Kapitel 7
Jackman starrte auf die Überreste des Drover’s Arms
. Es war offensichtlich nicht einmal zu seiner Blütezeit ein malerisches Pub gewesen, sondern eine stinknormale Kneipe für Farmarbeiter, in der die Gäste erdverkrustete Gummistiefel trugen und niemand etwas dagegen hatte.
Man hatte sie angewiesen, auf einer befestigten Fläche hinter dem baufälligen Gebäude zu parken. Es waren bereits zwei Streifenwagen da, die von der Straße aus allerdings nicht zu sehen waren. Der Befehl, sich unauffällig zu verhalten, schien ausnahmsweise Gehör gefunden zu haben.
Eine Polizistin eilte auf sie zu und führte sie zu einer offenen Tür an der Rückseite des ehemaligen Pubs.
»Sie ist hier drin, Sir.«
Jackman hörte das Zittern in ihrer Stimme, und obwohl sie nach außen unbeeindruckt wirkte, wusste er, dass sie der Anblick der Leiche tief getroffen hatte. »Haben Sie sie gefunden?«, fragte er freundlich.
Die Polizistin nickte. »Wir wollten ein paar Jugendliche überprüfen, die mit einem Benzinkanister auf ihren Fahrrädern hier herumfuhren. Ein Nachbar hat sie in der Nähe des Hauses gesehen, also sind mein Partner und ich losgefahren.« Sie schüttelte den Kopf. »Wären es doch wirklich nur ein paar jugendliche Unruhestifter gewesen …«
Jackman sah sich um. Vor ihm hing eine schimmelige Blumenampel mit verblassten Plastikblumen an einer rostigen Kette. Die Bierwerbungen an den Wänden waren zerrissen und kaum noch lesbar, überall lag Müll, und schon am Eingang roch es nach feuchtem, verrottetem Gemüse.
»War wohl kein Vier-Sterne-Schuppen«, murmelte Max und trat ein orangefarbenes Netz mit zu schwarzen Klumpen verfaulten Möhren beiseite.
»Eher nicht«, stimmte Jackman ihm zu.
»Es war auch zu Glanzzeiten die Art Pub, bei dem man sich beim Rausgehen die Füße abwischt«, erklärte die Polizistin hart. »Ich war in den letzten Jahren so oft hier im Einsatz, dass ich froh war, als es endlich dichtmachte. Ich dachte, damit wäre die Sache erledigt.« Sie verzog das Gesicht. »Und jetzt sind wir schon wieder hier.« Sie trat ins Haus. »Achtung. Hier liegt überall Müll und Unrat.«
Kann man wohl sagen, dachte Jackman und stieg über einen Hundehaufen.
Am Ende des langen, schmalen Flurs stand ein weiterer uniformierter Beamter.
»Entschuldigen Sie, Sir, aber ich musste mal rauf an die frische Luft. Der Geruch da unten ist kaum auszuhalten.« Der junge Polizist war ganz grün im Gesicht, und Jackman war sich sicher, dass er gerade ein Wiedersehen mit seinem Mittagessen gefeiert hatte.
»Wo ist sie?«
»Im Bierkeller, Sir. Ich zeige es Ihnen.«
»Sagen Sie uns einfach, wo wir hinsollen. Sie müssen nicht noch eine Nase voll nehmen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.«
Der Polizist lächelte dankbar. »Die Treppe runter und dann links, Sir. Der Keller mit den Fässern ist geradeaus, und das Opfer liegt hinter einem Stapel Plastikkisten.«
Jackman nickte Max zu, und sie stiegen die steile Steintreppe hinunter.
