Kapitel 21

Kang

»Der Regent verlangt nach Eurer Anwesenheit in seinem Arbeitszimmer.«

Die Ankündigung erfolgt durch einen der Palastwächter, gerade als Kang sich mit Hilfe seiner Diener ankleidet. Obwohl das Gewand sich glatt und weich um seine Schultern schmiegt, hat er eher das Gefühl, er würde eine Rüstung anlegen, um in den Kampf zu ziehen. In eine Schlacht, auf die er nicht ausreichend vorbereitet ist.

Wie soll er seinem Vater die Absurdität, die er letzte Nacht beobachtet hat, erklären? Und wird sein Vater ihm überhaupt Glauben schenken? Eine Stimme, die aus einem Spiegel spricht.

Nachdem Kang das Labyrinth aus Fluren, das seine Gemächer mit denen des Kaisers im Inneren Palast verbindet, durchquert hat, steht er vor einer offenen Flügeltür. Das Arbeitszimmer ist eine Bibliothek für sich, mit Regalen voller Schätzen sowie Schriftrollen und Büchern, die die gesamte Länge einer weiteren Wand einnehmen. Um all dies kümmert sich ein ganzer Tross von Dienern, deren einzige Aufgabe darin besteht, diesen Raum für den Kaiser in Ordnung zu halten. Aber an der rückwärtigen Wand sieht er in der Ecke ein Bild hängen, davor steht auf einem kleinen Tisch eine handgeschnitzte Tafel aus edlem Ebenholz und daneben ein Räucherstäbchenhalter. In die Tafel ist der Name seiner Mutter eingraviert, und sie lächelt aus dem Porträt auf ihn herunter.

Schnell rechnet er die Zeit im Kopf nach. Ist bald der Jahrestag ihres Todes? Hat er ihn bereits verpasst? Er wird tiefer in den Raum hineingezogen, während er ihr vertrautes Gesicht betrachtet, mit einem vertrauten Schmerz in der Brust. Er vermisst sie unsagbar.

»Sie wurde uns zu früh genommen«, sagt eine Stimme hinter ihm.

Kang fährt herum. Der General steht da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und blickt auf das Porträt seiner Frau. An einer der Feuerschalen entzündet er ein paar Räucherstäbchen und gibt eines seinem Sohn. Jeder glimmenden Spitze entsteigt ein sich kräuselnder Rauchfaden, als die beiden sich zusammen verneigen, in gemeinsamem Gedenken, in gemeinsam empfundener Liebe. Kang legt das Räucherstäbchen auf die Ablage vor der Gedenktafel, in der Hoffnung, dass ihre Botschaft seine Mutter erreichen wird. Dass ein Teil von ihr weiß, dass sie nicht vergessen ist.

»Du hast sie hierhergebracht«, sagt Kang leise. Er dachte immer, ihre Gedenktafel würde in Lǜzhou bleiben, in ihrem Haus am Meer. Seine Mutter hat nie den Wunsch geäußert, den Palast zu besuchen; sie machte sich nicht viel aus der Stadt. Sie mochte die Halbinsel und ließ ihn teilhaben an ihrer Liebe für diesen Ort, bis schließlich auch er ihn als seine Heimat betrachtete.

»Ich könnte sie niemals zurücklassen«, erwidert der General, den Blick starr auf das Porträt gerichtet. »So, wie sie mir das Versprechen abnahm, dich auch immer zu beschützen.«

Kang schweigt. Wäre seine Mutter noch hier, würde alles anders sein, aber vor langer Zeit beschloss sein Onkel, dass ihre bloße Existenz eine Bedrohung war. Die Erinnerung an ihre Ermordung ist wie ein scharfes Messer, das sich in seine Eingeweide bohrt.

Mittlerweile bewohnt Kang die ehemalige Unterkunft der Prinzessin. Doch obwohl ihre Möbel ausgetauscht und all ihre Dekorationen entfernt wurden, fühlen sich die Räume immer noch nicht wie seine an. Nichts hier fühlt sich so an. Diesen Anspruch hat er schon vor langer Zeit abgelegt. Er berührt die Stelle auf seiner Brust, wo er die Ränder des Brandzeichens fast durch seine Kleidung hindurch spüren kann.

