6. KAPITEL

Zentrum von L.A.

Einige Stunden später

Der Schmerz hatte Lucas schon lange, bevor er die Augen öffnete, fest im Griff. Er schoss von seinem pochenden Schädel aus seinen Rücken hinab in seinen ganzen Körper. Selbst seine Fingerspitzen taten weh. Er konnte die Hitze des Fiebers hinter seinen geschlossenen Lidern und in seiner Brust spüren. Als er seine Augen endlich einen Spaltbreit öffnete, wanden sich Schatten wie Rauch vor ihm. Durch das unscharfe Bild tanzten winzige, grelle Lichtflecken, die Erinnerungen an den Sternenhimmel über dem Parkhausdach in ihm weckten – das Letzte, was er gesehen hatte, ehe alles schwarz geworden war.

Lucas war übel, und er kämpfte mit tiefen Atemzügen gegen den Drang an, sich zu übergeben. Als sein Kopf klar genug war, um die Frage zu stellen, was geschehen war, suchte er in dem Raum, in dem er sich befand, nach Antworten. Flackerndes Licht erzeugte Schatten auf einer gegenüberliegenden Wand. Es dauerte ein wenig, bis er verstand, dass das sanfte Glühen von einer brennenden Kerze stammte.

In der Luft lag ein stickiger Geruch, der ihm das Atmen schwer machte. Er wusste nicht, woher er stammte, doch je länger er ihn einsog, desto ruhiger fühlte er sich, und bald hatte er sich daran gewöhnt. Er blickte nach unten und entdeckte, dass sein Arm locker mit Mull verbunden war. Darunter lugte der Rand einer feuchten Breipackung heraus. Grünes Zeug, das aussah wie Pflanzenmatsch.

Er spürte die starke Anwesenheit eines Heilers, auch wenn er noch nie einem begegnet war.

Sobald sein Blick etwas klarer wurde, schaute er auf und verlor sich in dem Bild, das er über sich entdeckte: Ein verblasstes Gemälde, das eine alte Bahnstation zeigte, erstreckte sich über eine hohe Wand. Die Fahrgäste trugen Kleidung aus der Zeit der Jahrhundertwende, und das Bild war auf roten Ziegelsteinen aufgetragen worden, an denen der Zahn der Zeit genagt hatte. Die abgesprungenen Stellen ergaben ein seltsames Muster. Lucas suchte in den fehlenden Stückchen nach Tierformen, wie er es tat, wenn er an einem Sommertag in die Wolken blickte, die über den Himmel zogen.

Das Wandgemälde erinnerte ihn an die fein gearbeiteten Graffiti an den Tunnelwänden im alten Griffith Park Zoo, nur dass dieses große Bild eher so aussah, als würde es in ein Museum gehören.

Schön, nicht wahr? So wie du.

Die Stimme des Mädchens flüsterte in der Dunkelheit in sein Ohr.

Ich dachte, dass du es nicht … schaffen würdest.

Vorsichtig drehte Lucas sich um, damit er nach dem Mädchen suchen konnte. Er blinzelte ins Kerzenlicht und entdeckte das Mädchen in den Schatten. Sie saß auf einer Holzkiste und strahlte eine kobaltblaue Aura aus, die so ruhig wirkte wie das Tiefblau des Ozeans. Er erkannte die Kurve ihrer Lippen wieder, das helle Rosa ihrer Haut, die merkwürdige Mischung aus Trotz und Verletzlichkeit in ihren dunklen Augen. Alles war so, wie er es in den Kristallbruchstücken in seinem Kopf gesehen hatte. Zwischen ihren Seelen war eine Nähe entstanden, die tiefer ging als alles, was Lucas jemals zuvor empfunden hatte. Es kam ihm so vor, als hätte er sie immer schon gekannt.

Er räusperte sich. Seine Kehle war ausgedörrt und schmerzte. Er hätte dem Mädchen eine Botschaft schicken können, ohne seine Stimme zu nutzen, doch laut zu sprechen machte sie zu etwas Realem, zu mehr als nur einer entfernten Stimme in seinem Kopf.