»In einem Bierkeller ist es doch in der Regel ziemlich kühl«, meinte Max hoffnungsvoll. »Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm.«
Jackman war schon einige Schritte weiter und hatte den unverwechselbaren Geruch bereits in der Nase. »Tut mir leid, mein Freund, aber da irren Sie sich.«
Max würgte, als er es ebenfalls roch. »Stimmt. O Mann! Ich hasse diesen Gestank!«
»Ich würde mir Sorgen machen, wenn es nicht so wäre.«
Im Keller war es alles andere als kühl, sondern eher feucht und stickig. Bevor die Besitzer fortgingen, hatten sie offenbar alles, was keinen Wert mehr hatte, die Treppe hinuntergeworfen und die Tür versperrt. Überall lagen zerbrochene Stühle, Tische und Bilder, verdreckte Kissen, schmutzige Geschirrtücher und leere Pappkartons. Die Fässer hatte vermutlich die Brauerei abgeholt, doch von der Decke hingen immer noch die Schläuche, die das Bier nach oben transportiert hatten, und schließlich entdeckte Jackman auch den Stapel mit den blauen Plastikkisten. Sie bildeten eine willkommene Barriere zwischen ihnen und der Leiche, doch zum Zögern war keine Zeit.
»Okay, dann sehen wir mal nach.«
Sie gingen gemeinsam auf den Stapel zu und sahen vorsichtig um die Ecke.
Jackman stellte sein Gehirn auf »Arbeitsmodus«, verdrängte sämtliche Gefühle und registrierte nur das, was er vor sich sah.
Die Frau war weiß und hatte blonde Haare. Das Alter war schwer zu schätzen, aber aufgrund der Überreste ihrer modischen Kleidung tippte Jackman auf etwa fünfundzwanzig Jahre. Sie lag auf der Seite, sodass die schwere Kopfverletzung, die durchgeschnittene Kehle und die ausgeschlagenen Zähne gut zu erkennen waren. Leider waren es nicht die einzigen Verletzungen. Es brauchte einiges an Konzentration, um den Arbeitsmodus beizubehalten, doch er gab sein Bestes. Das Messer, das ihre Kehle aufgeschlitzt hatte, hatte ihr auch Dutzende anderer Wunden zugefügt, genau wie bei Alison Fleet. Ihre Kleider waren durchgeschnitten, und darunter blitzte das nackte Fleisch hervor. Jackman sah erneut Alisons gebräunte Haut unter dem zarten Stoff ihrer Bluse und ihres Rockes vor sich. Hier war nur noch dunkles, verwestes Fleisch übrig. Die Frau trug keine Schuhe, und Nagetiere hatten sich bereits an den schwarzen Zehen zu schaffen gemacht. Jackman wusste auch ohne pathologisches Gutachten, dass diese arme Seele bereits mehrere Wochen tot war. Und das brachte Daniel Kinder zurück ins Spiel.
Max hatte bis jetzt kein Wort gesagt, und als Jackman sich umdrehte, sah er, dass sich der junge Detective eifrig Notizen machte. Als er merkte, dass er beobachtet wurde, hob er den Blick. »Glauben Sie, dass es derselbe Täter war, Chef?«
Jackman trat von der Leiche zurück. »Meiner Meinung nach ja. Aber wir müssen abwarten, ob der Pathologe mir zustimmt.«
»Das wird nicht allzu lange dauern«, murmelte Max. »Wenn man vom Teufel spricht, Sir …«
Jackman drehte sich um und sah eine Gestalt, die gerade mit einer großen Tasche die Treppe herunterkam.
»Ich hoffe, Sie beide haben meine Beweise nicht kontaminiert?«
Jackman zwang sich zu einem Lächeln. Er hatte vergeblich versucht, mit Dr. Arthur Jacobs warm zu werden. Der Arzt hatte etwas Seltsames an sich, das Jackman nicht ergründen konnte. Seiner Erfahrung nach waren die meisten Pathologen eigenartig. Einige waren verstörend und andere schlichtweg Furcht einflößend, doch Jacobs strahlte eine eisige Kälte aus, die den Toten in seiner Leichenhalle um nichts nachstand. Hätte er den Mann mit einem Wort beschreiben sollen, wäre ihm als Erstes »seelenlos« eingefallen.
