Kapitel 19
Skye trat einen Schritt zurück und ließ Mark ins Haus. Er umarmte sie kurz und murmelte: »Es tut mir so leid.«
Sie lächelte matt. »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«
Er öffnete seine Jacke und folgte ihr ins Wohnzimmer. »Es ist ein verdammtes Chaos, oder? Was zum Teufel ist bloß los mit ihm?«
»Das wüsste ich auch gerne.« Skye machte sich auf den Weg in die Küche. »Möchtest du etwas trinken? Tee? Kaffee?«
»Hast du was Stärkeres? Ich bin völlig durch den Wind.«
»Nur Wein. Daniel und ich trinken kaum.«
»Wein ist okay, danke. Hauptsache Alkohol.« Mark ließ seinen knochigen Körper aufs Sofa sinken und fuhr sich mit der Hand durch die zerzausten Haare. »Es ist mir erst richtig klar geworden, was los ist, als die Polizei noch einmal kam und Daniels Büro ein zweites Mal durchsuchte.«
Skye ging in die Küche, um ein Glas zu holen, und rief ins Wohnzimmer: »Ich versuche immer noch, es zu begreifen. Aber es gelingt mir nicht.« Sie hatte keine Lust auf Wein, deshalb machte sie den Wasserkocher an, um sich einen Instantkaffee zu kochen. »Ist ein Fitou okay? Die Flasche ist zwar schon offen, aber er ist sicher noch in Ordnung.«
»Das ist perfekt.« Mark war hinter sie getreten und lehnte im Türrahmen. »Wie schon gesagt: Ich würde auch Brennspiritus trinken.«
Skye goss das Wasser in ihren Becher und öffnete die Zuckerdose.
»Trinkst du nicht mit?«
»Ich brauche einen klaren Kopf und muss vielleicht auch noch Auto fahren, falls Daniel anruft und mich braucht.«
»Aber ein Schluck wird dich doch nicht gleich umhauen.« Mark nahm Skye das Glas ab. »Du siehst erschöpft aus.«
Skye griff nach ihrem Kaffeebecher und ging an ihm vorbei ins Wohnzimmer. »Koffein reicht, danke. Wenn ich unter Tags Wein trinke, werde ich zu lethargisch.«
Sie setzten sich, und Skye hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. Sie konnte ihm nicht erklären, weshalb Daniel sich so seltsam benahm, und sie war es leid, immer wieder dieselben Szenarien durchzuspielen. Tatsächlich war ihr Marks Anwesenheit plötzlich zuwider, und sie wünschte, sie hätte ihn vorhin abgewimmelt.
»Darf ich dir eine persönliche Frage stellen?« Mark hatte sein Glas in einem Zug bis zur Hälfte geleert.
Skye starrte ihn an und hoffte, dass man ihr ihre Gedanken nicht ansah.
»Glaubst du, dass …? Ich meine, tief in deinem Inneren … Besteht die Chance, dass …?«
Sie unterbrach ihn unsanft: »Wie lange kennst du Daniel jetzt schon?«
»Zehn Jahre. Vielleicht auch länger.«
»Dann hast du ja deine Antwort. Du hast gesagt, er würde keiner Fliege etwas zuleide tun. Er macht einfach eine schlimme Zeit durch, und diese Morde passierten gerade zum blödesten Zeitpunkt. Sie waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.« Sie sah Mark vorwurfsvoll an. »Und jetzt zweifelst sogar du an ihm!«
Mark trank einen weiteren großen Schluck. »Nein, das stimmt nicht. Ich wollte bloß wissen, ob du irgendwelche Zweifel hast. Immerhin stehst du ihm bei Weitem am nächsten. Falls er wirklich den Verstand verloren hat, hätte es mich interessiert, wie ernst die Situation deiner Meinung nach wirklich ist.« Er stellte sein Glas ab und betrachtete sie eingehend. »Wir können der Polizei im Moment nur bei der Suche helfen.«
Skye biss sich auf die Lippe. »Die halbe Dienststelle ist unterwegs und sucht nach ihm, und ich habe mir bereits den Kopf zerbrochen, wo er sein könnte. Ob es einen Ort gibt, der eine besondere Bedeutung für ihn hat. Aber alles, was mir eingefallen ist, wurde bereits mindestens einmal durchsucht. Und falls er wieder eine dieser Gedächtnislücken hat, könnte er praktisch überall sein.«
