Zentrum von L.A.
Morgens
Kendra war vor Erschöpfung eingeschlafen und bekam nicht mit, wie Lucas kränker wurde. Über Nacht hatte sich sein Zustand stark verschlechtert. Als sie aus einem unruhigen Schlaf erwachte, den sie zusammengerollt auf dem Betonboden und mit einer Jacke als Kissen verbracht hatte, bemerkte sie, wie er sich im Delirium unter den feuchten Laken auf ihrem Bett hin und her warf. Sie eilte zu ihm und legte ihre Hand auf seine Stirn. Die Hitze war schon zu spüren, bevor sie seine Haut berührte.
„Oh, Gott, du verglühst ja!“, keuchte sie.
Sie hatte niemanden gebeten, bei ihnen zu bleiben, weil sie sich so schuldig fühlte für das, was sie getan hatte. Jetzt hatte sie den Eindruck, für Lucas und die einzige wirkliche Familie, die sie jemals gehabt hatte, alles nur noch verschlimmert zu haben. Sie tauchte einen Lappen in einen Eimer mit kühlem Wasser, der neben dem Bett stand, und tupfte Lucas damit ab. Wasser perlte über sein Gesicht und seine nackte Brust. Er war gespenstisch blass. So schlecht, wie er aussah, wusste sie nicht mehr, was sie sonst noch für ihn tun sollte. Sie hatte ihm ihre beste Kräutermedizin verabreicht und ihm vier Stunden zuvor, als es ihm noch gut genug ging, um Tabletten zu schlucken, sogar Aspirin gegeben. Manchmal wurde das Fieber noch einmal stärker, ehe es sich legte. Das hatte sie schon öfter beobachtet, aber was, wenn es diesmal anders lief?
Lucas? Kannst du mich hören? flehte sie ihn an, doch zurück kam nur beängstigende Stille.
Sie konnte ihn in ein Krankenhaus schleppen und eine Geschichte erfinden, aber der Gedanke machte ihr Angst. Wenn sie das Risiko einging, zerstörte sie möglicherweise alles – für sie alle. Rafe würde sie begleiten und ihr helfen, Lucas zu tragen. Sie wusste, dass er das für sie tun würde, wenn sie ihn darum bat. Aber was, wenn die Ärzte die Polizei einschalteten?
Rafe war unberechenbar. Wenn er glaubte, dass sie in Gefahr war, war er zu allem fähig. Würde er jedes Risiko eingehen. Und das hieß, dass die anderen dann vielleicht niemanden mehr hatten, der sich um sie kümmerte. Kendra wollte sich nicht einmal vorstellen, was mit Lucas, Rafe oder ihr selbst passieren würde, wenn die Believers sie in die Finger bekamen. Keines der Szenarien endete gut.
Je mehr sie über all die schlimmen Dinge nachdachte, die passieren konnten, desto schwerer lasteten die finsteren Gedanken auf ihr. So sehr sie Lucas auch helfen wollte, es gab noch andere Menschen, an die sie denken musste. Kendra befeuchtete den Lappen immer wieder und rieb Lucas damit ab. Als er um sich schlug, musste sie ihn niederdrücken, damit er sich nicht verletzte.
Und da hörte sie es.
Lucas murmelte etwas. Ihre Sorge um ihn war so groß, dass sie fast nicht verstanden hätte, was er sagte. Aber die Worte, die er im Delirium sprach, erregten ihre Aufmerksamkeit und legten sich wie eine eisige Hand um ihre Kehle.
„Ich wollte das nicht, Daddy. Es ist einfach … passiert. Bitte, sei mir nicht böse.“
Ihr wurde so heiß im Gesicht, als hätte Lucas sie mit seinem Fieber angesteckt. Vor vielen Jahren waren diese Worte einmal ihre eigenen gewesen. Sie jetzt zu hören versetzte sie wieder in diese Zeit zurück, als wäre es gestern gewesen. Es war, als hätte Lucas ihre Gedanken gelesen, als würde er ihre dunkelsten Geheimnisse kennen.
Nein. Hör auf, Lucas. Du weißt nicht, was du da sagst. Bitte nicht …
Sie versuchte, ihn auf dem einzigen Weg zu erreichen, der ihr einfiel – mit ihren Gedanken. Doch er hörte nicht auf. Er sagte es wieder und wieder. Die Dinge, die er murmelte, ließen grauenhafte Erinnerungen in ihr aufsteigen. Wie im Licht eines Stroboskops blitzten Bilder aus ihren schlimmsten Albträumen vor ihr auf.
Wie konnte er wissen, was geschehen war? Sie hatte niemals jemandem davon erzählt. Niemand weiß davon! Nicht einmal mit Rafe hatte sie während ihrer endlosen gegenseitigen Geständnisse darüber geredet, nachts, wenn sie beide nicht hatten schlafen können. Kendra wurde übel, doch ihr blieb nichts anderes übrig, als sich weiter um Lucas zu kümmern, der ihre Geheimnisse ausplauderte, ohne zu wissen, wie sehr er sie damit verletzte.
„Schsch, bitte, sei ruhig“, flüsterte sie. „Psst!“
Das Fieber zwang ihn dazu – und vielleicht war das Band zwischen ihnen durch die geistige Verbindung, die sie zu ihm aufgebaut hatte, so stark geworden, dass sie es jetzt nicht mehr durchtrennen konnte. Mit zitternden Fingern berührte Kendra seine Lippen. Tränen liefen über ihre Wangen.
„Bitte. Du kannst nicht wissen, was passiert ist. Niemand kann es wissen.“
Sie wusste, wie stark der Verstand von Lucas war. Wenn sie sich nicht in ihm irrte, entwickelte er sich gerade zu einem Kristallkind weiter, was nur sehr wenigen Indigokindern vorbehalten war. Bevor sie von zu Hause weggelaufen war, hatte sie ein wenig im Internet recherchiert. Kendra hatte dafür gebetet, anderen Indigokindern mit übernatürlichen Begabungen über den Weg zu laufen – der ersten Generation evolutionärer Krieger, die die Menschheit bekämpfen und überwinden würde, um den Weg in eine Zukunft zu ebnen, in der es solche wie sie im Überfluss geben würde. Doch ein Kristallkind wie Lucas zu finden – die zukünftige, fortgeschrittene Entwicklungsform der Indigokinder – hatte sie geschockt. Eine Verbindung zu ihm aufzubauen, ihn zu berühren, zu wissen, dass es ihn wirklich gab, hatte ihre Seele angehoben.