»Wir haben nichts angerührt, Dr. Jacobs, und das werden wir auch nicht.« Er bemühte sich, weiterzulächeln. »Aber darf ich Ihnen vielleicht gleich zu Beginn zwei Fragen stellen?« Er hielt einen Sekundenbruchteil inne, und als der Pathologe etwas erwidern wollte, sprach er eilig weiter. »Keine Sorge, es geht nicht um den Todeszeitpunkt.«
Jacobs’ buschige Augenbrauen senkten sich wieder. »Das will ich hoffen!«
»Ich muss wissen, ob sie einen Ausweis oder Ähnliches dabeihatte. Und nachdem Sie auch mit Alison Fleet gearbeitet haben, Sir, hätte ich gerne eine Einschätzung, ob es sich um ein weiteres Opfer desselben Täters handelt.«
»Das sollte nicht allzu schwer zu beantworten sein, obwohl ich natürlich keine offizielle Stellungnahme abgebe. Verstanden?«
»Natürlich.«
Jackman und Max warteten geduldig, während der Pathologe hinter der Wand aus Plastikkisten verschwand. Sie hörten ihn grunzen und murmeln, und nach einer gefühlten Ewigkeit erhob sich Jacobs und warf ihnen einen grimmigen Blick zu.
»Es gibt nichts, womit wir sie identifizieren können, und zahnärztliche Befunde können wir auch vergessen. Unser Mörder hat kaum etwas von ihrem Kiefer und den Zähnen übrig gelassen. Und was Ihre zweite Frage betrifft: Ich kann es natürlich nicht mit Sicherheit sagen, aber es gibt einige Parallelen zu der letzten Toten. Vermutlich zu viele, um sie zu ignorieren.« Er holte tief Luft. Der schreckliche Verwesungsgeruch schien ihn nicht im Geringsten zu stören. »Ich nehme an, dass meine Untersuchungen ergeben werden, dass es derselbe Täter ist.« Er zog die Augenbrauen zusammen. »Aber das sind reine Vermutungen, bis Sie den vorläufigen Bericht auf den Tisch bekommen. Ist das klar?«
»Glasklar, danke. Ich freue mich schon darauf«, erwiderte Jackman kühl und deutete mit dem Kopf in Richtung Treppe. »Komm, Max. Auf uns wartet jede Menge Arbeit.« Er dankte dem Pathologen noch einmal und eilte die Treppe hoch, wobei er sich fragte, ob er vom Tatort oder doch eher vor dem Arzt davonlief.
»Sie mögen ihn nicht, oder?« Max sah ihn wissend an, als sie in die herrlich frische Luft hinaustraten.
»Er macht seinen Job gut, und das ist wichtig«, antwortete Jackman.
Max rümpfte die Nase. »Okay. Aber falls ich mal unerwartet abkratzen sollte, bringen Sie mich lieber über die Countygrenze. Ich möchte echt nicht auf seinem Tisch landen.«
»Wie bitte?«
»Oh! Ich wollte damit natürlich nicht sagen, dass er ein Perverser ist! Er ist nur … Na ja, er ist …« Max verzog das Gesicht und suchte nach den richtigen Worten. »Ich glaube, er untersucht die Leichen mit demselben Mitgefühl und derselben Rücksichtnahme, als würde er einen Fisch filetieren. Er ist kalt.«
»Eiskalt«, stimmte Jackman ihm zu. »Aber vielleicht ist das seine Art, damit umzugehen. Er ist einer der wenigen Kollegen, über die ich absolut nichts weiß.«
»Da sind Sie nicht der Einzige. Aber nicht, weil es niemanden interessiert. Charlie und ich haben mal ein bisschen recherchiert, aber außer einem Rattenschwanz an Titeln haben wir nichts gefunden. Nada.«
Seltsamerweise hat mein Vater auch noch nie von ihm gehört, dachte Jackman. Und das war wirklich eigenartig. Das Adressbuch seines Vaters hatte beinahe so viele Einträge wie die Gelben Seiten. Freunde, Familienmitglieder, Kollegen, Geschäftspartner und Politiker. Hugo Jackman war ein Meister darin, Kontakte zu sammeln, denn man wusste nie, ob man jemanden nicht noch einmal dringend brauchen würde.
