Kapitel 15
Daniel wanderte mit der Katze auf dem Arm durch Skyes Wohnung und führte Selbstgespräche. Die Stille war nicht zu ertragen. Er hatte es mit Fernsehen versucht, doch ein Programm schien hirnverbrannter als das andere.
»Hätte sie mich doch bloß eingeschlossen«, murmelte er an die Katze gewandt. Er hatte tatsächlich überlegt, Skye zu bitten, die Türen und Fenster abzusperren und den Schlüssel mitzunehmen, doch nachdem er einen Blick in ihr blasses, hageres Gesicht geworfen hatte, wollte er sie nicht noch mehr verletzen. Die Idee hätte in ihren Ohren sicher verrückt geklungen und ihre Befürchtungen bestätigt.
Er ging ins Badezimmer und suchte vergeblich nach einem Schlafmittel. Skye hatte keine Probleme beim Einschlafen. Sie gehörte zu diesen überaus gesunden Menschen, die kaum mehr als Paracetamol in ihrem Medikamentenschrank hatten.
Daniel kehrte ins Schlafzimmer zurück, legte sich ins Bett und roch an ihrem Kissen. Es duftete nach ihrem Parfüm – süß und blumig wie ein warmer Sommertag. Wie Skye selbst. Tränen stiegen ihm in die Augen. Er wollte sie hier bei sich haben. Er sehnte sich verzweifelt danach, sie in den Armen zu halten, in ihren blauen Augen zu versinken, sich an ihr duftendes Haar zu schmiegen und ihre blasse Haut mit Küssen zu bedecken. Er wollte sich auf sie legen, in sie eindringen und sich in ihr verlieren, denn nur in diesem Moment kam er zur Ruhe, und die schrecklichen Gedanken verschwanden. Nur in diesem Moment war er wirklich glücklich.
Wie kam er bloß auf die Idee, dass er ihr wehtun könnte? Das würde er nie tun! Der Daniel, der sich weinend an ihr Kissen schmiegte, hätte Skye Wynyard niemals wehgetan. Das Problem war der andere Daniel, der plötzlich aufwachte und nicht mehr wusste, wo er war. Dem wertvolle Minuten und Stunden fehlten und dessen Kopf so sehr schmerzte, als würde er jeden Moment explodieren. Was war mit diesem Teil von ihm?
Daniel rollte sich weinend zusammen und steckte sich den Daumen in den Mund.
PC Kevin Stoner zog sich eilig an und lief dann die Treppe hinunter in die Diele, wo er einen Blick in den mannshohen Spiegel warf. Schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt und ein einfacher schwarzer Hoodie. Perfekt. Er sah aus wie ein ganz normaler, gelangweilter Jugendlicher, der sich in der Nacht auf der Straße herumtrieb. Abgesehen davon, dass er sich nicht langweilte und sich auch nicht einfach so herumtrieb. Kevins nächtliche Aktivitäten verfolgten ein besonderes Ziel.
Er warf einen Blick auf die Uhr, dann ging er in die Küche und goss sich einen Wodka ein. Der Alkohol fuhr in seinen Kopf und explodierte wie ein Feuerwerk. Normalerweise bereitete er sich anders auf einen Abend auf der Piste vor, aber sein heutiges Programm unterschied sich grundlegend von dem, was er sich sonst unter einer genussvollen Unterhaltung vorstellte.
Er schlenderte ins Wohnzimmer und setzte sich auf das Ledersofa. Neben ihm stand eine kleine Nike-Sporttasche. Er hatte den Inhalt bereits drei Mal kontrolliert, und nun spielten seine Finger nervös mit dem Reißverschluss. Es ist alles eingepackt, beruhigte er sich selbst. Seine Miene wurde hart, und er presste die Lippen aufeinander. Sein Plan würde funktionieren, und dann hatte er wieder die Kontrolle über sein Leben. Obwohl er in Zukunft natürlich um einiges mutiger sein musste. Vor allem musste er herausfinden, wie viel Vergebung sein Vater in seinem puritanischen Herzen trug. Das war unausweichlich. Er wollte nie wieder in eine solche Situation kommen. Niemand würde ihm je wieder das Gefühl geben, schmutzig und schwach zu sein, und niemand würde je wieder seine Familie bedrohen. Ab morgen früh würde sein Leben eine vollkommen neue Richtung einschlagen.