Ihr war so vieles klar geworden, nachdem sie begriffen hatte, dass es einen Namen für sie und ihre Art gab. Sie hoffte aus tiefster Seele, dass das, was sie gelesen hatte, eines Tages wahr werden würde. Doch dafür mussten sie es schaffen, die Jagd zu überleben, die jene auf sie machten, die zerstören wollten, was sie nicht verstanden. Kendra fühlte sich nicht wie ein Freak. Sie und alle anderen ihrer Art waren gesegnet.
Sie hatten eine Aufgabe. Die Aufgabe, zu werden. Die Evolution hatte sie ausgewählt, um ihren Samen auszusäen.
Als sie Lucas das erste Mal gespürt hatte, es war erst ein paar Tage her, hatte sie sofort gewusst, dass er besonders war. Aber wenn er wirklich in ihren Kopf blicken konnte, vorbei an den Wänden, die sie errichtet hatte, um ihre schlimmsten Ängste vor Rafe und den anderen zu verbergen, dann wusste sie nicht, ob sie seine Nähe ertragen konnte. Würde Lucas sich an alles erinnern, wenn das Fieber vorbei war? Und wenn, wie sollte sie ihm dann jemals wieder in die Augen blicken? Wenn er wusste – wirklich gesehen hatte –, was sie getan hatte, würde er sie hassen.
Doch dann kam ihr ein noch viel düsterer Gedanke. Konnte sie darauf vertrauen, dass er es niemandem erzählte?
Zwei Stunden später
Rafe Santana lief eilig durch die Schatten seines unterirdischen Zuhauses. Er wusste, wie er sich durch die Tunnel bewegen konnte, ohne seine kleine Taschenlampe einzuschalten und die Batterien zu verschwenden. Seine Augen und seine Veranlagung halfen ihm dabei, sich im Dunkeln zurechtzufinden. Selbst in den finstersten Ecken fand sich ein Hauch von Licht, wenn man nur genau genug hinsah. Aber vielleicht entstand dieses Gefühl vor allem durch seine Stimmung. In seiner Hosentasche hatte er eine kleine Schachtel, und er wollte die rosafarbene Schleife nicht zerdrücken. Er hatte die Schachtel selbst eingepackt. Trotz seiner plumpen Finger war die Schleife ziemlich gut gelungen.
Aber er musste noch einen Halt einlegen, ehe er Kendra die Schachtel überreichen konnte.
„Hast du Benny gesehen?“, fragte er Little G.
„Nicht, wenn er nicht gesehen werden will.“ Der Junge grinste frech und schlug sich leicht gegen den Kopf, als wäre ihm gerade etwas Wichtiges eingefallen. „Ach ja, er spielt unten bei der alten Bahn. Hab ihn vor zwei Minuten noch gesehen. Die Zwillinge sind bei ihm.“
Der dürre Junge mit dem schmutzigen Gesicht sah kaum zu Rafe hoch. Er trug zwei Eimer mit herumschwappendem Wasser. Es war sein Job, ihren Trinkwasservorrat aufzustocken und das Bewässerungssystem für Kendras Garten zu füllen. Sie hatten ein Hauptwasserrohr angezapft – die Stadt L.A. würde garantiert nicht vermissen, was sie ihr stahlen.
„Danke, Mann.“
Rafe legte einen Zahn zu und bog in einen Korridor ab, der ihn auf alte Bahnschienen führte. Als er um die Ecke kam, erkannte er im Dunkeln einen vertrauten Umriss. Ein riesiger Schatten hob sich gegen das schummrige Licht ab, das dahinter leuchtete. Die alte Dampflokomotive erhob sich in der Finsternis wie ein Ungeheuer. Der Metallkühler erinnerte an gefletschte Zähne, die direkt über den Schienen schwebten. Der zerbrochene Scheinwerfer sah aus wie ein Zyklopenauge, und der schwarze Korpus wirkte kämpferisch und kraftvoll. Eine massige Kreatur ohne Seele.
Das hatte er gedacht, als er das stählerne Biest zum ersten Mal gesehen hatte.
Benny aber liebte die verrostete alte Lok und die Waggons dahinter. Er kannte jeden Millimeter an der Maschine in- und auswendig und hatte schon mit jeder Schraube und jedem Hebel gespielt. In der ersten Woche, nachdem er in die Tunnel gekommen war, hatte er sich dort im Dunkeln versteckt. Wollte nicht mehr herauskommen. Rafe hatte ihm Essen und Wasser bringen müssen und war bei ihm geblieben, bis der Kleine kapiert hatte, dass er nicht bestraft wurde und Kendra und ihre Crew in Ordnung waren. Der alte Zug war kein Keller mit verschlossener Tür. Benny konnte kommen und gehen, wie es ihm gefiel. Zusammen mit Rafe hatte er ein Zuhause gefunden, an dem sie beide bleiben konnten.
„Yo, Benny, ich bin’s.“ Rafe hob einen Kiesel vom Boden auf und warf ihn gegen die Zähne des Monsters. Das Klicken hallte in der Dunkelheit wider. „Ich hab was für dich.“
„Für mich?“
Über dem Motorraum erschien ein winziger Kopf. Dann folgten zwei weitere, und Rafe hörte Schritte über die Stufen klappern. Benny hing gerne mit den Zwillingen ab. Sie redeten nie mit ihm. Sie redeten mit niemandem, aber einem echten Ninja machte das nichts aus.
„Was denn?“ Der Kleine nahm die unterste Stufe mit einem Sprung und setzte sich hin. Die Zwillinge kauerten sich auf die Stufe über ihm und verzogen die Gesichter zu dem, was sie sich unter einem Lächeln vorstellten.