»Was halten Sie von der armen Frau da unten, Sir?«, fragte Max unvermittelt. »Abgesehen davon, dass sie jemand regelrecht filetiert hat, meine ich.«
Jackman blies die Wangen auf. »Puh. Das ist bei dem Zustand der Leiche schwer zu sagen. Aber ich schätze, sie war Mitte zwanzig, vermutlich Britin und nicht gerade ein Sozialfall.«
»Mhm, das würde ich auch sagen. Vor allem, dass sie gut dran war. Das T-Shirt war ein Markenteil. Das Logo war unter dem Dreck noch einigermaßen gut zu erkennen.« Er trat nach einem Stück losem Asphalt. »Haben wir einen Serienmörder hier bei uns in Saltern, Sir?«
Jackman schluckte. Diese Frage wollte sich kein Polizist stellen.
Es würde immer Mörder geben. Genauso wie talentierte Künstler, Wunderkinder, Konzertpianisten, Linkshänder und Leute, die Rule Britannia!
furzen konnten. Es war eines der vielschichtigen Talente der Menschheit. Ein Mann konnte vom Zehnmeterbrett springen und kaum eine Spur auf der Wasseroberfläche hinterlassen, ein anderer konnte ohne Aufheben ein Leben auslöschen. Aber Serienmörder waren etwas vollkommen anderes. Sie waren gefürchtete, abscheuliche Ungeheuer.
»Es ist noch zu früh für solche Vermutungen. Der Mörder könnte einen tief sitzenden persönlichen Groll gegen die beiden Frauen gehegt haben. Es gibt Dutzende mögliche Szenarien, Max, und in keinem kommt ein Serienmörder vor.« Er versuchte, streng zu klingen, doch tief im Inneren fragte er sich dasselbe.
Sie wechselten noch ein paar Worte mit den uniformierten Beamten, dann eilten sie zurück zum Auto. Die Superintendentin wartete bereits auf ihren Bericht, und der neue Leichenfund brachte haufenweise Arbeit mit sich.
Max saß hinterm Steuer, und nach ein paar Kilometern fiel Jackman auf, dass sie sich heute nicht wie sonst üblich über dies und das unterhielten. Er warf einen Blick auf Max und bemerkte schockiert, dass dieser Tränen in den Augen hatte.
Jackman berührte sanft seinen Arm. »Soll ich fahren?«
»Nein, ist schon okay, Sir.« Max fuhr sich mit dem Jackenärmel über die Augen. »Wie kann jemand bloß so etwas tun?« Er schluckte. »Das ist doch unmenschlich! Man kann sich nicht einfach irgendeine junge Frau aussuchen und ihr so etwas antun. Sie war doch fast noch ein Kind.« Er schüttelte den Kopf, als wollte er den Gedanken vertreiben. »Es ist schrecklich. Wie kann jemand zu so etwas fähig sein? Warum machen Menschen solche Dinge, Chef?«
»Wenn ich das wüsste, wäre ich ein reicher Mann.« Jackman seufzte. »Ich fürchte, es gibt keine einfache Erklärung dafür. Ausgehend von früheren Fällen weiß ich nur, dass einige Mörder in einer Fantasiewelt leben, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat und in der ein Gewaltverbrechen zu einem schrecklichen, psychosexuellen Spiel gehört, das sie zwanghaft gewinnen möchten. Manche fügen anderen Menschen gerne Schmerzen zu, und andere denken schlichtweg, sie hätten das Recht, jemanden umzubringen. Aus welchen Gründen auch immer.«
Max murmelte zustimmend und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Nach einer Weile seufzte er. »Ich kann ihnen nicht ins Gesicht sehen.«
Jackman erinnerte sich, wie der Detective sich eifrig Notizen über die Kleidung der Frau gemacht hatte. »Das verstehe ich.«
»Was stimmt bloß nicht mit mir, Chef? Die anderen kommen doch gut damit zurecht. Manche reißen sogar Witze.«
Jackman schüttelte den Kopf. »Denken Sie daran, was ich Ihnen vorhin über Jacobs gesagt habe, Max. Jeder findet seinen eigenen Weg, um damit klarzukommen. Schwarzer Humor steht dabei ganz oben auf der Liste, obwohl es manche als herzlos und sogar abstoßend empfinden. Es kommt auf die jeweilige Persönlichkeit an.«
»Sie verraten den anderen doch nicht, dass ich geflennt habe, oder?«
»Auf keinen Fall«, erwiderte Jackman ernst. Obwohl er wusste, dass keiner aus dem Team Max für schwach gehalten hätte, weil er eine Träne für eine tote junge Frau vergossen hatte. Marie hätte es vermutlich sogar reizend gefunden. »Aber es ist kein Zeichen von Schwäche, Max. Es ist ein Zeichen des Mitgefühls. Und ohne das wären Sie ein beschissener Polizist.«
Während sich Jackman mit dem Pathologen unterhielt, nahmen Marie und Charlie Button gegenüber von Daniel Kinder Platz.