Er sah noch einmal auf die Uhr. Das richtige Timing war essenziell, doch die Zeiger wanderten quälend langsam über das Zifferblatt. Er durfte nicht zu früh dort sein.
Schließlich atmete Kevin tief durch und griff nach der Sporttasche. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Er war von seiner Mission überzeugt, und er würde sie durchziehen. Er schickte ein Gebet in den Himmel, was ihm absolut nicht ähnlich sah, und eilte zur Haustür.
Er wagte es nicht, mit dem Auto zu fahren, aber er war gut trainiert und wusste genau, wie lange er zu Fuß zum Riverside Crescent brauchen würde. Er ging seinen Plan noch einmal durch und gelangte zu der Überzeugung, dass er sämtliche unvorhersehbaren Komplikationen bedacht hatte.
Langsam entspannte er sich und gönnte sich sogar ein kaum merkliches Grinsen. Sein Plan war nur möglich, weil Zane Prewett ein solches Arschloch war. Kevin war ein gewissenhafter und aufmerksamer Polizist und sein Partner ein verlogenes Stück Scheiße. Und weil er gleichzeitig auch ein Tyrann war, erwartete Prewett keine Sekunde lang, dass die lammfromme, verängstigte Schwuchtel sich gegen ihn auflehnen würde.
Kevins Grinsen wurde breiter. Oh, Zane, wenn du dich da mal nicht täuschst!
Als Kevin in den Riverside Crescent bog, entdeckte er einen Streifenwagen, der sich langsam entfernte. Er nahm es als gutes Omen. Sogar die Jungs in Uniform arbeiteten nach Plan. Nachdem der Wagen verschwunden war, hielt er sich nahe an den sorgfältig geschnittenen Hecken und schlüpfte dann lautlos in Daniel Kinders Garten. Von zwei Stellen aus konnte er sich dem Haus nähern, ohne dass das Licht anging, und er bewegte sich so gewandt wie eine Katze zwischen den Büschen, den Bäumen und den Blumenbeeten hindurch, bis er die Tür zu der an das Haus angeschlossenen Garage erreicht hatte. In seiner Tasche befanden sich ein Schlüssel und ein Zettel – freundlicherweise bereitgestellt von Zane Prewett, wenn auch ohne dessen Wissen. Kevin steckte den Schlüssel ins Schloss, schlüpfte ins Haus, eilte durch den Flur und trat vor den Ziffernblock der Alarmanlage. Er holte eine Taschenlampe heraus, gab die Zahlen auf dem Zettel ein und wartete nervös. Es piepte zwei Mal, und zu seiner Erleichterung leuchtete kurz darauf ein grünes Licht auf.
Stufe eins erfolgreich abgeschlossen.
Das Adrenalin schoss durch seine Adern. So mussten sich Einbrecher bei einem großen Coup fühlen. Allerdings konnten die wenigsten dabei auf die Hilfe der Polizei zählen und hatten auch keinen eigenen Schlüssel dabei. Nur Zane war gründlich genug, um seinen kriminellen Freunden derartige Vorteile zu verschaffen.
Kevin ging ins Wohnzimmer und stellte erfreut fest, dass jemand sauber gemacht und aufgeräumt hatte, seit sie hier gewesen waren, um Daniel Kinders seltsame Collage aus der Dachkammer zu holen. Das kam seinem Plan nur zugute. Die Götter waren heute Nacht wirklich auf seiner Seite.
Er stellte die Tasche ab und kniete nieder. Er würde die Taschenlampe nur verwenden, wenn es unbedingt notwendig war, und seine Augen hatten sich bereits an die Dunkelheit gewöhnt. Die Straßenlaterne vor dem Haus tauchte das Zimmer in schwaches, surreales Licht.
Er holte eine Beweistüte heraus und griff mit seinen behandschuhten Fingern nach der Zehnpfundnote im Inneren. Sie war auf eine ganz besondere Art gefaltet: Zwei Ecken zeigten in die Mitte, dann wurde sie halbiert. Er sah sich um und entschied, sie zwischen den hübschen Schreibtisch und das kleine Regal mit Fotos und Urlaubsandenken zu legen. Die Banknote war nicht gleich zu sehen, aber auch nicht schwer zu finden. Natürlich war es ein Risiko, Geld zu hinterlegen, aber abgesehen von Prewett hätte Kevin für seine Kollegen die Hand ins Feuer gelegt.