Nein. Sie haben ihn aus ihm herausgebrannt.

Er wendet sich von dem wachsamen Blick seiner Mutter ab. Sie hätte das alles hier nicht gebilligt. Sie hätte dem General nicht erlaubt, Kang als Spion – und wie er jetzt weiß als Instrument zur Ablenkung – in den Palast zu schicken. Sie hätte ihm nicht gestattet, Yěliǔ zu entweihen, sondern darauf gedrungen, dass er einen anderen Weg findet. Früher war seine Mutter die Beraterin seines Vaters gewesen, doch inzwischen hat der Kanzler diese Position inne. Er will ein enges Bündnis mit dem General schmieden, um sicherzustellen, dass er größtmöglich an dessen Aufstieg partizipiert.

Um sich von seinen aufgewühlten Gedanken abzulenken, betrachtet Kang die Schätze in den Regalen. Sein Vater mag besonders Bronzeskulpturen – galoppierende Pferde und Zeremoniengefäße, alle fleckig und gezeichnet vom Alter. An der Wand darüber hängt ein Bogen, zusammen mit einer Sammlung von Pfeilen, von denen jeder mit einer bestimmten Erinnerung verknüpft ist. An eine Schlacht, eine Jagd, einen Wettkampf.

Es ist jedoch das weiße Schwert, an dem Kangs Blick hängen bleibt. Die fluchbeladene Klinge, die den Kriegsherrn begleitete, der so viel Tod und Zerstörung verursachte. Und doch, je nachdem, wie die Geschichte erzählt wird, war er entweder ein Rebell, der einen sinnlosen Kampf focht, oder der heldenhafte Beschützer seines Clans, der bis zum letzten Atemzug kämpfte. Kang fragt sich, wie Historiker die jetzige Zeit beschreiben werden. Wie er in die Annalen der Geschichte eingehen wird.

Der geschnitzte Griff des Schwertes winkt ihn näher. Die Klinge steckt in einer neu angefertigten Schwerthülle aus Leder, die mit zwei Perlmuttstreifen verziert ist. Wie scharf ist die Schneide? Er verspürt den Drang, das Schwert zu ergreifen, herauszuziehen und auszuprobieren …

»Nimm es«, befiehlt ihm sein Vater.

Kangs Hand schnellt zurück, weg von dem Schwert. Selbst ihm als Prinzen ist es nicht erlaubt, im Inneren Palast eine Waffe zu tragen. Das ist kein Militärlager irgendwo auf dem Land. Das ist nicht das Schlachtfeld, und doch rast sein Herz, als ob er auf einem stünde.

Der General lächelt ihn wissend an. »Du hast es schon einmal gehalten. Wenn du neugierig bist, wie es sich schwingen lässt, dann hast du jetzt die Gelegenheit dazu.«

Kang wendet sich wieder dem Schwert zu, er spürt den Sog, den es auf ihn ausübt. Von Kindesbeinen an hat man ihn gelehrt, jede Waffe, die sich ihm präsentiert, genau in Augenschein zu nehmen. Um vorbereitet zu sein. Er greift nach dem Schwert und nimmt es vom Ständer. Betrachtet es eingehend, während es noch in der Scheide steckt. Es ist klein, eine Sekundärwaffe, dazu gedacht, jemanden im Nahkampf zu erstechen. Er zieht es heraus und legt die Scheide in das Regal.

Sein Vater tritt einen Schritt zurück und macht ihm etwas Platz. Kang schwingt seinen rechten Arm und sein rechtes Bein zurück, wirft das Schwert in die Luft, packt es am Griff und zieht es zurück und bettet es auf seinen Unterarm. Dann macht er einen Schritt nach vorn und dreht das Schwert in seiner Hand, spürt, wie der geschmeidige Griff durch seine Finger gleitet.

Erinnerungen werden wach.

Wie er von älteren Soldaten seines Bataillons in den Dreck gestoßen und verhöhnt wird.

Wie er als Späher von einem Baum fällt und sich an zwei Stellen den Arm bricht.