Kinder wirkte sehr ruhig – vielleicht sogar zu ruhig. Marie fragte sich, ob die Beruhigungsmittel immer noch wirkten.
Sie wies ihn auch dieses Mal wieder auf die Möglichkeit hin, einen Anwalt hinzuzuziehen. Als er ablehnte, setzte sie die Befragung fort. »Mittlerweile liegen die Fingerabdrücke des Tatortes vor, an dem Sie angeblich jemanden getötet haben.« Marie hielt inne und starrte in Kinders teilnahmsloses Gesicht. »Es gibt keinerlei Hinweise, dass Sie dort waren, Daniel.«
»Dann war ich wohl ziemlich vorsichtig«, erwiderte er mit ausdrucksloser Stimme.
Du, mein Freund, bist heute ein vollkommen anderes Kaliber als der Kerl, der gestern Abend hier saß, dachte Marie, und ihre Augen wurden schmal. Sie hatten beschlossen, Kinder nichts von der zweiten Frau zu sagen, bevor Jackman sich in Bracken Holme persönlich umgesehen hatte. Marie glaubte immer noch, dass Kinder niemanden umgebracht hatte und dass ihn die Nachricht über eine zweite Leiche aus dem Konzept bringen würde. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um ihn damit zu konfrontieren. Sie erinnerte sich nur zu gut an Jackmans Warnung, vorsichtig zu sein, weil Kinder möglicherweise ein falsches und gefährliches Spiel trieb.
»Was erhoffen Sie sich von der ganzen Sache, Daniel?«
Er sah sie verwirrt an. »Was meinen Sie damit?«
»Nun ja, Sie sind hierhergekommen und haben das Spiel begonnen … Da müssen Sie doch auch ein Finale im Sinn haben.«
»Das hier ist kein Spiel.«
»Nicht?« Marie begegnete seinem starren Blick. »Da bin ich mir nicht so sicher.«
Daniel holte tief Luft und schaute auf die zerkratzte Tischplatte.
»Sie haben Alison Fleet nicht umgebracht, Daniel. Aber aus irgendeinem Grund wollen Sie unbedingt, dass wir genau das glauben. Wenn das kein Spiel ist, dann weiß ich auch nicht.«
»Ich habe sie umgebracht.«
»Und Sie erinnern sich an jedes einzelne Detail, nicht wahr? Wo sie stand? Was sie sagte, als sie das Messer sah? Wie es sich anfühlte, als es in ihr zartes Fleisch drang?« Ihre Stimme wurde mit jedem Satz lauter, bis sie durch das kleine Zimmer hallte. »Und Sie erinnern sich sicher noch ganz genau, was Sie mit dem Messer gemacht haben, oder? Also, wo ist es, Daniel?«
»Ich weiß es nicht! Ich weiß
es nicht!«, rief er, bevor er wieder in Schweigen verfiel. Nach einer Weile sah er Marie in die Augen. »Ich weiß nur, dass ich sie umgebracht habe. Aber ich erinnere mich an nichts. Das passiert manchmal. Ich vergesse Dinge.«
»Wie zum Beispiel, dass Sie jemanden getötet haben?«, fragte Charlie Button ungläubig.
