Kapitel 12
»Der vorläufige Bericht der Gerichtsmedizin ist da, Sarge«, erklärte Charlie, als Marie in den Ermittlungsraum trat. »Sie liegen beim Chef im Büro.«
»Super. Und ich habe eine ganze Menge Infos über den Mordfall Haines und die Adresse des pensionierten DI
s, der Françoise Thayer damals verhaftet hat.«
»Wie lange können wir Kinder noch hierbehalten, Sarge?«
»Wir haben noch bis zehn Uhr Zeit, um Anklage zu erheben oder ihn freizulassen«, antwortete Marie. »Und die Chancen stehen 50 : 50. Hoffentlich hilft uns der Bericht der Gerichtsmedizin weiter.«
Max verzog das Gesicht. »Okay, wer hat Lust auf eine Wette? Ich wette zehn zu eins, dass unser Danny etwas mit Jane Doe zu tun hatte. Wer steigt ein?« Er wartete einen Augenblick. »Das habe ich mir fast gedacht.«
Als Marie in Jackmans Büro trat, wusste sie sofort, warum sie Max’ Wette nicht angenommen hatte.
»Da ist ja ein verdammtes Zeitungshoroskop hilfreicher!« Er schleuderte den Bericht auf seinen Schreibtisch. »Jane Doe. Keine DNA
, kein fremdes Blut, keine Narben, keine körperlichen Auffälligkeiten und keine Tattoos – und auch die Fingerabdrücke passen zu niemandem in unserer Datenbank. Der einzige Hoffnungsschimmer ist, dass Jacobs den Todeszeitpunkt so genau bestimmt wie kaum ein anderer. Im Hinblick auf die veränderlichen Temperaturen im Keller und den Verwesungsgrad konnte er sich nach einem Gespräch mit einem hinzugezogenen Entomologen darauf festlegen, dass sie vor etwa einundzwanzig Tagen ermordet wurde.«
»Na ja, das ist zumindest ein Anfang, oder? Und machen Sie sich nicht zu viel Sorgen um ihre Identität – da habe ich gute Nachrichten.« Marie erzählte ihm von Orac und beobachtete, wie sich sein Gesicht immer mehr aufhellte.
»Orac? Unsere Orac?«
»Gibt es denn mehr als eine?«, fragte Marie und riss die Augen auf.
»Ja, muss es wohl, wenn sie Ihnen tatsächlich ihre Hilfe angeboten hat. So etwas macht Orac normalerweise nicht. Vielleicht hat sie eine böse Zwillingsschwester?«
»Ach, hören Sie schon auf! Ein Foto von Jane Doe ist doch genau das, was wir jetzt brauchen, oder? Und, Sir?« Sie warf ihm einen mahnenden Blick zu. »Es kann vielleicht nicht schaden, ihr einen Besuch abzustatten und ihr zu danken, wenn wir die Leiche identifiziert haben.«
Jackman wich ihrem Blick aus. »Ja … Hmm … Warten wir lieber ab, was sie uns liefert.«
Marie legte Oracs Mappe auf den Tisch. »Sie hat bereits eine Menge Infos zum Mordfall Haines aufgetrieben. Und sie hat den Kontakt zu dem DI
hergestellt, der Thayer verhaftet hat.«
»Langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun. Was will sie von uns?«
Hätte Marie geraten, hätte die Antwort wohl Jackman gelautet. »Keine Ahnung, aber in der Mappe sind eine Menge brauchbare Infos. Ich würde sagen, dass die Jungs und ich sofort an die Arbeit gehen, nachdem wir mit Skye und Daniel gesprochen haben. Dann haben wir wenigstens etwas Konkretes zu Françoise Thayer und ihrem Sohn in der Hand.«
Jackman nickte. »Einverstanden. Und jetzt essen wir lieber, bevor Miss Wynyard kommt.«
Jackman bemühte sich um eine entspannte Atmosphäre, und es funktionierte recht gut, bis er Skye fragte, ob sie an ein paar aufeinanderfolgenden Tagen vor drei Wochen mit Daniel zusammen gewesen war.
