Kapitel 27
Als Jackman den Ermittlungsraum betrat, redeten Char lie Button und Max Cohen sofort auf ihn ein.
»Langsam passt alles zusammen, Sir. Wir haben einiges über unsere drei Toten herausgefunden.« Trotz der späten Stunde wirkte Charlie hellwach.
»Mhm …« Max wirkte nicht ganz so munter, aber sein Gehirn arbeitete offenbar immer noch auf Hochtouren. »Sue Bannisters Mann hat eine Affäre mit einer jungen Krankenschwester, und Sue hat es herausgefunden.«
Charlie übernahm für ihn: »Sie litt deshalb unter Depressionen, wollte aber nicht zum Arzt gehen, um sich helfen zu lassen. Sie hat einer Freundin gestanden ›sich anderswo Hilfe zu besorgen‹.«
»Weiß ihre Freundin, was sie damit gemeint hat?«
»Nein, aber Sue nannte den Mann einen – ich zitiere – ›Engel in großer Not‹.« Max verzog das Gesicht. »Aber er war wohl eher der Engel des Todes …«
»Falls es sich bei ihm um den Mörder handelt«, wandte Jackman ein.
»Es spricht jedenfalls einiges dafür, Sir«, fuhr Charlie fort. »Unsere Partylöwin Julia Hope – die Krankenschwester mit dem ständigen Lächeln auf den Lippen – hatte nämlich ebenfalls Probleme, die sie ihrem Arzt verschwieg.« Er warf Jackman einen unheilvollen Blick zu. »Stattdessen vertraute sie sich einem Engel mit einer Tasche voller hilfreicher kleiner Pillen an.«
»Wer hat euch davon erzählt?«
»Ihre Schwester.« Charlie hielt eine ausgedruckte E-Mail hoch. »Anna hat uns zuerst nichts gesagt, weil sie es gar nicht wusste. Sie hatte Probleme mit dem E-Mail-Server und bekam einige Mails erst Wochen später, als der Fehler behoben war. Dann fand sie diese Nachricht in ihrem Postfach und hat uns sofort angerufen. Julia hatte sie ihr schon vor einer ganzen Weile geschickt. Sie gibt darin zu, dass sie unter schweren Depressionen leidet, sich aber zu sehr schämt, um sich professionelle Hilfe zu suchen. Sie schreibt, dass ihr ›ein wunderbarer Freund‹ hilft. Jemand, dem sie ›voll und ganz vertraut‹.«
»Und das war ein großer Fehler«, murmelte Max. »Aber wir wissen jetzt, dass die beiden ihre Pillen genau wie Alison Fleet aus einer inoffiziellen Quelle bezogen haben. Der Dealer erschien ihnen offenbar moralisch einwandfrei und vertrauenswürdig.«
Jackman schloss die Augen und dachte nach. »Aber warum hat er sie getötet? Sie brachten ihm doch eine Menge Geld ein.«
Max verzog das Gesicht. »Ja, das ist die Kehrseite der Medaille. Ich habe echt keinen blassen Schimmer, warum er sie gekillt hat.«
»Sollen wir uns die Überwachungsvideos aus dem Krankenhaus vornehmen? Vielleicht hat sich eine von ihnen dort mit ihm getroffen?« Charlie klang selbst nicht gerade überzeugt von seinem Vorschlag.
»Sie legten bei den Treffen sicher Wert auf Diskretion, meinen Sie nicht auch?«, entgegnete Jackman.