Er holte eine zweite Beweistüte heraus, entnahm ihr eine Haarsträhne und ließ sie neben den Geldschein fallen. Vielleicht fanden sie sie, vielleicht auch nicht. Wenn sie es taten, war es nur von Vorteil.
Er warf einen Blick auf das leuchtende Zifferblatt seiner Uhr. Er musste das Haus so bald wie möglich wieder verlassen. Die Gäste würden innerhalb der nächsten fünfzehn Minuten eintreffen, und dann wollte er bereits ein Stück weit entfernt sein. Er zog ein weiches Tuch aus der Tasche und wischte sorgfältig alles sauber, was er berührt hatte, obwohl er Handschuhe trug. Er wollte, dass die Gäste saubere Oberflächen vorfanden.
Er kehrte eilig in die Diele zurück, gab noch einmal den Code der Alarmanlage ein und verschwand in der Garage. Sekunden später stand er keuchend, aber immens erleichtert im Garten.
Jetzt blieb nur noch eine wichtige Sache zu erledigen. Er holte eine dritte Beweistüte aus seiner Tasche, der er ein kleines, schlankes Handy entnahm. Er drängte sich zwischen die Büsche und ließ es in einen Stock Stiefmütterchen fallen, die seiner Mutter so gut gefielen. Wie passend, dachte er fröhlich.
Kevin ging denselben Weg zurück, den er gekommen war, bis zu der mit Graffiti beschmierten Bushaltestelle an der Ecke. So spät fuhr zwar kein Bus mehr, aber es war der perfekte Ort, um unbemerkt zu warten und das Grundstück im Auge zu behalten.
Er hatte sich gerade in das Häuschen zurückgezogen, als er eine Gestalt entdeckte, die auf das Haus zumarschierte. Etwas an der düsteren Silhouette ließ ihn erschaudern. Das war nicht die Person, auf die er wartete. Aber wer war es dann?
Der Mann verschwand im Garten, und im nächsten Moment hörte Kevin ein Auto. Er atmete erleichtert auf. Der mysteriöse Kerl war die Vorhut gewesen, der Rest der Männer folgte gerade. Und sie kamen genau richtig. Der Plan funktionierte perfekt. Ein zweiter Mann schlüpfte in den Garten, und drei Minuten später bog ein dunkler Van mit abgedecktem Nummernschild in die Auffahrt. Er fuhr langsam um die Garage herum, sodass er von der Straße aus nicht zu sehen war.
Kevin wartete zehn Minuten, dann holte er ein nagelneues Prepaidhandy heraus und wählte den Notruf.
Anschließend wurde es Zeit zu gehen.
Kevin joggte die malerische Strecke nach Hause und hielt sich dabei an die weniger stark befahrenen Straßen und den Fußweg, der am Fluss entlangführte. Er wollte nicht auf der Hauptstraße zu sehen sein, wenn seine Kollegen zum Haus der Familie Kinder rasten. Er blieb einige Minuten am Fluss stehen, um seinen rasenden Puls wieder unter Kontrolle zu bringen. Das tiefe, dunkle, träge dahinströmende Wasser beruhigte ihn. Er starrte in die tintenschwarze Dunkelheit und beschloss, dass sein Coup ziemlich gut gelaufen war. Er konnte gemütlich und mit einem Lächeln auf den Lippen den Heimweg antreten. Es war vorbei. Nun mussten seine Kollegen nur noch gründlich arbeiten und Zane Prewett genau dort sein, wo er seinen Behauptungen zufolge heute Abend sein wollte.
Als Kevin Stoner schließlich nach Hause kam, hatte er eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, an deren Ende Zane Prewett endlich aus seinem Leben verschwinden würde. Zum ersten Mal seit Langem glaubte er fest daran, dass der Albtraum bald ein Ende haben würde.
Während das Adrenalin immer noch durch Kevins Körper jagte, verspürte Sue Bannister eine Aufregung ganz anderer Art. Ihr Mann hatte wieder einmal die Spätschicht im Krankenhaus übernommen und das Haus wutentbrannt verlassen. Das war zwar nichts Neues, doch die Auseinandersetzungen nahmen langsam überhand, und Sue war mit ihrer Weisheit am Ende.