Doch noch jemand erschien im Dunkeln wie ein Nebelhauch. In einem langsamen Wirbel materialisierte sich ein altes Gesicht mit Falten, die sich tief in die Haut gegraben hatten, und traurigen, wässrigen Augen. Rafe musste seine ganze Konzentration zusammennehmen, um nicht zurückzuzucken und Benny zu erschrecken, als er die ausgebleichte Haut sah, die im Dunkeln glühte. Der Kopf schwebte körperlos im Raum, bis sich der Geist schließlich ganz zeigte. Ein toter alter Typ in einem rußverschmierten Arbeitsoverall stand über den Jungs und sah zu Rafe herunter.
Die Toten sprachen nicht, wenn sie nicht wollten. Jedenfalls nicht mit Rafe. Die Zwillinge hätten sie vermutlich dazu zwingen können, aber Rafes Fähigkeiten waren nicht ansatzweise so ausgeprägt wie ihre.
Eine verwitterte Hand streckte sich aus, um Benny den Kopf zu tätscheln – eine schwielige Hand mit dreckigen Nägeln, eine Hand, die zu ihrer Zeit harte Arbeit geleistet hatte. Der Junge grinste Rafe zu und kratzte sich dort, wo der Tote ihn berührte, am Kopf. Rafe sah die Zwillinge an, die nur mit den Achseln zuckten. Sie konnten die Geisterwelt ebenso sehen wie er, aber Benny hatte keine Ahnung, dass der alte Zug seinen eigenen Geist hatte – einen, der über dem Jungen wachte, als wäre er sein Enkelsohn.
Rafe fand, dass es für Benny schon schwer genug war, hier unten leben zu müssen. Er musste nicht auch noch von all dem wissen, was im Dunkeln lauerte. Dort, wo Benny herkam, hatte er schon genug grauenhafte Dinge gesehen, vor denen man wirklich Angst haben musste. Mit einem kaum merklichen Nicken grüßte Rafe den Geist und konzentrierte sich dann wieder auf Benny.
„Ich hab etwas, das dir Glück bringen soll. Dein eigenes Stückchen Magie.“ Er hielt einen silbernen Anhänger hoch, der an einem geflochtenen Lederband befestigt war. Das Schmuckstück hatte die Form von Kendras Glückszahl, der Acht. Es konnte nicht schaden, wenn Benny und er sich ein Stückchen von ihrem Glück borgten.
„Freundschaftsbänder sind normalerweise aus Garn. So was hast du doch bestimmt schon mal gesehen, oder?“ Als der Junge nickte, kniete Rafe sich hin und sagte: „Halt mir dein Handgelenk hin.“
Bennys Arm war so schmal, dass Rafe das Band zweimal darum wickeln musste. Dem Kleinen fiel es nicht einmal auf.
„Das hier ist aus schwarzem Leder“, sagte er, als er Benny das Armband umgelegt hatte. Die Zwillinge sahen mit offen stehenden Mündern zu. „Das bedeutet, dass uns etwas Stärkeres verbindet als Freundschaft. Wir sind jetzt eine Familie.“
Er hätte gedacht, dass Benny etwas sagen würde, doch der Junge wurde ganz still und wich seinem Blick aus. Er sah nach unten und starrte seinen Glücksbringer an. Rafe fuhr ihm mit der Hand durchs Haar und lächelte, dann ließ er die Hand sinken.
„Ich muss los zu Kendra.“ Er stand auf und lief zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. „Wir sehen uns nachher, du Zwerg.“
„Rafe?“
„Ja?“
Benny saß da und streichelte mit seinen winzigen Fingern das Armband. Mit zittriger Stimme sagte er: „Mir hat noch nie jemand was geschenkt.“
Benny hatte das Talent, Rafe im selben Moment das Herz zu brechen und ihm ein richtig gutes Gefühl zu geben, auch wenn er ihn dabei manchmal an Dinge erinnerte, an die er lieber nicht mehr denken wollte.
„Denk nicht, dass das daran liegt, dass du nichts Schönes verdient hast, Benny“, sagte Rafe leise. „Manche Leute sollten keine Kinder haben. Niemand weiß das besser als wir.“
Mehr sagte Rafe nicht. Er schob die Hände in die Taschen, nickte dem toten Typen im Overall zu, der seinen traurigen Blick keine Sekunde lang von Rafe gelöst hatte, und machte sich auf den Weg durch die Dunkelheit zu Kendra. Rafe wusste, wo er sie finden würde, ohne jemanden fragen zu müssen. Sie war garantiert mit ihrem neuen Spielzeug beschäftigt, diesem Lucas. Der Neue würde seinen Reiz schon noch verlieren und wie die Übrigen werden. Doch Rafe ging es nicht schnell genug.
Er zog die Schachtel aus seiner Hosentasche und sah sie an, während er zu Kendras Kammer ging. Heute hatte er sein Lieblings-Footballshirt und seine besten Jeans an. Als er in ihre Kammer kam, saß sie mit dem Rücken zu ihm auf der Bettkante und hielt einen Waschlappen in der Hand. Sie kauerte über Lucas, der echt krank zu sein schien. Im Kerzenlicht sah es so aus, als wäre Kendra sein Schutzengel. Rafe hatte sie noch nie so schön gefunden.
Vor dem heutigen Tag hatte er es immer geliebt, sie im Flackerlicht ihrer Kerzen zu sehen. Jetzt machte ihn der Anblick nervös. Eine dunkle Vorahnung, kalt wie ein Messerstich, machte sich in ihm breit, als er Kendra mit dem Neuankömmling beobachtete. Er war sich sicher, dass seine Intuition ihn nicht trog, auch wenn er nicht sagen konnte, was genau er eigentlich befürchtete.