»Ich fühle mich total nutzlos.« Mark seufzte, stand auf und wanderte im Zimmer auf und ab. »Du hast recht. Er ist mein Freund, und ich sollte etwas unternehmen, anstatt mir lächerliche Szenarien auszudenken. Ich muss etwas tun.«
Skye hatte beinahe ein wenig Mitleid mit ihm. »Ich weiß genau, wie du dich fühlst, aber ich habe keine Ahnung, was ich dir sagen soll. Wir können nichts tun, bis sie ihn gefunden haben. Oder bis er freiwillig nach Hause kommt.«
Mark ließ sich aufs Sofa zurücksinken. »Etwas lässt mich nicht mehr los, seit du mich nach Dans neuesten Projekten gefragt hast. Einer meiner Verpacker schien sehr interessiert an ihm. Jedes Mal, wenn Daniel ins Büro kam, war der Kerl da und stellte ihm jede Menge Fragen. Es ging sogar so weit, dass ich ihm sagte, er solle Dan in Ruhe lassen.«
Skye richtete sich auf. »Wer ist der Mann?«
»Er arbeitet seit etwa sechs Monaten für mich und ist ein guter, zuverlässiger Mitarbeiter. Er lässt uns nie im Stich, wenn mal eine Lieferung früher oder später ankommt.«
»Aber warum interessiert er sich für Dan?«
»Er meinte, er sei ein Fan seiner Arbeit, und Carla – meine Geschäftsführerin – glaubte ihm. Sie sagte, er könnte sogar ganze Absätze aus Daniels Artikeln auswendig.«
»Das ist ziemlich extrem, findest du nicht? Das kann ja nicht mal ich!«
»Ich auch nicht. Aber ich schätze, er leidet unter einer Zwangsstörung. Er arbeitet übermäßig methodisch und sehr akribisch. Laut Carla hat er noch nie einen Fehler gemacht, und das kommt selten vor, glaub mir.«
»Wie heißt er? Und was weißt du sonst noch über ihn?«
»Er heißt Nick Brewer und ist vierundzwanzig oder fünfundzwanzig. Er ist Brite, stammt aber nicht aus der Gegend. Er ist sehr intelligent. Carla hat ihn mal gefragt, warum er mit solchen Qualifikationen als Packer arbeitet.«
»Was hat er geantwortet?«
»In der Not frisst der Teufel Fliegen. Wenn man Geld verdienen will, muss man nehmen, was man kriegt.«
»Na ja, das stimmt natürlich. Vielleicht mag er Daniel deswegen. Dan recherchiert seine Artikel sehr genau und hat immer einen gut informierten, wahrheitsgetreuen Blick auf die Dinge.« Skye nippte an ihrem Kaffee. »So komisch ist es eigentlich gar nicht. Daniel hat tatsächlich einige Fans – du solltest seine Facebook-Seite sehen.«
»Das habe ich schon. Aber Nick verehrt ihn mit einer verstörenden Intensität. Carla hat es auch schon bemerkt.«
»Glaubst du, dass Daniel davon weiß?«
Mark zuckte mit den Schultern. »Daniel war Nick gegenüber immer höflich und hat ihn womöglich sogar ermutigt, ihm etwas über sich zu erzählen.«
»Daniel liebt die Menschen einfach. Er ist neugierig auf ihre Gefühle und ihre Lebensumstände – und seien sie auch noch so seltsam. Deshalb schreibt er so gut. Er hört, was Menschen zu sagen haben, und ist ehrlich interessiert an ihnen.«
»Glaubst du, Nick hat ihm etwas erzählt, das ihn neugierig gemacht hat?«
»Vielleicht, aber ich sehe keine Verbindung zwischen seinem Fan und Daniels Besessenheit von einer Mörderin. Du etwa?«
Mark zuckte erneut mit den Schultern. »Vielleicht klammere ich mich auch nur an einen Strohhalm. Ich versuche bloß, einen Lösungsansatz zu finden.« Er sah Skye fragend an. »Soll ich mal ein Wörtchen mit Nick reden?«
Skye wollte gerade antworten, als es an der Tür klingelte. Sie sprang auf und eilte in den Flur. Mark folgte ihr.