„Du bist … die Eine“, sagte er. „Das Mädchen … in m-meinem Kopf, das bist du, oder?“

Sie brachte ihm Wasser und kniete sich mit einem zerbrechlichen Lächeln neben ihn, um ihm beim Trinken zu helfen. Als er sah, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten, hatte er seine Antwort. Obwohl jede Bewegung wehtat, nahm er ihre Hand.

Nicht weinen, sagte er. Ich bin doch da.

Lucas Darby. Er hatte ihr seinen Namen gesagt, und sie hatte ihren genannt. In diesem Augenblick hatte eine leise Melodie in Kendras Kopf gespielt, ein angenehmes Hintergrundrauschen, das sie beruhigte. Sie fragte sich, ob er die Musik ebenfalls hören konnte. Sie sah in seinem Blick, dass er Schmerzen hatte, auch wenn er sie mit einem Lächeln zu überdecken versuchte. Ihn zu berühren, mit ihm zu sprechen und seine echte Stimme zu hören, in seine hellgrauen Augen zu sehen verstärkte das Band zwischen ihnen noch, obwohl sie niemals gedacht hätte, dass sie ihm noch näher sein könnte.

„Natürlich kann ich mir nicht ganz sicher sein“, erklärte sie, „aber ich glaube, dass du eine Gehirnerschütterung hast. Doch ich werde mich um dich kümmern.“

Es tut mir leid, dass du verletzt wurdest.

Jetzt, wo er bei ihr war, nutzte Kendra vor allem ihre echte Stimme, um mit ihm zu sprechen. Manchmal schwappten Gedanken zu ihm hinüber, die sie wirklich besser hätte kontrollieren sollen, aber sie kam nicht dagegen an. Es war aufregend für sie, mit jemandem wie ihm zusammen zu sein. Jemandem, der stärker war als sie.

„Du bist die Heilerin.“ Er fragte nicht. Er wusste es.

„Ja.“ Sie lächelte. „Aber ich lerne noch.“

„Gut. Hier bei dir zu sein ist eine vollkommen neue Erfahrung für mich. Wir werden üben müssen. Beide …“ Lucas lächelte. „Die Medikamente, die sie mir im Krankenhaus verabreicht haben, haben mich ziemlich fertiggemacht. Ich hab mich verirrt. Es war, als würde ich ertrinken. Ich fühle mich nicht so stark wie du.“

„Oh, aber das bist du“, antwortete sie hastig. Sie legte eine Hand auf seine bloße Brust, zog sie aber so ruckartig wieder zurück, als hätte sie eine Flamme berührt. „Ich … Ich k-kann es spüren. Daran, wie wir verbunden waren. Das lag an dir.“

Lucas seufzte und zuckte vor Schmerzen zusammen. Sie half ihm, zu trinken, immer nur kleine Schlucke auf einmal. Als seine Lider schwer wurden, erkannte sie, dass er Schlaf brauchte, aber sie wusste auch, dass er Antworten suchte.

„Wirst du mir beibringen … was du kannst?“, fragte er. „Wie eine Lehrerin?“

Kendra nahm seine Hand und verschränkte ihre Finger mit seinen. Immer, wenn sie seine Haut berührte, drang ein Energieschub durch ihren Arm und weiter durch ihren Körper. Auch das lag an ihm, nicht an ihr.

„Spürst du das?“, fragte sie ihn. Als er nur den Kopf schüttelte, drückte Kendra seine Hand und sagte: „Aber das wirst du. Dein Körper ist jetzt schwach, aber du wirst noch sehen, wie groß deine Fähigkeiten sind.“

„Mein ganzes Leben lang haben sich die Lehrer und Ärzte so verhalten, als ob … etwas nicht stimmt mit mir. Als wäre ich fehlerhaft und selbst daran schuld“, erklärte er ihr. „Wenn ich dich in meinem Kopf höre, habe ich endlich das Gefühl, frei atmen zu können. Ich weiß einfach nicht, wie ich das erklären soll.“

„Genau darum geht es. Hier musst du nichts erklären. Du gehörst … zu uns, Lucas.“