»Ich habe einen unserer Informanten gebeten, sich umzuhören, ob einer der stadtbekannten Dealer neuerdings Glückspillen vertickt«, bemerkte Max. »Andererseits würde wohl niemand diese heruntergekommenen Wichser als ›Engel‹ bezeichnen. Unser Mann ist ein aalglatter Betrüger mit einer Engelszunge und einem unerschöpflichen Medikamentenvorrat.« Er ließ sich auf den Stuhl sinken. »Wo ist eigentlich Marie, Chef? Noch immer beim Seelenklempner?«
»Sie ist auf dem Rückweg.« Jackman steuerte auf sein Büro zu. »Schicken Sie sie zu mir, sobald sie da ist. Und dann sollten Sie beide nach Hause gehen. Sie sind doch sicher hundemüde.«
»Wir sollen gehen, obwohl alle nur noch darauf warten, dass irgendetwas passiert?«, fragte Charlie.
»Genau! Immerhin haben wir einen verschwundenen Mörder – oder vielleicht auch nur einen verschwundenen Irren, das wissen wir ja noch nicht so genau«, wandte Max ein. »Ganz zu schweigen von der verschwundenen Freundin und dem verschwundenen besten Freund, der vielleicht ebenfalls hinter der vermissten Freundin des vermissten Mörders her ist …« Er verdrehte die Augen und rieb sich die Schläfen. »Und Sie erwarten von uns, dass wir jetzt einfach nach Hause gehen und den ganzen Spaß versäumen?«
»Okay. Eine Stunde noch. Aber dann haut ihr ab, egal wer verschwunden ist und wer nicht.«
Bevor einer der beiden jungen Männer etwas erwidern konnte, betrat ein uniformierter Beamter mit einem Memo das Zimmer. »Wir haben Professor Prestons Auto gefunden, Sir.« Er gab Jackman den Ausdruck und verschwand wieder.
»In einem Parkhaus. Brillant.« Er holte sein Handy heraus und wählte Prestons Nummer. Der Psychologe brauchte einige Zeit, bis er abhob, und unterdrückte ein Gähnen.
»Tut mir leid, dass ich so spät noch anrufe, Guy, aber wir haben Ihr Auto gefunden.«
Guy entschuldigte sich ebenfalls: »Bitte verzeihen Sie, Inspector, ich bin wohl eingeschlafen. Das sind ja tolle Neuigkeiten. Wo denn?«
»Daniel hat es an einem perfekten Ort versteckt – nämlich in einem Parkhaus. Der Parkwächter hat es bei seinem abendlichen Rundgang entdeckt. Es ist unversehrt, aber die Spurensicherung muss es sich noch genauer ansehen, bevor Sie es abholen können.«
»Ja, natürlich«, erwiderte Guy. »Danke, dass Sie angerufen haben.« Er zögerte. »Könnte ich vielleicht kurz mit Marie sprechen? Ich habe ein Armband auf dem Boden gefunden, gleich nachdem sie gegangen ist. Der Verschluss ist kaputt. Es gehört vermutlich ihr.«
»Sie ist noch nicht wieder da. Aber sie trägt tatsächlich ein Armband. Soll sie Sie anrufen, wenn sie zurück ist?«
»Aber sie ist doch schon vor zwanzig Minuten losgefahren«, erwiderte Guy leise. »Und sie wollte direkt zurück ins Büro.« Seine Stimme wurde lauter. »Sie glauben doch nicht, dass sie einen Unfall mit diesem schrecklichen Motorrad hatte, oder?«
»Marie sollte Sie besser nie so reden hören. Haben Sie sie eigentlich schon mal fahren gesehen?«
»In letzter Zeit nicht.«
»Das dachte ich mir.«
»Aber auch ein guter Fahrer kann mal einen schlechten Tag haben«, wandte Guy nervös ein.
»Ja, da haben Sie recht, Doc, aber bei Marie sind die Chancen sehr gering. Ich könnte mir vorstellen, dass ihr etwas eingefallen ist und sie dem Verdacht sofort nachgehen wollte. Sie ist sicher gleich da.«
»Okay, dann danke noch mal für die Information über mein Auto, und … würden Sie mich vielleicht verständigen, falls … ähm … falls Marie etwas passiert ist?«
»Natürlich«, erwiderte Jackman knapp. Egal, wie gut Marie mit Prestons Schwärmerei zurechtkam, mittlerweile war es wirklich offensichtlich, dass er immer noch etwas für sie empfand.