Für Kendra war dieser Lucas ein Retter – eine neue Art von Mensch, den sie für so was wie die Wiedergeburt Christi hielt. Aber als Rafe ihn ansah, erkannte er nichts als eine Bedrohung für das, was sie hatten. Einen Jungen, der alles von innen heraus vernichten konnte. Als Kendra die Präsenz des Neuen zum ersten Mal gespürt hatte, war sie ganz aufgeregt gewesen und hatte Rafe ihr Herz ausgeschüttet. Hatte total religiöses Zeug gelabert, von wegen eine höhere Macht, die alles in der Hand hatte und so. Sie hielt nicht viel von organisierter Religion. Ihrer Meinung nach folgten die Welt und das ganze Universum einer natürlichen Ordnung, die in ihren Augen viel mehr Sinn ergab.
Rafe glaubte nicht an irgendein übergeordnetes Superwesen mit einem Masterplan. Wenn so jemand existierte, warum hatten Benny und er dann so ein beschissenes Pech beim Austeilen der Karten gehabt? Wie konnte Gott zulassen, dass so einem niedlichen kleinen Kerl wie Benny Böses widerfuhr? Aber Kendra glaubte an etwas Größeres. In ihren Augen verwandelten sich Menschen nach dem Tod nicht einfach in Futter für die Würmer. Dieser Glaube trug sie durch die dunklen Augenblicke in ihrem Leben. Und wer war er schon, ihr das kaputt zu machen?
„Hey, Kendra.“ Er nickte ihr zu, als sie ihm einen kurzen Blick zuwarf. „Hast du kurz Zeit?“
Sie zögerte und sah Lucas an, dann fragte sie: „Ist es wichtig? Ich glaube, sein Fieber ist gesunken, aber ich bin mir nicht ganz sicher.“
„Ähm, schätze nicht. Ich wollte nur … ach, nichts.“ Als er sich zum Gehen umdrehte, hielt sie ihn auf.
„Warte.“ Sie fuhr sich mit der Hand durch ihr dunkles Haar und seufzte. „Ich brauche dringend eine Pause.“
Rafe hörte, wie sie aufstand, beobachtete sie aber nicht, wie er es normalerweise getan hätte. Stattdessen trat er in den dunklen Tunnel vor ihrer Kammer und wartete. Mit fest geschlossenen Augen umklammerte er die Schachtel in seiner Hand und lauschte auf Kendra.
Er hätte seine Fähigkeit nutzen können, um ihre Stimmung zu fühlen – was sie möglicherweise nicht einmal bemerkt hätte –, aber er war sich nicht sicher, ob er es wirklich wissen wollte. Der Neue brauchte ihre heilerischen Fähigkeiten. Er war schwer verletzt worden, und Rafe wusste, dass Kendra sich deswegen Vorwürfe machte. Aber so was passierte nun mal. Alles war gut ausgegangen. Keine große Sache. Er wollte die Dinge so sehen, wie Kendra es tat – das große Ganze, von dem sie ständig redete –, aber so war er nun mal nicht.
Alles, was er sah und sehen wollte, war Kendra. Als sie um die Ecke bog, richtete er sich auf und blickte sie an. Sie wirkte beunruhigt. Abgelenkt.
„Ich hab was für dich.“ Er zwang sich zu einem Lächeln, schaltete die Taschenlampe ein und richtete sie auf die Schachtel in seiner Hand. Das Licht wurde von dem glänzenden Papier reflektiert und fiel wie Kerzenschein auf Kendras Gesicht.
„Oh, Raphael, das musst du doch nicht immer machen.“ Sie schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr und seufzte wieder tief. „Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, dass du damit aufhörst.“
„Du hast dich darauf geeinigt. Ich habe nichts dazu gesagt.“ Die Hitze stieg ihm ins Gesicht. „Mach es auf.“
Sie warf ihm einen strengen Blick zu, aber als sie seine Hand berührte, um die Schachtel zu nehmen, fühlte er sich besser. Wie sonst auch löste Kendra das Papier und die Schleife so vorsichtig, dass man beides wiederverwenden konnte. Sie packte damit die Weihnachtsgeschenke für die Kinder ein. Ihre zarten Finger zitterten, als sie den Deckel der Schachtel anhob und den weißen Baumwollstoff zur Seite schlug. Als sie den silbernen Anhänger hochhielt, der von einem geflochtenen schwarzen Lederband herabbaumelte, fing sich das Licht darin.
„Du hast mir mal erzählt, dass die Acht deine Glückszahl ist, also habe ich eine für dich und Benny besorgt. Und für mich auch, siehst du? Die passen alle zusammen.“ Rafe grinste und hielt seinen Arm hoch, um ihr seinen etwas größeren Anhänger zu zeigen.
„Versilbert“, erklärte er ihr. „Damit sich dein Handgelenk nicht grün verfärbt.“
Als Rafe das Armband mit der Acht gesehen hatte, hatte er sofort gewusst, dass Kendra es haben musste. Er kannte ihre Lieblingszahl, weil er sich an alles erinnerte, was sie ihm erzählte. Er mochte die Vorstellung, dass er ihr Glück bringen würde, und dass sie jedes Mal, wenn sie ihr neues Armband ansah, daran denken würde, von wem sie es hatte.
„Ja, es sieht wie eine Acht aus, aber ist dir aufgefallen, wie flach und lang gezogen sie ist?“, sagte sie und hielt das Armband hoch, sodass er den Anhänger sehen konnte. „Das ist ein Unendlichkeitssymbol, Raphael.“
Rafe verzog kurz das Gesicht, dann zuckte er mit den Achseln.
„Ja, weiß ich. Ich hab nur einen Witz gemacht“, sagte er. „Unendlich, wie das Weltall und so. Oder Little Gs Magen, wenn es Burger gibt, stimmt’s?“
„Ja“, sagte sie. Ihr leises Lachen traf ihn mitten ins Herz. „Aber Unendlichkeit bedeutet auch ,für immerʻ.“
Für immer. Das gefiel ihm sogar noch besser.
„Gefällt es dir?“, fragte er.