Wie er jemanden für einen Freund hält, nur um dann zufällig mitanzuhören, dass er ihn lediglich benutzt, um die Gunst des Generals zu gewinnen.

Das Schwert wirbelt herum, schneller und schneller, während er eine unsichtbare Bedrohung in Stücke schlägt.

Fast bewegt es sich in seiner Hand, als würde es ihn führen, ihn ermutigen, es gegen seine Feinde einzusetzen. Es lechzt … er lechzt nach Blut. Nach Rache.

Danach, jeden niederzumetzeln, der ihm je unrecht getan hat.

Mit schwirrendem Kopf schnappt Kang sich die Schwerthülle aus dem Regal und schiebt die Klinge hinein. Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn.

Er verneigt sich und hält seinem Vater das Schwert hin.

»Und, was denkst du?« Der General nimmt es entgegen und wiegt das Schwert in seinen Händen.

»Es ist eine fein gearbeitete Waffe. Sie wurde gut gepflegt und sorgsam behandelt«, sagt Kang. Unauffällig wischt er sich die Handflächen an seinem Gewand ab. Er spürt die Reste von etwas daran kleben. Im Palast stimmt etwas ganz gewaltig nicht.

»Du fragst dich sicher, weshalb ich dich hierherbestellt habe.« Sein Vater legt das Schwert zurück auf den Ständer und mustert ihn. »Du sollst einen Auftrag für mich erledigen.«

»Einen Auftrag?« Dieser Gedanke hellt Kangs Stimmung etwas auf. Endlich eine Abwechslung von den Routinen und starren Strukturen des Palastes, und doch … umschwirren ihn immer noch all seine unbeantworteten Fragen.

»Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen über ein Kleinod, das in der nördlichen Region wieder aufgetaucht ist«, fährt sein Vater fort. »Es gibt da eine Schlucht in den Bergen von Yún. Dort wurde etwas Kostbares versteckt, das dem Gründungskaiser gestohlen wurde.«

Noch mehr Reliquien? Das alles muss einem bestimmten Zweck dienen. Einem umfassenden Plan, den Kang nicht durchschaut. Die Beamten des Hofes machen ihm weiter ihre Aufwartung und sprechen mit ihm über Dinge, die ohne Belang sind, und er weiß, dass sie bezüglich der Pläne seines Vaters genauso im Dunkeln tappen wie er.

»Du fragst dich sicherlich, warum ich all diesen Gegenständen nachjage.« Offenbar versteht es sein Vater, seinen Gesichtsausdruck zu lesen.

»Ich weiß, dass du dafür einen Grund haben musst.«

Bitte, fleht er ihn im Stillen an. Sag mir, warum. Nenn mir einen Grund für all das, damit ich nicht bangen muss, wie weit du noch gehen wirst.

»Die Akademien und die Klöster haben dem Thron zu viel Macht entrissen«, sagt der General und ballt eine Hand zur Faust. »Mein Bruder hat mit seiner Milde Verderben über Dàxī gebracht. Man wird mich als das Gefäß der Götter ansehen, als ihr berufenes Werkzeug, als ihre geeinte Kraft.«

Also das steckt dahinter. Das ist das Ziel seines Vaters auf seinem Weg zur Macht. Der Gründungskaiser hatte geglaubt, seine Herrschaft sei ihm von den Göttern verliehen worden, und obwohl die vorherigen Kaiser sich von diesem Glauben abgewandt hatten, scheint es so, als wollte sein Vater ihn in seiner kommenden Herrschaft wieder etablieren.

»Ich gebe nichts auf Aberglauben, bin mir aber trotzdem der Kraft des Glaubens bewusst.« Der General nimmt eine Scheibe aus dem Regal, und Kang erkennt, dass es die Reliquie aus Hánxiá ist. Diejenige, die sein Vater vor dem Hof abgetan hat, und doch ist sie nun in seinem persönlichen Arbeitszimmer gelandet. »Man wird mich als den Göttlichen Kaiser anerkennen, sobald ich Herr bin über die drei Reliquien aus Hánxiá, Yěliǔ und Wǔlín, mitsamt den drei Symbolen des Gründungskaisers.«

Das Schwert. Das Siegel. Der Thron.