»Egal, was! Ich habe immer wieder Lücken. Ich weiß oft nicht mehr, wo ich war und was ich getan habe. Und in letzter Zeit kommt es immer häufiger vor.«
»Und eine dieser ›Lücken‹ trat in der Nacht auf, in der Alison Fleet starb?«
Daniel Kinder nickte kläglich.
Marie runzelte die Stirn. »Waren Sie voller Blut, als Sie wieder ›Sie selbst‹ waren?«
»Nein, aber ich glaube, ich hatte andere Sachen an als am Morgen.«
Die Falten auf Maries Stirn wurden tiefer. »Und wo ist die Kleidung jetzt?«
Kinder zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich kann sie nirgendwo finden.«
Wie um alles in der Welt konnten die Psychologen im Krankenhaus das übersehen?, dachte Marie. Wenn der Patient nicht unter Demenz litt, waren solche schwerwiegenden Gedächtnisausfälle immer das Resultat eines Traumas. Oder ein Zeichen für eine Erkrankung, wie etwa für einen Gehirntumor. Wobei Stress natürlich auch eine Rolle spielte, und sie hatte ja gesehen, dass Kinder im Bruchteil einer Sekunde die Nerven verlieren konnte.
Aus irgendeinem Grund glaubte sie jedoch nicht, dass er ihr etwas vorspielte. Dafür hatte sie die Phrase »Ich kann mich nicht erinnern« schon viel zu oft gehört. Es war eine willkommene Ausrede, und normalerweise durchschaute sie sie sofort. Aber Kinder war irgendwie anders.
Sie lehnte sich zurück und sah ihn ernst an. »Wissen Sie, was ich glaube?«
Kinder sah ihr schweigend in die Augen.
»Ich glaube, Ihr Gedächtnisverlust macht Ihnen Angst. Sie haben sich selbst eingeredet, dass Sie der Sohn einer Mörderin sind, und Sie versuchen, Skye Wynyard zu schützen.« Ihr Blick wurde noch eindringlicher. »Sie haben Angst vor dem, was Sie ihr womöglich antun könnten.«
Daniels Gesicht schien vollkommen ausdruckslos und frei von sämtlichen Emotionen. Er hatte komplett abgeschaltet. Sein Rücken war kerzengerade und seine Stimme eiskalt. »Kein Kommentar.«
Skye Wynyard ließ sich aufs Sofa sinken und seufzte erleichtert. Die letzten Polizisten waren gerade gegangen, und sie war endlich allein. Es würde den ganzen Abend dauern, alles wieder in Ordnung zu bringen, obwohl sie zugeben musste, dass die Spurensicherung sich wirklich bemüht hatte, kein allzu großes Chaos anzurichten. Sie hatten sich vor allem auf die Dachkammer konzentriert, und ehrlich gesagt war sie froh, dass sie sie vollständig ausgeräumt hatten. Sie würde nie wieder dort hinaufgehen. Selbst der Anblick der geschlossenen Tür am Ende der Treppe bescherte ihr eine Gänsehaut.
Sergeant Marie Evans hatte vorhin angerufen und ihr gesagt, dass die thailändische Botschaft ihren Verdacht bestätigt hatte. Mrs Ruby Kinder war in die nordöstliche Provinz Loei geflogen, um sich einer Meditationsgruppe am Berg Phu Ruea anzuschließen. Danach hatte sie sich offensichtlich zu einer Klausur in den Dschungel zurückgezogen, und ihr derzeitiger Aufenthaltsort war nicht bekannt. Es gab keine Möglichkeit, mit ihr in Kontakt zu treten, doch die Polizei vor Ort wusste Bescheid und würde versuchen, sie ausfindig zu machen.
