5. KAPITEL

Griffith Park Zoo

„Gabriel. Hör mir zu.“ Rayne kniete vor ihm und legte ihre Hände um sein Gesicht. Sie sah ihm in die glasigen Augen, während er mit dem Skizzenblock im Schoß auf seinem Schlafsack saß.

„Was hast du gesehen? Sag es mir.“ In der Hoffnung, ihn damit aufzuwecken, schüttelte sie ihn sanft.

„Was … was ist p-passiert?“ Endlich sah Gabriel sie an, aber er wirkte benommen. Erschöpft sank er in sich zusammen und ließ zu, dass sie ihn umarmte. Rayne hielt ihn fest. Was sie gerade gesehen hatte, hatte sie völlig durcheinandergebracht, aber sie brauchte Antworten. Für Lucas.

„Du musst mit mir reden.“ Sie umarmte ihn fester und flüsterte ihm ins Ohr: „Und bitte lüg mich diesmal nicht an.“

„Wovon redest du?“, murmelte er und löste sich aus ihren Armen. „Verschweigen ist nicht dasselbe wie Lügen … jedenfalls nicht direkt.“

Rayne schnappte sich den Skizzenblock und hielt das Porträt von Lucas hoch.

„Erzähl mir von ihm. Was hast du gesehen?“ Sie stieß mit dem Finger auf das Papier. „Es sah so aus, als hättest du eine Vision.“

„Nein, das ist … nichts. Ich habe Träume, keine Visionen. Ich zeichne. Keine große Sache.“

Gabe wandte sich ab, er konnte ihr nicht in die Augen sehen. Er lebte hinter einer Wand aus Geheimnissen, und sie hatte das Gefühl, dass die Zeichenblockvisionen nur ein Teil der Dinge waren, die er vor ihr geheim halten wollte. Irgendwie musste sie einen Weg finden, an ihn heranzukommen. Gabriel war ein Rätsel, das sie lösen wollte, aber nachdem sie gesehen hatte, was er gezeichnet hatte, war es erst einmal wichtiger, Lucas zu helfen.

„Gabe, du verstehst das nicht. Der Junge, den du gezeichnet hast. Das ist mein Bruder, Lucas. Und er ist verschwunden.“

„Was?“ Er riss ihr den Block aus der Hand und starrte auf das Bild, das er gemalt hatte. „Bist du sicher? Vielleicht bin ich auch einfach nur untalentiert.“

„Die Zeichnung ist fast so genau wie ein Foto. Du bist ein verdammter Michelangelo. Natürlich hast du Talent.“

„Aber ich kenne deinen Bruder nicht. Wie kann es dann sein, dass ich ihn zeichne?“

„Sag du’s mir, van Gogh.“

„Das solltest du wirklich lassen.“

„Was denn?“

„Van Gogh war ein niederländischer Postimpressionist, das ist ganz was anderes als ein italienischer Renaissancemaler wie Michelangelo.“

„Kunstgeschichte? Echt jetzt?“ Sie starrte ihn völlig ungläubig an. „Jetzt mach nicht den Rain Man. Bitte, konzentrier dich!“

Rayne warf den Block auf den Schlafsack und umfasste wieder Gabriels Gesicht. Sie zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen. „Und zwar jetzt. Mach die Augen zu und versuch, dich zu erinnern, was du gesehen hast. Lass nichts aus.“

Nach einem langen Moment angespannter Stille tat Gabriel, worum sie ihn gebeten hatte. Er schloss die Augen und sprach drauflos. Einiges ergab überhaupt keinen Sinn. Er erzählte von Weihnachtsbäumen und einem Piratenschatz, der von einem X markiert wurde. Seine vagen Erinnerungen waren Rayne kaum eine Hilfe, außer, dass sie Raynes Sorge noch verstärkten. Lucas hatte Angst gehabt. Das zeigte die Zeichnung. Gabe wusste nicht, warum eine fleischige Hand um Lucas’ Kehle lag, und er versuchte, diesen Teil herunterzuspielen, damit sie sich besser fühlte, doch es gelang ihm nicht.

„Das war alles“, sagte er schließlich. „An mehr kann ich mich nicht erinnern. Was ich sehe, ist nicht wie ein Video. Es sind nur ungeordnete Eindrücke. Kann sein, dass ich damit total danebenliege.“

Rayne wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Diese Visionen … die Träume. Sind die …?“ Sie brach ab, wollte nicht aussprechen, was ihr durch den Kopf ging, doch sie musste es tun. „Hast du Visionen von Dingen, die schon passiert sind … oder von Ereignissen in der Zukunft, Dingen, die geändert werden können?“

Gabriel seufzte tief und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

„Ich habe keine Ahnung. Vor dir wusste ich noch nicht mal, dass es diese Leute wirklich gibt. Jetzt kann ich nicht …“ Er beendete den Satz nicht, sondern nahm seinen Skizzenblock und blätterte durch die Seiten. Bei den besonders Angst einflößenden Skizzen hielt er inne, als würde er noch einmal erleben, was er gesehen hatte. Rayne wollte ihn umarmen, aber er schien völlig in seinen Qualen versunken zu sein, aus denen es für ihn keinen Ausweg gab.