Eine Sekunde lang zuckte ein Lächeln über seine Lippen, dann schloss er die Augen. Sie wusste, wie gut es tat, mit Menschen ihrer Art zusammen zu sein. Und wenn es ihm besser ging, würde auch er diese Erfahrung machen. Als sie zum ersten Mal Verbindung zu den Seelen der anderen aufgenommen hatte, hatte sie ein mächtiges und tief greifendes spirituelles Erwachen durchlebt, das ihrem Leben einen Inhalt geschenkt hatte. Kendra hatte es zu ihrer Berufung gemacht, diese Erfahrung zu teilen und das Leben derer zu erhalten, die so waren wie sie. Es fiel ihr schwer, die Intimität dieses Miteinanders zu beschreiben, selbst gegenüber Menschen, die so waren wie sie. Jede Indigoseele musste diese Verbindung selbst erleben.

Vom ersten Moment an, in dem sie Kontakt zu Lucas’ innerstem Wesen aufgebaut und die schiere Größe seiner Lebenskraft erlebt hatte, wusste sie, dass er anders war. Etwas wie ihn hatte sie noch nie zuvor gespürt. Kendra hatte recht damit gehabt, alles für ihn zu riskieren.

Er war ihrer aller Zukunft.

Sie blies die Kerze aus und ließ ihn ausruhen. Als sie an seiner veränderten Atmung erkannte, dass er schlief, bettete sie ihren Kopf auf seine Brust, schloss die Augen und lauschte dem sanften Pulsieren seines Herzens.

Kendra ließ seine Hand nicht los. Sie brauchte die Verbindung mehr als er.

Burbank

Der nächste Tag

„Wo zum Teufel seid ihr gewesen? Ihr solltet euch den Jungen doch gestern schon schnappen!“

O’Dell sah Boelens zum ersten Mal, seit er ihn auf den Darby-Jungen angesetzt hatte, und sein Mann sah total fertig aus. Selbst an guten Tagen hatte Boelens den starren Blick einer Echse. Er zwinkerte nie. Nie. Jetzt waren seine Haare zerzaust und seine Kleider zerknittert, und sein Starren wirkte irrsinnig. Er sah aus wie ein wandelndes Fahndungsfoto.

„Ich weiß nicht, was da passiert ist.“ Boelens hatte endlich wieder angefangen zu blinzeln – und seine Lippen zuckten auf nervtötende Weise. „Hast du etwas zu essen? Ich verhungere gleich.“

„Essen kannst du in deiner Freizeit“, sagte O’Dell, aber Boelens ignorierte ihn.

Als er es allen Ernstes wagte, O’Dells private Schreibtischschublade zu durchwühlen, spannte dieser seine Schlangentattoos an und boxte Boelens in den Arm. Der Mann schnappte nach Luft und zwinkerte wie ein Wahnsinniger.

„Was ist verdammt noch mal los mit dir?“

Anstatt zu antworten, raste Boelens zu dem kleinen Kühlschrank, in dem O’Dell seine Powerdrinks und anderes Zeug aufbewahrte. Darin fand er O’Dells Privatvorrat an Take-away-Gerichten vom Chinesen. Die Styroporbehälter waren mit Datum versehen und in chronologischer Reihenfolge geordnet.

O’Dell war süchtig nach chinesischem Essen. Er wusste, dass das nicht gesund war, aber das war ihm völlig egal. Als Boelens versuchte, sich über sein Hühnchen süßsauer herzumachen, war es an der Zeit, ihm Grenzen zu setzen. Er zerrte Boelens vom Kühlschrank weg, stieß ihn gegen eine Wand und drückte ihm mit dem Unterarm die Luft ab.

„Sprich mit mir. Erzähl mir, was passiert ist“, befahl O’Dell. „Los, ich will das nicht zweimal sagen müssen.“

Der plötzliche Gewaltausbruch ließ Boelens losheulen wie ein Mädchen. Er sabberte sogar. Der Typ war ein totales Wrack. Schließlich erzählte er O’Dell, was in irgendeinem verlassenen Parkhaus in West Hollywood geschehen war.

„Wo sind deine Männer? Die, die du dabeihattest?“

„Keine Ahnung. Sie sind weggerannt. Hab sie nicht mehr gesehen.“ Das Gesicht von Boelens lief blau an.