„Es ist wunderschön. Aber warum … Wie hast du …?“ Kendra fragte immer nach, woher er Sachen hatte. Doch wie sonst auch, ließ sie das Thema schnell wieder fallen. „Egal. Hilfst du mir, es umzulegen?“
Sie reichte ihm das Armband. In einer eleganten Bewegung, wie sie nur Mädchen hinbekamen, streckte sie ihr schmales Handgelenk aus und sah ihn bittend an. Manchmal kam es vor, dass sie im einen Moment ganz stark wirkte und im nächsten seine Hilfe brauchte. Er mochte das.
„Du hast so ausgesehen, als ob du eine kleine Aufmunterung brauchen könntest“, erklärte er. „Vielleicht bringt der Anhänger ja Glück … für den Jungen da drin.“ Das sagte er nur, um ihr eine Freude zu machen.
Seine Finger waren so ungeschickt. Alles, was er tat, ging nur langsam, aber auch das war okay. Kendras Haar roch nach Kokosnuss, ein Shampoo, das er für sie geklaut hatte. Als er ihr das Armband umgelegt hatte, lächelte sie ihm zu und spielte mit dem Anhänger. Sie trug jetzt die Unendlichkeit bei sich, die er ihr geschenkt hatte.
„Das muss viel Geld gekostet haben, Raphael.“
Geld, na sicher. Kendra hatte nie behauptet, dass er stahl. Jedenfalls nicht direkt. Manchmal kam es ihm so vor, als ob sie manche Wahrheiten lieber nicht wissen wollte. Sein alter Herr war das genaue Gegenteil gewesen. Für ihn war Rafe nichts weiter als Dreck unter seiner Schuhsohle gewesen. Ein Stück Scheiße, das keiner wollte. Kendras Nähe hatte all das geändert, und wenn er wollte, dass sie etwas Besonderes bekam, fand er es und besorgte es für sie.
„Ich habe es nicht gestohlen“, sagte er. „Ich hab es gesehen und musste an dich denken.“
„Dankeschön.“ Sie ging auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Du bist immer so gut zu mir. Wir reden später, okay? Ich muss zurück.“
„Klar, später.“ Er schob die Hände in die Hosentaschen. „Er hat Glück, dass es dich gibt. Wir alle haben Glück.“
Sie war so schnell verschwunden, dass er nicht wusste, ob sie ihn gehört hatte. Mit geschlossenen Augen spürte Rafe der Berührung ihrer Lippen auf seiner Wange und dem Kokosduft ihres Haars nach, der noch immer in der Luft schwebte. So stand er noch lange da, nachdem sie wieder zurück zu Lucas gegangen war.
Das Schrillen des Weckers riss O’Dell aus einem totengleichen Schlaf. Das Geräusch schmerzte in seinen Ohren, und ein grellrotes Licht blitzte durch die Dunkelheit und tränkte den Raum mit seiner Farbe.
„Was zum Teufel …?“
Ruckartig hob O’Dell den Kopf und zuckte sofort zusammen. Er hatte stechende Kopfschmerzen, und sein Nacken tat höllisch weh. Er konnte sich nicht bewegen, ohne dass der Schmerz bis in seine Schultern schoss. Als er versuchte, es sich etwas bequemer zu machen, musste er feststellen, dass seine Arme an die Lehnen eines Metallstuhls gefesselt waren. Noch viel beunruhigender war, dass ein Infusionsschlauch in seinem linken Unterarm verschwand. Die gesamte Vorrichtung endete in einer Box, wie O’Dell sie aus dem Fernsehen kannte, wenn jemand in der Todeszelle hingerichtet wurde. Er hatte den starken Verdacht, dass seine Zukunft von der Person abhing, die die Fernbedienung in der Hand hatte.
Der ohrenbetäubende Lärm und das aggressiv machende rote Licht setzten O’Dell so sehr unter Druck, dass er schließlich einknickte.
„Aufhören! Ich bin wach … Ich bin doch schon wach!“, schrie er. „Sie haben ja keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun ha…!“
Die Sirene verstummte abrupt und hinterließ ein Sirren in seinen Ohren. O’Dell sackte auf dem Stuhl zusammen und wand sich in den Fesseln an seinen Handgelenken. Das rote Licht blinkte jetzt geräuschlos weiter, bis aus den Lautsprechern über O’Dells Kopf eine technisch verzerrte Stimme zu hören war.
„Wir wissen genau, wer Sie sind, O’Dell.“
Die Stimme wurde durch eine Software gefiltert, die sie bis zu Unkenntlichkeit verfremdete. Es hätte ein Mann, aber auch eine Frau jeden Alters sein können. Mr Roboter klang, als hätte der Terminator ein Kind mit einem Supercomputer gezeugt.
„Was soll die Infusion? Was ist da drin?“ O’Dell konnte nicht verbergen, wie er sich fühlte. Seine Panik war jedem einzelnen Wort anzuhören.
„Das hängt von Ihrer Kooperationsbereitschaft ab.“
Was soll das heißen, verdammt noch mal? O’Dells Kopf pulsierte vor Schmerzen.
„Was sollte diese Nacht-und-Nebel-Aktion?“, fragte er. „Zeigen Sie sich! Wir können reden. Von Mann zu Mann.“
Diese ganze Machoscheiße hier konnte nur auf dem Mist eines Mannes gewachsen sein. Die Hightech-Spionageausrüstung und die ganze 007-Taktik stank förmlich nach Revierpisserei, nach einem Typen, der einem anderen Typen seine Überlegenheit zeigen wollte. Dieses Arschloch hatte ihn entführt und schien nicht vorzuhaben, das Licht einzuschalten und freundlichere Seiten aufzuziehen. Während O’Dell auf eine Antwort wartete, spähte er durch den blutroten Fleck, den das Licht ins Dunkel zeichnete, und versuchte herauszufinden, wo er sich befand.
Ein kleiner Raum. Ein Stuhl für ihn und ein Tisch mit der Box. Eine Tür. Da der Raum fensterlos war, hatte O’Dell keine Ahnung, welche Tageszeit es sein mochte oder wie lange er bewusstlos gewesen war. In den obersten Teil der ihm gegenüberliegenden Wand war ein breiter Spiegel eingelassen. Er war sich absolut sicher, dass ihn die Person, die ihn entführt hatte, durch dieses Observationsfenster von oben beobachtete – ein gesichtsloser Feigling.