Er schloss die Augen und seufzte. „Warum wusste ich nicht, dass es sie … wirklich gibt?“

„Ich weiß es nicht, Gabriel.“ Sie berührte seine Wange und kämpfte gegen den Kloß in ihrem Hals an. „Aber ich muss meinen Bruder finden. Wirst du mir helfen? Du bist der Einzige, der ihn gesehen hat.“

Gabe warf ihr einen überraschten Blick zu und sah sie viel zu lange an. Als er ihr nicht anbot, ihr bei der Suche zu helfen, spürte sie ihre Wangen heiß werden und verzog das Gesicht.

„Luke steckt in Schwierigkeiten. Du hast es selbst gesehen, und ich bin mir sicher, dass deine Visionen die Realität zeigen. Ich brauche dich, Gabriel.“

„Ich bin der Letzte, den du brauchst. Vertrau mir.“ Er schüttelte den Kopf. „Was ist mit deiner Familie? Warum ist keiner zur Polizei gegangen? Können dir die Cops nicht helfen? Sie haben Pistolen und Uniformen und all so was.“

Sie überlegte kurz, ihm alles zu erzählen und ihm anzuvertrauen, dass Lucas aus Haven Hills geflohen war, aber sie wusste nicht, wie Gabriel die Geschichte aufnehmen würde. Ein Junge aus einer Psychiatrie, der auf freiem Fuß war, würde ihm noch mehr Grund geben, sich aus der Sache rauszuhalten und Nein zu sagen.

„Ich kann nicht zur Polizei. Das ist eine lange Geschichte.“ Plötzlich hatte Rayne das Gesicht ihrer Schwester vor Augen. Auf der Gehaltsliste von Mias Kirche standen auch Cops, und die Kirche schien es auf Lucas abgesehen zu haben. Die Polizei einzuschalten wäre nicht nur Zeitverschwendung gewesen, sondern würde auch Aufmerksamkeit auf das lenken, was sie unbedingt tun musste: Lucas finden und mit ihm sprechen, ohne dass Mia sie überwachte.

„Ich weiß nicht, was du von mir erwartest“, sagte Gabe. „Soll ich schlafen, bis ich wieder so ein Meisterwerk zeichne? Ich kann diesen Kram nicht kontrollieren. Und ich … ich mache das auch nicht wirklich alleine.“

„Was redest du denn da? Ich habe doch gesehen, wie du Lucas gezeichnet hast. Du hast geschlafzeichnet.“ Ehe er es mit einer neuen Lüge versuchte, fiel ihr noch etwas zu seinem Albtraum ein. „Wer ist Hellboy?“

„Was?“ Gabriel starrte sie an, als hätte sie ihm grundlos eine Ohrfeige verpasst. „Wieso? Hellboy ist ein Comicheld.“

„Ja, für normale Leute. Aber es ist auch der Name von deinem Geisterhund“, behauptete sie. „Wo hast du ihn gefunden? Im Tierheim für Spukviecher?“

Gabe antwortete nicht. Er musste noch überzeugt werden.

„Als er dich angezündet hat, hat er dich ins Territorium von Akte X verfrachtet, stimmt’s?“ Sie berührte seinen Arm. „Ich habe Hellboy bei den Tunneln gesehen. Und während du geträumt hast, hast du seinen Namen gerufen, und er kam wie ein ganz braver Hund sofort angetrabt. Ich habe ihn winseln gehört, Gabe. Er hat mir eine Heidenangst eingejagt, aber ich weiß, was ich gehört, aber nicht gesehen habe.“

Okay, das klang selbst in ihren eigenen Ohren schräg. Aber sie konnte Gabe an seinem Blick ansehen, dass er müde wurde. Ihren Fragen auszuweichen war zu einer olympischen Disziplin geworden. Sie hatte keinen Beweis, und ihre Anschuldigungen waren absolut absurd. Alles, was sie noch hatte, waren ihre Instinkte. Etwas an Gabe gab ihr das Gefühl, dass er aus einer reichen Familie stammte. Die Art, wie er sprach, sein stilles Selbstvertrauen, das Kunstwissen, das er plötzlich aus dem Hut gezaubert hatte, sogar sein schräger Humor und wie er seine Klamotten stapelte – etwas verriet ihr, dass er kein typischer Ausreißer war. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass er ein guter Junge mit einer verdammt krassen Geschichte war.

Und außerdem hatte sie niemanden sonst.

„Wirst du mir helfen, Gabriel?“

Er sah ihr in die Augen und spannte die Kiefermuskeln an, und Rayne starrte auf seine Lippen, als könne sie ihn so zwingen, das zu sagen, was sie hören wollte. Doch das tat er nicht.