»Professor Preston!« Ihre Hoffnung erwachte von Neuem. »Gibt es Neuigkeiten?«
Doch sein Gesichtsausdruck sagte alles.
»Nein, aber nachdem Daniel verschwunden ist, habe ich mir Sorgen um Sie gemacht …« Sein Blick wanderte zu Mark, der schweigend in der Wohnzimmertür stand. »Oh, es tut mir leid! Ich hätte zuerst anrufen sollen. Komme ich ungelegen?«
Skye schüttelte den Kopf und stellte die beiden Männer einander vor. »Wir fühlen uns so hilflos. Wir haben gerade überlegt, wie wir helfen können, Daniel zu finden.«
»Ehrlich gesagt ist es das Beste, wenn Sie hier warten. Ich habe das Gefühl, dass er bald nach Hause kommen wird.« Guy Preston lächelte betrübt. »Das ist das Schwerste dabei, nicht wahr? Wenn man nichts machen kann.«
Skye mochte den Psychologen. Er war mitfühlend, ohne sich anzubiedern. »Könnten Sie Mark vielleicht von den Erinnerungslücken erzählen? Von den Fugues, die Sie uns gegenüber erwähnt haben? Ich wollte es ihm gerade erklären, aber Sie können das sicher sehr viel besser als ich.«
Preston nickte und erläuterte Mark, was passierte, wenn der Stress so groß wurde, dass das Gedächtnis eine Auszeit brauchte.
»Scheiße«, murmelte Mark. »Wissen Sie, er hat sich einmal total seltsam benommen. Carla – meine Geschäftsführerin – hat ihn auf dem Dach des Büros gefunden. Er schien nicht zu wissen, warum er dort war. Er versuchte, es herunterzuspielen, aber es war offensichtlich, dass etwas nicht stimmte. War das einer dieser Zustände?«
»Ja, so kann es beginnen«, erwiderte Preston. »Aber es verschlimmert sich mit der Zeit.«
»Glauben Sie, dass Daniel vorhin deshalb abgehauen ist?«
»Ja. Der Auslöser war vermutlich der Einbruch in sein Haus. Das bringt jeden aus der Fassung, ganz zu schweigen von einem so labilen Menschen wie Daniel. Sein Verstand kommt nicht damit klar. Er macht zu, und dann kommt ein zweiter Daniel und führt ihn fort von allen Problemen.«
Skye hatte das Gefühl, als würde eine dicke schwarze Wolke über ihr schweben. »Und dieser andere Daniel ist vielleicht zu schrecklichen Dingen fähig, oder?«
Mark legte einen Arm um sie.
»Ja, das kann ich nicht bestreiten, aber so weit sollten wir noch nicht gehen. Ich bin mir sicher, dass Daniel nichts getan hat. Er ist auf eine Lüge hereingefallen und ängstigt sich selbst zu Tode – und uns ebenfalls.«
»Mein Gott, ich hoffe, Sie haben recht, Professor!« Skye lehnte sich an Mark und brach in Tränen aus.
Als Daniel die verschwommene Gestalt neben sich entdeckte, wich er instinktiv zurück. Ein brennender Schmerz durchfuhr seinen Arm, und er schrie auf.
»Hey, da bist du ja endlich wieder! Wir hatten dich beinahe abgeschrieben.«
Daniel kniff die Augen zusammen und versuchte, den Schatten neben ihm einzuordnen.