Das machte ihn stinkwütend, aber durch das unaufhörliche rote Blinken vor seinen Augen waren seine Kopfschmerzen einfach zu stark, um sich zur Wehr zu setzen.
„Sie hatten den Auftrag, sich um Lucas Darby zu kümmern. Wir hatten Ergebnisse erwartet, aber bislang haben Sie versagt. Was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung vorzubringen?“ Kurz und auf den Punkt – die Stimme forderte eine Antwort.
O’Dell beschloss, ein Risiko einzugehen. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Wer ist dieser Lucas Sowieso?“
Wer auch immer sich hinter dem verspiegelten Fenster befand, hatte bei O’Dells Entführung Fingerspitzengefühl an den Tag gelegt. Die Aktion mit dem Taxi musste eine Menge Geld gekostet haben. Das hier sah nicht nach Cops oder dem FBI aus. Die hatten nicht genug Köpfchen, um so eine Nummer durchzuziehen. O’Dell vermutete, dass der Typ mit den vielen Fragen ein hohes Tier in der Hackordnung der Kirche war.
Sie testeten ihn.
„Sie haben mich gekidnappt, aber wenn Sie mich jetzt gehen lassen, lasse ich im Gegenzug die Polizei aus dem Spiel.“ Wenn sie ihn wirklich testeten, konnte er ihnen so zeigen, dass er clever war, und loyal.
„Wir wissen beide, dass Sie die Polizei meiden wie der Teufel das Weihwasser. Hören Sie auf, Ihre und meine Zeit zu verschwenden.“
Ein blendend weißes Licht versengte seine Augen. Es kam von oben und brannte sich in seine Netzhaut. Er konnte nichts mehr sehen, und als der schrille Alarm wieder losging, erschreckte er sich halb zu Tode.
„Machen Sie das verdammte Ding aus!“, brüllte er mit zugekniffenen Lidern. In seinen Ohren baute sich ein unangenehmer Druck auf, und in seinen Augen brannte es wie Nadelstiche.
„Beantworten Sie meine Frage. Was wollen Sie wegen des Jungen unternehmen?“
Unter dem blendenden Licht kamen O’Dell die Sekunden wie eine Ewigkeit vor, und ihm tat alles weh. Nach dem intensiven Licht und dem schrillen Alarm konnte er die Augen nicht öffnen, und er hatte das Gefühl, als wäre sein Trommelfell geplatzt. Er wollte durchhalten, um dem Typen da oben zu zeigen, dass er sich nicht herumschubsen ließ, aber irgendwo inmitten des Lärms und seiner Erschöpfung war ihm sein übliches Selbstbewusstsein abhandengekommen.
„Was kann denn schon groß dran sein an einem einzelnen Jungen? So haben Sie mich noch nie auseinandergenommen“, brüllte er über den Krach hinweg. „Ich habe Sie noch nie enttäuscht.“
So plötzlich, wie das Chaos ausgebrochen war, endete es auch wieder. In O’Dells Ohren klingelte es.
„Ja, und genau das ist der Grund, aus dem Sie hier sind, O’Dell.“ In der gespenstischen Stille klang die verzerrte Stimme noch gruseliger.
„Was soll das heißen?“ Er konnte seine eigene Stimme nur gedämpft hören. „Sie haben mich entführt. Mein Trommelfell zerstört. Ist das hier Ihre Vorstellung von einem aufmunternden Rückenklopfen, weil ich meine Arbeit so gut mache? Sie hätten es ja mal mit einem Bonus probieren können. Geld soll angeblich hilfreich sein.“
„Nicht gut genug. Der Darby-Junge ist für unsere Pläne von zentraler Bedeutung.“
„Dann interessieren Sie sich ja vielleicht dafür, von meinen Plänen zu erfahren.“ Wieder entschied sich O’Dell dafür, ein Risiko einzugehen.
„Ich höre.“
O’Dell berichtete, was er über die Begegnung zwischen Boelens und diesem geheimnisvollen Mädchen und ihrer Gang wusste. Wenn er herausfand, wer das Mädchen war, und ihre Partner und die Gesichter, die Boelens erkannt hatte, identifizieren konnte, hätte er eine wichtige Spur.
„Aber es könnte zum Problem werden, dass Sie uns nach Gebieten arbeiten lassen, ohne dass ich weiß, was die anderen tun“, fügte er hinzu. „Wenn Sie wollen, dass ich den Hinweisen folge, die ich habe, werde ich genau das tun. Aber dafür brauche ich mehr … Autorität.“
O’Dell wartete die Reaktion ab. Lange musste er nicht warten.
„Ich sehe Ihren Punkt, aber mit mehr Autorität werden auch größere Verantwortung und höhere Erwartungen an Ihre Arbeit einhergehen. Und genau deswegen haben wir Sie hierherbringen lassen. Wir werden Ihnen einen neuen Auftrag erteilen, möchten Ihnen auf diesem Weg aber unmissverständlich klarmachen, wie bedeutungsvoll ihre neue Tätigkeit ist. Betrachten Sie diesen Ausflug als … Beförderung.“
„Was für ein neuer Auftrag?“
„Wie Sie wissen, haben wir unsere Struktur nicht grundlos nach voneinander isolierten Zellen aufgebaut. Alle Teams, die der Beschaffung unserer Zielpersonen dienen, arbeiten auf sich gestellt. Diskretion ist einer der Schlüssel zu unserem Erfolg, aber was diesen Jungen betrifft, haben wir unsere Strategie überdacht.“
Ausnahmsweise hielt O’Dell den Mund. Er war nicht sicher, ob ihm die Richtung gefiel, in die sich das Gespräch entwickelte.