„Ich … kann nicht“, sagte er.

Als Gabe aufstand und zum Truck lief, fühlte sich Rayne, als hätte man ihr einen Schlag in die Magengrube verpasst.

Dieses Mädchen brach ihm fast das Herz. Gabe konnte Rayne nicht in die dunkel umrandeten Augen sehen, die vor Sorge und Hoffnung glitzerten, und sie glauben lassen, dass er die Antwort auf ihre Probleme war. Er war für niemanden die Antwort auf irgendwas. Er stand auf und tat so, als würde er sich um den Truck kümmern.

Vollidiot! Herauszufinden, dass die Gesichter in seinem Skizzenblock zu echten Menschen gehörten, war das Sahnehäubchen auf seinem verdammten Selbstmitleidskuchen. Was für ein Loser!

Die ganze Zeit hatte er seine Albträume für eine verdiente Strafe gehalten – ein Abschiedsgeschenk von einem Vater, der ihn für einen Freak hielt und als persönliches Versagen betrachtete, als etwas, das repariert werden musste. Gabe war nicht einmal auf die Idee gekommen, dass die Kinder in seinen Träumen wirklich existieren könnten, weil es zu seinem Lebensinhalt geworden war, sich zu verstecken. Jetzt, wo er wusste, dass nicht seine eigenen Dämonen diese Gesichter heraufbeschworen, würde er eine Entscheidung treffen müssen: Entweder er riskierte alles, indem er sich einmischte, oder er wurde zu einem Typen, der sich nur dafür interessierte, seinen eigenen Arsch zu retten.

Tolle Alternativen.

Raynes Bruder Lucas war definitiv in eine hässliche Sache hineingeraten. Gabe hatte ihr zuliebe für sich behalten, was er gesehen hatte. Lucas war nicht einfach nur ein bisschen erschrocken, sondern zu Tode verängstigt gewesen. Und möglicherweise hatte der Typ mit der fleischigen Hand an seiner Kehle seine ganze Wut an ihm ausgelassen. In dem Moment, in dem er von Rayne geweckt worden war, hatte Gabe noch Schmerz gespürt, dann war die Verbindung abgebrochen.

Doch ihm war noch etwas aufgefallen, das ihn noch mehr beunruhigte – etwas, von dem er Rayne ebenfalls nichts erzählt hatte.

In seinem Traum waren auch einige der Gesichter aufgetaucht, die er schon vor Längerem gezeichnet hatte. Das war ihm allerdings erst aufgefallen, als er seinen Skizzenblock wieder durchgeblättert hatte. Vielleicht versuchten diese Jugendlichen, ihm etwas zu sagen. Was, wenn nicht nur Lucas in Gefahr war? Was für eine verdammte Scheiße! In Anbetracht seiner Situation kam es nicht infrage, die Cops einzuschalten. Selbst wenn er sich einmischte, ohne dass Rayne etwas davon mitbekam, machte er alles vielleicht nur noch schlimmer.

Zeit und Mühe. Das war es, was es ihn gekostet hatte, sich ein ruhiges Dasein zu erschaffen. Durch das Raster zu schlüpfen und an einem Ort zu leben, an dem er nicht mehr auf der Flucht sein musste. Was er besaß, war nicht viel, aber er lebte mit seinen Entscheidungen, weil sie nur ihn betrafen. Jetzt, wo er von Lucas und den anderen wusste, fühlte es sich falsch an, nur stummer Zuschauer zu sein. Aber wenn er sich einmischte, würden seine Probleme vielleicht dafür sorgen, dass diese Kinder, die es sowieso schon schlimm getroffen hatte, auf einer ganz neuen Ebene verletzt wurden.

Gabe wusste nicht, was er tun sollte. Nur eins war ihm klar. Er musste Rayne gehen lassen, auch wenn sie ihn für ein Arschloch halten würde, weil er ihr nicht half.

„Ich könnte einen Chauffeur für mich und mein Bike brauchen“, sagte sie leise und sanft. „Steht dein Angebot noch?“

Gabe hatte gar nicht gespürt, dass sie hinter ihm aufgetaucht war. Er konnte sich nicht umdrehen. Als er ihre Stimme hörte, schnellte sein Schuldbarometer in den roten Bereich. Wahrscheinlich hätte es ihm weniger wehgetan, wenn sie ihm von hinten einen Baseballschläger über den Schädel gezogen hätte.

„Klar.“ Er schloss die Heckklappe des Trucks. „Also, ich weiß, dass das keine große Hilfe ist, aber …“ Er warf ihr einen Schulterblick zu. „… es tut mir wirklich leid. Ich hoffe, du findest ihn.“

Rayne sagte nichts. Das musste sie auch gar nicht. Egal, was sie gesagt oder getan hätte – noch schlechter konnte er sich nicht fühlen.

Zentrum von L.A.