Er legte auf. Je schneller dieser Fall vorbei war, desto besser. Marie beschwerte sich zwar nicht, aber es gab sicher Angenehmeres, als ständig von einem Psychologen mit Dackelblick angeschmachtet zu werden. Jackman war sich nicht sicher, warum, aber Prestons unterwürfige Ergebenheit ging ihm langsam gehörig auf die Nerven.
»Sir!« Der uniformierte Beamte, der ihnen die Nachricht über Prestons Wagen überbracht hatte, stürzte erneut ins Büro. »Ein Passant hat gerade ein Motorrad im Fluss gemeldet. In der Nähe der Blackland-Schleuse.«
Jackman erstarrte. »Was für eine Marke?«
»Wir wissen bis jetzt nur, dass es grün ist, Sir.«
Die Kälte drang bis in Jackmans Knochen, und sein Herz gefror. Um Himmels willen, bitte nicht! Nicht jetzt. Jackman schluckte. »Wer übernimmt die Sache?«
»Es sind bereits zwei Teams vor Ort«, erwiderte der Constable. »Und die Feuerwehr, um das Motorrad herauszuziehen.«
Jackman dachte laut nach. »Auf dieser Strecke gibt es keine Häuser, nur die Pumpstation und ein paar Anlegeplätze. Was ist mit den Überwachungsvideos der Wassergesellschaft?«
»Unsere Beamten sind bereits in Gesprächen mit der Gesellschaft. Wir werden alles überprüfen, sobald wir sie bekommen haben.« Der junge Mann starrte Jackman unverwandt an. »Alles in Ordnung, Sir? Sie sind kalkweiß.«
»Ja, alles okay«, erwiderte Jackman barsch, obwohl gar nichts okay war. Er hatte vielmehr das Gefühl, als würde die Welt langsam auseinanderbrechen. »Ich muss los.«
»Die Leute vor Ort meinen, dass es vielleicht nur das Motorrad ist, Sir. Es treibt keine Leiche auf dem Wasser, und ein derart großer Gegenstand würde nur aus der Schleuse geschwemmt werden, wenn man sie vollständig öffnet, was allerdings erst geschieht, wenn alles abgesucht wurde.«
Jackman wurde übel. Er sah Marie vor sich, die mit dem Gesicht nach unten in dem ölschwarzen Wasser trieb, und sein Magen zog sich zusammen.
»Ich fahre raus, Chef«, erklärte Max, der plötzlich neben ihm stand. »Ich kenne Maries Motorrad und halte Sie auf dem Laufenden.«
»Danke, Max, aber ich will selbst hinfahren.«
»Ja, klar, aber Sie sollten lieber hierbleiben.« Er wirkte besorgt. »Ich glaube einfach nicht, dass Marie einen Unfall hatte. Ich kenne den Abschnitt, und es gibt absolut keinen Grund, warum eine erfahrene Motorradfahrerin wie Marie ausgerechnet dort im Wasser landen sollte. Absolut keinen. Die Sache stinkt, Chef.«
Jackman wusste, dass Max recht hatte, aber falls Marie verletzt war, wollte er bei ihr sein. So einfach war das.
»Ich weiß, was Sie denken, Chef, aber ich bin mir sicher, jemand will, dass Sie Ihre Zeit damit verschwenden, nervös am Wasser auf und ab zu wandern, während er seinen weiteren Plan ungestört in die Tat umsetzen kann.«
Jackman seufzte. »Na gut. Aber rufen Sie mich sofort an, wenn auch nur die geringste Möglichkeit besteht, dass Marie dort ist, in Ordnung?«
Max nickte und machte sich auf den Weg. »Falls das alles nur ein Schwindel ist – was ich stark vermute –, dann bin ich schneller als ein verdammter Blitz wieder hier!«
Jackman beschloss, dass es Zeit wurde, Superintendentin Crooke anzurufen. Nach einigen deftigen Kraftausdrücken befahl sie ihm, im Büro zu bleiben. Sie würde in zwanzig Minuten da sein.