„Und die MS-13-Crew? Die sollten doch der anderen Schwester folgen. Was ist mit denen?“

„Weiß ich auch nicht. Ich hab ihnen Nachrichten aufs Band gesprochen.“

„Verdammt, warum hast du das nicht gleich gesagt, Mann? Du hast ihnen also aufs Band gesprochen. Super, dann sind ja all unsere Probleme gelöst.“ O’Dell lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen Boelens’ Kehle und ließ seine Schlangen zucken. „Würdest du das Mädchen, das dir in die Quere gekommen ist, wiedererkennen?“

„Ja, klar.“ Boelens’ Augen quollen hervor wie die von einem Mops auf Meth.

„Hat sie dir das angetan?“

„Mir was angetan?“

O’Dell verdrehte die Augen und drückte seinen Ellenbogen fester in die Luftröhre von Boelens.

„Ich weiß nicht, w-was passiert ist. Ich … ich schwöre“, blubberte der Mann. „Sie hatte … m-mehr Kinder dabei. Die reinste Psychofreak-Armee.“

Boelens war einfach nur erbärmlich. O’Dell verringerte den Druck und ließ ihn Luft holen. Er hatte alles aus ihm herausgepresst. Es war klar, dass der Typ unter dem Einfluss von irgendetwas stand. Wenn diese Kinder dazu in der Lage waren, so ein Chaos im Hirn eines erwachsenen Mannes zu stiften, waren sie vielleicht so wie der Darby-Junge. Vielleicht würde O’Dells Arbeitgeber es zu schätzen wissen, wenn er die Initiative ergriff und ein paar mehr Kinder lieferte, als man ihm aufgetragen hatte.

Dass die Kleine ihre eigene Außenseiter-Menagerie zusammengetrommelt hatte, stellte O’Dell vor die Frage, wie sie Verbindung zu den anderen aufgenommen hatte. Vielleicht konnte diese Bekloppte ihn zu mehr Freaks wie ihr selbst führen. O’Dell traf eine Entscheidung. Sein Ruf in der Organisation stand auf dem Spiel, wenn er den Darby-Jungen nicht bald aufspürte. Er würde all seine Leute von ihren Aufgaben abziehen und sich einzig auf die Operation Darby konzentrieren. Wie lange konnte es schon dauern, einen dürren Fünfzehnjährigen zu schnappen? Und als kleine Zugabe würde er dieses neue Mädchen und ihr Nest voller Knallköpfe auseinandernehmen.

„Wenn du wieder klar denken kannst, durchsuchst du die Datenbank nach dem Gesicht von diesem Mädchen … und allen anderen, die du bei ihr gesehen hast. Ab jetzt arbeiten wir in eigenem Auftrag. Es kann nicht sein, dass mir diese kleinen Kakerlaken im Weg stehen.“

Als Boelens, der mittlerweile dunkelblau angelaufen war, nickte, ließ O’Dell ihn los. Er hätte erwartet, dass der Mann auf seinen Verstand hören und sein verletztes Ego nach Hause schaffen würde, bis er ausgenüchtert war. Doch das tat er nicht. Stattdessen lief Boelens schnurstracks zurück zu O’Dells Kühlschrank und ging davor in die Knie. Er riss die Schachteln auf und stopfte sich das Essen mit bloßen Händen in den Mund, ohne auf das Datum auf den Kartons zu achten.

„Herrgott, achte doch wenigstens auf die Reihenfolge.“ O’Dell winkte kopfschüttelnd ab.

Boelens hatte den Verstand verloren – und O’Dell sein Mittagessen.

Griffith Park

Mitternacht

Um Punkt Mitternacht zog sich Gabriel die Kapuze über und schnappte sich seinen Rucksack mit den Zeichensachen und dem Skizzenblock. Er verließ die sichere Zone des Geräteschuppens und machte sich auf in die Nacht. Im Dunkeln wanderte er bis zum höchsten Hügel im Griffith Park – ein ihm vertrauter Pfad –, um auf die goldenen Lichter der Stadt hinabzusehen.