Eine Stunde später

Der dunkle Tunneleingang war in die Flanke eines von Ranken und Unkraut überwucherten Hügels gehauen. Wie ein düsteres Maul klaffte er weit auf, um die alten Bahnschienen zu schlucken, die in ihn hineinführten. Dieser Teil der Innenstadt von Los Angeles war einmal eine geschäftige Speicherstadt gewesen.

Jetzt war hier nicht mehr viel los. Und deswegen nutzten sie ihn.

„Ich komme nach. Du nimmst Benny“, erklärte Rafe Santana, während er mit Kendra Walker den gestohlenen Van entlud. „Ich muss die Karre loswerden.“

Rafe ging es nicht nur darum, Beweismaterial zu vernichten. Der Neue war noch bewusstlos, und das bedeutete, dass die anderen ihn die restliche Strecke tragen mussten und abgelenkt sein würden. Er wollte sicherstellen, dass ihnen niemand folgte.

„Sei vorsichtig“, sagte er, als Kendra ihre Hand auf seine Brust legte.

Während sie die übrigen zusammentrieb, um den verletzten Jungen an einen Ort zu bringen, an dem sie ihn versorgen konnte, sah Rafe nach unten und bemerkte, dass Benny immer noch bei ihm war.

„Aber ich will bei dir bleiben.“ Der Kleine zerrte an seinem Hemd und verzog das Gesicht.

Rafe kniete sich vor ihn.

„Das weiß ich, aber du musst doch auf mein Mädchen aufpassen.“ Bis Kendra und die anderen außer Hörweite waren, redete er leise. Er klopfte Staub von dem T-Shirt des Jungen, ein T-Shirt, das er ihm geschenkt hatte und das viel zu groß war für den Zehnjährigen.

„Und jetzt ab mit dir, du kleiner Blödmann“, befahl er ihm.

Der kleine Mann sagte kein Wort mehr. Er trat Staub auf und machte eine Show daraus, jeden Schritt nur widerwillig zu gehen, aber er gehorchte. Rafe sprang zurück in den Van und fuhr ihn einige Meilen weit vom Tunneleingang weg. Wenn die Cops das gestohlene Fahrzeug fanden, würde es sie nicht auf ihre Fährte locken.

Danach rannte Rafe sofort los, um die anderen einzuholen. In der Dunkelheit sah er sich immer wieder um, bis er sicher war, dass ihm niemand folgte. Bis er Kendra kennengelernt hatte, war ihm nicht bewusst gewesen, dass sich unter den Straßen des Zentrums von L.A. meilenlange verlassene Tunnel befanden. Zur Jahrhundertwende, so hatte sie ihm erklärt, waren sie benutzt worden, um verschiedene Stadtteile von Los Angeles mit der Innenstadt zu verbinden, aber als die Autobahnen gebaut wurden, hatte man das alte Bahnnetz und die Autotunnel brachliegen lassen. Unter dem Zentrum waren sogar Filme gedreht worden. Matrix. Planet der Affen. Kendra wusste solche Dinge. Sie war verdammt schlau.

Als er in die Tiefen des Tunnelsystems vorgedrungen war, verringerte Rafe sein Tempo und nahm eine Abkürzung. Er hatte eine kleine Taschenlampe bei sich, die er aber selten nutzte. Sie zu verwenden bedeutete, dass seine Nachtsicht litt. Er folgte den vertrauten Metallschienen und kletterte verrostete Wendeltreppen empor, um Kendra und die anderen einzuholen. Früher hatte er den modrigen, feuchten Geruch für Gestank gehalten. Jetzt nicht mehr.

Die geheimnisvollen Wandgemälde auf den abgeschlagenen Ziegelmauern waren hier unten im Dunkeln nicht von Graffiti überzogen. Sie erinnerten Rafe daran, wie alt die Tunnel waren. Manchmal saß er einfach alleine da und sah sie an, als wäre er in einem Privatmuseum. Verrostete alte Maschinen, von Staub und Spinnweben verkrustet, waren vor langer Zeit einfach hier stehen gelassen worden. Auch sie mochte er. Für ihn waren sie Erkennungsmerkmale, die ihm den Weg wiesen. Manchen Leuten hätte dieser Ort Angst eingejagt, aber für ihn waren die Tunnel sein Zuhause.

Als er sich Kendra näherte, spürte er, dass direkt vor ihm etwas nicht stimmte. Etwas bewegte sich. Etwas, das hier nicht hergehörte. Ein Geruch, mit dem er nicht gerechnet hatte. Etwas. Er hatte schon lange aufgehört, seine Fähigkeiten infrage zu stellen. Er vertraute auf sie.

„Wuaaaa!“ Ein kleines Stimmchen grollte wie ein Tunnelungeheuer, und ein winziger Schatten sprang hinter einer zusammengebrochenen Ziegelwand hervor. Benny verriet sich durch sein Kichern. Rafe tat so, als hätte er Angst.