„Von jetzt an werden Sie die gesamte Aktion leiten. Wir werden den verschiedenen Teams keine unterschiedlichen Informationen mehr zukommen lassen, und die Beschränkung für Ihr Einsatzgebiet wird aufgehoben. Sie haben die volle Kontrolle. Der Darby-Junge wird Ihr erster Test. Wenn das Aufspüren dieses Mädchens Ihnen hilft, dieses Ziel zu erreichen, dann nur zu. Sind Sie bereit für diese Herausforderung?“
„Ja, verdammt. Hundertprozentig.“ Sein Instinkt befahl ihm, sofort und voller Überzeugung zu antworten. Zögern wäre ein Zeichen von Schwäche gewesen.
„Gut. Sie werden alle Ressourcen erhalten, die Sie brauchen, um Ihre Suche zu erweitern. Außerdem werden Sie über ein verschlüsseltes Telefon in Zukunft direkt mit mir kommunizieren. Enttäuschen Sie uns nicht.“
Ehe er etwas erwidern konnte, erwachte die Box, an der der Infusionsschlauch hing, surrend zum Leben. Im Display blinkten rote Zahlen auf. Nach einem kurzen Augenblick, der sich ewig hinzuziehen schien, bemerkte O’Dell, dass er die Luft angehalten hatte, während er abwartete, was als Nächstes kommen würde.
„Wir legen unser ganzes Vertrauen in Sie“, sagte die Stimme. „Wenn Sie versagen, werden Sie sich nirgendwo vor uns verstecken können. Sie wissen besser als irgendjemand sonst, wozu wir in der Lage sind.“
Die verzerrte Stimme jagte ihm einen kalten Schauder über den Rücken. Gleichzeitig fluteten die Medikamente seinen Körper und erinnerten ihn daran, wie verletzlich er war. Ein ferngesteuertes Signal leuchtete auf, und der Tropf pumpte irgendetwas in seinen Arm. Da O’Dell gefesselt war, konnte er nur hilflos zusehen. Er sank in seinem Stuhl zurück und versuchte verzweifelt, seinen Kopf aufrecht zu halten.
O’Dell stellte seine Arbeit nie infrage. Er dachte nur ans Geld. In Wahrheit war es hilfreich, kein Gewissen zu haben, und in dieser Hinsicht fühlte er sich mehr als nur qualifiziert. Aber als sein Körper nachgab und die Lichter zu Schatten verblassten, wusste er, dass sich einiges ändern musste. Die Organisation hatte ihn, ohne ihn zu fragen, in eine höhere Liga versetzt, in der man sich keine Fehler mehr erlauben durfte.
Von jetzt an würde alles anders werden.
Ehe er sich ins Dunkel fallen ließ, riss ihn die Stimme mit einer letzten Frage aus seinem Dämmerzustand.
„Wissen Sie, was wir mit diesen Kindern machen?“
O’Dell konnte nur mit einem Kopfschütteln antworten.
„Wenn Sie uns enttäuschen, werden Sie es herausfinden.“
Nicht einmal diese Drohung konnte ihn wachhalten.
Hinter dem Beobachtungsfenster nahm Alexander Reese in seinem ledernen Bürostuhl sein Headset ab und warf es auf einen Tisch. Er beobachtete, wie seine Männer den bewusstlosen O’Dell aus dem Raum unter ihm schleppten. Während er sich seine Handlungsmöglichkeiten durch den Kopf gehen ließ, lockerte er seine Seidenkrawatte und knöpfte seinen Hemdkragen auf. Noch hatte er die Möglichkeit, den Plan wieder aufzugeben, seinen gewissenlosesten Teamleiter O’Dell alleine mit der Jagd nach der bislang wichtigsten Zielperson zu betrauen. Die alten Strukturen hatten seiner Organisation zwar mehr Anonymität gewährt, doch Alexander wurde langsam ungeduldig.
Er hatte persönliche Gründe dafür, das Protokoll zu umgehen. Aber davon wusste niemand außer ihm.
„Vertrauen Sie ihm?“ Eine Frauenstimme riss ihn aus seinen Gedanken. Der Duft eines teuren Parfüms schwebte auf ihn zu, als die Frau näher kam.
„Ich vertraue niemandem“, erwiderte er.
„Nicht einmal mir?“
Alexander antwortete nicht. Er ließ sein einstudiertes Lächeln für sich sprechen.
„Ich schätze, hier geht es nicht mehr um wahres Vertrauen“, sagte sie. „Sie lassen nicht viele hinter den Vorhang blicken. Es ist notwendig, dass wir unser Handeln geheim halten. Das Geschick der Menschheit hängt davon ab. Wir müssen die Massen vor einer Zukunft bewahren, die sie nicht verstehen können.“
Ihre Arroganz war grenzenlos, aber Alexander wusste, was für ein gewaltiges Ego nötig war, um in so kurzer Zeit so viel zu erreichen, wie sie es getan hatte. Ehrgeiz und Machtgier hatte ebenfalls einen Teil dazu beigetragen. Die Frau betrachtete ihren Beitrag als unverzichtbar für das Erreichen der Organisationsziele. Sie glorifizierte ihre Handlungen und hatte sich selbst zur Retterin ernannt, die die Menschheit vor einer düsteren Zukunft bewahrte.
Alexander war es gleich, wie sie ihr Verhalten vor sich selbst rechtfertigte, solange sie nur tat, was er ihr sagte.
„Mit unserer neuen Strategie dürften wir schneller mit Ergebnissen rechnen können“, sagte sie. „Aber sicher gibt es noch weitere Männer, die in Ihrem Auftrag arbeiten. Arbeitskräfte einzusparen wäre eine schlechte Idee. Sie können nicht ernst gemeint haben, was Sie diesem O’Dell erzählt haben. Wollen Sie ihm wirklich die gesamte Verantwortung für die Darby-Aktion übertragen? Das sieht Ihnen gar nicht ähnlich, Alexander.“
„Ab und an ist es unumgänglich, das Ego von Männern zu streicheln.“ Er wirbelte in seinem Stuhl zu ihr herum. „Aber nein, er wird nicht meine einzige Figur auf dem Schachbrett sein. Dafür steht zu viel auf dem Spiel.“
Als er keine weiteren Informationen preisgab, verfinsterte sich ihre Miene, doch sie fragte nicht weiter nach, was für eine Strategie er verfolgte.