»Ich dachte echt, du bist hinüber, Mann.«
»Wo bin ich?« Daniel hätte beinahe laut aufgelacht. Er hätte nie gedacht, dass Leute so etwas tatsächlich sagten. »Tut mir leid, aber wer …?«
»Ich bin der Kerl, der dir das Leben gerettet hat.« Die Stimme klang jung und hatte einen kaum merklichen Akzent. »Ich weiß nur noch nicht, ob du mich dafür lieben oder hassen wirst.«
Daniel richtete sich mühsam auf, und sein Blick fiel auf den Verband an seinem Arm. Er war ziemlich dick, aber trotzdem blutdurchtränkt. »Was zum Teufel ist passiert?«, rief er panisch.
»Hey, ganz ruhig! Und halte den Arm hoch! Es hat ewig gedauert, die Blutung unter Kontrolle zu bringen. Du musst ins Krankenhaus, aber aufgrund der besonderen Umstände dachten wir, wir lassen dich das selbst entscheiden.«
Der Junge – und Daniel war sich mittlerweile sicher, dass sein Gegenüber noch nicht erwachsen war – lachte kurz auf.
»Falls du überlebst, meine ich.«
Daniel legte sich wieder auf den Rücken. »Wenn ich was überlebe?« Er sah sich um. Es war dunkel und roch seltsam feucht. Irgendwo hörte er Wasser tropfen. »Und wo sind wir hier eigentlich?«
»Am Fluss. Eines der großen Häuser am Flussufer hat ein altes Bootshaus. Es wird nie verwendet, aber wir kommen manchmal hierher.«
»Wir?«
»Ellie und ich. Sie ist meine Freundin.«
Daniel sah sich um, doch er konnte niemanden entdecken. »Bitte erzähl mir, was passiert ist.« Er starrte auf seinen Arm hinunter. »Was zum Teufel habe ich getan?«
»Du hast dir den Arm aufgeschlitzt. Direkt über dem Handgelenk. Ellie und ich haben dich gefunden. In der ganzen Stadt wimmelt es von Bullen. Du hast dir einen echt schlechten Tag ausgesucht, um dich umzubringen, also dachten wir …«
»Ich wollte mich umbringen?«
Der Junge starrte ihn aus der Dunkelheit heraus an. »Scheiße, Mann! Sag nicht, dass es irgendein abgefahrenes Versehen war?«
In Daniels Kopf drehte sich alles. Er wusste gar nichts. Nur dass sein Arm höllisch wehtat. »Bitte erzähl mir die ganze Geschichte«, krächzte er.
Der Junge gab ihm eine kleine Wasserflasche, und er trank dankbar.
»Du warst unten auf dem Weg, der am Flussufer entlangführt. Direkt unter der Eisenbrücke. Ellie und ich haben gehört, wie du aufgeschrien hast, und als wir zu dir kamen, hast du deinen Arm an dich gedrückt. Es sah grauenhaft aus – das Blut spritzte nur so rum. Wir hörten ein Platschen und nahmen an, dass du das Messer ins Wasser geworfen hast. Du hast laut aufgestöhnt, und dann bist du zusammengebrochen.«
»Und der hier …?« Daniel deutete auf den blutigen Verband.
»Tut mir leid, aber in deinem Geldbeutel fehlen jetzt zwanzig Pfund. Ich kenne da einen Kerl mit einem offenen Fuß. Er bekommt das Zeug vom Krankenhaus und verkauft es an jeden, der genug bezahlt.« Der Junge zuckte mit den Schultern. »Ich dachte mir, du kannst es dir schon leisten.«
»Und du hast die Blutung gestoppt? Wie denn?«
»Ich habe nicht immer auf der Straße gelebt, weißt du.«
Daniels Kopf dröhnte. Was hatte er nun schon wieder getan?