„Oh, Mann, da hast du mich aber echt erwischt, Kumpel!“ Er grinste. „Hast du auf mich gewartet?“

Benny stieß mit seiner winzigen Schulter gegen Rafes Oberschenkel und schubste ihn. Rafe hatte nie einen kleinen Bruder gehabt. Und bis Benny aufgetaucht war, hatte er auch keinen brauchen können. Der Zwerg hätte auf den Straßen von L.A. alleine keinen Tag überlebt. Rafes Meinung nach hatten sie gar keine andere Wahl gehabt, als ihn aufzunehmen. Und solange er sich um Benny kümmerte, hielt er sich selbst nicht mehr für einen solchen Loser.

„Du hättest mich mitnehmen sollen.“ Der Kleine scharrte mit den Füßen im Staub und ließ den Kopf hängen. „Niemand sieht mich, außer ich will es so. Das weißt du doch.“

„Ja, weiß ich, aber es war wichtig, dass du bei Kendra bleibst. Du weißt doch, wie das ist.“ Rafe zuckte mit den Achseln. „Wenn ich nicht da bin, hat sie nur noch dich, kleiner Mann.“

Nachdem Benny zu ihnen in die Tunnel gekommen war, hatte er schnell gemerkt, dass er nicht so war wie Rafe und die anderen. Er hatte keine besonderen Fähigkeiten. Rafe hatte ihn deswegen bemitleidet, bis der kleine Gnom sich einfach eine Superkraft ausgedacht hatte. Benny verwandelte sich in einen Ninja-Superhelden. Rafe sah kein Problem darin, ihn glauben zu lassen, dass er unsichtbar werden konnte, wann immer er es wollte. Rafe packte Benny und schwang ihn hoch, sodass er sich auf seine Schultern setzen konnte. Der Kleine mochte das.

Sie schlossen zu Kendra auf, und als er so nahe dran war, dass sie seine Gedanken deutlich spüren konnte, ließ er sie wortlos wissen, wo er war. Ich bin auf sechs Uhr. Wehe, du hetzt die Zwillinge auf mich. Nach zwei weiteren Schritten hatte er sie mit Benny auf den Schultern eingeholt und grinste breit.

„Hey, Benny.“ Kendra lächelte zu dem Jungen hoch, dann sagte sie zu Rafe: „Wie ich sehe, hat dein Schatten dich gefunden.“

„Ja, hat er. Wie immer.“ Rafe ließ Benny herunter und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Wir reden später noch, du Trottel. Jetzt muss ich erst mal meinem Mädchen hier helfen.“

Benny zog eine Grimasse und warf ihm ein schlaues Lächeln zu, dann machte er einen übertriebenen Kussmund und verschwand. Rafe warf ihm einen strengen Blick hinterher, ohne etwas zu sagen. Kaum war er mit Kendra allein, kam er nicht mehr gegen den Drang an, über das Vorgefallene zu sprechen. Er fühlte sich ein bisschen high. Sie alle wurden stärker. Es fühlte sich gut an, an ihren Fähigkeiten zu arbeiten, anstatt sie zu verstecken – es war fast wie Muskeltraining.

„Bin ich froh, dass die Zwillinge nicht fürs gegnerische Team spielen.“ Rafe grinste. „Die Typen haben sich ja förmlich in die Hose gemacht, als sie vor den kleinen Scheißern weggerannt sind.“

Im Licht der Taschenlampe sah er Kendra lächeln. Sie stand drauf, Chaos in den Köpfen der Muskelarmee der Believers zu stiften. Und die Zwillinge hatten das Talent, einen dauerhaften Eindruck zu hinterlassen. Nachdem diese Affen verängstigt weggerannt waren, würden sie sich erst gegenseitig verkloppen und dann Essen in sich hineinschaufeln, als wären sie kurz vorm Verhungern. Sobald die Wirkung nachließ, würden sie erkennen, dass sie ihren Ruf als harte Kerle erst mal los waren.

All das schenkte Kendra Zeit, den Neuen zu verstecken und wieder aufzupäppeln. Der Junge konnte es zwar nicht fühlen, aber Kendra hielt seine Hand, während die anderen ihn trugen. Bei den Frischlingen war ihr Beschützerinstinkt immer besonders ausgeprägt.

„Kein Zweifel, die Zwillinge sind ein Wunder“, sagte sie.

Die beiden zwölfjährigen Jungs mit den abgefahrenen blauen Augen und dem weißblonden Haar gruselten Rafe, aber das hatte er niemals laut gesagt. Die Zwillinge trennten sich nie. Sie machten alles zusammen. Rafe hatte sie nie viel reden hören. Ihre Entscheidung. Außer Kendra kommunizierte niemand wirklich mit ihnen – jedenfalls nicht auf eine Weise, die Rafe verstand –, aber er war sicher, dass die Jungs andere Wege gefunden hatten, sich gegenseitig zu unterhalten.