»Es ist noch etwas passiert, oder?« Skye verlor beinahe die Fassung. »O nein!«
Marie nickte. »Die Presse wurde noch nicht informiert, und wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie es für sich behalten würden. Aber es wurde noch eine Leiche gefunden.«
»Und Sie verdächtigen Daniel? Das bedeutet, Sie nehmen diese lächerliche Geschichte tatsächlich ernst!« Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern, als sie weitersprach: »Und ich dachte, Sie hätten Verständnis.«
»Wir müssen Daniels Behauptungen ernst nehmen, Skye. Stellen Sie sich vor, wir würden ihn ignorieren, und dann stellt sich heraus, dass er die Wahrheit gesagt hat«, gab Jackman zu bedenken. »Außerdem weiß Daniel eine Menge über Alison Fleet.«
»Kein Wunder. Er hat die letzten zehn Jahre damit verbracht, Mordfälle zu studieren.« Skye seufzte. »Ich glaube, seine Mutter kannte Alison Fleet. Und Daniel war vermutlich sogar einmal mit Ruby bei den Fleets zu Hause. Beide Frauen engagieren sich im Wohltätigkeitsbereich.«
Jackman richtete sich auf. »Das erwähnen Sie aber jetzt zum ersten Mal.«
»Es ist so viel passiert, dass ich gar nicht daran gedacht habe. Aber nachdem die Spurensicherung gegangen war, habe ich das Haus durchgeputzt und bin auf ein Foto von Daniels Eltern bei einem Wohltätigkeitsrennen gestoßen. Alison Fleet und ihr Mann saßen an ihrem Tisch.«
»Dann gibt es also tatsächlich eine Verbindung«, hauchte Marie.
»Ja, aber es ist ein zweischneidiges Schwert, nicht wahr?«, gab Jackman zu bedenken. »Es könnte darauf hinweisen, dass Daniel tatsächlich einen Grund hatte, Alison Fleet etwas anzutun. Andererseits wäre es auch eine Erklärung dafür, warum er weiß, wie es bei ihr zu Hause aussieht.«
Guy Preston, der bis jetzt aufmerksam zugehört hatte, ergriff das Wort. »Kehren wir doch noch einmal zu Daniels Alibi für den zweiten Mord zurück.« Er lächelte Skye freundlich zu. »Waren Sie in den infrage kommenden Tagen mit ihm zusammen?«
Skye griff nach ihrer Handtasche, holte einen Taschenkalender heraus und begann zu blättern. Sie ließ den Kopf hängen. »Nein. Ich war bei einem dreitägigen Workshop für Ergotherapie an der Sheffield Hallam University. Ich habe bei einer alten Schulfreundin übernachtet, die an der Uni arbeitet.« Sie klappte den Kalender zu, und Jackman sah Tränen in ihren Augen. »Weiß Daniel von der zweiten Leiche?«
»Noch nicht. Aber wir müssen herausfinden, wo er zum Tatzeitpunkt war, bevor wir ihn freilassen müssen.«
»Wahrscheinlich war er allein zu Hause. Oder in seinem Büro.« Skyes Stimme zitterte. »Ich habe ihn mehrere Male angerufen. Sie können meine ausgehenden Anrufe überprüfen, wenn es ihm hilft.«
»Das beweist leider gar nichts. Er könnte überall gewesen sein, als Sie mit ihm telefoniert haben.«
»Ich habe es sicher auch bei ihm zu Hause versucht.«
Die arme Frau, dachte Jackman. Sie klammert sich an jeden Strohhalm.
Preston beugte sich vor. »Skye, mich würden vor allem Daniels Gedächtnislücken interessieren. Waren Sie schon mal bei einem solchen Zustand dabei?«
»Ja, obwohl es häufiger passiert, wenn er allein ist. Er fährt los und weiß nachher nicht, wo er war. Auf jemanden, der gerade dabei ist, wirkt er dabei abwesend, als würde er träumen. Es dauert nicht lange, aber es ist ziemlich verstörend, das können Sie mir glauben.«
»Ja, ich weiß. Ich habe so etwas schon einmal miterlebt, und sofern ich mich nicht täusche, hat es nichts mit Amnesie zu tun.«
Jackman hörte interessiert zu. »Was ist es dann?«
»Eine Art Dämmerzustand. Man spricht von einer ›dissoziativen Fugue‹. Dabei beschließt der Patient zum Beispiel plötzlich, das Haus zu verlassen, und kann sich später an nichts erinnern.«
»Was löst diese Störung aus?«, fragte Jackman.