Sie wusste, dass er eine Affäre mit einer der Schwestern hatte. Obwohl er natürlich nichts davon ahnte – er war immerhin ein Mann. Die häufigen Streitereien waren vermutlich auf sein schlechtes Gewissen zurückzuführen. Sie war sich ziemlich sicher, dass er sie immer noch liebte, aber … er war eben ein Mann, nicht wahr?
Sue hatte sich einen Gin Tonic gemacht. Das Glas war nicht besonders groß, denn sie wollte sich nicht betrinken, sondern brauchte nur den nötigen Mut, um den Anruf zu wagen.
Er hatte ihr auf eine Art zugehört, wie es ihr Mann noch nie getan hatte. Er hatte wie immer ehrliches Interesse an ihren Gefühlen gezeigt, war liebenswürdig und interessiert gewesen – und heute Abend hatte er zum ersten Mal angeboten, noch bei ihr vorbeizukommen.
Sue rutschte unruhig auf dem Bett hin und her. Sie hatte so etwas noch nie gemacht. Sie warf einen Blick auf ihre Kleidung. Hübsch und ein wenig sexy, aber nicht zu aufreizend. Sie wollte nicht zu verzweifelt wirken.
Sie nippte erneut an ihrem Drink. Er hatte sie mehrere Male gefragt, wann ihr Mann nach Hause kommen würde und ob er manchmal auch früher Schluss machte. Sie hatte ihm versichert, dass ihr Mann noch nie zu früh zurückgekommen war. Er war eher viel zu spät dran, was wahrscheinlich daran lag, dass er und seine billige kleine Krankenschwester nach der Schicht noch eine schnelle Nummer schoben, bevor er zum Frühstück nach Hause kam.
Sue war wütend und verletzt und dadurch noch bereiter für ihren Besucher. Zumindest konnte sie sich bei ihm ausweinen, und sie wusste, dass er ihr zuhören würde. Und im besten Fall … Sie warf einen Blick auf das saubere, frisch bezogene Bett. Immerhin hatte sie nicht damit angefangen, und wie sagte man so schön? Was dem einen recht ist, ist dem andern …
Sie leerte das Glas in einem Zug, warf einen Blick auf die Uhr und ging nach unten. Die Hintertür war unversperrt. Sie hatte ihn – ganz nebenbei – aufgefordert, durch die Hintertür zu kommen. Das machten alle so, und es war vermutlich besser, wenn ihn niemand so spät abends vor ihrem Haus sah. Die Nachbarn hielten rund um die Uhr die Augen offen.
Sie war gerade auf der letzten Stufe angekommen, als sie ein leises Geräusch hörte. Er hatte sie also nicht versetzt! Sue strich ihren Rock glatt, warf einen Blick in den Spiegel und lächelte nervös. Dann holte sie tief Luft und ging in die Küche.
Der Mann, der ihr gegenüberstand, kam offenbar direkt aus dem Krankenhaus, denn er trug immer noch seine OP -Kleidung: Kittel, Kappe, Schuhüberzüge und sogar einen Mundschutz.
Sue versuchte vergeblich, zu begreifen, was das zu bedeuten hatte. Ihr fielen bloß unnütze Dinge ein. Wie etwa, dass die OP -Kittel grün waren, weil Rot und Grün im Farbspektrum genau gegenüberlagen. Die Wände im OP , die Laken, die Wundauflagen, die Kleidung der Ärzte und Schwestern – alles war grün. Blutspritzer wirkten darauf weniger grell als auf reinweißen Oberflächen.
Sue wollte gerade etwas sagen, als er sie packte, herumwirbelte und seine behandschuhte Hand auf ihren Mund presste.
War das ein Rollenspiel? Hatte sie ihm unabsichtlich die falschen Signale gesendet?
Das hier war jedenfalls ganz und gar nicht das, was sie jetzt von ihm brauchte, und sie musste ihn aufhalten. Sofort!
Aber wie sollte sie das anstellen? Seine Hand drückte so fest zu, dass sie kaum schlucken und schon gar nicht atmen konnte. Sie versuchte vergeblich, ihn mit dem freien Arm zu fassen zu bekommen, und die Verwirrung wich blanker Angst. Das hier war kein Spiel!
Im nächsten Augenblick versetzte er ihr einen Schlag gegen den Hinterkopf.