Die Fähigkeiten der Jungs waren allerdings mehr als unterhaltsam. Im Gegensatz zu Kendra verstand Rafe die Wissenschaft dahinter nicht. Sie hatte ihm erklärt, dass die Zwillinge eine Drüse im menschlichen Gehirn anzapfen konnten – Hippo-Talmud oder so – die die vier menschlichen Urinstinkte steuerte: Essen, Kämpfen, Flüchten, Paarung. Die Zwillinge waren klein und dürr, aber sie konnten verdammt schräges Zeug in den Köpfen von Leuten anrichten und sie zwingen, alles Mögliche zu tun. Wie Marionetten.

Und die Männer von vorhin hatten eine Kostprobe erhalten.

Als sie den tiefsten Teil des Tunnelsystems erreicht hatten, brachte Kendra den Neuen in ihr Zimmer. Das hatte Rafe noch nie erlebt, und er war sich nicht sicher, ob es ihm gefiel, aber er hatte Schwierigkeiten, mit ihr zu streiten. Er musste doppelt so hart arbeiten, um seine Gedanken vor ihr abzuschirmen, damit sie nicht mitbekam, dass ihre Entscheidung an ihm nagte. Geheimnisse zu bewahren waren ermüdend.

„Legt ihn auf meine Matratze. Und holt mir ein paar Lappen, eine Schüssel Wasser und einen Verbandskasten. Er muss vielleicht genäht werden.“

Die anderen liefen los und brachten ihr, was sie brauchte. Rafe hielt sich währenddessen im Hintergrund und beobachtete Kendra von Weitem. Sie zündete Kerzen an, durchsuchte die Taschen des Neuen und zog ihm dann die Sachen aus.

„Kein Ausweis“, sagte sie. „Ich habe nur eine Telefonnummer auf einem Fetzen Papier gefunden. Ohne Namen.“

„Ich könnte herausfinden, zu wem die Nummer gehört. Morgen muss ich sowieso nach oben. Hab was zu erledigen. Ich kann die Nummer anrufen. Soll ich’s versuchen?“

Rafe unterdrückte ein Lächeln, als er daran dachte, was er für morgen geplant hatte. Eine Überraschung. Kendra sah so aus, als ob sie etwas Besonderes nötig hatte.

„Nein, mach dir keine Mühe.“ Sie stopfte sich den Zettel in die Tasche. „Noch nicht.“

„Falls du es dir anders überlegst: Ich gehe sowieso nach draußen.“

Kendra schien ihn gar nicht zu hören. Sie suchte den Körper des Neuen nach blutigen Löchern ab, die gestopft werden mussten. Er hatte fiese Wunden an Rücken und Armen und eine Beule von der Größe eines Baseballs am Hinterkopf. Sie war gut darin geworden, die Ärztin zu spielen, aber etwas an der Art, wie sie sich ganz besonders um diesen Jungen kümmerte, bereitete Rafe … Kummer. Er wartete, bis sich die erste Aufregung gelegt hatte und die anderen gegangen waren. Dann hatte er Kendra für sich.

„Diese Männer. Diesmal haben sie unsere Gesichter gesehen. Du hast ihnen sogar einen Eindruck vermittelt, wozu du in der Lage bist. Was hast du dir dabei gedacht?“, fragte er.

Doch er kannte die Antwort auf seine Frage schon. Kendra übertrieb es immer häufiger mit dem, was sie tat. Es war, als ob sie die Leute herausfordern wollte, sie aufzuhalten.

„Darüber haben wir doch schon gesprochen, Rafe. Ich habe einen Plan, schon vergessen?“

Rafe wusste, dass Kendra sich dazu berufen fühlte, Kinder und Jugendliche wie sie zu retten, aber in den letzten Konfrontationen mit den Believers war sie auf ihre ruhige, kontrollierte Art auf direkten Konfrontationskurs gegangen. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.

„Du reibst es ihnen praktisch unter die Nase“, sagte er. „Du riskierst, dass wir in ihrem Fadenkreuz landen, und zwar nach ihrem Zeitplan und nicht nach unserem. Du hast das alte Parkhaus ausgesucht, um diesen Jungen einzusammeln, weil es dort keine Überwachungskameras gibt, aber warum hast du diesen Arschlöchern dann unsere Gesichter gezeigt?“

„Wir haben es durchgezogen. Das ist alles, was zählt.“

„Du wolltest, dass sie uns sehen. Dass sie deine Macht spüren.“ Als Rafe begriff, was Kendra getan haben musste, sah er sie durchdringend an. „Hast du deswegen gewartet, bis der Junge auf dem Dach angekommen war? Weil es dort hell genug war, damit die Männer uns sehen konnten? Der Junge ist verletzt, weil du gewartet hast, Kendra.“

„Ich konnte nicht wissen, dass es so kommen würde. Wenn ich geglaubt hätte, dass er verletzt wird, hätte ich niemals so gehandelt.“ Kendra versagte die Stimme. „Ich bin es leid, ein Opfer zu sein, obwohl wir genauso ein Recht auf Existenz haben wie sie. Auf ein Leben in der Öffentlichkeit, in Freiheit.“

Sie wandte sich wieder dem Neuen zu und tupfte ihm mit einem blutigen, nassen Handtuch seine Stirnwunden ab. Der Junge hatte seine Augen noch nicht geöffnet. Sie atmete tief durch und seufzte schwer.