Seit Rayne aufgebrochen war, konnte er nicht aufhören, an sie zu denken. Ihre Augen verfolgten ihn mit anklagendem Blick. Sie hatte allen Grund der Welt, ihn dafür zu hassen, dass er ihr nicht bei der Suche nach Lucas helfen wollte. Er hatte ihr nicht gesagt, warum er das nicht riskieren durfte, und wahrscheinlich gab es sowieso keine gute Entschuldigung für sein Verhalten. Wenn das Leben ihres Bruders auf dem Spiel stand, wollte Gabe nicht der Typ sein, der sich zurücklehnte und nichts tat.

„Was ist los, mein Junge?“

Er spürte Hellboys Anwesenheit, ehe sich der Geisterhund zeigte. Als er es tat, wäre Gabe fast durch die Decke gegangen. Da saß Hellboy, ganz klar und deutlich, und erledigte direkt neben seinem Herrchen seine Intimpflege.

„Hunde lecken ihre Weichteile also auch nach dem Tod? Gut zu wissen.“ Gabe schüttelte den Kopf. „Ich kenne Typen, die nie mehr ihr Zimmer verlassen würden, wenn sie dasselbe könnten wie du.“

Trotz Hellboys eifriger und tatkräftiger Bemühungen um seine Körperpflege hatte sich Gabe an die Anwesenheit seines Spukhundes gewöhnt und mochte es, ihn bei sich zu haben – besonders, nachdem er durch Zufall entdeckt hatte, was sie zusammen bewirken konnten.

Nachdem er Rayne über den Weg gelaufen war und von ihrem Bruder geträumt hatte, hatte seine Verbindung mit den Toten und zu Hellboy eine bisher ungekannte Intensität gewonnen. Deswegen war er hier. Rayne hatte das Bedürfnis in ihm ausgelöst, ihr zu helfen. Noch nie hatte er sich so sehr von diesem Ort angezogen gefühlt wie heute Nacht. Er musste einfach herkommen. Er war ruhelos, und eine seltsame Energie schien durch seine Haut zu zucken. Selbst Hellboy wirkte wachsamer als sonst. Er spitzte die Ohren, hielt schnuppernd die Schnauze in die Höhe, lief unruhig auf und ab und lauschte Geräuschen, die der Wind herantrug, der durch den Griffith Park wehte.

„Du fühlst es auch, Großer, hm?“

Der Hund starrte in die schwarze Nacht und kroch näher zu Gabe. Hellboy war im Beschützermodus und knurrte, als würde er etwas sehen, das seinem Herrchen entging. Er war ein Wolfsmischling und ein Vollblut-Einzelgänger, und er strahlte eine unfassbar starke kinetische Energie ab. Gabe spürte, wie sie einem Stromschlag gleich durch sein Rückgrat zuckte. Irgendetwas war heute Nacht ganz anders als sonst, aber davon würde er sich nicht aufhalten lassen.

„Lass uns anfangen.“

Den Hund dicht neben sich, stellte Gabe den Rucksack auf dem Boden ab und blickte in den Sternenhimmel hinauf. Er verlangsamte seine Atmung, bis sein Herzschlag sanft und regelmäßig in seinen Ohren pochte. Unter dem gewaltigen, tintenschwarzen Baldachin der Nacht spürte er die erste Angriffswelle in seinen Schultern und seinem Bauch. Vor Schmerzen wäre er fast in die Knie gegangen. Als ihn die langsam hochkochende Wut verschlang, spannten sich seine Muskeln an. Momentaufnahmen aus seiner Vergangenheit blitzten vor seinem inneren Auge auf und schürten das Feuer seines Zorns. Die grausame Stimme seines Vaters wurde zur Hintergrundmelodie seiner finstersten Erinnerungen daran, wie er sich als kleiner Junge unter der Bettdecke versteckt hatte, wenn er seine Eltern spät in der Nacht hatte streiten hören. Sie hatten gedacht, dass er es nicht mitbekam.

Und sie hatten nur über ein einziges Thema gestritten: ihn.

