Samstag, 23. März 2019
Er lässt mich einfach nicht in Ruhe.
»Meredith, ich stecke hier wirklich in der Bredouille.«
»Mir blutet das Herz«, sage ich, das Handy fest ans Ohr gedrückt.
»Bitte, sei nicht so.«
»Du bist mein Freund, Tom. Tu das nicht.«
»Ich mache mir Sorgen um dich.«
»Sag das nicht immer. Ich will nicht, dass du dir Sorgen machst. Ich will, dass du auf meiner Seite bist.«
»Es geht hier nicht darum, auf wessen Seite ich stehe.«
»Sicher. Aber wenn doch, dann wärst du auf meiner.«
»Natürlich bin ich auf deiner Seite, Meredith.«
»Ich dachte, es ginge nicht darum, auf wessen Seite du stehst, Tom.«
Er seufzt schwer. Ich weiß, ich führe mich auf wie im Kindergarten. Aber ich kann nicht anders. Er hat ein Monster entfesselt.
»Ich kann nicht anders. Versetz dich doch bitte mal in meine Lage. Würdest du an meiner Stelle nicht genau dasselbe machen?«
»Ich hasse es, wenn Leute mir mit so was kommen«, entgegne ich ungehalten. »Ich kann mir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie es wäre, du zu sein. Und wage ja nicht zu behaupten, du hättest auch nur einen Schimmer davon, wie es wäre, an meiner Stelle zu sein.«
»Wow.«
»Was soll das denn heißen?«
»Ich glaube, ich bin ein bisschen reflektierter, als du glaubst. Ich weiß sehr wohl, wie unterschiedlich unser Leben ist. Aber wir haben mehr Gemeinsamkeiten, als du denkst.«
»Es geht hier nicht um Kekse und Katzen, Tom.«
»Ja, aber wir lieben beide Bücher … Dir habe ich meine neu entdeckte Liebe zu Margaret Atwood zu verdanken.«
»Ich bin keine Ein-Frau-Bücherei, Tom.«
Er verstummt. Ich habe ihn gekränkt. Aber jetzt, in diesem Moment, ist mir das schnurzpiepegal.
»Ich weiß nicht mehr weiter, Meredith. Ich brauche Hilfe … Deine Arme … das ist ziemlich frisch. Und wenn ich mich nicht an die Vorgaben halte, darf ich dich vielleicht bald gar nicht mehr besuchen.«
So wütend ich auch bin auf Tom, bei der Vorstellung, ihn nie wiederzusehen, wird mir ganz anders. Als wäre er mein Liebhaber, und ich hätte ihn dabei erwischt, wie er mich eiskalt betrügt.
»Du betrügst mich«, sage ich zu ihm.
»Wie bitte? Was redest du denn da?«
»Du betrügst mich mit dem sozialpsychiatrischen Dienst.«
Er lacht, aber es ist ein trauriges Lachen, und es macht mich nur noch wütender. Ich kneife mir in den Nasenrücken, bis mir die Tränen kommen.
»Meredith, das Letzte, was ich will, ist dein Vertrauen zu enttäuschen. Darum ja dieses Gespräch. Ich sage dir, welche Schritte ich jetzt einleiten muss, gerade, weil ich es nicht hinter deinem Rücken tun will. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich es tun muss. Ich kann nicht anders. Ich muss alles in meiner Macht Stehende tun, um deine Unversehrtheit zu gewährleisten.«
»Die ist gewährleistet.«
»Da wäre ich mir nicht so sicher.«
»Tom, wenn ich mich umbringen wollte, hätte ich es längst getan.«
»Willst du mir damit sagen, du wirst dir nichts mehr antun?«
»Ja.«
»Das glaube ich dir nicht, Meredith. Und genau da liegt das Problem.«
»Tom, zwinge mich nicht zu betteln«, bettele ich.
»Sieh mal, vielleicht schicken sie nicht mal jemanden persönlich vorbei. Vielleicht kontaktieren sie dich bloß telefonisch. Die sind doch chronisch überlastet, oder? Wäre das in Ordnung? Würdest du am Telefon mit ihnen reden?«
»Was soll das denn bringen?«
»Meredith, bitte, sei nicht so. Ich tue, was ich kann.«
»Ich war glücklich und zufrieden, bis du dahergekommen bist. Du hast alles versaut.«
»Ich glaube nicht, dass du das wirklich ernst meinst. Nichts davon.«
»Ich bin gut ohne dich zurechtgekommen«, murre ich.
»Deine Arme sehen aber nicht so gut aus.«
Worte wie eine Ohrfeige. Ich atme tief durch.
»Meredith, es tut mir leid. Das war nicht okay.«
»Spar dir das. Geh und ruf deine Freunde vom sozialpsychiatrischen Dienst an. Mir doch egal.« Ich lege auf und drücke die Taste seitlich am Handy, bis das Display schwarz wird, umklammere es so lange, bis mir die Finger wehtun. Wenn der sozialpsychiatrische Dienst mich anruft, kann er mir gerne eine Nachricht hinterlassen.