. Komm“, murmelte er. „Was ist los, mein Junge?“

Sie berührte ihn am Arm, um ihn zu wecken, und er packte sie mit einem gequälten Gesichtsausdruck und schlug die Augen auf. Trotzdem schien er nach wie vor in seinem Albtraum gefangen zu sein. Als Rayne den gehetzten Ausdruck in seinem Blick sah, wusste sie, dass sie ihn im Augenblick nicht erreichen konnte. Als sie ein Winseln und das Klicken von Hundepfoten auf dem Betonboden vor dem Truck hörte, fuhr sie zusammen. Ihre Angst legte einen Kickstart hin. Sie hörte Gabes Geisterhund nicht nur, sie spürte seine Anwesenheit auch so deutlich, als müsse sie nur die Hand ausstrecken, um ihn zu berühren. Nur, dass sie genau das eben nicht konnte. Ihr Blick folgte den Geräuschen, doch da war nichts.

Nichts!

„Ich warne dich. Wenn du mir zu nahe kommst, markiere ich dein Revier. Hau ab, du vierbeiniges Schlossgespenst!“

Rayne kam sich vor wie eine Idiotin, weil sie mit dem Nichts redete und ihm befahl, zu verschwinden. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, aber Gabriel nahm ihr die Entscheidung ab. Er stand auf und sprang vom Truck, als hätte er eine Mission. Rayne folgte ihm mit einigem Abstand.

Sie hatte ein schlechtes Gefühl.

Gabriel ging mit offenen Augen zu seinem Schlafsack, als wäre er hellwach. Dann nahm er seinen Skizzenblock und einen Kohlestift und setzte sich im Schneidersitz auf sein Lager. Er war außer Atem. Keuchend starrte er ins Nichts, sah durch Rayne und alles andere hindurch. Er wiegte sich vor und zurück, noch immer fest im Griff seines quälenden Traums. Seine Hand raste über den Skizzenblock.

„Gabriel? Bist du …wach?“

Unaufhörlich fuhr seine Hand über die leere Seite. Schweiß tropfte von seiner Schläfe, und er wimmerte, als würde ihm das Zeichnen Schmerzen bereiten. Rayne rutschte näher heran. Mit zitternden Fingern strich sie ihm eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht und fuhr seine gerötete Wange hinab. Nichts konnte ihn aufwecken.

„Das ist mein Skizzenblock. Der ist privat.“

Immer wieder hallten Gabriels Worte durch ihren Kopf, während sie ihn beim Zeichnen beobachtete. Er schien von einer Vision besessen zu sein, die nur er sehen konnte. Ihn jetzt aufzuhalten stand völlig außer Frage. Rayne richtete ihren Blick auf den Block, sie war gespannt, was ihm so wichtig war. Auf dem Paper nahm das verängstigte Gesicht eines Jungen mit langem, dunklem Haar und hellen Augen Form an. Sie kniete sich hinter Gabriel, um ihm über die Schulter zu schauen. Als seine Zeichnung fast fertig war, hatte sie genug gesehen. Entsetzt keuchte sie auf, als sie begriff, was Gabriel getan hatte.

Aus dem Skizzenblock starrte ihr das Gesicht ihres vermissten Bruders entgegen, und seine Kehle wurde von einer riesigen Hand umschlossen. Lucas wirkte verstört. Vollkommen verängstigt.