Er hasste seinen Vater für das, was geschehen war. Der Hass entzündete ein Feuer in ihm, doch sobald die Wut ihr volles Ausmaß erreicht hatte, richtete sie sich jedes Mal wieder gegen ihn selbst. Und das war der Moment, in dem sein Zorn seinen Höhepunkt erreichte. Wenn sich die Schuldfrage im Kreis zu drehen begann, konnte er jeden Muskel in seinem Körper spüren. Er war hochgeputscht und bereit für das, was als Nächstes kommen würde.

Hellboy japste und drehte sich aufgeregt vor Gabes Füßen um sich selbst. Gabe musste die Augen nicht öffnen, um zu wissen, dass der Hund spürte, was in seiner Seele vor sich ging. Das erste Mal war reiner Zufall gewesen, aber seitdem hatte er es jedes Mal geschafft, seine neu entdeckte Fähigkeit ein Stückchen weiter an ihre Grenzen zu bringen.

Als Gabe spürte, wie jedes Molekül in seinem Körper zerbarst und er schwerelos wurde – so gewichtslos wie die graue, samtige Asche, die der Wind über einer erkalteten Feuerstelle aufwirbelte –, hieß er das verwirrende Gefühl willkommen und ließ es einfach geschehen. Als er seine Wut nicht länger im Zaum halten konnte, ließ er sie in Millionen kleiner Teilchen zerspringen und frei aus sich herausströmen. Innerhalb von Sekunden glitt sein Bewusstsein hinüber an einen vertrauten, sicheren Ort, an dem er sich wieder vollständig und ruhig fühlte.

Sein Geist betrat das innerste Wesen von Hellboys Tierseele, und nun konnte er durch die Augen des Hundes sehen.

Als er das Gefühl hatte, aus seinen zwei Beinen wären vier geworden, und ihm die Erde entgegenkam, ließ Gabe sein Menschsein los und stellte sich vor, Hellboys animalische Instinkte wären seine eigenen. Ein süchtig machender Adrenalinschub fegte durch seinen Körper, verstärkte seinen Gehör- und Geruchssinn auf ein Niveau vollkommener Aufmerksamkeit. Doch heute brachte das Gefühl eine Gefahrenmeldung mit sich, die ihn traf wie ein Faustschlag.

Hellboy hatte es bereits bemerkt, und nun sah auch Gabe es. Etwas fühlte sich anders an als sonst.

Sobald Gabe sein Bewusstsein in Hellboy verlagert hatte, konnte er es noch weiter schweifen lassen, an entfernte Orte und in andere Geschöpfe. Es war, als diente der Hund als eine Art Katalysator. Gabe erweiterte seine Grenzen, lotete seine Fähigkeiten aus, fühlte sich bei jedem Mal, das er sie benutzte, stärker und vollständiger. Hellboy verband sich mit anderen Kreaturen der Nacht, und Gabe wurde flau im Magen, als würde er in einer Achterbahn sitzen, die rasend schnell in die Dunkelheit hinabdonnerte. Seine Arme verwandelten sich in Flügel, und er spürte, wie sein Körper durch den Nachthimmel segelte. Dann entdeckte er durch die scharfen Augen eines nachtaktiven Raubvogels eine Bewegung unter sich.

Es war der Körper eines Virginia-Uhus, der gerade ein kleines Tier belauerte, das sich im Unterholz versteckte. Gabe spürte das innerste Wesen des Vogels, seine Kraft und den schnellen, lautlosen Tod, den er anderen Geschöpfen bringen konnte. Als der graue Uhu im Dunkeln seine Schwingen ausbreitete und nach unten schoss, um seine Beute vom Boden zu reißen, spürte Gabe den Rausch der Jagd, spürte das Zappeln und das Gewicht des Wiesels, das versuchte, sich aus den Vogelklauen freizukämpfen, die seinen Rücken aufrissen.

„Gott, ist das krass.“

Sein Körper kribbelte, und er spürte Hellboys kühles blaues Feuer. Es peitschte durch seine Haare wie übernatürliche Windstöße, und sein Atem kondensierte in der Kälte. Durch die Seele seines Hundes war er mit allem gleichzeitig verbunden. Gierig folgte er dem Drängen seines Bewusstseins von einer Kreatur zur nächsten. Er fühlte sich nicht mehr wie ein abgefuckter Verlierer auf der Flucht. Was er durch Hellboy erlebte, machte ihn zu etwas Besonderem.