Jackman legte auf und wurde plötzlich von einem extrem unguten Gefühl überwältigt. Irgendetwas, das in den letzten paar Stunden passiert war, passte nicht ins Bild, doch er hatte keine Ahnung, was es war.
»Chef?« Charlie steckte den Kopf zur Tür herein. Er sah nie besonders ordentlich aus, aber heute Abend wirkte er, als hätte man ihn rücklings durch eine Hecke gezerrt. »Gibt es Neuigkeiten von Marie?«, fragte er hoffnungsvoll und versuchte, sich das Hemd in die Hose zu stecken.
»Nein, Charlie. Max wird sich vom Unfallort melden, sobald er etwas weiß.«
»Es ist kein Unfallort«, erwiderte Charlie bestimmt. »Da muss ich Max recht geben. Falls es wirklich Maries Motorrad ist, hat es jemand absichtlich in die Schleuse geworfen, um uns abzulenken.«
»Und was sagt uns das?«
»Dass sie offensichtlich entführt wurde. Wir sollten am besten ganz genau ermitteln, wo und wann sie vom Radar verschwunden ist. Vielleicht finden wir dann den Entführer.«
Jackman warf dem jungen Detective einen erstaunten Blick zu. Charlie Button war kein Genie, aber manchmal war er so von seinen eigenen Rückschlüssen überzeugt, dass er alle mit sich zog. »Setzen Sie sich.« Jackman deutete auf einen Stuhl, zog ein leeres Blatt Papier heraus und reichte es Charlie. »Okay. Ich habe um …«, er warf einen Blick auf sein Telefon, »dreiundzwanzig Uhr sechzehn mit ihr telefoniert. Sie wollte gerade Guy Prestons Wohnung in Hanson Park verlassen.« Charlie notierte die Uhrzeit. »Kurz darauf habe ich mit Preston gesprochen, der meinte, sie wäre schon vor über zwanzig Minuten gegangen. Moment, ich sage Ihnen die exakte Zeit.« Er überprüfte erneut das Gesprächsprotokoll. »Es war tatsächlich fünfundzwanzig Minuten später, um dreiundzwanzig Uhr einundvierzig.« Er runzelte die Stirn. »Normalerweise fährt sie von Hanson Park an Park Villas vorbei, die Saltern High Road entlang bis hinunter zur Blackland-Schleuse und von dort auf einer Abkürzung zurück in die Dienststelle.«
»Das dauert maximal zehn Minuten.« Charlie hob eine Augenbraue. »Vielleicht sogar weniger, nachdem sie sich selten an Geschwindigkeitsbegrenzungen hält und um diese Zeit kaum Autos unterwegs sind.«
»Also hat ihr jemand zwischen Hanson Park und der Schleuse aufgelauert und anschließend ihr Motorrad entsorgt.«
Charlie hob den Blick. »Aber wie soll das gehen? Wie bringt man ein die Straße entlangrasendes Motorrad dazu, anzuhalten? Ganz zu schweigen davon, dass Marie abgestiegen sein und ihr Bike zurückgelassen haben muss.«
»Ich schätze, jemand hat sie an den Straßenrand gewinkt. Vielleicht mithilfe eines inszenierten Unfalles. Marie wäre auf jeden Fall stehen geblieben, um zu helfen.«
»Ja, unbedingt. Aber sie wäre auch stehen geblieben, wenn sie jemanden gesehen hätte, den sie kennt. Jemanden, nach dem wir suchen.«