„Was halten Sie davon, dass er dieses mysteriöse Mädchen aufspüren will?“, fragte sie stattdessen.
„Solange er den Darby-Jungen findet, ist es mir egal, was für Methoden er einsetzt. Das Mädchen und diese anderen Kinder sind nicht von Bedeutung. Wenn O’Dell eine aggressivere Taktik anwenden muss, nehme ich all das gerne als Kollateralschaden in Kauf.“
„Wir haben noch nie auf der Jagd getötet. Mit einem Mann wie O’Dell könnte die Sache hässlich enden. Es mangelt ihm an Finesse. Sind Sie bereit, hinter ihm aufzuräumen?“
„Selbstverständlich, ja.“
Jeder andere wäre schockiert über die weitreichenden Konsequenzen seiner Worte gewesen. Doch über das Gesicht der Frau flackerte ein sanftes Lächeln.
„Es freut mich, dass Sie solches Vertrauen in meine Empfehlung haben, sich auf den Darby-Jungen zu konzentrieren. Wir sind ein gutes Team, Sie und ich“, sagte sie.
Sie trug ihr blondes Haar offen, nicht zusammengebunden wie sonst bei der Arbeit. Es waren ihre leuchtend blauen Augen und die feinen skandinavischen Gesichtszüge gewesen, die sein anfängliches Interesse geweckt hatten. Doch es waren ihre Verschlagenheit, ihre hervorragenden Referenzen und ihre Kontrollsucht, die sie zu seiner Mitverschwörerin machten.
„Ja, das ist wahr. Aber um das klarzustellen“, erwiderte er, „wenn es um die Beschaffung unserer Zielpersonen und die dafür notwendigen Ressourcen geht, bin alleine ich verantwortlich. Machen Sie sich nicht die Mühe, sich damit auseinanderzusetzen, meine Liebe.“
Die Frau zwang sich zu einem Lächeln. Er beobachtete, wie sich ihre Kiefermuskeln anspannten. Alexander wusste, wie viel Selbstbeherrschung es sie kosten musste, das Thema nicht weiter zu vertiefen. Sie mochte es nicht, außen vor bleiben zu müssen, doch in dieser Hinsicht konnte er ihr nicht helfen.
„Sorgen Sie dafür, dass O’Dell das verschlüsselte Telefon erhält“, fuhr er fort. „Ich werde die Informationen über Darby, die ich von den anderen Teams erhalten habe, zusammentragen und an ihn weiterleiten. Die digitale Akte wird auch Ihr anonymes medizinisches Gutachten über seine Fähigkeiten und Ihre Handlungsempfehlungen enthalten. Wenn O’Dell aufwacht, wird er alles haben, was er braucht.“
„Ja, natürlich.“ Die schöne Frau nahm das Telefon, über das O’Dell Bericht erstatten würde. Ehe sie den Raum verließ, sah sie sich noch einmal um. „Gibt es sonst noch etwas, das ich für Sie tun kann? Ich habe eine Bindung zu Darbys Schwester Mia aufgebaut. Sie vertraut mir.“
„Das könnte sich noch als sehr nützlich erweisen. Gehen Sie mit der Schwester vor, wie Sie es für passend halten. Dank Ihres Einflusses und Ihrer Gerissenheit, meine liebe Fiona, sind Sie mein Fels in der Brandung.“
„Ich glaube an Ihre Sache, Alexander. Unsere Sache.“
Diesmal war das Lächeln, das sie ihm zuwarf, bevor sie ihn in dem abgedunkelten Raum alleine ließ, echt. Als Leiterin der Psychiatrie der Haven Hills Treatment Facility hatte sich Dr. Fiona Haugstad als wertvolle Verbündete entpuppt und seiner Organisation einen perfekten Deckmantel verschafft. Sie konnten Patienten einweisen und testen, die vielversprechendsten jungen Zielpersonen identifizieren und in völliger Anonymität vorgehen. Und all das hinter der Fassade eines Krankenhauses.
Lucas Darby war es irgendwie gelungen, vom Gelände der Einrichtung zu fliehen, ehe Fiona ihre finale Beurteilung durchführen und eine Verlegung auf Station 8 rechtfertigen konnte, wo sie die absolute Kontrolle über den Jungen gehabt hätte – im Geheimen und ohne neugierige, voreingenommene Beobachter. Sie hatte genug gesehen, um zu wissen, dass die Medikamente, die man ihm verabreichte, das wahre Ausmaß seiner Fähigkeiten verschleiert hatten. Er hatte sie noch nie so aufgeregt erlebt wie an dem Tag, an dem sie ihm Bericht über ihre Entdeckungen erstattete.
„Ich hab es geschafft. Ich habe ein Kristallkind gefunden“, hatte sie gesagt.
Fiona hatte so getan, als hätte sie den Darby-Jungen erfunden. Doch wenn sie recht hatte, was ihn betraf, war Lucas Darby mit nur fünfzehn Jahren zum Kristallkind geworden – früher als irgendjemand zuvor. Entweder hatte der Junge eine bemerkenswerte Leistung vollbracht, oder der Evolutionsprozess hatte sich beschleunigt und es würde bald mehr Menschen wie diesen Jungen geben.
Alexander musste es wissen. Der Junge musste getestet und untersucht werden, und zwar umfangreicher als alle anderen. Die Lehren der Kirche erforderten es. Dies hier war nicht der Moment, um ihre bewährte Überzeugung, dass die Menschheit die Welt dominieren und den Aufstieg dieses evolutionären Fehlers verhindern musste, infrage zu stellen oder zu bezweifeln. Diese Kinder waren eine Plage der Menschheit – eine Glaubensprobe – und nichts weiter.
Er selbst fand die Situation und ihre Dringlichkeit erschreckend, doch Fiona war anders. Sie war viel zu geblendet von ihren eigenen Leistungen und schrieb es ganz sich selbst zu, dass sie den Jungen „entdeckt“ hatte. Dank Fionas Bemühungen war Darby in seinem Schoß gelandet wie ein Geschenk – eines, das Alexander um jeden Preis haben wollte.