»Massiver Stress. Es gibt zwar auch medizinische Gründe wie etwa Epilepsie, Krampfanfälle oder Medikamenten- beziehungsweise Drogenmissbrauch, aber das kommt selten vor. Die häufigste Ursache ist Stress.«
»Kann man solche Fugues behandeln, Professor Preston?«, fragte Skye.
»Ja. Psychotherapie und Hypnose können hilfreich sein, aber der Psychologe muss zuerst medizinische Ursachen ausschließen, bevor er mit der Behandlung beginnt.«
»Es gibt da noch etwas, das Sie wissen sollten«, sagte Skye langsam. »Daniel hat keine Erinnerungen an die Zeit vor seinem fünften Geburtstag. Seine frühe Kindheit ist wie ein leeres Blatt Papier.«
Nach langem Schweigen fragte Preston: »Wissen Sie, warum das so ist?«
»Seine Mutter meinte, er hätte einen Unfall gehabt. Er ist von der Schaukel gefallen und erlitt eine schwere Kopfverletzung.« Sie sah den Professor an. »Sie glaubt, dass die ›Lücken‹ davon kommen.«
Preston holte tief Luft. »Das wäre möglich, wenn sein Gehirn tatsächlich einen schwerwiegenden Schaden davongetragen hätte. Aber ein Sturz von der Schaukel? Ich glaube nicht, dass so etwas eine Fugue auslösen kann. Massiver Stress ist wahrscheinlicher.«
»Könnte es sein, dass jemand während einer solchen Phase einen Mord begeht?«, wollte Jackman wissen.
»Ich weiß von Leuten, die sogar eine neue Identität angenommen haben. Es könnte also durchaus sein.« Guy biss sich auf die Lippe. »Falls Daniel unter einer psychischen Störung leidet, verliert er teilweise oder auch vollständig die Kontrolle über seine Gedanken, Gefühle und sein Verhalten. Seine ›andere‹ Identität folgt womöglich anderen Werten als der Daniel Kinder, den wir kennen.«
»Eine multiple Persönlichkeit?«, fragte Marie.
»Nein, das ist etwas anderes. Eine Fugue entsteht bloß als Abhilfe bei massivem Stress.«
»Und wenn man diesen Stress abbaut?«, schlug Jackman vor.
»Dann verschwinden auch die Fugues höchstwahrscheinlich von alleine.«
»Was uns wieder zu Françoise Thayer und der Tatsache zurückbringt, dass unser Verdächtiger glaubt, er wäre ihr Sohn«, murmelte Marie.
Guy nickte. »Ja, wir sollten dieses Rätsel also schnellstmöglich lösen.«
»Ha!« Skye stieß ein trockenes Lachen aus. »Das versuche ich schon seit Monaten! Und Daniel seit mehreren Jahren. So einfach ist das nicht.«
Marie lehnte sich vor und berührte Skyes Arm. »Hören Sie, wir haben Möglichkeiten, zu denen Sie keinen Zugang haben. Wir haben das technische Know-how, und wir werden es nutzen. Wir brauchen die Antworten genauso dringend wie Sie und Daniel. Denn wenn er nicht der Mörder ist, dann ist es jemand anderes. Und dieser Jemand käme ungestraft davon.«
»Genau«, stimmte Jackman ihr zu. »Aber jetzt reden wir erst mal mit Daniel. Wir wissen noch nicht, ob Anklage gegen ihn erhoben oder ob er entlassen wird. Wir möchten aber auf jeden Fall, dass er mit uns kooperiert und auch in Zukunft eng mit Professor Preston zusammenarbeitet. Wir hätten Sie dabei ebenfalls gerne an Bord, sofern Daniel einverstanden ist. Würden Sie das tun?«
»Natürlich«, antwortete Skye, ohne zu zögern.
»Okay, der Sergeant und ich reden mit ihm, und dann dürfen Sie zu ihm.« Er erhob sich. »Allerdings nicht allein, aber das verstehen Sie sicher.«
»Danke«, antwortete Skye schlicht.