»Wenn ich Kaiser bin, werde ich das fluchbeladene Schwert führen, das Männer vor mir vernichtet hat, und ich werde auf dem Thron sitzen mit der mi ān gu ān auf meinem Kopf.«

Der General nimmt einen Siegelstempel aus dem Regal und hält ihn Kang zur näheren Betrachtung hin. Das Holz, aus dem er gemacht ist, ist so dunkel, dass es beinahe schwarz aussieht, als könnte es das Licht, das darauf fällt, einfach verschlucken. Auf dem Sockel sitzt der Kopf eines Drachen, sein langgezogenes, gekrümmtes Maul ist zu wütendem Gebrüll weit aufgerissen. Das Schwert repräsentiert die militärische Stärke des Kaisers, während der Stempel mit dem offiziellen Siegel jeden Erlass des Palastes in Kraft setzt.

»Der Gründungskaiser besaß einst eine faustgroße Kristallkugel, die so prachtvoll glänzte, dass sie die Nacht weithin erleuchtet haben soll. Sie wurde vor vielen Jahren aus dem Palast geraubt, ist inzwischen aber in der Provinz Yún wieder aufgetaucht. Sie nannten sie die Nacht Erhellende Perle, und sie soll meinen Siegelstempel bekrönen als ein weiteres Symbol meiner Macht.«

Das aufgesperrte Drachenmaul wartet auf diese Kugel.

»Man erzählt sich, dass sie einst dem Jadedrachen gehörte«, erklärt der General, während er auf den Siegelstempel starrt. Auf seinem Gesicht liegt ein inbrünstiger Ausdruck, seine Augen spiegeln blanken Hunger. »Und bald … wird sie mir gehören.«

Kang ist hin und her gerissen von dem Wunsch, nach Yún zu gehen, aber seinen Vater den Fängen des Kanzlers zu überlassen, scheint zu gefährlich; doch die nächsten Worte des Generals lösen seinen inneren Konflikt auf.

»Du wirst dem Kanzler zur Hand gehen, mit der Hilfe der Götter, begleitet von Wǔlín und Hánxiá.« Sein Vater blinzelt, dann schüttelt er den Kopf »Ich vergaß, diese Akademien gibt es ja wohl nicht mehr.«

Das macht es für Kang leichter, den Auftrag anzunehmen. Auf diese Weise kann er den Kanzler im Auge behalten, um herauszubekommen, welche Pläne er bei seinem Vater verfolgt.

Der Siegelstempel wandert zurück ins Regal, und Kangs Vater holt einen anderen Gegenstand aus den Falten seines Gewands hervor – eine handtellergroße Steinschnitzerei. An den Enden hängen schwarze Quasten.

Kang zieht scharf die Luft ein, als er erkennt, was es ist. Von innen heraus leuchten die Schriftzeichen auf einem Hintergrund aus Perlmutt. Es ist der Talisman des Schwarzwasser-Kommandeurs. Dieses Bataillon hört nur auf denjenigen, der ihn in den Händen hält.

»Mein Sohn, du wirst meine Rolle als Anführer des Schwarzwasser-Bataillons übernehmen, als mein persönlicher Vertreter und enger Berater«, sagt sein Vater, so tief von Emotionen bewegt, wie er es an ihm noch nie erlebt hat. Eine aufsteigende Woge der Gefühle droht Kang zu überwältigen und mit sich zu reißen.

All seine Mühen, um die Anerkennung seines Vaters zu gewinnen. Das Brennen in seinen Muskeln nach jedem Training, das unablässige Streben nach Perfektion, wie er Sprosse für Sprosse die Leiter erklomm, nur damit sein Vater es sieht.

Kang neigt den Kopf und streckt ehrfurchtsvoll die Hände aus. Sein ganzer Körper ist erfüllt von einem glühenden Stolz. Er hat das Gefühl, seine Brust müsste jeden Moment von der Intensität der Empfindung explodieren.

»Danke, Vater«, bringt er mühsam hervor. »Ich werde dich nicht enttäuschen.«