»Wie zum Beispiel Daniel Kinder.« Für Kinder hätte Marie sofort angehalten. Jackman erinnerte sich, wie Daniel Marie angebrüllt hatte, warum sie ihm nicht glaubte. Daniel konnte Marie nicht ausstehen. Er stieß einen leisen Pfiff aus. »Das wäre tatsächlich eine Möglichkeit.«
»Soll ich mir ein paar Uniformierte schnappen und nach Hanson Park rausfahren? Vielleicht hat jemand gesehen, in welche Richtung sie gefahren ist. Dann hätten wir wenigstens Sicherheit, oder?«
»Die Anwohner werden zwar keine Freude haben, wenn Sie sie um diese Uhrzeit aus den Federn klingeln, aber Sie haben recht. Mal sehen, was Sie finden, Charlie.« Der junge Mann sprang auf. »Aber versuchen Sie, nicht zu viel Staub aufzuwirbeln, wir wollen etwaige Beschwerden, so gut es geht, vermeiden.«
»Ich werde höflich und charmant sein, Chef.« Er blieb an der Tür stehen. »Soll ich vielleicht auch noch mal beim Seelenklempner vorbeischauen? Damit wir sicher wissen, wann Marie tatsächlich gefahren ist?«
Jackman überlegte kurz. »Nein, wir sollten ihn nicht beunruhigen. Mein Anrufprotokoll ist Anhaltspunkt genug. Lassen wir ihn schlafen.«
»Okay, Chef.«
Nachdem Charlie gegangen war, klingelte Jackmans Handy. Es war Skye Wynyard. »Skye! Gott sei Dank! Geht es Ihnen gut?«
»Ja, Inspector. Daniel hat sich bei mir gemeldet, und er klang wieder so wie früher. Er meinte, Guy Preston hätte ihm sehr geholfen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin, DI Jackman!«
»Skye, wir müssen unbedingt mit ihm sprechen. Hat er gesagt, wo er ist?«
»Nein, aber wir haben uns lange unterhalten, und ich habe ihm erzählt, dass ich mit seiner Mutter gesprochen habe.« Sie hielt kurz inne. »Ich wollte ihm nicht die ganze Geschichte übers Telefon erzählen, aber ich habe gesagt, dass ich gute Neuigkeiten hätte. Nachdem er gerne verschwindet, wollte ich seine Neugierde wecken.«
»Das war gut so«, stimmte Jackman ihr zu. »Wo sind Sie jetzt? Sie müssen noch einmal herkommen.«
»Ich weiß, und es dauert auch nicht mehr lange, versprochen.«
Jackman gefiel es gar nicht, dass sie seiner Frage auswich. »Skye? Egal, was passiert, treffen Sie sich nicht allein mit Daniel! Und auch nicht mit Mark. Ich will, dass Sie sofort hierher zurückkommen, verstehen Sie? Sie befinden sich womöglich in großer Gefahr.« Jackman wartete auf eine Antwort, doch Skye hatte bereits aufgelegt.
Er rief sie sofort zurück, kam jedoch direkt zur Voicemail. Er wiederholte, dass er sie dringend sehen musste, und hoffte inständig, dass sie auf die Nachricht reagieren würde. Dann steckte er das Handy wütend in die Hosentasche. »Verdammt noch mal!«
Er verließ sein Büro und lief hinunter zum diensthabenden Sergeant. Wenige Minuten später hatte dieser die Männer vor dem Haus der Familie Kinder kontaktiert, denen jedoch nichts Ungewöhnliches aufgefallen war. Niemand hatte das Haus betreten oder verlassen.