»Hör mal, Mann, es tut mir leid, falls wir es versaut haben.« Der Junge schüttelte den Kopf. »Aber die vielen Fragen im Krankenhaus … Außerdem hätten sie sicher die Bullen gerufen … Und wir dachten, dass du das alles sicher nicht willst.«
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Mann, du hast mir das Leben gerettet! Da mache ich dir doch keine Vorwürfe. Außerdem hattest du recht. Ich will der Polizei im Moment wirklich keine Fragen beantworten.« Er betrachtete den Jungen. »Wie heißt du?«
»Tez.«
»Wo ist Ellie?«
»Sie kommt und geht«, antwortete Tez. »Sie wird sicher bald wieder da sein.« Dann fügte er traurig hinzu: »Oder auch nicht. Das viele Blut war nichts für sie.«
»Wie habt ihr mich hierhergebracht?«
»Es sind ja nur ein paar Meter, und ich musste dich nur stützen. Ellie ist los, um den Verband zu holen, und ich habe versucht, die Blutung zu stillen.«
»Tolle Arbeit, Tez. Danke!«
»Die im Krankenhaus hätten es besser gekonnt.«
»Wenn du mich nicht gefunden hättest, hätte mir das Krankenhaus auch nichts mehr gebracht. Ich wäre verblutet.« Ein kleiner Teil des alten Daniel erwachte wieder zum Leben. Tez’ Geschichte war ein guter Stoff für einen realitätsnahen, emotionalen Artikel. Er sah den Jungen als urbanen Robin Hood. Er stemmte sich wieder hoch und achtete dieses Mal darauf, den Arm nicht zu viel zu bewegen. »Du bist nicht wie die anderen Straßenkinder.«
»Da hast du recht, Mann.« Tez lachte auf. »Weil ich keine Drogen nehme, zum Beispiel.«
»Warum lebst du dann auf der Straße?«
»Darüber möchte ich nicht reden.« Tez stand auf. »Sag mir lieber, was du jetzt machen willst. Ich helfe dir, aber ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Wenn ich nicht rechtzeitig zu meinem Schlafplatz komme, schnappt ihn mir einer von den anderen Mistkerlen vor der Nase weg. Es ist der wärmste Platz in der Stadt, und ich musste hart dafür kämpfen.«
»Du hast schon genug getan, und dafür bin ich dir wirklich dankbar.«
Daniel hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Es war helllichter Tag, und seine Klamotten waren blutdurchtränkt. Er konnte in diesem Zustand nirgendwohin. Ganz zu schweigen von der alles entscheidenden Frage, warum er sich in einem solchen Zustand befand.
Warum blutete er wie ein Schwein? Hatte er sich selbst verletzt? Oder war es jemand anderes gewesen? Er erinnerte sich nur noch daran, wie er mit der Katze im Arm dagesessen und Skye ihn wie in einem Kokon umfangen hatte. Wie viel Zeit war wohl seither vergangen?
Während er überlegte, breitete sich eine seltsame Ruhe in ihm aus. Seine Gedanken rasten, aber auf ängstliche und fast schon normale Art. Ihm war übel, aber das wäre es wohl jedem gewesen, der sich plötzlich in einer so seltsamen Situation wiederfand. Er hatte sich in letzter Zeit ziemlich irre verhalten, das war mittlerweile sogar ihm selbst klar. Er hatte vor Jahren einmal einen Artikel über Selbstverletzung geschrieben und erinnerte sich noch gut an die Erklärung eines Teenagers: Ich habe dabei das Gefühl, die Kontrolle über mich zu haben. Das Brüllen in meinem Kopf verstummt, und ich fühle mich zumindest eine Zeit lang besser.
Er war Rechtshänder und hatte sich den linken Arm aufgeschlitzt. Oder war er es gar nicht selbst gewesen? Er hatte keine Ahnung. Daniel seufzte. Genug davon! Sein Leben war außer Kontrolle geraten, und im Moment fiel ihm nur ein Mensch ein, der ihm helfen konnte: Guy Preston. Er musste den Psychologen bitten, ihn in Sicherheit zu bringen.
In Sicherheit. Das klang so gut. Ein Ort, wo es keine Schmerzen mehr gab – und wo auch er niemandem wehtun konnte. Wenn er Glück hatte, fand er dort sogar die Antworten auf seine Fragen.