„Wir sind menschliche Wesen, Rafe. Wir sind einfach nur … anders. Wir sind besser als sie, und das macht ihnen Angst. Sie jagen uns, und doch behandeln sie uns, als wären wir wertlose Tiere. Das ist einfach nicht richtig.“

„Ich wollte dich nicht beschuldigen. Ich weiß, dass das, was diesem Jungen passiert ist, ein Unfall war. Manchmal habe ich einfach nur … Angst um dich. Du mutest dir zu viel zu. Ich wünschte, du würdest dir mehr von mir helfen lassen.“ Er kniete sich neben sie und sah ihr in die tränenden Augen.

Ihre Lippen verzogen sich zu einem traurigen Lächeln. „Ohne dich könnte ich nichts von alledem. Das weißt du doch, oder?“

Nachdem Rafe genickt hatte, reichte sie ihm eine Schüssel mit blutigem Wasser.

„Ich könnte frisches Wasser brauchen“, sagte sie.

„Wird er sterben?“

„Keine Ahnung.“ Sie strich dem Jungen das Haar aus der Stirn. „Ich kann ihn nicht mehr spüren. Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber es macht mir Angst.“

„Du wirst ihn schon wieder hinkriegen. Darin bist du gut.“

„Ich muss in den Garten. Nachdenken“, murmelte sie. „Er braucht das Beste, was ich habe.“

Rafe hatte keine Ahnung, woher Kendra die Dinge wusste, die sie wusste. Sie kannte sich aus mit Pflanzen und Heilung, und die Leistungen, zu denen ihr Verstand in der Lage war, machte sie selbst in ihrer Gruppe zu etwas Besonderem.

„Die Believers haben ihre Jäger geschickt. Die sind wie tollwütige Pitbulls auf zwei Beinen!“, sagte er. „Diesmal haben sie uns eine Waffe vor die Nase gehalten. Diese Typen sind wahnsinnig.“

„Ich hatte alles unter Kontrolle. Das hast du doch gesehen.“

„Ja, hab ich, und es hat mich echt fertiggemacht. Im Ernst, Kendra, beim nächsten Mal hast du vielleicht nicht alles unter Kontrolle.“

Rafe hatte gar nicht vorgehabt, die Diskussion mit ihr wieder aufflammen zu lassen, aber die Worte waren aus seinem Mund, ehe er sie aufhalten konnte. Kendra drängte immer vorwärts. So war sie nun mal, aber je mehr Risiken sie einging, desto mehr bedrohte sie das, was sie bereits erreicht hatten. Rafe und Benny hatten in den Tunneln ein Zuhause gefunden, aber er spürte die Uhr ticken. Bald würde es zu einer Explosion kommen, die er nicht aufhalten konnte – nicht ohne die Hilfe von Kendra, dem Mädchen, das die Zündschnur überhaupt erst angezündet hatte. Und zwar mit einem gottverdammten Flammenwerfer.

„Jedes Mal, wenn die Believers einen von uns mitnehmen, solltest du genauso wütend werden wie ich“, stieß sie hervor. „Wir haben ein Recht darauf, zu sein, was wir sind. Wir haben ein Recht darauf, ihre Welt infrage zu stellen. Ich will einfach nur gehört werden. Genauso fangen Bewegungen an, Raphael. Willst du denn nicht Teil von etwas sein, das größer ist als wir?“

„Doch, klar, schätze schon.“

Rafe konnte einfach nicht mit ihr streiten. Wer wusste schon, was passiert wäre, wenn Kendra ihn und Benny nicht gefunden hätte. Dank der Freaks von dieser Kirche gab es für Menschen wie sie schlimmere Orte als Pflegefamilien und den Jugendknast. Kendra fühlte sich berufen, die Welt zu retten, Kind für Kind. So hatte sie Benny und ihn gefunden und die anderen. Sie gab ihm das Gefühl, jemand zu sein, mehr als nur ein Stück Müll. Sie hatte ihnen eine Familie geschenkt und sie behandelt, als wären sie wichtig.

Kendra war erst siebzehn, ein Jahr jünger als er. Manchmal fragte er sich, wie sie es hinbekam, gleichzeitig so gescheit und so verdammt stur zu sein.

„Wir haben Glück gehabt. Aber wenn du ihnen die Kinder weiter direkt vor der Nase wegschnappst, werden sie sich auf uns konzentrieren. Das ist alles, was ich sagen will“, warnte er sie. „Nach allem, was du sagst, haben sie Geld und mächtige Leute auf ihrer Seite. Macht dir das denn überhaupt keine Angst? Nicht mal ein bisschen?“

Als sie ihm nicht antwortete und ihn auch nicht ansah, senkte Rafe die Stimme. Er streckte die Hand aus, um ihre Schulter zu berühren, hielt dann aber inne.