»Es ist still wie in einem Grab«, erklärte der Sergeant. »Aber wenn irgendetwas passiert, rufe ich Sie sofort an.«
Jackman stieg die Treppe wieder hoch und versuchte, sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass Skye in Sicherheit war. Die Frage war nur, wie lange? Und was war mit Marie? Jackmans Brust war wie zugeschnürt, und er bekam kaum Luft. Wo auch immer Marie war, sie befand sich ganz sicher in Gefahr, und wenn sie sie nicht bald fanden, dann …
Kevin Stoner schlich leise durch die Blockhütte. Er arbeitete sich systematisch voran und hob vorsichtig die dicken Kissen von den Rattanmöbeln, um darunter nachzusehen. Danach trat er hinter die Bar, öffnete den Kühlschrank, zog die Flaschen aus dem Regal und durchsuchte einen Schrank, in dem er Dutzende Gläser, Oliven, in Folie verpackte Snacks und mehrere runzelige Zitronen entdeckte. Er ging das ganze Zimmer langsam und methodisch durch, doch er fand nicht das Geringste.
Kevin streckte sich und war plötzlich mehr als froh, dass er selbst nachgesehen hatte, bevor er die Kollegen hierhergeschickt hatte. Seine Theorie war wohl ein Totalausfall, und vermutlich hatte er gerade seinen Job gerettet.
Er betrachtete den Whirlpool. Er war mit einer dicken, türkisfarbenen Plane abgedeckt, die das Wasser warm hielt und es vor Schmutz und Staub schützte. Er kniete nieder und schlug sie zurück. Ein unangenehm feuchter Geruch stieg auf. Vermutlich war der Whirlpool schon lange nicht mehr benutzt worden. Kevin nahm seine Taschenlampe und richtete sie auf das trübe Wasser. Hoffentlich trieb nichts Ekelerregendes darin! Glücklicherweise war der Jacuzzi leer.
Er seufzte leise, richtete sich auf und ging zu einer Gruppe Topfpflanzen, die den Poolbereich verschönerten. Er achtete darauf, nicht von draußen gesehen zu werden, und hob eine Pflanze nach der anderen aus dem Topf.
Als er die letzte kakteenartige Pflanze zurückstellte, beschloss er, dass seine brillante Idee für die Katz gewesen war. Er wollte nur noch schnell die Sauna und die beiden Türen überprüfen, die vermutlich ins Haus führten. Er rieb sich die Erde von den Händen und machte sich auf den Weg zur Sauna. Er öffnete langsam die Tür und hoffte, dass es keinen Bewegungsmelder für das Licht im Inneren gab, doch nichts geschah, und Kevin schlüpfte unbemerkt in die enge Kabine.
Es roch angenehm nach Holz. Espe vielleicht? Oder doch Fichte? Es war eine traditionelle Sauna mit holzvertäfelten Wänden, zwei übereinanderliegenden Bänken mit beweglichen Rückenstützen und einem Ofen mit einem Schutzgitter aus Holz über den Kohlestücken.
Sehr nett, wenn man sich’s leisten kann, dachte Kevin und durchsuchte die Hohlräume unter den Bänken. Danach schlüpfte er seufzend zurück in den Poolbereich und sah sich kläglich um. Nun blieben nur noch die beiden Türen, und nachdem er nicht ins Haupthaus wollte, würde sein Einsatz bald beendet sein.
Die rechte Tür hatte ein Glasfenster, und Kevin leuchtete vorsichtig hindurch. Sie führte wie vermutet zurück ins Haus. Im Flur dahinter befand sich das Bedienfeld für die Alarmanlage, und obwohl er die Nummer immer noch auswendig kannte, sah er keinen Grund, hineinzugehen. Das Haus war immerhin bereits zwei Mal durchsucht worden.
Damit blieb nur noch die linke Tür. Kevin runzelte die Stirn. Er musste natürlich nachsehen, was sich dahinter befand. Er rief sich den Grundriss des Hauses in Erinnerung und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wozu diese Tür gut war. Normalerweise befand sich hinter der anderen Wand das Esszimmer, und er war sich sicher, dass es dort keine Tür gab.
Kevin drückte die Klinke nach unten, doch nichts passierte. Er runzelte die Stirn und überlegte.