Daniel griff in die Hosentasche. Sein Telefon war noch da und auch die Geldbörse. Tez war wirklich kein gewöhnliches Straßenkind. Er holte den Geldbeutel heraus, klappte ihn mit einer Hand auf und legte ihn sich auf die Beine. Dann nahm er fünf Banknoten und streckte sie Tez entgegen. »Das ist nicht annähernd genug, und wenn mich ein anderer gefunden hätte, hätte er das Geld inzwischen schon in Drogen angelegt. Also nimm es, bitte.«
Doch Tez rührte sich nicht. »Das sind hundert Mäuse, oder?«
Daniel nickte.
»Nein, danke. Zwanzig reichen. Mit so viel Geld in der Tasche bekomme ich bloß Schwierigkeiten.«
Daniel gab ihm eine Zwanzigpfundnote und seine Visitenkarte. »Wenn ich dir sonst irgendwie helfen kann, mache ich es. Und falls ich mein Leben wieder in den Griff bekomme, komme ich zurück, Tez. Du solltest nicht hier draußen leben.«
Tez steckte das Geld weg. »Ist dir eigentlich schon mal der Gedanke gekommen, dass einige von uns hier sind, weil es unendlich viel besser ist als dort, wo wir herkommen?«
Dan legte den Kopf schief. »Aber das muss nicht bedeuten, dass es besser ist als dort, wo du irgendwann sein könntest, oder?«
Tez lachte trocken. »Das sind doch alles Träumereien, Mann. Und Träumereien gehen gar nicht. Ein Tag nach dem anderen – so machen wir das.« Er rückte näher. »Aber jetzt sollten wir weiter. Kannst du aufstehen?«
»Ja, aber ich habe keine Ahnung, wo ich hin soll.« Daniel warf einen Blick auf sein blutgetränktes Shirt. »Verkaufst du mir deinen Hoodie?«
»Du kannst ihn haben. Die Heilsarmee hat sicher noch einen für mich übrig.«
Daniel holte noch einen Geldschein aus seiner Geldbörse. »Geh in einen Secondhandladen und kauf dir was Warmes. Es ist ja bloß ein Tauschgeschäft, falls das das Problem ist.«
»Nein, das ist es nicht. Aber ich habe Leute gesehen, die für weniger Geld niedergestochen wurden. Mit zu viel Kohle rumrennen geht gar nicht.«
»Dann gib es aus. Ein Mantel und ein Essen für dich und Ellie – das sollte das Problem aus der Welt schaffen.« Er streckte Tez den Schein erneut entgegen, der ihn zögernd annahm und aus seiner Kapuzenjacke schlüpfte.
»Könntest du mir vielleicht noch einen letzten Gefallen tun?«
»Wenn’s nicht zu lange dauert.«
»Könntest du ein Haus für mich abchecken? Von der Eisenbrücke aus sind es nur fünf Minuten zu Fuß. Ich muss wissen, ob die Polizei dort ist.«
Tez musterte ihn eingehend. »Bist du der Grund, warum hier überall Bullen ausschwärmen?«
»Schätze schon, aber ich will es lieber nicht bestätigt haben.« Er gab Tez seine Adresse am Riverside Crescent, und der Junge verschwand.
Daniel steckte seinen guten Arm in die Jacke, legte die andere Seite über die Schulter und schloss den Reißverschluss. Es war zwar nicht perfekt, aber es verdeckte einen Großteil des Blutes.
Wenn die Luft rein war, würde er nach Hause gehen, nachsehen, wie schlimm die Wunde tatsächlich war, sich waschen, frische Kleidung anziehen und anschließend noch mal über die ganze Geschichte nachdenken. Er glaubte immer noch, dass Guy Preston seine beste Chance war, aber er wollte Skye unbedingt wissen lassen, dass er in Sicherheit war. Mehr oder weniger zumindest. Allerdings wollte er nicht, dass sie ihn so sah. Er musste sich zuerst waschen und umziehen.
Er lehnte sich gegen die Wand des Bootshauses. Seine Gedanken waren vollkommen klar. Die Frage war nur, wie lange es so bleiben würde.