Skye und Ruby verstanden sich gut. Die ältere Frau war eher eine Freundin als eine Schwiegermutter, und zum Teil war Skye sogar froh, dass Ruby nicht hier war und das Chaos mit ansehen musste, das ihr Sohn angerichtet hatte. Ganz zu schweigen von dem Kummer, den er allen bereitete, die ihn liebten. Sergeant Evans hatte gesagt, dass Daniel wieder in Gewahrsam war. Nach der Befragung würde sie sich um einen möglichen Besuch kümmern, obwohl sie nichts versprechen konnte. Skye hatte deutlich herausgehört, dass Daniel tief in der Scheiße steckte.
Sie lehnte sich zurück und versuchte, sich zu entspannen. Sie war körperlich und mental erschöpft, aber sie musste das Haus in Ordnung bringen. Ruby hätte ihr zwar nie die Schuld an dem Chaos gegeben, aber sie fühlte sich trotzdem dafür verantwortlich.
Skye stand auf und ging in die Küche, um Staubsauger, Staubtücher und Putzmittel zu holen. Dann holte sie tief Luft und beschloss, dem Haus zumindest den Anschein von Sauberkeit zurückzugeben.
Sie hatte gerade den Staubsauger angesteckt, als das Telefon klingelte.
»Skye? Tut mir leid, wenn ich störe, aber geht es dir gut? Einer der Pförtner hat mir erzählt, dass er Polizeiautos vor deinem Haus gesehen hat.« Skye stellte überrascht fest, dass die besorgte Stimme am anderen Ende der Leitung ihrer Vorgesetzten gehörte.
»Danke, Lisa, mir geht es gut. Es war alles bloß ein schreckliches Missverständnis.« Sie wäre am liebsten mit der ganzen Wahrheit herausgerückt, konnte sich aber noch zurückhalten.
»Hat es etwas damit zu tun, dass du dir so kurzfristig freigenommen hast?«, frage Lisa Hurley besorgt. »So etwas sieht dir gar nicht ähnlich, und ich mache mir seitdem große Sorgen um dich. Kann ich etwas für dich tun? Oder willst du vielleicht reden? Ich bin eine exzellente Zuhörerin!«
Skye lächelte zum ersten Mal seit Tagen. »Wie viel Zeit hast du?«
»Die ganze Nacht, wenn es dir hilft.«
»Zuerst muss ich das Haus wieder in Ordnung bringen, nachdem hier überall Polizisten herumgetrampelt sind. Aber vielleicht morgen?«
Es konnte doch nicht schaden, mit jemandem zu reden, oder? Wenn ihr schon jemand seine Schulter zum Ausweinen anbot, warum sollte sie Nein sagen?
»Ich habe eine bessere Idee. Gib mir die Adresse, und ich komme mit einer Flasche Wein, Essen für die Mikrowelle, einer Flasche Möbelpolitur und einer Packung Reinigungstücher vorbei. Wie klingt das?«
»Wie das Klatschen eines Rettungsringes neben einer Ertrinkenden.«
»Wunderbar! Ich bin in einer Stunde da. Hat die Presse eigentlich schon Wind von der Sache bekommen? Lauern bereits Reporter vor deiner Tür?«
»Noch nicht, aber es dauert sicher nicht mehr lange. Bis später!«
Skye legte auf und atmete aus. Sie musste Lisa ja nicht alles erzählen. Gerade genug, um sie nach ihrer Meinung fragen zu können. Lisa arbeitete mit gestresstem Personal und Patienten, sie war also sicher der richtige Ansprechpartner.
Skye fiel eine schwere Last von den Schultern. Lisa Hurley war nicht nur überaus intelligent, sondern auch pragmatisch und gleichzeitig witzig. Sie war vermutlich die beste Wahl, um sich auszuweinen, auch wenn sie theoretisch Skyes Vorgesetzte war. Schnell schickte sie ihr eine Nachricht mit der Adresse.
Dann schaltete sie den Staubsauger an und fühlte sich nicht mehr so allein.