„Dank dir werden wir stärker“, sagte er. „Aber ich bin mir nicht sicher, dass wir für alles gewappnet sind, was die auf Lager haben. Wie lange noch, bis du zu ihrer Zielscheibe wirst, Kendra?“

Rafe sagte ihr nicht, dass ihn das umbringen würde. Als sie nichts erwiderte, tat er, worum sie ihn gebeten hatte.

„Ich bringe dir frisches Wasser.“

Rafe brachte den Wassereimer zurück und stellte ihn neben Kendras behelfsmäßigem Bett ab, zusammen mit einem Stapel frischer Lappen. Er sagte nichts, und Kendra war dankbar dafür. Er warf ihr nur einen besorgten Blick zu, dann ließ er sie alleine mit dem Neuen, dem Hübschen – dem Besonderen.

Sie tränkte einen frischen Lappen mit Wasser und wischte dem Jungen Gesicht und Brust ab. Durch ihren Kopf ratterten Kombinationen von Heilkräutern. Sie verwarf sie so schnell, wie sie ihr einfielen. Herumraten konnte sie sich nicht leisten. Nicht mit diesem Jungen. Jede Prellung, jede Wunde an seinem Körper tat auch ihr weh. Rafe hatte richtig geraten. Sie hatte es in dem verlassenen Parkhaus darauf ankommen lassen. Dieser Junge war ihretwegen verletzt. Sie hatte Mist gebaut, und er hatte den Preis bezahlt. Die Platzwunde an seinem Kopf bereitete ihr die größten Sorgen.

Wenn etwas schieflief, dann nur wegen ihr.

Sie berührte seine Wange und spürte, dass er Fieber hatte. Eine Gehirnerschütterung war eine ernste Sache, und eine Hirnschwellung konnte ihn das Leben kosten. Die Wunden an seinem Körper zu versorgen hielt sie beschäftigt, aber ihn von außen zusammenzuflicken, würde nicht das heilen, was verhinderte, dass er die Augen öffnete.

Sie wusste nicht, ob sie das Richtige getan hatte – für ihn.

Es tut mir so leid. Das ist alles meine Schuld.

Zu einem richtigen Arzt konnte sie ihn nicht bringen. Das Risiko, dass jemand von ihrer Straßenfamilie erfuhr, wäre einfach zu groß, und außerdem würden die Believers den Jungen dann sofort finden. Er würde verschwinden, ohne dass es jemand bemerkte, und niemals eine zweite Chance auf Freiheit erhalten. Die Believers hatten einen langen Arm, und Kendra hatte gelernt, niemandem zu trauen. Aber dass sie es so sah, bedeutete nicht, dass er ebenso dachte.

Die Freiheit war für sie ein wertvolles Gut, das sie nicht für selbstverständlich hielt. Kinder und Jugendliche ihrer Art waren die perfekten Opfer. Denn wenn sie die Stimme erhoben und sich wehrten, würden sie genau das auslösen, was sie am meisten fürchteten: Die Menschheit würde begreifen, dass sie sich veränderte. Im Scheinwerferlicht zu stehen würde jedes einzelne ihrer Probleme vertiefen. Kendra wusste, wie sie selbst dazu stand. Sie würde lieber sterben, als irgendjemandes Sklavin oder Laborratte zu werden. Aber ging es diesem Jungen genauso? Würde er den Tod riskieren für das, woran er glaubte?

Sie hatte ihm die Entscheidung abgenommen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken.

Es gab Zeiten – Zeiten wie jetzt –, in denen Kendra sich nicht stark genug fühlte, nicht klug und nicht alt genug, um sich um ihre neue Familie zu kümmern. Einige von ihnen waren noch richtige Kinder. Sie schauten zu ihr auf – und sie zog eine glaubwürdige Show ab. Aber manchmal fühlte sie sich ihrer Loyalität nicht würdig. Je höher der Einsatz wurde, desto größer wurden auch ihre Zweifel. Sie fühlte sich als Teil von etwas Größerem, dessen sie in ihren eigenen Augen gleichzeitig absolut unwürdig war.

Sie wachte verängstigt aus ihrem kurzen Dämmerzustand auf und hörte Geräusche im Dunkeln, die sie daran erinnerten, dass sie selbst noch nicht erwachsen war, sondern nur ein Mädchen, das einen Fehler gemacht hatte, durch den ein anderer ernsthaft verletzt worden war. Sie strich dem Jungen das Haar aus der Stirn und fuhr mit einem zitternden Finger über seine blassen Lippen, etwas, das sie niemals getan hätte, wenn er wach gewesen wäre.

Ich habe dich gerade erst gefunden. Bitte … verlass mich nicht, bitte. Ich schaffe das nicht mehr alleine.

Kendra betete, dass er sie hören konnte. Wenn er starb, würde sie nicht einmal seinen Namen erfahren.