Aber als er sich mithilfe des Uhus und anderer Tiere auf die Suche nach Lucas konzentrierte, überlagerten seltsame Momentaufnahmen die Jagdszene in seinem Kopf – beunruhigende Bilder, die alles durcheinanderbrachten. Die ganze Sache fühlte sich falsch an. Heute Nacht lauerte etwas Bösartiges in der Dunkelheit seiner übersinnlichen Welt, das es auf ihn abgesehen hatte. Ein stechender Schmerz hinter seinen Augen erschütterte ihn bis ins Mark.

„Ah“, keuchte er.

Als Gabe in die Knie ging, japste Hellboy und leckte seine Hände, ohne von seiner Seite zu weichen. Grelle Lichtblitze blendeten ihn. Er wimmerte und umklammerte seinen Kopf. Selbst der Wind schien eine Strafe zu sein, jede Bö fühlte sich an wie Nadelstiche auf seiner Haut, selbst auf seinem Rücken, der durch das Sweatshirt geschützt war.

Er hatte keine Ahnung, wohin ihn sein Verstand getragen hatte, und er hatte das Gefühl, keinerlei Einfluss auf das zu haben, was er sah. Er wusste nur, dass es wichtig war – etwas, das er miterleben und spüren musste. Diesmal war es kein Traum. Er schlief nicht. Er stand mit einem Fuß im Reich der Lebenden, mit einem im Reich der Toten. Die Eule und ihre Beute waren fort, ersetzt durch ein neues Gesicht, das sich kristallklar aus dem Dunkel schälte. Ein Mädchen, das er noch nie gesehen hatte. Seltsame Störvisionen hatte er auch vorher schon erlebt, aber nie so wie jetzt. Gabe musste etwas tun. Sofort!

Er zwang seine Beine, sich zu bewegen, und stolperte wie ein Betrunkener durch die Dunkelheit. Er konnte kaum etwas sehen, unaufhörlich stürmten die Bilder auf ihn ein. Benommen tastete er nach seinem Rucksack und durchwühlte ihn blind. Er griff nach seinem Skizzenblock und dem Kohlestift, dann ließ er sich auf den Boden sinken. Er ließ sich ganz in seine Vision fallen und zeichnete, ohne hinzusehen, was er wahrnahm.

Doch auch die Erinnerungen an seine eigene düstere Vergangenheit fluteten seinen Kopf. Die reinste Folter.

Übersinnliche Hindernisse zwangen ihn, seine Visionen zu durchsieben und nur das zu zeichnen, was seinem Gefühl nach von Bedeutung war. Er filterte die Halluzinationen und versuchte, die neuen Botschaften von seiner eigenen Vergangenheit zu trennen, während seine Hand über das Papier raste. Unaufhörlich füllte er eine Seite nach der nächsten, blätterte vor und zurück, um weitere Details hinzuzufügen, und wiegte sich dabei vor und zurück. Sein Atem ging stoßweise, Schweißtropfen rannen seinen Rücken herab.

Als er spürte, dass die Vision zu einem Ende kam, hörte er auf zu zeichnen. Die scharfen Kopfschmerzen hatten ihn erschöpft. Gabe hielt den Skizzenblock hoch, sodass die Lichter der Stadt auf die Zeichnungen fielen. Diesmal hatte er zwei Bilder angefertigt. Eines, das ein Mädchen zeigte, und eines, das überhaupt keinen Sinn ergab.

„Das ist … seltsam“, murmelte er.

Während er die Zeichnung musterte, ließ ihn eine Stimme zusammenschrecken, und Hellboy zerstob zu einer wirbelnden blauen Staubwolke, die sich auflöste, als sie zu Boden sank.

„Was hast du gesehen, Gabriel?“

Rayne trat aus den Schatten, blieb aber auf Abstand. Auf ihren Zügen lag ein schockierter Ausdruck. Ihre Stimme klang zittrig, und sie schien Angst zu haben … vor ihm. Diesmal wäre es zwecklos gewesen, sie zu belügen – selbst wenn er es gewollt hätte.

Rayne hatte alles gesehen.