Dann siegte die Neugier, und er traf eine spontane Entscheidung. Er musste wissen, was sich hinter dieser Tür befand, auch wenn er die halbe Nachbarschaft weckte – und falls der Alarm wirklich ausgelöst wurde, hatte er hoffentlich noch genug Zeit, um den Code einzugeben. Er zog einen kleinen Schlüsselring mit mehreren Dietrichen heraus. Er war zwar kein Profi, aber die Fähigkeit, Schlösser zu knacken, hatte ihn immer schon fasziniert. Außerdem war sein erster Freund hobbymäßig Entfesselungskünstler gewesen, was er damals einerseits furchtbar komisch, andererseits aber auch extrem erotisch gefunden hatte. Dominics Versuche, Houdini nachzueifern, hatten zwar eher an Bondage und nicht an Entfesselungskunst erinnert, aber er hatte Kevin eine Menge über Schlösser beigebracht.
Nach drei Minuten erklang ein leises Klicken, und die Tür ließ sich öffnen.
Die Alarmanlage sprang nicht an, und auf der anderen Seite befand sich auch kein Zimmer, sondern bloß eine steile Steintreppe. Na klar! Kevin schlug sich mit der Hand an die Stirn. Ein Haus mit einem Whirlpool und einer Sauna hatte natürlich auch einen Heizungskeller. Seine Laune stieg schlagartig. Es gab sicher keinen besseren Ort, um etwas zu verstecken!
Kevin trat durch die Tür, schloss sie hinter sich und stieg vorsichtig die Treppe hinunter. Nach etwa sechs oder sieben Stufen ging es scharf nach links, und nach einigen weiteren Stufen stand Kevin in einem kleinen Kellerraum direkt unter der Blockhütte. Wenigstens konnte er hier gefahrlos seine Taschenlampe benutzen.
Er ließ den Lichtstrahl durch den Raum wandern und sah, dass er recht gehabt hatte. Hier wurde das Zubehör für den Whirlpool und die Sauna aufbewahrt. Er blieb eine Weile unschlüssig stehen und überlegte. Das hier war nicht der Hauptkeller, den die Spurensicherung bereits durchsucht hatte. Es war sogar ziemlich wahrscheinlich, dass sie die kleine Kammer übersehen hatten.
Vermutlich war die Spurensicherung durch eine Tür in der Nähe der Küche in den Hauptkeller gelangt, und als sie die Tür in der Blockhütte gesehen hatten, hatten sie angenommen, dass diese ebenfalls dorthin führte. Es konnte also durchaus sein, dass hier noch niemand vor ihm gewesen war! Kevin biss sich auf die Lippe und fragte sich, ob er das Licht anmachen sollte.
Ja, warum eigentlich nicht? Das Licht hier unten war von draußen nicht zu sehen, außerdem hatte er die stabile Tür am Ende der Treppe vorsorglich wieder geschlossen. Er ließ den Taschenlampenstrahl noch einmal umherwandern, doch er fand keinen Lichtschalter.
Er fluchte. Mit seiner kleinen Taschenlampe würde es ewig dauern, bis er alle Kartons und Regale durchsucht hatte. Er brauchte mehr Licht! Und hier unten gab es doch sicher eine Lampe, oder? Er leuchtete nach oben und entdeckte eine lange Neonröhre. Kevin schöpfte neuen Mut und bewegte sich wieder in Richtung Treppe. Er starrte mit zusammengekniffenen Augen in den Schatten. Ja! In einem dunklen Winkel sah er tatsächlich einen Lichtschalter. Super! Er bewegte sich rasch darauf zu, streckte die Hand danach aus und stolperte im nächsten Moment eine verborgene, steile Steinstufe hinunter.
Kevins Schrei hallte laut durch den kleinen Raum, dann prallte er mit dem Kopf voran gegen eine Mauer. Seine Welt explodierte und versank in undurchdringlicher Dunkelheit, als er auf dem Boden aufschlug.